Wenn ich zweimal auf denselben Trick hereinfalle… Russische Truppen nehmen Debalzewe ein

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18. Februar 2015 • Analytik und Meinungen, Krieg im Donbas

Artikel von: conflictreport
Quelle: conflictreport

Wer zweimal auf denselben Trick hereinfällt, ist selber Schuld

Kurz nachdem der 1. Minsker Waffenstillstand begonnen hatte, wurde klar, dass es den russischen Streitkräften nicht danach war, den vereinbarten Waffenstillstand zu respektieren, und sie begannen, sich rund um den damals von der Ukraine gehaltenen Flughafen von Donezk neu in Stellung zu bringen und sich in günstige Positionen rund um den neuen Terminal herum zu bringen, die einzig erwähnenswerte Stellung des ukrainischen Militärs zum damaligen Zeitpunkt. Nach einigen Wochen der relativen Ruhe, begannen sie mit intensivem Granatenbeschuss des großen Gebäudes, und gegen Ende Dezember nützten sie den Vorteil, der ihnen durch die politische und militärische Führung der Ukraine gegeben worden war, indem sie das Gebiet von allen relevanten Richtungen stürmten. Drei Wochen später  fiel der strategisch wichtige Flughafen durch die Invasion von Streitkräften (Artikel) aus dem benachbarten Russland, eine Tatsache, die für die Regierung und die Armeeführung in Kyiw eine ernüchternde Mahnung hätte sein sollen, dass es ein schwerer Fehler gewesen war, einen Waffenstillstand mit Russland zu unterschreiben und sich darauf zu verlassen, ein Fehler, der in Zukunft niemals wiederholt werden sollte.

Weit gefehlt! Nur vier Wochen später – am 15. Februar – trat ein weiterer „Waffenstillstand“ in Kraft vor dem Hintergrund einer fatalen militärischen Situation rund um die strategisch bedeutende Stadt Debalzewe, wobei die russischen Truppen behaupteten (und es gibt viele Diskussionen, dass dies der Fall war und ist), dass die Stadt und die sich darin und in der Umgebung befindlichen Tausende ukrainische Soldaten eingekesselt waren – und sind – und die Wahl hätten, sich entweder zu ergeben und sich zurückzuziehen oder in den nächsten Tagen ausgelöscht zu werden. Die politische und militärische Führung der Ukraine schien aber wiederum eine sehr einzigartige Wahrnehmung der Realität vor Ort zu entwickeln, indem sie – bis heute – behauptete, dass die Truppen verstärkt würden und Nachschub bekämen und dass es nicht nötig sei, die aktuelle (Waffenstillstands-) Strategie, die Stadt zu halten, zu überdenken. Das wirkt alles umso lächerlicher, als dieselbe militärische Führung mehr als 200 Verletzungen des Waffenstillstands und mehr als 40 getötete und verwundete Soldaten in den ersten 48 Stunden des letzten gescheiterten Abkommens verzeichnete.

Zur selben Zeit zeigten (pro)russische Medien, die in den regulären Truppen eingebettet waren, täglich Bildmaterial, das – nach Analyse und Ortung – bewies, dass russische Truppen zur Stadt und in die Stadt vordrangen und schließlich bis heute weite Teile davon einnahmen  und behaupteten, dass die meisten Stadtteile gefallen seien und ukrainische Einheiten sich entweder ergeben oder zurückziehen und bis zum Mittag des 17. Februars nur noch die westlichen Stadtteile hielten.

Um das zu erreichen nützte die russische Armee das völlige Fehlen schwerer ukrainischer Artillerie und Mehrfachraketenwerfern (Anm. d. Übers.: Stalinorgeln, Katjuscha) zum Schutz für die Soldaten in Debalzewe, indem sie in der Nacht, als der Waffenstillstand begann (kurz vor Mitternacht des 14. Februar), den Verteidigungsring der Stadt von Nordosten (von Sorynsk) sprengte. Da sie am Morgen des 15. Februar in der Stadt war, konnte sie der pervertierten Logik folgen, “die Waffenruhe einzuhalten während sie gleichzeitig [die Stadt, die sie für sich in Anspruch nahm] Debalzewe absicherte“. Dessen ungeachtet hätte es zu diesem Zeitpunkt eine winzige Chance gegeben, zu erkennen, dass die Zusage Russlands, den Waffenstillstand einzuhalten und die gesamte Front anzugreifen und starke Streitkräfte nach Debalzewe zu schicken, nur eine weitere Lüge Putins war, um die Stadt und die Umgebung entweder zurückzuerobern oder sich mit den Waffen zurückzuziehen und sie den Russen zu überlassen. Stattdessen entschied sich die ukrainische Führung dafür – wieder – zu ignorieren, was vor Ort vorging und – noch schlimmer –  dem Hilfeansuchen der eigenen Soldaten nicht Folge zu leisten und zu sagen, dass sie unrecht hätten und es nicht nötig sei, der Bitte nachzukommen, da die Situation „unter Kontrolle“ sei.

Am 16. Februar hielten diese dringenden Hilfsappelle an, ohne dass Kyiw sie akzeptierte oder seine Taktik änderte. Stattdessen argumentierte der stellvertretende ukrainische Außenminister am Abend, komplett ohne jeden Realitätsbezug, dass „sich alle an die vereinbarte Waffenrufe halten sollten“ und dass die „Armee das Feuer nicht erwidere“. Heute Morgen (im Regelfall um 12 Stunden verzögert) erschien wieder Bildmaterial, das weitere territoriale Gewinne in Debalzewe zeigte, einen schweren Angriff von beiden Seiten entlang der Gleisanlagen der wichtigsten Bahnlinie mit jeder Art von  High-Tech-Panzern der russischen Armee, mehreren ukrainischen Kriegsgefangenen und einer  aufgegebenen ukrainischen Basis, die von den Soldaten offenbar sogar ohne die schweren Panzerfahrzeuge verlassen worden war. Die Karte unten zeigt eine Zusammenfassung der (georteten und überprüften) Entwicklungen, die sich tatsächlich vor Ort bis zum heutigen Morgen des 17. Februar (mit einem kleinen Grad an Unsicherheit) ereigneten.

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Die Situation könnte sich jedoch bis zum heutigen Nachmittag noch einmal dramatisch verändert haben. Seit dem frühen Morgen behaupten (unbestätigte!) russische Medienberichte, dass sich circa 120 ukrainische Soldaten in der Stadt ergeben hätten und das Zentrum von einsickernden Truppen des östlichen Nachbarn der Ukraine eingenommen worden sei. Obgleich dies noch nicht bestätigt wurde, bekräftigen einige ukrainische Journalisten Teile diese Version, indem sie berichteten, dass die zentrale Polizeibehörde und der Bahnhof von russischen Streitkräften aus dem Kaukasus eingenommen worden seien oder dass ukrainische Truppen nur noch maximal weitere 12 Stunden durchhalten können und ihnen andernfalls der Tod drohe, wenn sie nicht verstärkt würden.

Gleichzeitig erklärte der ukrainische Generalstab in einer Pressekonferenz um 13 Uhr Folgendes, was ernsthaften Zweifel daran aufkommen lässt, ob man überhaupt erkannte, was vor Ort geschah, geschweige denn entsprechend reagierte.

“Das ukrainische Militär kontrolliert das Dorf Logvinovo und auch zum Teil die Straße nach Debalzewe. Derzeit toben erbitterte Kämpfe in den Außenbezirken der Stadt, im Gebiet des Bahnhofs ist die Lage angespannt, doch unsere Armee hält die Stellung.“

Erst um 17 Uhr am frühen Abend wurde ein weiteres Kommuniqué veröffentlicht, das ein völlig anderes Bild der Situation zeigte.

“Derzeit ist die Lage äußerst schwierig, ein Teil der Stadt wird von illegalen bewaffneten Gruppen kontrolliert. Die Angriffsgruppen, unterstützt durch Panzerfahrzeuge und Artillerie griffen unsere Stellungen an. Anhaltende Straßenkämpfe. Bewaffnete Streitkräfte der Ukraine und andere militärische Formationen, die die Einheiten manövrieren und feuern, tun alles Erdenkliche, um die Aggression der Terroristen zu begrenzen.”

Man kann jedoch behaupten, dass diese Einsicht mindestens drei Tage zu spät kommt, um in einer sinnvollen Weise auf den russischen Vormarsch zu reagieren. In dem Statement gibt es kein Wort zu einer geplanten Reaktion, offenbar wird es den durch den Winter geschwächten, waffen- und zahlenmäßig unterlegenen in der Stadt verbliebenen Truppen überlassen, die Schlacht auf eigene Faust zu Ende zu kämpfen. Abschließend lässt sich sagen, dass es ein schwerer Fehler war, einen weiteren Waffenstillstand zu unterzeichnen und sich darauf zu verlassen. Aber es war ein noch schwerwiegenderer Fehler, die vereinbarte Waffenruhe nicht zu widerrufen, sobald sich herausgestellt hatte, dass die russische Seite wiederum kein Interesse an der unterzeichneten Waffenruhe hatte und sie nur zu ihrem strategischen Vorteil nützen würde.

Jetzt scheint es zu spät zu reagieren und Hunderte oder Tausende ukrainische Soldaten davor zu bewahren, getötet zu werden oder von der russischen Armee als Kriegsgefangene festgenommen zu werden. Blindes Vertrauen in den am wenigsten vertrauenswürdigen Akteur auf dem Planeten und die Weigerung, den wieder begangenen Fehler zu erkennen, führte zu einer Situation, die nun zu einem weiteren “Ilowajsk” wie Ende August/Anfang September 2014 führen wird. Der Unterschied diesmal: Jeder Verantwortliche, der diesmal in die Sache involviert war, wusste genau um die Stärke und Absicht des Feindes und ignorierte dennoch all dieses Wissen und all diese Erfahrung. Innerhalb von sechs Monaten ein zweites Mal hereingelegt, sollten die beteiligten Akteure – auch die aus Europa – wissen, wer sich hier schämen sollte.

Update

Minuten, nachdem dieser Artikel veröffentlicht wurde, bewahrheiteten sich die schlimmsten Vorhersagen. Russische Truppen führen mehr als 30 ukrainische Kriegsgefangene in der Nähe von Debalzewe vor, die sich – laut der russischen Führung – freiwillig ergaben und – laut Angaben des ukrainischen Verteidigungsministers – während des Kampfes gefangen genommen wurden, nachdem ein  Verstärkungskonvoi in den Hinterhalt geraten und aufgerieben worden war”. Auf jeden Fall ist das eingetreten, was ich seit Wochen vorhergesagt habe, auch im obigen Artikel: „Wenn die Ukraine und ihre westlichen Partner ihre Strategie nicht ändern, wird das zu einer vollständigen Niederlage gegen den russischen Aggressor führen.“

Artikel von: conflictreport
Quelle: conflictreport

Bild: Titelfoto: Ukrainische Kriegsgefangene bei Debalzewe
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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