Anna Veronika Wendland: Anstand und Gemeinheit

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19. Februar 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Meinung & Analyse

Quelle: Facebook

Während unsere deutschen Linken-Abgeordneten sich zwischen Gaza-Flottille und Donbass als Solidaritäter von Rechtsextremen und Judenhassern betätigen und Flaggenträger des Islamismus und des zaristischen Doppeladlers hofieren, gibt es in Russland eine Solidarität der Wenigen, die dafür einiges riskieren.

Ein schönes Beispiel für etwas, das den Namen Solidarität noch verdient, ist der bewegende Artikel von Aleksej Polikovskij in der “Novaja Gazeta”. Er schreibt über die hungerstreikende ukrainische Geisel in russischer “Untersuchungs”Haft, die entführte Pilotin Nadija Savčenko. Sie stirbt, so Polikovskij, vor den Augen eines von Lügenpatriotismus vergifteten, abgestumpften, gleichgültigen und gemeinen Russland – “vor unserer Tür, eine Metrostunde entfernt”, in demselben Knast, in dem auch der Anwalt Sergej Magnickij starb, der russische Kohlhaas, der in einem Korruptionsfall auf Recht, Gesetz und Anstand bestand und dafür zu Tode geprügelt wurde.

Nadija, auf deutsch “Hoffnung” – die Hoffnung stirbt, so Polikovskij, auch vor den Augen eines absurden und kafkaesken Russland, eines Russland von Berija-Erben, die eine Frau, die sie selbst mit einem Sack über dem Kopf aus der Ukraine entführt haben, des “illegalen Grenzübertritts” bezichtigen, um sie dann zu einem Schauprozess aus fabriziertem Material zu schleifen.

Das Ziel der russischen Regierung ist, wir wissen es, die Zermürbung und Zerstörung der Ukraine durch Verewigung des Krieges im Osten; das Ziel ist ferner die Demütigung der Ukraine nicht nur durch Besatzung und Annexion, sondern auch durch Übergriffigkeit auf Bürger der Ukraine: durch die Zurschaustellung, Verspottung und Folter von UkrainerInnen in russischer Gewalt. Sei es Nadija Savčenko, seien es die in erniedrigenden Posen vorgeführten oder dem Mob ausgelieferten Gefangenen von Debalceve und anderswo im Donbass, seien es die Andersdenkenden in den Kellern der selbsternannten “Volksrepubliken”, jener von unseren Linken mangels Landeskenntnis als linke Projekte missverstandenen oder wider besseres Wissen euphemisierten Gewaltunternehmen made in Russia.

Das russische Motiv ist die an den Ukrainern in ihrer Gesamtheit verübte Vergeltung für die Insubordination des Majdan. Die russischen Modalitäten sind Gemeinheit, nationalistischer Hass und – “Viehischkeit”, skotstvo, so sagt es Polikovskij den Herrschenden ins Gesicht. “Die russische Sprache hat viele Worte dafür, aber ich sage nur dieses.”

Respekt vor diesem Russland des Anstands und Widerstands. Und Schande der deutschen sogenannten Linken, deren Mitglieder das schöne Wort der Solidarität und des Antifaschismus in den Dreck treten und das Propagandageschäft der Berija-Erben, des russischen Schwarzhunderter- und Antisemitenpacks betreiben. Ganz bewusst, weil sie selbst das Herz auf dem rechten identitären Fleck haben, oder aus Blödheit, weil sie als gelernte Stalinisten das Denken nie gelernt haben und voller völkerfreundschaftlicher Inbrunst an den Sieg der glorreichen russischen Waffen gegen den ukrainischen Faschismus glauben.

Vielleicht sehen sie sich im Traum schon bei der Siegesparade in Kiew unter Putin, dem Vater der Völker von ganz Groß-, Klein- und Neurussland vorbeimarschieren. Unter dem Doppeladler, mit dem zaristisch-stalinistischen Sankt-Georgs-Band an der solidaritätsgeschwellten Brust. Das ist unsere hiesige, im Parlament sich großtuende Gemeinheit, das deutsche skotstvo, auf gut russisch gesagt.

Titelbild: Aufruf russischer Demokratieaktivisten in Moskau – Sotnik.TV

Quelle: Facebook

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