Nowaja Gaseta: Nadija – die Hoffnung – stirbt

Nadija Sawtschenko befindet sich seit mehr als 60 Tagen in Hungerstreik

Nadija Sawtschenko befindet sich seit mehr als 60 Tagen in Hungerstreik 

Analytik und Meinungen, Empfehlung, Menschenrechte, Russland

Artikel von: Aleksej Polikowski
Quelle: Nowaja Gaseta

Ein aufrührender Text des russischen Kolumnisten Aleksej Polikowski in der Nowaja Gaseta über den mehr als 60-tätigen Hungerstreik der ukrainischen Kampfpilotin Nadija Sawtschenko, ihre Haft in Russland und die Kontinuität eines menschenverachtenden Systems voller Gleichgültigkeit und Sadismus.

Es gibt Menschen und es gibt Henker. Es gibt Menschen und es gibt ein System, dass nach Gemeinheit und Aas riecht. Die Menschen müssen einen Ausweg finden.

Nowaja Gaseta: Nadija Sawtschenko hungert seit 60 Tagen. Es ist auch ohne viele Worte klar, was das bedeutet, so ein Hungerstreik im Gefängnis, zwei Monate lang. Jeder, der diesen Fall verfolgt, schaut mit stummen Entsetzen auf das Foto von Nadija, das am 10 Februar im Basmanny-Gericht in Moskau aufgenommen wurde, wo Richter Karpow ihre Haft bis zum 13. Mai verlängerte.

Der Körper verschwindet. Er trocknet aus, verdunstet, die Augen ziehen sich in die Höhle zurück, die Wangen fallen ein, das Skelett tritt hervor, die Schläfenbeine sind deutlich sichtbar. Die Augen blitzen. Die kräftige, schöne, starke Frau, sie ist verschwunden. An ihre Stelle tritt ein erschöpfter, ausgetrockneter Körper mit riesigen Augen. Und noch etwas, das man nicht versteht und nicht beschreiben kann.

Etwas, das es ihr ermöglicht, sich nicht zu erbrechen, und ihre heiligen Worte trotz des langsamen, qualvollen Sterbens mit der Präzision und Schärfe eines Offiziers zu formulieren.

„Ich setzte meinen Hungerstreik fort, heute ist der sechzigste Tag. Ich werde den Hungerstreik fortsetzen, bis ich in die Ukraine, dem Land, aus dem ich entführt wurde, zurückkehre, oder bis zu meinem Tod in Russland.“

Die einzige Pilotin in den ukrainischen Luftstreitkräften, die einzige Frau im ukrainischen Friedenskontingent im Irak, sie ist, wie jeder von uns, ihr gesamtes Leben lang einzigartig. Ihre Mutter ist zu ihr gefahren, um sie zum Abbruch des Hungerstreiks zu bewegen. Mutter und Tochter in der Zelle der „Matrosenruhe“, in der Sergej Magnitski gestorben ist (Anm. d. Red.: Sergej Magnitski war ein russischer Wirtschaftsprüfer, der 2008 verhaftet wurde und in 2009 unter „ungeklärten Umständen“ in dem Gefängnis umgekommen ist). Das Gefängnis, in dem Magnitski getötet wurde, sollte eigentlich als verfluchter Ort geschlossen werden, aber stattdessen hat man Nadija dort hingesteckt.

Als ukrainischer Armeeoffizier ging sie freiwillig, um ihr Land zu verteidigen, kämpfte in ihrem Land, wurde entführt und mit einem Sack auf dem Kopf nach Russland gebracht.

Nur ein Perverser mit einem in Berias (Anm d. Red.: Beria war ein berüchtigter KGB-Chef in den 1930er Jahren) Reagenzglas gezüchteten Gehirn konnte eine Frau, die in Handschellen über die Grenze in Handschellen gebracht und durch stämmige Männer mit Gewehren bewacht wurde, des illegalen Grenzübertritts beschuldigen.

Es ist Russland, das Nadija quält. Russland in seiner Gesamtheit, Russland in seiner Grausamkeit, Russland in seiner Taubheit, Russland in seiner ausdauernder Gleichgültigkeit gegenüber den noch nicht aus dem Leben geschiedenen Henkern von Lubjanka (Anm d. Red.: Lubjanka war und ist Hauptquartier und zentrales Gefängnis des russischen bzw. sowjetischen Geheimdienstes), die die Menschen unter Stalin gefoltert hatten und heute Nadija foltern.

„Dieser inszenierte Zirkus muss beendet werden. Ich schulde dem russischen Volk nichts, und mit dem, was ich dem ukrainischen Volk schulde, werde ich mich auseinandersetzen, wenn ich zurückkomme.“ Das erklärte Nadija bei einem Verhandlungstermin vor dem Basmanny-Gericht, wo sie eine Frau am sechzigsten Tag ihres Hungerstreiks in einen Käfig stecken, und wo der Richter die bereits für ihn getroffene Entscheidung wie ein Automat verkünet.

Die Entführung eines Menschen aus einem fremden Land ist ein Verbrechen. Aber der Richter interessiert sich dafür nicht. Ebenso wenig hatte sich ein anderer Richter für die Entführung von Leonid Raswosschajew (Anm. d. Red.: Raswosschajew ist ein russischer Politaktivist, der ebenfalls nach Russland verschleppt wurde) von fremden Territorium und seine Folter in einem Keller interessiert. Sie interessieren sich für nichts, und deshalb hat Nadija Recht, wenn sie das Treiben dieser stämmigen Herren – des Ermittlers, der ihren Fall fabriziert, des Arztes, der sie vor das Gericht schickt, oder des Richters, der die Dauer ihrer Festnahme in alle Ewigkeit hinzieht – einen inszenierten Zirkus nennt. Einen mit Niedertracht befeuerten Zirkus. Einen Zirkus der Sadisten.

Darüber zu schreiben ist unmöglich, weil alle richtigen Worte bereits gesagt wurden. Nicht darüber zu schreiben ist auch unmöglich, weil es unmöglich ist zu leben, wissend, dass in deiner Nachbarschaft, in deiner Stadt, in der Entfernung einer einstünden U-Bahn und Busfahrt, langsam eine Frau stirbt. Sie wird vor unseren Augen getötet. Sie leistet Widerstand auf die einzige Art, die ihr übrig bleibt. Wir sind das Publikum dieses öffentlichen Mordes, und wir müssen zuschauen, auch wenn wir nicht wollen, nicht können, selbst wenn wir wegschauen und unsere Ohren zuhalten und flüchten in unseren Alltag, unsere Arbeit, in unsere Bücher, unsere Probleme, in die Musik, den Sport. Aber wie auch man von diesem Horror wegzurennen versucht, ihr ausgemergeltes Gesicht mit den hervortretenden Schläfenbeinen eines Auschwitz-Häftlings und riesigen blitzenden Augen bleibt im Gedächtnis haften.

Im Basmanny-Gericht weigerte sich der Geleitschutz, Nadija eine Wasserflasche zu übergeben. Damit sie mehr leidet. Du isst nicht? Wofür brauchst du dann zu trinken? Der Leiter des Geleitschutzes, den sie auf Ukrainisch angesprochen hatte, hat ihr verboten, diese „Bauerntrottelsprache“ zu sprechen. Einer der Anwälte nannte es eine „Schweinerei“. Es gibt ein Gesetz, das die mit Schlagstöcken und Schäferhunden bewaffnete Menschen in schwarzen Uniformen vor der Berührung eines Fingers schützt, von dem Blick in ihre Richtung, von einem unflätigen Wort, und es gibt die reiche russische Sprache, in der es so viele Worte gibt. Aber hierfür gibt es nur ein Wort: Schweinerei.

Sie folterten Frauen. Die Mitglieder von Pussy Riot waren Mütter. Swetlana Dawydowa, die Mutter von drei Kindern, die noch vier weitere in der Obhut hat. Eine stillende Mutter, die in einer Gefängniszelle Milch über einer Eisenschale ausdrücken musste. Derjenige, der sie ins Gefängnis steckte, sollte dort selber für seinen Folterfanatismus sitzen. Jetzt foltern sie die Ukrainerin Sawtschenko dafür, dass die Ukraine Widerstand zu leisten wagt.

Nadija, eine Frau mit ungebrochenem Willen, aus ihrem Land entführt, allein in einem Steingefängnis, eine Frau, um die sich ihre Henker in einem engen Kreis aufgestellt haben. Man möchte sie umarmen, diesen kleinen, erschöpften Körper einfach umarmen, sie an ihre mit unzähligen ärztlichen Nadelstichen bedeckte Hand nehmen und aus diesem Alptraum herausführen. Wie? WIE?

Es gibt Menschen und es gibt Henker. Es gibt Menschen und es gibt ein System, dass nach Gemeinheit und Aas riecht. Die Menschen werden immer einen Ausweg finden, sie werden vorschlagen, Nadija gegen eine Kaution und ihr Offiziers-Ehrenwort zu entlassen. Die Henker brauchen das alles nicht, es interessiert sie nicht, und ein Offiziers-Ehrenwort ruft bei ihnen nur Lachen hervor, ein lautes, wieherndes Gelächter.

Sie müssen foltern, sie brauchen einen langsamen und öffentlich ausgeübten Mord an einer Frau im weißen T-Shirt mit ukrainischen Wappen auf der Brust und eingefallenen Augen, wie kurz vor dem Tod.

Vierzehn EU-Minister und ein Botschafter haben sich in einen langen Halbkreis gestellt und mit Portraits von Nadija in ihren Händen fotografieren lassen. Einige EU-Abgeordnete traten in einen eintägigen Hungerstreik der Solidarität, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf das zu ziehen, was in dem Moskauer Gefängnis mit Nadija passiert. Mit einem zynischen Grinsen kehren unsere Machthaber – ja, es sind unsere, weil wir sie dulden –, all diese bezahlten Patrioten und Lügner, sie alle kehren der Welt und uns den Rücken zu: Ihr könnt uns mit eurer Menschlichkeit und eurem Protest den Buckel runterrutschen.

Artikel von: Aleksej Polikowski
Quelle: Nowaja Gaseta

Bild: Nowaja Gaseta
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam

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