In der Pampa im Donbas (Ilja Baranow, Kommersant)

Foto: Andrey Borodulin, Kommersant

 

20. Februar 2015 • Krieg im Donbas

Artikel von: Ilja Baranow
Quelle: Kommersant

Ilja Baranow, Sonderberichterstatter der russischen Zeitung “Kommersant”, über jene, die bei Debalzewe kämpften:

Der 20-jährige Mischa kommt gebürtig aus Jekaterinburg, der 21-jährige Ljoscha aus Mosdok, Artjom, 22, aus Slawjansk-na-Kubani und Dima, 23, aus Wladikawkas. Und dann gibt’s noch welche aus Tschita, Norilsk, Uland-Ude.

Sie alle verbindet dem ersten Anschein nach nichts. Und doch haben sie einiges gemeinsam: Stadt X, Truppenteil *****, motorisierte Schützenbrigade aus X.

Bis vor kurzem dienten sie alle dort als Vertragssoldaten. Noch im Dezember und Januar schmückten sie ihre Social-Network-Profilseiten mit Fotos aus ihrem Truppenverband: bei der Übung posierend neben einem Schützenpanzer oder chic in Uniform vorm Spiegel.

Doch vor zwei-drei Wochen änderte sich alles: zwei der Kameraden liegen bereits ohne Dienstauszeichnung auf einem der Plätze von Horliwka, ein anderer lädt auf seine Profilseite ein Foto von drei Jungs auf einem Panzer in Richtung Debalzewe, noch ein anderer postet das Bild eines im Schützengraben festsitzenden Panzers, der Hauptsehenswürdigkeit am Ortseingang des zerstörten Wuhlehirsk.

In den Krieg kamen sie bereits ab dem 20. Januar, als im Donbas wieder aktivere Kampfhandlungen aufgenommen wurden. Hier machen sie eine Art unbefristete Dienstreise. Die Kommandeure hatten dagegen nichts einzuwenden, im Gegenteil: sie begrüßten den Elan – nachdem sie ihnen selbst erzählt hatten, warum man gerade jetzt und genau dorthin zur Verteidigung des Vaterlands fahren müsse.

Nicht in kompletten Einheiten gingen sie in den Donbas, sondern in Kleingruppen zu drei Personen – der Besatzung eines Kampfwagens. Weil sie keinen Kontakt zu den anderen haben, erkundigen sie sich bei mir nach dem Schicksal ihrer Freunde, fragen mich, ob sie noch leben oder nicht. Vor Ort hatte man sie gleich auf verschiedene Untereinheiten der DVR-Armee aufgeteilt.

Die Logik der Gefechtshandlungen in den vergangenen Monaten ist ziemlich einfach: Zur Ausführung von Kampfeinsätzen seitens der selbsternannten Republiken bzw. “einzelner Regionen der Donezker und Luhansker Gebiete” (wie es in der Minsker Vereinbarung heißt) fahren diejenigen, die tatsächlich kämpfen können. Sie führen eine gegebene Mission aus und ziehen sich sogleich wieder zurück. Erst nach der Eroberung kommen die ganzen lokalen Aufständischen, welche dann in den Kommandanturen und Blockposten die Journalisten empfangen und ihnen breitwillig von ihrer Bergarbeiter-Vergangenheit erzählen. Für einen Moment lang kann man tatsächlich glauben, dass hier ausschließlich die Lokalbevölkerung zum Krieg gegen die “Junta” aufgestanden ist – bis sich dann jemand verplappert:

– “Dort hinter der Halde stehen die Burjaten.”

“Hm, was für Burjaten?”

– “Naja, ähh….. Die Donbas-Indianer!”

Alle lächeln, alle wissen Bescheid. Um kein weiteres Mal irgendwelche “Burjaten” zu verraten, hat man sich beim endgültigen Sturm auf Debalzewe in den vergangenen Tagen bemüht, den Journalisten so gut es ging die Einfahrt nach Wuhlehirsk zu versprerren, von wo aus der Vormarsch in den Kessel begann. Ein paar Tage nach dem Sturm, wenn Debalzewe endgültig “bereinigt” sein wird, stellt man an die Blockposten ein paar Bergarbeiter und den Journalisten öffnet man erneut die Wege.

Über die strategische Bedeutung von Debalzewe wurde in den letzten Tagen viel gesagt – die direkte Verbindung von Donezk und Luhansk, der große Eisenbahnknoten, die für Artillerie-Geschütze vorteilhafte Höhe, etc. Darüber jedoch, wie viele Menschen auf beiden Seiten während des fast einmonatigen Sturms umgekommen sind, werden wir so schnell nichts erfahren.

Nach der Einnahme von Debalzewe wurde die Frontlinie ein weiteres Mal “begradigt”. Dabei ist es gut möglich, dass die in Minsk vereinbarte Waffenruhe nun ortsweise tatsächlich verwirklicht wird, dass das Feuer gar komplett eingestellt wird oder zumindest für ein-zwei Monate schweigt – bis jemand auf die Idee kommt, dass die selbsternannten Republiken nicht ohne Mariupol, Artemiwsk oder Lyssytschansk überleben können. Dann werden im ganzen großen Land wieder die “Politarbeiter” in den Kasernen aktiviert und erzählen, wie wichtig es sei, den freiheitsliebenden Donbas in seinem Kampf gegen die Aggression des Westens zu unterstützen. Alles ganz ohne Nötigung – nur Freiwillige.

Mischa, Ljoscha, Artjom und Dima haben alle vor der Abreise ein Kündigungsgesuch unterschrieben. Wenn jemand von ihnen beim Sturm auf Debalzewe ganz großes Pech hatte, dann hatte dieses Pech ein Freiwilliger, der zum Zeitpunkt seines Todes mit jenem Truppenteil und jener Brigade absolut nichts am Hut hatte.

Das alles erinnert an den Bürgerkrieg in Spanien. Damals fuhren Freiwillige aus der UdSSR mit einem “Nansen-Pass” [für staatenlose Flüchtlinge] oder gar dem Pass eines europäischen Staates dorthin. Der Weg war komplizierter und auch die Spitznamen waren ganz andere: Der spätere Marschall der UdSSR Rodion Malinowskij war hier kein “Motorola” [Spitzname eines russischen Bataillonsführers der DVR], sondern Oberst “Colonel Malino”.

Der Kriegsberater Jan Bersin hätte als General Donizetti sterben können, doch letztendlich wurde er 1938 auf dem NKWD-Hinrichtungsplatz “Kommunarka” erschossen.

In seiner Autobiografie “Menschen – Jahre – Leben” erinnert sich der sowjetische Schriftsteller und Journalist Ilja Ehrenburg: “1943 traf ich an einem Kontrollpunkt bei Homel den Armeekommandeur General Batow. Wir sprachen über die bevorstehende Offensive. Plötzlich schrie jemand: ‘Fritz!’ [russ. ugs. Synonym für ‘Deutsche’ im 2. Weltkrieg] – feindliche Flugzeuge tauchten am Himmel auf. Aber der General und ich lachten, trugen doch unsere Militärberater in Spanien die unterschiedlichsten Namen: Vaula, Lotti, Molino, Grischin, Grigorowitsch, Douglas, Nicolas, Voltaire, Xanthi, Petrowitsch. Und Pawel Iwanowitsch Batow hatte irgendwie den Nachnamen ‘Fritz’ abbekommen.”

“Hat man euch zu Übungen ins Rostow-Gebiet geschickt oder hat man euch gleich gesagt, dass es zum Kämpfen in die Ukraine geht?”

– “Das haben sie gleich gesagt. Du siehst ja selbst, was diese Bestien anrichten. Alle wollten selbst hierher. Ich bin ja nicht zur Armee gegangen, um zu lernen, wie man näht und Löcher buddelt.”

“Und ist die ‘Dienstreise’ für länger oder unbefristet bis zum Abruf?”

– “Bis wir selbst gehen. Ich will entweder bis Kriegsende oder bis zum letzten Atemzug kämpfen.”

“Aber was genau hast du denn davon?”, fragte ich einen von ihnen.

– “Uns wurde erklärt, dass wir helfen, den Krieg hier zu beenden”, bekam ich als Antwort zurück.

Aber auf dem Panzer sitzend kann man keinen Krieg beenden. Der Krieg kann nur beendet werden, wenn alle von ihren Panzern steigen und nach Hause gehen. Oder zumindest zurück ins eigene Land nebenan.

Ilja Baranow

PS: Dem Autoren sind die vollen Namen aller Protagonisten des Textes bekannt. Die Redaktion hält es jedoch derzeit für unangemessen, sie hier zu veröffentlichen.

Artikel von: Ilja Baranow
Quelle: Kommersant

Bild: Titelfoto: Andrey Borodulin, Kommersant
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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