Vera Sawtschenko: „Ihr habt die Falsche gefangen genommen”

Vera Sawtschenko
Foto: Alexandra Vagner, RFE/RL

Vera Sawtschenko
Foto: Alexandra Vagner, RFE/RL 

22. Februar 2015 • Krieg im Donbas, Menschenrechte, Russland

Artikel von: Alexandra Vagner
Quelle: RFE/RL 19.2.2015

Die Schwester von Nadjeschda Sawtschenko, Vera, gab RFE/RL während der Parlamentarischen Versammlung der OSZE ein Interview.

Vera Sawtschenko, die Schwester der in Russland gefangenen ukrainischen Soldatin Nadjeschda Sawtschenko, berichtete über den Zustand ihrer Schwester, die sich seit über zwei Monaten im Hungerstreik befindet und forderte die russische Seite auf, sie schnellstens freizulassen.

Wann haben Sie das letzte Mal ihre Schwester gesehen und wie ist ihr jetziger Zustand?

Gestern, am 18.02.2015, haben wir uns acht Minuten lang gesehen. Sie hat seit der Gerichtsverhandlung vor kurzem noch mehr abgenommen. Sie hungert, das ist keine Vortäuschung, sie isst wirklich nichts. Vielleicht schreibt man jetzt in den Medien, dass sie Vitamine bekommt, die die Nahrung ersetzen… Aber überlegen Sie selbst, kann man mit Vitaminen richtige Nahrung ersetzen? Der Mensch verliert sehr schnell an Masse, da die Vorräte aufgebraucht sind. Nadjeschda hat bereits 28% ihrer Körpermasse verloren. Ab 30% wird es kritisch, also noch ungefähr anderthalb Wochen.

Nadjeschda Sawtschenko

Nadjeschda Sawtschenko

Stoßen Sie auf Probleme, wenn Sie um Erlaubnis für ein Treffen mit ihr nachsuchen?

Das ist alles sehr schwierig. Ich komme um 6 Uhr morgens an und laufe bis zu vier Tagen von Amt zu Amt, klopfe an Türen, telefoniere. Da bekomme ich eine Erlaubnis, dort ist es „nicht möglich.“ Das heißt, alles dauert sehr lange und ist schwierig. Es ist nicht so, als machte ich mich auf und stünde dann ruhig in einer Schlange, nein. Ich stelle mich an, zeige die Erlaubnis vor und mir wird der Zugang verboten.

Was sagt Nadjeschda über ihren Fall?

Darüber ist meiner Meinung nach schon alles gesagt worden. Wir sind einfache Leute, wir sind keine Politiker, wir sind nur ein Bruchteil der Bevölkerung. Einfache Leute können nicht lügen. Wenn sie sich etwas zu Schulden kommen ließen, wenn jemand etwas stahl, dann sind sie nicht in der Lage sich so zu verteidigen, wie es Nadja tut. Auf diese Weise verteidigen sich nur Unschuldige.

Welche Beweise gibt es für die Unschuld Nadjeschdas?

Alle Beweise wurden dem Ermittlungskomitee der Russischen Föderation übergeben. Auch die Zeugenaussagen und die Aussagen der Geschädigten, die in Gefangenschaft genommen wurden. Ich unterstreiche „Geschädigte.“ Nicht sie haben geschossen, sondern auf sie wurde geschossen. Wenn das nicht ausreichend ist, dann wollen sie diesen Personen nicht glauben. Es gibt eindeutige Beweise, Verbindungsnachweise über Telefongespräche, die auch dem Ermittlungskomitee bekannt sind, die Telefone der Journalisten Korneljuk und Woloschina, ukrainische Nummern. Alles passt zusammen. Die Personen waren schon eine Stunde lang gefangen genommen, erst dann starben die Journalisten. Dem Ermittlungskomitee ist schon lange klar, wer geschossen hat und von welcher Seite die Granaten geflogen kamen. Aber das war‘s, es gibt kein Zurück mehr, jetzt muss die Ehre der Uniform, der Machtvertikalen der Russischen Föderation verteidigt werden. Sollen sie nur darüber nachdenken, wie das am besten zu bewerkstelligen ist.

Sie sagten, dass Nadjeschda an Gewicht verliert. Sie hat sich aber in der letzten Gerichtsverhandlung noch ganz kräftig und frisch gezeigt, sie hat ihre Mutter und Sie dadurch ein wenig beruhigt. Können Sie über ihren Alltag im Gefängnis berichten?

Wenn eine Person hungert, dann werden zunächst die Kohlenhydrate verbrannt, alles, was es an Fett gibt und dann der Organismus. Aber der Organismus wird langsam verbrannt, wenn gehungert wird, dann ist das wie Yoga. Die Personen sind positiv gestimmt. Eine Person, die gestresst ist, verbrennt mindestens 500 Kilokalorien täglich und nimmt sie nicht zu sich. Frauen müssen mindestens 1500 Kilokalorien zu sich nehmen, Männer noch mehr. Aber sie nimmt sie nicht zu sich. Dies führt sehr schnell zum Versagen des Organismus. Außerdem ist sie unterkühlt und sehr schwach. Dies zeugt davon, dass ihre Schilddrüse das Hormon T3 nicht bildet, das Hormon, das für die Blutzufuhr in die Organe zuständig ist. Die Organe werden also nicht durchblutet, das Blut fließt nicht durch den Organismus, die Person friert. So wie sie sich im Gericht verhalten hat, zeugt davon, dass den Infusionen etwas hinzugegeben wurde. Vielleicht war es aber auch Stress, oder Adrenalin. Sie war aufgebracht oder etwas wurde ihr gespritzt, damit sie fitter aussieht, vielleicht wurde ihr Adrenalin gegeben, das in einem Organismus, der in einem solchen Zustand ist, doppelt so schnell verbraucht wird. Wenn sie den Menschen sterben lassen wollen, können sie sich ihrerseits schon verabschieden.

Wenn sie Nadjeschda treffen, ist sie dann nicht so aktiv wie sie es im Gericht war?

Nein, sie ist nicht so aktiv. Es ist ruhig, wenn wir uns treffen. Sie mag mich, und ich mag sie, sie ist nicht aufgeregt. Im Gericht gibt es viele, die sie aufhetzen, das sind alles angekettete Hunde, und der einzige Hund, der ruhig ist, ist der, der schläft. Alle anderen Kettenhunde, Männer, reizen sie. Normalerweise ist Nadija ganz ruhig.

Hat sie sich über die Haftbedingungen nicht beschwert?

Als ich sie das erste Mal gesehen habe, konnte ich es nicht aushalten. Sie war in einem sehr schlechten Zustand. Jetzt ist es besser, ihre Haut sieht jetzt besser aus, ohne Geschwüre und blutigen Schrunden. Ihre Haut war nämlich sehr trocken. Jetzt ist es besser. Hier gibt es eine Dusche und warmes Wasser. Damals gab es nur warmes Wasser und einmal pro Woche konnte sie duschen. Stellen Sie sich vor, acht Monate lag einmal in der Woche mit kaltem Wasser zu duschen unter winterlichen Bedingungen… Das ist kein Erholungsort, dort wird schlecht geheizt. Deshalb habt ihr die falsche genommen. Sie kann nicht mehr gebrochen werden. Physisch kann sie getötet werden, moralisch nicht mehr. Deshalb denkt mal darüber nach. Wir helfen euch, wenn nötig.

Sie sagen, dass sie noch anderthalb Wochen zu leben hat. Wir wissen, dass ihr Zustand sich tagtäglich verschlechtert. Sie erklärte, dass sie bis zum Ende aufrichtig sein wird. Haben Sie nicht Angst, dass dies alles ein sehr tragisches Ende nehmen könnte?

Ich reise aus eigenem Willen um die Welt, verbringe wunderbare Zeit mit Europaabgeordneten und Abgesandten. Ich tue alles, was ich kann. Ich täusche nichts vor, Nadija schon gar nicht. Ihre Worte: „Bis zum letzten Tag meines Lebens in Russland oder bis zur Rückkehr in die Ukraine.“ Dann beginnt sie wieder zu essen. Es gibt die Möglichkeit in der Botschaft, ein kleiner Fleck ukrainischen Bodens auf russischem Territorium. Bitte, ändern Sie die vorbeugenden Maßnahmen im Gericht, lassen Sie das. Wenn es sein muss, fahre ich gerne zu Ihnen in das Untersuchungsgefängnis, ich komme so oft zum Gericht, wie nötig. Es gibt eine Lösung für das Problem. Ich wiederhole: ihr habt nicht die Richtige, es ist nicht der richtige Fall und überhaupt seid ihr gegen das falsche Land vorgegangen. Lasst uns doch mit diesem Unsinn aufhören, denn die Gesetze wurden nicht von diesem Staat geschrieben.

 

Artikel von: Alexandra Vagner
Quelle: RFE/RL 19.2.2015

Bild: RFE/RL
Übersetzt von: Christina Riek
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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