Wie kommen wir darauf, dass im Donbass „andere“ Menschen leben? – Debattenbeitrag einer ukrainischen Journalistin

Foto: Max Avdeev,  BuzzFeed News

Foto: Max Avdeev, BuzzFeed News 

Analytik und Meinungen, Krieg im Donbas

Artikel von: Natalja Humenjuk
Quelle: NV.ua

1_tnEin Beitrag der Journalistin Natalia Humenjuk (Hromadske TV) zur ukrainischen Debatte über die Rolle der lokalen Bevölkerung in den umkämpften Gebieten im Osten der Ukraine.

Wir sind gekränkt, wenn man uns Faschisten nennt, haben aber sehr schnell die russische Propaganda übernommen, dass im Donbass besondere Menschen leben, die alle nach Russland wollen.

Wir verstehen einfach nicht die Logik in Bezug auf die Ereignisse im Osten. Wir sagen, dass die Bewohner des Donbass selbst das dort ablaufende Szenario wählten und gleichzeitig, dass sie Opfer der Propaganda sind. Was nun? Das erste oder das zweite? Oder gibt es eine dritte Variante? Dass sie Geiseln bewaffneter Kämpfer und einer humanitären Katastrophe sind? Das sind drei sich gegenseitig ausschließende Szenarien und man sollte klären, welches genau das richtige ist.

Ungerechtfertigte Verallgemeinerungen sind das schlimmste, was jetzt passiert. Wir sind sehr gekränkt, wenn man uns Faschisten nennt, und während der Zeit des Maidans Extremisten. Dabei griffen wir schnell die russische Propaganda auf, dass im Donbass irgendwelche besonderen, uns unähnliche Menschen leben. Und sie wollen alle nach Russland.

Wir können lange erklären, dass auf dem Maidan unterschiedliche Menschen standen – mit Waffen, ohne Waffen, aus Eigennutz, edelmütige, schlechte und gute. Das heißt, bei uns hier war alles schwierig. Und dort, bei ihnen, ist alles sehr einfach.

Ich sehe überhaupt keine wesentlichen Probleme zwischen uns und den Menschen im Donbass oder auf der Krim.

Meine Reisen in den Osten der Ukraine haben mich davon überzeugt, dass man eigentlich jeden Menschen einzeln betrachten muss. Nicht als potentiellen Separatisten, sondern als Persönlichkeit. Jemand, der während des sogenannten Referendums für „Noworossia“ stimmte, verlor vielleicht sein Kind oder die Mutter war an Krebs erkrankt. Und alles andere interessierte überhaupt nicht. Außerdem sah ich, in welch schlimmen Zustand unser Land ist. Wie viele schutzlosen Leute es gibt, arme, kranke, behinderte. Sie alle fanden sich von einem Moment zum anderen am Rand des Überlebens.

Die Leugnung durch die ukrainische Militärführung, dass die Zivilbevölkerung während der Operation leidet, ist ein großer Fehler. Ich sehe die israelische Militärpolitik kritisch, die der russischen ähnelt. Aber Israel spricht geschickt über Verluste unter den friedlichen Palästinensern. Sie erkennen immer das Leid der Zivilbevölkerung an und äußern Trauer und Bedauern.

Wenn man dies ständig verneint, werden die Ukrainer aufhören, daran zu glauben, selbst wenn es wahr ist.

Mir scheint, der wesentliche politische Fehler der ukrainischen Staatsführung ist es zu ignorieren, was man mit nicht-militärischen Methoden erreichen kann.

Wahrscheinlich fürchten wir uns und hoffen, dass es niemand merken wird und es niemand beweisen wird. Das ist falsch. Alle machen Fehler. Das Wesen einer demokratischen und normalen Gesellschaft besteht darin, Fehler anzuerkennen, sie zu analysieren und zu korrigieren. Nach Möglichkeit.

In den USA wurden zum Beispiel kürzlich zwei Soldaten für den Tod einer irakischen Familie im Jahr 2004 verurteilt. Gerade dieses Vorgehen lehrt die Verantwortlichkeit und eine ernsthafte Einstellung zu Krieg und Waffen.

Mir scheint, der wesentliche politische Fehler der ukrainischen Staatsführung ist es zu ignorieren, was man mit nicht-militärischen Methoden erreichen kann. Man müsste die Menschen mit Waffen und die Zivilbevölkerung in den okkupierten Gebieten absolut genau voneinander trennen. Man müsste eine konkrete Informationskampagne für die durchführen, die nach Russland wollen, und für die, die für die Partei der Regionen sind, und für die, die einfach aus dem kriminellen Milieu stammen, um Geld zu verdienen. Man müsste zwischen diesen Gruppen Unterschiede finden, sie teilen und mit ihnen gesondert arbeiten.

Was auch immer war, ich bin optimistisch. Ich glaube an das Gute. Die Frage besteht nur darin, zu welchem Preis wir es bekommen. Unsere Aufgabe ist, dass dieser Preis für die Soldaten, die Zivilbevölkerung und das Land insgesamt so gering wie möglich ausfällt. Dass es mit der kleinstmöglichen Zerstörung erreicht wird und mit der geringsten Anzahl an Opfern. Etwas anderes können wir uns nicht erlauben.

Eine vollständige Version von Natalia Humenjuks Monolog ist in der Zeitschrift “Nowoje Wremja” (Neue Zeit) vom 19. Februar nachzulesen.

Artikel von: Natalja Humenjuk
Quelle: NV.ua

Bild: http://www.buzzfeed.com/gabrielsanchez/pictures-from-the-front-lines-of-ukraine

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