Eine Ruhmeshalle für die sexistischsten Funktionäre Russlands

Wladimir Schirinowski, der auffällige, langjährige Vorsitzende der LDPR, ist berüchtigt für seine hetzerischen Kommentare - Foto: Sergej Porter / Vedomosti

Wladimir Schirinowski, der auffällige, langjährige Vorsitzende der LDPR, ist berüchtigt für seine hetzerischen Kommentare - Foto: Sergej Porter / Vedomosti  

Kultur, Russland

Artikel von: Gabrielle Tétrault-Farber
Quelle: The Moscow Times, 17. Februar 2015

„Liest du die Nachrichten? Das ist langweilig“, sagt eine gut-frisierte handgezeichnete Frau – in einer Sprechblase – zu einer anderen in einer Werbung in der Moskauer Metro.

Die Werbung, die die Idee propagiert, dass Frauen Nachrichten langweilig finden, ist für Woman.ru, eine Website, die sich meist auf Promi-Tratsch und Diät-Lösungen konzentriert.

„Sie hat so viel abgenommen! Was für ein schickes Kleid! Sind die wirklich wieder zusammen?“ sagt die Frau im nächsten Bild, wobei sie offensichtlich Woman.ru liest. „Nachrichten können doch interessant sein!“

Erniedrigende Darstellungen von Frauen findet man in Russland nicht selten in der Werbung, und diese eine ist wahrscheinlich von der breiten russischen Öffentlichkeit nicht wahrgenommen worden. Aber sie ist Natalja Bitten ins Auge gesprungen, einer der Gründerinnen von Für Feminismus, einer Organisation, die für Frauenrechte kämpft.

„Nicht alle Frauen waren mit dieser Werbung und ähnlichen Werbekampagnen glücklich“, erzählte Bitten der Moscow Times am Dienstag. „Leider sind wir nicht Teil des Mainstreams.“

2010 gegründet, zielt Für Feminismus darauf ab, Informationen über Frauenrechte zu verbreiten und Geschlechtergerechtigkeit zu propagieren, indem Diskriminierung bekämpft wird und die schlimmsten Manifestationen von Sexismus in den Medien in der Werbung und in der Politik dokumentiert werden.

Seit 2011 organisiert Für Feminismus ein jährliches Online-Voting für die „Sexistischste Person des Jahres“, eine Initiative, die dazu dienen soll, die öffentliche Aufmerksamkeit auf faux pax von Personen des öffentlichen Lebens bezüglich Frauenrechte zu lenken.

Zu den diesjährigen Kandidaten zählen der Hetzer und Politiker Wladimir Schirinowski, der gegen eine schwangere Journalistin ausfällig wurde und einen seiner Mitarbeiter drängte, sie zu vergewaltigen, und den TV-Moderator Iwan Urgant, der brisante Kommentare zum Auftritt von weiblichen Tennis-Stars abgab.

Diese Vorfälle waren keine Einzelfälle. Die Moscow Times hat die denkwürdigsten Beispiele von sexistischen Kommentaren russischer Funktionäre und der Medien gesammelt.

Russland – das anderen Ländern weit voraus war mit dem Wahlrecht für Frauen – hat seither laut feministischer Aktivistinnen und Aktivisten Rückschläge dabei erlitten, die Gleichberechtigung der Geschlechter zu garantieren.

Russland ist an 75. Stelle von 142 Ländern im Global Gender Gap Report, der vom Weltwirtschaftsforum erstellt wurde, um die Entwicklung der Geschlechterungleichheiten zu verfolgen.

Es schnitt besonders schlecht ab in Bezug auf die politische Frauenförderung, gemessen an der Frauenquote im Parlament und in Ministerämtern. Frauen stellen derzeit 13 Prozent der Abgeordneten, und zwei Frauen bekleiden Ministerposten.

Wie in anderen Ländern klafft eine Lücke zwischen den Gehältern der russischen Männer und der Frauen. Laut dem Föderalen Staatlichen Statistikdienst (Федеральная служба государственной статистики) sind die Gehälter der Frauen um durchschnittlich 32% niedriger als die der Männer.

Disput über Frisur im Weltraum

Jelena Serowa - Foto: Bill Stafford / NASA / Wikicommons

Jelena Serowa – Foto: Bill Stafford / NASA / Wikicommons

Jelena Serowa, 38, war im September die erste Russin auf der Internationalen Raumstation.

Doch das historische Ereignis wurde durch unüberlegte Fragen bei einer Pressekonferenz vor dem Flug überschattet: Wie würde sie sich in der Schwerelosigkeit frisieren und schminken?

„Darf ich Sie auch was fragen: Interessieren Sie sich nicht für die Frisuren meiner [männlichen] Kollegen?“ fragte Serowa.

Serowa wurde auch zu den Auswirkungen ihrer sechs monatigen Trennung von ihrer 11 Jahre alten Tochter während ihrer Aufgabe als Testingenieurin an der Internationalen Raumstation gefragt.

Ihr Geschlecht, so schien es, drängte ihre Leistungen in den Hintergrund.

Die Gefahren des Feminismus

Das Oberhaupt der Russisch Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, meinte 2013, dass der Feminismus ein sehr gefährliches Phänomen sei, welches Frauen vom rechten Weg ihrer Verpflichtung als Ehefrauen und Mütter abbrächte. 2011 verurteilte der Kirchensprecher Wsewolod Tschaplin „wie Clowns bemalte Frauen“ und regte an, orthodoxe Bekleidungsvorschriften im ganzen Land zu erlassen.

„Wir haben kein Problem mit der Kirche als solches“, sagte Bitten. Wir haben ein Problem mit der Tatsache, dass unsere Regierung die Werte einer religiösen Gruppe unterstützt und propagiert, anstatt daran zu arbeiten, allgemein menschliche Werte zu verbreiten, in denen die Frauenrechte ihren Platz bekommen. Wir betrachten die aktuelle Situation als Verletzung der Frauenrechte.“

Führen durch Vorbild

Foto: Mikhail Klimentyev / Reuters

Foto: Mikhail Klimentyev / Reuters

Präsident Wladimir Putin, der dafür berüchtigt ist, das Image des starken, fitten und maskulinen Führers zu pflegen, hat gelegentlich einige Kommentare fallen gelassen, die Feministinnen empörten.

2006 sagte der Präsident, dass er den israelische Präsidenten Moshe Katsav „beneide“, der beschuldigt wurde, mehrere Frauen vergewaltigt zu haben.

In jüngerer Zeit, im letzten Juni, schlug Putin zurück, als die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton, die Putins Aktionen bei der Annexion der Krim und seine Rolle in der Ukraine-Krise mit denen des Nazi-Führers Adolf Hitler verglich. In einem Interview mit dem französischen Radio und Fernsehen sagte Putin im Juni, dass es besser sei, „mit Frauen nicht zu streiten”.

„Wenn Menschen Grenzen zu weit ausdehnen, tun sie es nicht, weil sie stark sind, sondern weil sie schwach sind”, sagte Putin. „Aber vielleicht ist Schwäche nicht die schlechteste Eigenschaft für eine Frau.“

Clinton erwiderte, dass Putin nicht der erste männliche Politiker sei, der in der Öffentlichkeit sexistisch agiere.

Schirinowski und die schwangere Reporterin

Wladimir Schirinowski, der auffällige, langjährige Vorsitzende der LDPR. ist berühmt für seine hetzerischen Kommentare. Der Liebling von YouTube-Zusammenstellungen Schirinowski hat während seiner politischen Laufbahn zahllose erniedrigende Bemerkungen über Frauen gemacht.

Jedoch hat er, sogar gemessen an seinen eigenen Standards, die rote Linie überschritten, als er im April eine unflätige Schmährede begann, während der er einen seiner Mitarbeiter aufforderte, eine schwangere Reporterin zu vergewaltigen. Er schrie auch, dass die Reporterin zu Hause bleiben sollte, anstatt zu arbeiten, wenn sie ein Kind erwartet.

Schirinowski entschuldigte sich später für seinen Ausbruch und gab den Medikamenten die Schuld, die er genommen hatte.

Der Skandal der „Williams Brüder“

Foto: Enrique Marcarian / Reuters

Foto: Enrique Marcarian / Reuters

Im Oktober letzten Jahres trat Schamil Tarpischew, Chef des Russischen Tennisverbandes und ehemaliger persönlicher Trainer des verstorbenen russischen Präsidenten Boris Jelzin, einen Sturm der Entrüstung los, als er die weiblichen US-Tennisstars Serena und Venus Williams während eines Auftritts in einer beliebten, spätabendlichen russischen Talk-Show scherzhaft als die „Williams Brüder” bezeichnete.

Der Moderator Iwan Urgant fuhr fort und erzählte, was bei einer Athletin wirklich zählt.

„Schaut euch unsere [russischen] Tennisspielerinnen an. Sie sind alle groß und elegant”, sagte Urgant und verglich sie mit Serena Williams muskulösem Körperbau.

Tarpischew, der sich später für seinen Kommentar entschuldigte, bekam eine Geldstrafe von $25,000 von der Women’s Tennis Association und wurde wegen seines Ausrutschers in der Sendung getadelt. Die russische Tennisspielerein Maria Scharapowa, die von Tarpischew trainiert worden war, nannte seine Bemerkungen „unpassend“ und „verantwortungslos“.”

Fahrverbot

Frauen sind im russischen Metro-System überall – außer am Fahrersitz.

Frauen ist die Arbeit in gewissen Berufen, einschließlich als U-Bahnfahrerin, seit Sowjetzeiten untersagt, und Putin unterzeichnete 2000 ein Gesetz, das dieses Verbot aufrecht erhielt.

Die russischen Arbeitsgesetze fordern eine Begrenzung weiblicher Arbeit „bei Schwerarbeit und in Berufen unter schädlichen oder gefährlichen Bedingungen“. Beschäftigung unter Tag ist für Frauen auch verboten außer für „nicht-körperliche Tätigkeiten“ und Arbeiten in der medizinischen Industrie oder in Dienstleistungsbetrieben.

Andere Berufe, von denen Frauen unter russischem Gesetz ausgeschlossen sind, sind Rauchfangkehrer, bei der Feuerwehr und als Stahlarbeiterin.

Artikel von: Gabrielle Tétrault-Farber
Quelle: The Moscow Times, 17. Februar 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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