Mustafa Dschemiljew: Nadija, Tochter, beende deinen Hungerstreik. Wir retten dich.

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Krieg im Donbas, Menschenrechte, Russland

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 25.2.2015

Nadija Sawtschenkos letzter Brief aus dem russischen Gefängnis fällt zeitlich mit dem ergreifenden Appell Mustafa Dschemiljews zusammen, der sie auffordert, ihren Hungerstreik zu beenden, indem er dasselbe Argument verwendet, mit dem Andrej Sacharow 1975 sein Leben rettete, als er ebenso entschlossen war.

Zunächst jedoch Nadija Sawtschenkos Brief, in dem sie ihre Dankbarkeit ausdrückt und die Menschen bittet, sie und die Ukraine zu unterstützen, indem sie am 1. März an der weltweiten Aktion teilnehmen

„An die Menschen…

Ich bin unaussprechlich dankbar für eure Unterstützung und euer eifriges Bemühen in meinem Namen! In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir solche Hilfe nicht vorstellen können.

Ich kämpfe auch! Ich gebe nicht auf und lasse mich nicht zerbrechen!

Das tue ich, weil ich nicht nur für mich selbst kämpfe, sondern gegen ein System, das nur diejenigen verstümmelt und tötet, die es fürchten, das aber nichts gegen die ausrichten kann, die furchtlos sind.

Ich fürchte mich nicht! Es gibt viele von uns Ukrainern hier in russischen Gefängnissen. Man muss den ersten befreien, nachher ist es leichter, für jeden einzelnen zu kämpfen.

Die Ukrainer haben der Welt durch die Revolution der Würde bereits ein Beispiel gegeben, wie man ein übersättigtes Regime bekämpft. Nun bin ich und nun ist die gesamte Ukraine gezwungen, gegen das mörderische Regime unseres Nachbarn kämpfen.

Wünscht mir und der Ukraine Erfolg in diesem ungleichen Kampf durch eure Unterstützung der globalen Aktion am 1. März 2015!

Mit tief empfundener Dankbarkeit

Nadija Sawtschenko”

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Nadija Sawtschenko bezieht sich auf den Globalen Aktionstag am 1. März (der mit einer großen [so hoffen wir] Anti-Krisen-Kundgebung der Opposition in Moskau zusammenfällt), an dem Menschen weltweit neben anderen Protesten auch an einer Twitter-Kampagne teilnehmen werden, die Sawtschenkos Freilassung fordern. (Nähere Details:  Voices of Ukraine (engl.)

Nadija Sawtschenko hat viele Tage nur Wasser zu sich genommen, nachdem sie sich geweigert hatte, weitere Glukose-Infusionen zu erhalten. Nach 74 Tagen Hungerstreik ist ihr Leben sicher in Gefahr. Sie hat von Anfang an klar gemacht, dass sie nicht aufgeben wird, und sie hat nicht nachgegeben, sogar als ihre betagte Mutter und ihre Schwester sie inständig baten, den Hungerstreik zu beenden, indem sie sagte, dass sie keine anderen Mittel habe, gegen das Unrecht zu kämpfen, das ihr angetan wurde.

Unter diesen Umständen wäre es vermessen gewesen, etwas anderes zu tun, als ihre Entscheidung und ihren unbestrittenen Mut zu respektieren.

Am Dienstag jedoch forderte ein Ukrainer, dessen Mut und Engagement über jeden Zweifel erhaben sind, Nadija ebenfalls auf, den Hungerstreik zu beenden. Mustafa Dschemiljew, ukrainischer Parlamentsabgeordneter und ehemaliger Vorsitzender der Krimtataren, richtete folgende Worte an sie:

“Nadija, Tochter, es hat keinen Sinn, den Hungerstreik fortzusetzen. Russland ist kein Land mit humanen Prinzipien. Hier in der Ukraine werden wir dich mit Sicherheit retten, aber mit anderen Mitteln.”

Der 71-jährige Mustafa Dschemiljew verbrachte 15 Jahre im Arbeitslager, wo er mehrmals den Hungerstreik verkündete. Er verbrachte einmal 303 Tage im Hungerstreik und wurde von den Ärzten zwangsernährt, wenn sein Zustand sehr kritisch wurde.

In einem Interview für die Publikation GORDON erzählte er, wie ihm, während der letzten Tage des Hungerstreiks 1975 ein Besuch seiner Mutter und seines älteren Bruders gestattet wurde. Die Behörden hofften vermutlich, dass sie ihn zum Aufgeben umstimmen könnten. Seine Mutter war verzweifelt und erlitt einen Schwächeanfall, so dass sie hinausgebracht wurde. Als sie draußen war, sagte sein älterer Bruder, dass er keine Worte habe, Dschemiljew von seinem Entschluss abzubringen, aber ein letztes Argument. Durch die gläserne Trennwand schob er seinem Bruder eine Karte von Andrej Sacharow, dem berühmten Physiker und Menschenrechtskämpfer, hinüber.

Sacharow schrieb den folgenden Satz:

Mustafa, Sohn, Ich habe alles getan, was ich konnte, und ich bitte jetzt nur um eines: Genug mit dem Hungerstreik – dein Tod wird deinen Feinden nur Freude bereiten.”

 

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 25.2.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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