Russland: Schlacht gewonnen – Krieg verloren (von Alexander Golz, Jeschednewnij Journal)

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25. Februar 2015 • Analytik und Meinungen, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Alexander Golz
Quelle: The Moscow Times, 24. Februar 2015

Das wichtigste Ereignis der letzten Woche war der militärische Sieg von Debalzewe durch die “früheren Traktorfahrer”, wie Präsident Wladimir Putin sie nannte. Diese Aussage ist eine fast wörtliche Wiederholung eines ganz alten Witzes aus der Sowjetära: “TASS berichtet, dass ein friedlicher sowjetischen Traktor von chinesischem Territorium unter Feuer kam. Der Traktor erwiderte das Feuer sofort und zerstörte drei feindliche Geschwader, dann ließ er die Motoren an und flog in den Orbit. Der Traktorfahrer wurde nicht verletzt, wie berichtet wird.”

Im heutigen Fall würden Fahndungsfotos dieser sogenannten “Traktorfahrer” eine verblüffende Ähnlichkeit mit russischen Generälen aufweisen.

Die Separatisten gewannen dadurch ein paar Quadratkilometer, besetzten einen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt und übernahmen die Kontrolle über eine Kreuzung von Hauptverkehrsstraße.

Aber welches Ergebnis hat dieser Gewinn für die Sieger? Es stimmt, sie haben ihre taktischen Position etwas verbessert und sich die Möglichkeit für eine weitere Offensive verschafft. Aber das ist auch alles, was sie geschafft haben, und ich bezweifle, dass ein solcher Angriff überhaupt je stattfinden wird. Denn Russland hat nur noch begrenzte Möglichkeiten zum Kampfeinsatz in dieser Art von hybridem Krieg.

Wie ich bereits früher in dieser Kolumne erwähnt habe, hat der Kreml nur zwei oder drei Dutzend Einheiten schneller Einsatztruppen, die in einem kurzzeitigen Konflikt den Sieg erreichen könnten – wobei “kurzzeitig” das Schlüsselwort in diesem Satz ist. Offensichtlich sind diese Einheiten nach monatelangen Kampfhandlungen in einem hybriden Krieg erschöpft, und es ist für sie kein Ersatz vorhanden.

Dies würde auch die Versuche erklären, warum Wehrpflichtige gezwungen werden, Verträge für den weiteren Dienst als Berufssoldaten unterzeichnen. Noch wichtiger ist allerdings, dass die geheimnisvolle Art der Kriegsführung eine große Unzufriedenheit unter den Soldaten verursacht hat, die aus dem Armeedienst ihren Beruf machen wollten. Etliche solcher Vertragssoldaten rebellierten in Murmansk, nachdem sie erfahren hatten, dass sie zu längerfristigen Einsätzen an “der russisch-ukrainischen Grenze” abkommandiert werden sollten. All dies lässt Zweifel an den militärischen Erfolgen des Kreml in der Ukraine aufkommen.

Was Debalzewe angeht, bedeutet der militärische Sieg wahrscheinlich einen großen politischen Fehler. Denn nach der Logik der russischen Beamten hat sich damit herausgestellt, dass die Separatisten einfach den Willen von Präsident Wladimir Putin ignorieren.

Das Ganze lässt es ziemlich lächerlich erscheinen: Putin schlägt sich eine schlaflose Nacht in Minsk um die Ohren und paukt ein Abkommen mit den Anführern Frankreichs und Deutschlands durch, und dann lassen sich die Separatisten einfach nicht dazu herab, es zu befolgen? In dem Dokument heißt es eindeutig, dass am 15. Februar jeglicher Schusswechsel aufhören muss und beide Seiten mit dem Abzug ihrer schwere Ausrüstung beginnen müssen.

Und doch beschlossen die Führer der selbsternannten Republiken nach der Unterzeichnung dieses Papiers plötzlich, weiter zu kämpfen. Natürlich war es Moskau und nicht die Separatisten, die beschlossen haben, den Krieg fortzusetzen. Jeder mag selbst Vermutungen anstellen, warum Putin eine solche ablehnende Haltung gegenüber seinen eigenen langen Stunden der diplomatischen Arbeit einnahm.

Ich vermute, dass die Entscheidung, Debalzewe einzunehmen, als Rache für die neuesten europäischen Sanktionen Union gedacht war.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass der französischs Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Sitzung sagten, dass Minsk ihren letzten Versuch darstelle, den Friedensprozess zum Funktionieren zu bringen. Und nur deswegen gingen sie so weit, Dokumente vorzulegen, die speziell für eine Unterschrift durch die Separatisten angefertigt worden waren.

Das erfordert, sich die Worte des ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill in Erinnerung zu rufen: “Wir scheinen vor der traurigen Wahl zwischen Krieg und Schande zu stehen. Ich habe das Gefühl, dass wir die Schande wählen werden, und dann etwas später den Krieg bekommen werden, nur zu weit schlechteren Bedingungen als heute.”

Es ist unwahrscheinlich, dass die führenden Politiker der Welt sich noch einmal auf diese Art der Demütigung einlassen werden. Das Scheitern des Friedensprozesses bedeutet, dass unter anderem Russland vom Grundsatz her nicht in der Lage ist, seinen Vereinbarungen nachzukommen. Es ist unmöglich, Vereinbarungen mit jemandem zutreffen, der schon am nächsten Tag das Abkommen verletzt.

In der Tat markiert die ukrainische Krise den Zusammenbruch der bestehenden Weltordnung. Putin kämpft nicht für die Kontrolle über einige wirtschaftlich schwache Gebiete des Donbas. Er kämpft für das Recht, mit den “Großmächten” an dem einen Tisch zu sitzen, wo die Grenzen neu gezogen werden.

Aber auch wenn der Westen bereit wäre, Putins Wunsch zu erfüllen, die Zeiten, in denen einzelne Politiker das Schicksal von anderen Ländern bestimmten, sind schon lange vorbei. Die sich ergebende Sackgasse hat den Westen vor das Dilemma gestellt, wie es denn überhaupt weitergeht: Die Sanktionen haben Putin eindeutig nicht gezwungen, seine Politik zu ändern; es ist sinnlos zu versuchen, eine Einigung mit ihm zu erreichen, und es ist unmöglich, gegen eine Atommacht in den Krieg zu gehen.

Wenn man den vorherigen Kalten Krieg bis zum aktuellen extrapoliert, vermute ich, dass die Welt jetzt wieder so etwas erlebt wie in den späten 1940er Jahren. Vor uns liegen moderne Versionen des Korea-Krieges, der Kuba-Krise und der Kriege in Vietnam und Afghanistan.

Ein westlicher Diplomat im Dienst an einer Botschaft irgendwo entwirft sicher bereits ein “langes Telegramm”, das die Grundlagen für die neue Konfrontation zwischen Russland und dem Westen legt, und eine neue Reihe von Führern wird an die Macht kommen, in der Art wie der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan und die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, die diese Regeln wieder zum Leben erwecken werden.

Was Russland betrifft, kann es sich jetzt darauf freuen, die wenig beneidenswerte Rolle eines Rohstoffe liefernden Anhängsels für China zu spielen. Der einzige Trost ist, dass sich die Ereignisse in der modernen Welt schneller abspielen, und Russland deswegen eher früher als später in der Sackgasse stecken wird.

Der Autor Alexander Golz ist stellvertretender Chefredakteur der Internetzeitung Jeschednewnij Journal.

Artikel von: Alexander Golz
Quelle: The Moscow Times, 24. Februar 2015

Bild: The Moscow Times
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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