Der Krieg im Osten mit den Waffen des Westens

Ein Junge blickt über die Rohre des Grad-Raketenwerfers

Ein Junge blickt über die Rohre des Grad-Raketenwerfers  

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Artikel von: Johann Zajaczkowski

Eine Freiluftausstellung in Kiew liefert Beweise für die militärische Beteiligung Russlands am Krieg in der Ostukraine. Vor allem jedoch dokumentiert sie die steile Lernkurve der ukrainischen Führungsriege in Sachen Krisenkommunikation – einer der wichtigsten Ressourcen gegenüber westlichen Entscheidungsträgern.

Ein gutes Schachspiel braucht Zeit. Und so musste die wartende Menge am vergangenen Sonntag noch eine halbe Stunde länger vor den Absperrungen auf dem Michaelsplatz ausharren, bis sie die dort ausgestellten Panzer, Raketenwerfer, Drohnen und Maschinengewehre – allesamt Hinterbliebenschaften der russischen Armee – in Augenschein nehmen konnte.

Grund für die Verzögerung war nämlich ein äußerst kluger Schachzug des ukrainischen Präsidenten Poroschenko. Jener hatte zahlreiche Staatsvertreter, Botschafter und Diplomaten zum „Marsch der Würde“ geladen, der anlässlich des Maidan-Jahrestages an den Stationen der Revolution vorbeiführte, die in der Ukraine selbst als „Revolution der Würde“ bezeichnet wird und damit das blutige Aufbegehren gegen staatliche Unterdrückung und für menschenwürdige Selbstbestimmung gut auf den normativen Punkt bringt.

Menschenmenge

Ausstellungsbesucher begutachten Drohnen und Panzerfäuste

Die Regeln des Spiels lauten Medialisierung

Gut getimt zwischen der offiziellen Begrüßungszeremonie und dem Auftakt des Revolutionsspaziergangs führte Poroschenko seinen Gästen das Beweismaterial für eine militärische Beteiligung Russlands am Krieg in der Ostukraine vor – dicht gefolgt von einer Medienmacherschar, die die Inspektion durch die Staatsbediensteten aus mindestens 20 Ländern eifrig dokumentierte.

Damit verfeinert der Präsident seine PR-Strategie, die auf Medialisierung setzt und bereits beim Vorzeigen des durchlöcherten Metallstücks eines Linienbusses aus Wolnowacha oder der Darbietung russischer Pässe während seiner Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz weltweite Schlagzeilen generierte. Es scheint, als hätte die Ukraine in dieser Hinsicht die Spielregeln des westlichen Mediensystems verinnerlicht.

Klar ist jedoch auch, dass die wichtigste Waffe im Kampf um die Deutungshoheit die Wahrheit sein muss – der ideelle Niedergang der USA infolge der dreisten Irak-Lügen beweist dies eindrucksvoll. So sehr dieser Fall in der Sache selbst anders gelagert ist, zeigt der Auftritt von US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat einen Monat vor Kriegsbeginn 2003 doch die immense Bedeutung einer visualisierten Beweislastperformance. Damals ersetzten Satellitenfoto, Reagenzglas und Multimediashow die Suche nach Wahrhaftigkeit, oder – weniger pathetisch – die Suche nach dem Mittelweg zwischen Legalität und Legitimität.

Vernunft versus Fälschung

In diesem Sinne zeugt die Ausstellung auch von einem äußerst ungleichen Kampf. Vernunft, Ratio und Argument stehen Übertreibung, Verunglimpfung und Fälschung gegenüber. Die Ukraine muss sich gegen die Waffen des Ostens wehren, kann dabei aber nur auf die Mittel des Westens zurückgreifen, will sie den hohen Maßstäben an Glaubwürdigkeit gerecht werden.

Das Arrangement der Ausstellung lässt sich hierfür als Sinnbild ins Feld führen. Neben sämtlichen Ausstellungsstücken findet sich eine dreisprachige Informationstafel (Ukrainisch, Russisch, Englisch) – in der ukrainischen Kulturlandschaft bisher noch keine Selbstverständlichkeit. Die Texte beschreiben in nüchternen Worten, wann, wo und unter welchen Umständen die vorgeführten Gerätschaften erbeutet wurden – und vor allem, warum die Fährte nach Russland führt.

Die Objekte selbst künden indes nicht unbedingt von nüchterner Aufgeklärtheit. Krude Zeitungsausschnitte bezichtigen „Neger und Polen“ der Mitkämpferschaft aufseiten der ukrainischen Freiwilligen, in einem Video erzählt eine weinende Frau davon, dass sie mit eigenen Augen die Kreuzigung kleiner Kinder durch Ukrainer beobachtet hat, improvisierte Sprengfallen in Pralinen- und Zigarettenschachteln zeugen von der Niedertracht (oder wahlweise von der propagandistischen Vulnerabilität) der Kombattanten des russischen Marionettenregimes.

Sprengfallen

In der Ostukraine gefundene Sprengfallen

Indem der ukrainische Präsident seine Amtskollegen und ihre diplomatischen Zuarbeiter im Schatten von Grad-Raketenwerfern und Panzerrohren zu diesem Realitätsabgleich zwang, entwand er ihnen auf äußert nonchalante Art das eskapistische Argument, wonach die Wahrheit „irgendwo in der Mitte“ liegen müsse. Nun kann niemand mehr sagen, er hätte es nicht gewusst.

Propaganda

Die Schlagzeile lautet: “Neger und Polen kämpfen aufseiten der Ukraine”

Von Stalinorgeln und Elitekämpfern

Es wird auch schweres Geschütz aufgefahren. Ein mannsgroßes Maschinengewehr etwa wurde nach einem Angriff auf ein ukrainisches Militärlager bei Artemiwsk zurückgelassen auf einem Stativ aufgefunden. Dieses Stativ, so lässt sich der Informationstafel entnehmen, wird vom russischen Unternehmen Kamaz hergestellt und stand in den vergangenen 23 Jahren zu keinem Zeitpunkt auf der Einkaufsliste der ukrainischen Streitkräfte. An einem Schützenpanzerwagen vom Typ BTR-80 fanden die Ukrainer ein russisches Visier sowie eine brandneue Bereifung aus russischer Produktion – beides findet im eigenen Land keine Verwendung.

Das zentrale Ausstellungsstück ist jedoch der BM-21 Grad-Mehrraketenwerfer, jener Nachfolger der berühmt-berüchtigten Katjuscha, die in Deutschland unter einer anderen Bezeichnung bekannt ist, weil das elende Häuflein zurechtgeschossener Wehrmachtsoldaten, die lebend von der Ostfront zurückkehrten, das charakteristische Pfeifen des todbringenden Raketenhagels noch im Ohr hatten und den Namen „Stalinorgel“ nach Deutschland brachten.

Kaum eine Waffe in diesem Krieg steht so stellvertretend für die Gleichsetzung der Handlungen beider Kriegsteilnehmer wie dieser Raketenwerfer. Im Falle des ausgestellten Exemplars erfährt der interessierte Laie, dass die passende Munition in Russland hergestellt wurde – dies gehe aus dem zugehörigen ballistischen Diagramm hervor, welches mit einem speziellen Stempel der Militärbasis Nr. 27777 versehen ist. Damit ließ sich die Spur zur 58. Russischen Armee in Tschetschenien zurückverfolgen – ausgerechnet jenem Kampfverband also, der es durch Operationen während des Tschetschenien- und des russisch-georgischen Krieges zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat.

Autowrack aus Mariupol

Der Pazifismus der Anderen

Die Ukrainer selbst denken auf dieser Ausstellung kaum in Kategorien der Wahrheit. Sie sind so unmittelbar von diesem Krieg betroffen, dass die Wahrheitsfindung durch eigene Erfahrungen, Berichte von betroffenen Bekannten oder Verwandten in der Ostukraine, Meldungen gut vernetzter Lokaljournalisten und nicht zuletzt ungezählte Amateuraufnahmen im Netz seit langer Zeit abgeschlossen ist – nicht einmal eine verschwörungstheoretisierte Armada von Propagandisten könnte so viel Fälschungen produzieren und in Umlauf bringen.

Militärkundig sind sie ohnehin schon seit langer Zeit – oder wurden es gezwungenermaßen im Laufe dieses Krieges. Pazifistisch motiviertes Unwissen kann tödlich enden, wenn die größere Reichweite einer modifizierten BM-30 „Smerch“-Rakete darüber entscheidet, ob das eigene Elternhaus mitsamt den darin wohnenden Eltern in Schutt und Asche gelegt werden könnte. Die Männerrunde, die über die Rakete gebeugt fachsimpelt, kennt durch die Wehrpflicht im Dienste der Sowjetunion Militär und Krieg aus erster Hand.

Maennerrunde

Eine Männerrunde fachsimpelt über die Reichweiter modifizierter “Smerch”-Raketen

Ein ranghoher Militärexperte bezeichnete es kürzlich als absurd, dass einige Teilöffentlichkeiten im Westen dem russischen Propagandamärchen Glauben schenken, wonach mehrere Tausend mittlerweile gut ausgerüsteter und kampferprobter ukrainischer Soldaten in Debaltsewe ohne Weiteres von ein paar „bewaffneten Bergarbeitern“ besiegt werden können. Die Anfälligkeit für solche faktischen Unmöglichkeiten entspringt nicht zuletzt auch der Selbstbezogenheit postmoderner, saturierter Bürgergesellschaften, die sich die vergangenen 75 Jahre den Luxus leisteten, Krieg entweder nur in wohldosierten Medienhäppchen vorgesetzt zu bekommen, vermittels gleichsam „naturgegebener“ Flüchtlingsströme als vorübergehende Störung der eigenen Bequemlichkeit anzusehen, oder ihn mit wohligem Schauer als stark abstrahiertes Konsumgut zu betrachten, etwa als historisches Frontgrauen wie in Remarques „Im Westen nichts Neues“ oder als exotisch implodierendes Melodram wie in Coppolas „Apocalypse Now“.

Smerch

Einzelteile einer “Smerch”-Rakete

Vermenschlichung und Degradierung

In Hinblick auf die ukrainischen Schaulustigen entfaltet die Ausstellung daher in letzter Instanz vor allem eine massenpsychologische Wirkung. So, wie die russischen Krieger in zahlreichen Mitschnitten die ukrainischen Kriegsgefangenen erniedrigen, sie mal um die Wette springen lassen und dabei als „fette Schweine“ bezeichnen, mal bei Schandparaden vorführen, so eignen sich die Ausstellungsbesucher nun die erbeuteten Kampfgeräte an: Ohne Berührungsängste klettern kleine Kinder in die Luken der Schützenpanzer und lassen sich von ihren Eltern ablichten, Herren mittleren Alters werfen sich, den rundlichen Bauch umständlich zur Seite schiebend, auf einem Panzer in Pose; eine Stimmung wie auf einem Volksfest, derweil in russischen Kriegsgefangenenlagern ukrainische Soldaten zu reinen Objekten des Hasses degradiert werden.

Die Menge nimmt einen Schützenpanzer in Beschlag

Kanonenfutter aus Zentralasien

Das System der Entmenschlichung hat Tradition und erzeugt Mitleid mit den armen Schweinen hinter den russischen Uniformen, die letztlich Opfer eines selbstherrlichen, propagandistischen Regimes und – häufig genug – kapitalistischer Zwänge sind. Im Mai 2014, als die ukrainische Armee allmählich aus ihrem Dornröschenschlaf erwachte und die Geländegewinne der Separatisten rückgängig machte, durchforsteten in Russland militärische Headhunter die Datenbanken der Wehrerfassungsämter nach ehemaligen Kämpfern in Afghanistan, Tschetschenien und Georgien, die sich in finanzieller Notlage befanden und daher leichter für den Bruderkrieg anwerben ließen.

Vorläufiger Höhepunkt dieser Logik, die auch in anderen Krisenregionen für einen steten Nachschub an kampfbereiten Rekruten sorgt: Seit Beginn des Jahres zieht Russland die Zügel des russischen Migrationsregimes für Arbeitssuchende aus Zentralasien merklich an. Im selben Atemzug macht es sich deren sanktionsbedingte Notlage zunutze, indem es die Bestimmungen für den Eintritt in die Armee lockert. Die Fünfjahresverträge dieser künftigen Fremdenlegionäre sollen monatlich 500 Dollar einbringen. Einige Vertreter der Arbeitsmigranten in Russland gehen perspektivisch von Tausenden solcher „Freiwilliger” aus, die künftig anstelle ethnischer Russen als Kanonenfutter an der Front verheizt werden dürften.

Ritt auf dem Panzerrohr

 

Artikel von: Johann Zajaczkowski

Bild: Johann Zajaczkowski

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