Paul Goble: Ukraine – Die Geburt einer Nation

Ein Mann hält die ukrainische Flagge auf dem Maidan, 24. Februar 2014 - Foto: Bulent Kilic / AFP

Ein Mann hält die ukrainische Flagge auf dem Maidan, 24. Februar 2014 - Foto: Bulent Kilic / AFP 

Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Politik

Quelle: The Interpreter 23. Februar 2015

Die letzten zwölf Monate haben uns etwas Außergewöhnliches in der europäischen Geschichte gezeigt: die Geburt einer neuen Nation, die sich nicht durch Blut oder Sprache oder Staatsangehörigkeit eines Reisepasses definiert, wie es so viele gibt, sondern durch ein gemeinsames politisches Vertrauen in die Demokratie und Freiheit und ein gemeinsames Bündel von Erwartungen, sich den anderen so beschaffenen europäischen Nationen anzuschließen. Diese Nation ist die Ukraine, und ihre Entstehung als selbstbewusste Nation von Bürgern repräsentiert einerseits den größten Triumph in der Geschichte und andererseits die größte Bedrohung, die sie je für Russland dargestellt hat, ein Land, das schon viel länger einen Staat gehabt hat, dem es aber bis zum heutigen Tag nicht gelungen ist, eine Nation zu sein.

Das Verhältnis zwischen Staat und Nation ist natürlich nie ganz einfach: Ein Staat kann eine Nation bilden, eine Nation kann einen Staat bilden, und natürlich können und müssen die beiden zusammenwirken. Aber in jenen Ländern, in denen die Nation bereits vor dem Staat bestand oder einen Staat durch einen Akt der Revolution erschafft, wie die Ukrainer es im letzten Jahr getan haben, ist die Chance viel größer, zu einem freien Volk mit demokratischen Institutionen zu werden als in diejenigen, in denen der Staat alles ist, und die Nation nicht von den Handlungen der Menschen selbst “geschaffen” wird, sondern im Auftrag des Staates, um seinen Interessen, nicht aber denen des Volks zu dienen.

Und in der Tat ruft schon der Name der die ukrainische Nation bildenden Erfahrung, Maidan oder “Platz” sofort den Gedanken an den “öffentlichen Raum” oder “Agora” hervor, wo sich die Athener in der Antike trafen und die Grundsätze der Herrschaft durch das Volk erarbeiteten, die die Verbreitung der Demokratie im gesamten Westen und zunehmend in der ganzen Welt ermöglicht haben.

In der vergangenen Woche schlug ein russischer Blogger auf Facebook einen Weg vor, wie man zu dieser wichtigen Unterscheidung zwischen durch den Staat definierten Nationen und Staaten, die sich durch eine Nation definiert haben, kommen kann, nämlich indem er einen Vergleich von zwei ungenannten Völkern anbietet. Karl Woloch schreibt, dass eines von ihnen, dasjenige, in dem der Staat die Nation definiert und nicht umgekehrt, “seinen Führer vergöttert, für ihn zu sterben verspricht und ihm alle seine Sünden vergibt, die vom vollständigen Entzug der eigenen grundlegenden Bürgerrechte bis zu einer beispiellose Geschichte des Diebstahls reichen”.

Das andere Volk, in dem die Nation den Staat definiert, so fährt er fort, erkennt häufig “seine Führer nicht als Führer an; stattdessen hält es sie für Diener, kritisiert und verflucht sie ständig und verlangt in regelmäßigen Abständen Gewissheit, dass sie wirklich Führungskräfte sind und dass sie bereit sind, für die Menschen und nicht umgekehrt zu sterben.” Es überrascht nicht, dass die führenden Politiker des erstgenannten Angst vor den Menschen haben und sich nur mit Hunderten von Sicherheitsleuten um sich herum bewegen, während die Anführer des an zweiter Stelle genannten Volkes “sich friedlich in eine riesige Menschenmenge begeben – ohne Leibwächter – und ja, sie haben auch keine Angst, ihre Familien mitzunehmen.”

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Russland in die erste Kategorie fällt und die Ukrainer in die zweite gehören, dass die sogenannten “Anführer” in Russland in Wirklichkeit Oberhäupter sind, während diejenigen der Ukrainer echte Anführer sind, und – und das ist das Wichtigste – dass die Existenz von Ländern mit Nationen der Art, wie sie die Ukraine jetzt ist, eher eine Bedrohung für die Oberhäupter von Ländern wie Russland darstellt, wo keine Nation, weder eine zivile noch eine ethnische, vorhanden ist. Das Beispiel dessen, was die Ukrainer bei der Bildung einer Nation erreicht haben, könnte ansteckend sein: Zumindest könnten einige in Russland sich fragen: “Wenn die Ukrainer dies schaffen können, warum können wir das nicht?”

In der Tat hatte der Triumph des ukrainischen Volkes, eine Nation zu werden, vielleicht die schwersten Folgen für Russland, weil dies genau Russlands größte Tragödie herausstellt, nämlich: In Russland wurde der Staat zu einem Reich, bevor das Volk zu einer Nation wurde, und als Ergebnis war das Volk immer eine Staatsnation und ihr Land kein Nationalstaat gewesen. In der Ukraine haben die Menschen gezeigt, dass niemand in dieser unglücklichen Lage verbleiben muss, wenn er den Mut zur Veränderung hat.

Wenig überraschend wollen viele in Russland, gerade weil sie das Gefühl in den Knochen haben, dass sie kein Volk sind, so sehr sie auch darauf bestehen mögen, unbedingt den Ukrainern durch die Zerstörung dessen, was sie erreicht haben, beweisen, dass sie Unrecht hatten. Dabei benimmt sich Russland heute so, wie die Sowjetunion vor einem halben Jahrhundert. Bei einem Treffen in der UNO sagte der sowjetische Diktator Nikita Chruschtschow dem griechischen Ministerpräsidenten, dass die UdSSR wohl irgendwann die Akropolis bombardieren müsse, wenn Athen weiter dem Westen folge anstatt dem Osten Konzessionen zu machen.

Der griechische Ministerpräsident antwortete darauf seelenruhig, dass Moskau mit seinen Waffen in der Lage sei, die Akropolis zu zerstören, aber nie die Ideen der Demokratie und der Freiheit des Menschen, die dort geboren wurden, zerstören könne. Die Ukrainer haben mit ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit, mit all ihrer Unordnung und ihren Debatten, bewiesen, dass der griechische Ministerpräsident Recht hatte und der Diktator eines Landes, das nicht mehr existiert, Unrecht. Moskau kann ihnen das nicht vergeben; der Rest von uns sollte die Ukraine in jeder möglichen Weise zu unterstützen.

Das seit dem Maidan vergangene Jahr hat die tiefe Kluft zwischen Russland und der Ukraine hervorgehoben – nicht nur über ein bestimmtes Politikverständnis, sondern auch in Bezug auf ihre jeweilige Beschaffenheit und ihre Möglichkeiten. Der große Vorteil der Ukraine ist, dass eine Nation entstanden ist und die Kontrolle über den Staat übernommen hat, wodurch die Ukraine die Chance hat, ein normales europäisches Land zu werden, etwas, wofür es für Russland zumindest in den derzeitigen Grenzen und mit seinen Altlasten keinerlei Chancen gibt.


Paul A. Goble schreibt im neuesten Artikel in einer Serie auf ‘The Interpreter’ über den Jahrestag der Maidan-Revolution und die Geburt einer neuen Nation, der Ukraine.
Lesen Sie die anderen Artikel der Serie hier (englisch).

 

Quelle: The Interpreter 23. Februar 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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