Finnische Journalisten besuchen russische Trollfabrik (mit Videos)

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Analytik und Meinungen, Empfehlung, Politik, Russland, Soziales

Artikel von: Jessikka Aro und Mika Mäkeläinen
Quelle: Yle-Kioski 20.2.2015

Yle Kioski verfolgt die Ursprünge der russischen Propaganda in den Sozialen Medien – Nie zuvor gesehenes Material aus der Trollfabrik:

Wir verfolgten vor Ort drei Tage lang die Operationen der geheimen sogenannten Trollfabrik in St. Petersburg.

Troll. TROLL.

Jeder, der an Diskussionen über das Internet teilnimmt, kennt das Wort.

Es handelt sich bei einem Troll um eine Person, die andere Teilnehmer an Web-Diskussionen mit Absicht ärgert und provoziert.

In Russland hat dieses Wort aus dem Web-Slang eine neue Bedeutung erhalten: Ein Troll ist ein Arbeitnehmer, der dafür bezahlt wird, anonym und oft aggressiv oder auch schmeichlerisch Kommentare in den sozialen Medien über Präsident Wladimir Putin zu schreiben.

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Aber an was für einem Arbeitsplatz arbeiten diejenigen, deren Aufgabe es soll sein, Putins Russland zu loben? Kioski untersuchte die Hintergründe des geheimen Bürogebäudes in Sankt Petersburg, das den Namen “Trolfabrik” trägt, und verfolgte drei Tage lang das Leben darin.

Ein Satellitenbild auf Google Maps zeigt, dass die Trollfabrik ein ziemlich großes Bürogebäude ist.

Ein Satellitenbild auf Google Maps zeigt, dass die Trollfabrik ein ziemlich großes Bürogebäude ist.

 

Donnerstag 15.53 Uhr: Wir rufen den Anwerber an

Nach den von Hackern und Journalisten aufgedeckten Informationen werden die Gehälter der Mitarbeiter der Trollfabrik von der “Internet-Forschungsagentur” Agentstwo Internet Issledowanij in der Sawuschkin-Straße 55 bezahlt.

Das Unternehmen, das von russischen Geschäftsleuten finanziert wird, hat auf die Informationen keinen Kommentar abgegeben. Eine Verbindung der Trollfabrik mit dem Kreml wurde nicht nachgewiesen, aber letztlich gibt es im Allgemeinen keinerlei Nachweise über alle Formen der Informationskriegsführung.

Wir untersuchten die Stellenausschreibungen der “Internet-Forschungsagentur”. Am 2. Februar gab es zehn Stellenanzeigen von ihnen auf einer russischen Job-Webseite. Das Unternehmen sucht nicht nach “Trollen”, sondern beispielsweise nach “Spezialisten für Soziale Medien”, “Internet-Sachbearbeiter”, “Content Manager” und “Texter” für Tag- und Nachtschichten.

Die Anzeigen besagen, das Unternehmen suche Menschen, die “im Internet arbeiten, Web-Inhalte für verschiedene Arten von Publikum produzieren, und Texte schreiben können”. Das Monatsgehalt variiert von etwa 400 € für reguläre Arbeitnehmer bis ca. 660 € für Führungskräfte. Der Arbeitsplatz wird in den Anzeigen als “feste Stelle” beschrieben.

Das Internet-Forschungszentrum sucht einen Content Manager, zu dessen Aufgabe nach der Stellenausschreibung das Verfassen und Moderieren von Nachrichten, Infomaterial und Analysen gehört.

Das Internet-Forschungszentrum sucht einen Content Manager, zu dessen Aufgabe nach der Stellenausschreibung das Verfassen und Moderieren von Nachrichten, Infomaterial und Analysen gehört.

 

Wir riefen die Personalabteilung der “Internet-Forschungsagentur” an und baten um weitere Informationen zu den Arbeitsplätzen. Eine sich bedeckt haltende Frau antwortete zögerlich auf unsere Fragen und erklärte dann, dass die Werbetexter und Inhalteersteller meist über politische Themen in englischer Sprache schreiben.

Wir bitten die für Einstellungen bei der “Internet-Forschungsagentur” Verantwortliche um weitere Informationen.

Wir bitten die für Einstellungen bei der “Internet-Forschungsagentur” Verantwortliche um weitere Informationen.

 

Donnerstagabend 17.00 Uhr: Wir telefonieren mit ehemaligen Mitarbeitern

Wir rufen eine ehemalige Mitarbeiterin der Trollfabrik an, eine junge Frau, und bitten sie um ein Interview. Informationen über sie haben wir aus der E-Mail-Korrespondenz zwischen den Führungskräften und Mitarbeitern der Trollfabrik, die von Hackern aufgedeckt wurde.

Die Frau erzählt, sie habe den Job vor langer Zeit aufgegeben, und verweigert Yle-Kioski ein Interview. Andere ehemalige Mitarbeiter, die wir am Telefon erreichen konnten, verweigerten jede Aussage oder leugneten, Kenntnis von der Angelegenheit zu haben.

Nach Angaben von ehemaligen Mitarbeitern, die sich öffentlich geäußert haben, anhand der von Hackern aufgedeckten Dokumente sowie nach Aussage von Journalisten, die in der Trollfabrik verdeckt recherchieren konnten, beschäftigt die Trollfabrik bis zu 250 Personen.

Sie verteilen Propaganda in Blogs, Diskussionsforen, auf Facebook, VKontakte, Twitter und kommentieren in den Medien. Ein Troll kann bis zu 50 bis 100 Nachrichten pro Tag erzeugen und mehrere Profile in den sozialen Medien bedienen. Häufig kommentieren sie auch die selbst geschriebenen Kommentare.

Beispiele für die Themen, die nach Angaben eines ehemaligen Angestellter der Trollfabrik von ihnen bearbeitet wurde. Quelle: Ein Artikel auf der News-Website Fontanka.fi

Beispiele für die Themen, die nach Angaben eines ehemaligen Angestellter der Trollfabrik von ihnen bearbeitet wurde. Quelle: Ein Artikel auf der News-Website Fontanka.fi

 

Donnerstagabend 06.01 Uhr: Erster Besuch

Wir fahren in die Sawuschkin-Straße 55, um von der Trollfabrik Fotos von außen zu machen. Es gibt keine Schilder der im Gebäude ansässigen Unternehmen, weder am Haupteingang noch anderswo an den Wänden des Gebäudes. Fast alle Fenster sind erleuchtet, und die Vorhänge sind vorgezogen. Wir können einen Wachmann in der Eingangshalle erkennen.

Die Trollfabrik befindet sich nördlich der Innenstadt von St. Petersburg. Die Mitarbeiter sind rund um die Uhr bei der Arbeit.

Die Trollfabrik befindet sich nördlich der Innenstadt von St. Petersburg. Die Mitarbeiter sind rund um die Uhr bei der Arbeit.

Donnerstagabend 20.00 Uhr: Wir treffen eine Undercover-Journalistin

Wir treffen uns mit Alexandra Garmaschapowa, eine Journalistin der russischen Zeitung Nowaja Gaseta. Sie und ein Kollege gingen im Jahr 2013 als Mitarbeiter in die Trollfabrik, als sie an einer anderen Adresse im Stadtbezirk Olgino von Sankt Petersburg war, und sie hat einen Artikel über ihre Erfahrungen geschrieben.

In der Trollfabrik bekam Alexandra die Aufgabe, sich jeden Tag zu verschiedenen Themen zu äußern – zum Beispiel russische Oppositionspolitiker zu diffamieren.

Die Journalistin Alexandra Garmažapova machte in der Trollfabrik in Olgino Fotos. Das Schild an der Tür heißt "Abteilung Soziale Medien".

Die Journalistin Alexandra Garmažapova machte in der Trollfabrik in Olgino Fotos. Das Schild an der Tür heißt “Abteilung Soziale Medien”.

Video mit Alexandra Garmaschapowa über die Arbeit in der Trollfabrik

Video mit Alexandra Garmaschapowa über die Arbeit in der Trollfabrik

 

Video 1 von Yle Kioski auf Vimeo

Alexandra Garmaschapowa, eine Journalistin der russischen Zeitung Nowaja Gaseta, erzählt uns im Video, sie habe Angst gehabt, erwischt zu werden, als sie für einen Job in der “Internet-Forschungsagentur” angestellt war. Alexandra arbeitete dort im Jahr 2013 als Undercover-Journalistin, als die russische Führung besonders an dem Oppositionspolitiker Alexei Navalny interessiert war.

Freitagmittag: Wir besuchen den Direkter der im Gebäude ansässigen Nachrichtenagentur

Wir fahren zurück zur Sawuschkin-Straße 55 und schauen nach den anderen Unternehmen, die in dem Gebäude ansässig und mit der Verbreitung irreführender Informationen beschäftigt sind. Eines der eingemieteten Unternehmen ist Ria FAN, ein Unternehmen, das sich selbst Nachrichtenagentur nennt.

Das Unternehmen beitreibt eine Reihe von vor kurzem eingerichteten Webseiten wie riafan.ru, die bei der Berichterstattung die Nachrichten über die Ukraine den Blick der russischen Führung widergibt, und nahnews.com.ua, eine Nachrichtenagentur “aus Charkiw”, die vortäuscht, eine ukrainische zu sein aber von Russland aus betrieben wird.

Nach den von Kioski gewonnenen Informationen wurden die Menschen, die sich der “Internet-Forschungsagentur” für einen Arbeitsplätze beworben hatten, tatsächlich bei Ria FAN angestellt.

Wir interviewten Jewgeni Subarew, der Direktor von Ria FAN vor dem Büro. Subarew bestreitet die Behauptung, dass es bei Ria FAN Trolle gebe. Er führt die Vorwürfe auf den Propagandakrieg zurück und sagt, die ganze Diskussion über Trolling habe den Ruf seiner Agentur beschädigt.

Subarew sagt, er wisse nicht, warum Mitarbeiter von Ria FAN von der “Internet-Forschungsagentur” angeworben worden seien, und vermute, die Schuld liege bei den Personalvermittlungsunternehmen.

Wir bitten Subarew, uns die Büroräume von Ria FAN zu zeigen. Er weigert sich und sagt, Ria FAN sei nur eine der Mieterparteien im Gebäude.

Sehen Sie das Interview mit Subarew hier:

Jewgeni Subarew, der Direktor der Nachrichtenagentur Ria FAN

Jewgeni Subarew, der Direktor der Nachrichtenagentur Ria FAN

 

Video 2 von Yle Kioski auf Vimeo

Jewgeni Subarew, der Direktor der Nachrichtenagentur Ria FAN, sagt in dem Video, dass die Vorwürfe gegen seine Nachrichtenagentur des Trollings beschuldigen gelogen seien. Nach Subarew geht es ist bei allem nur ums Geschäft.

 

Freitag 01.53 Uhr: Der Wachmann: “Dies ist ein “Regierungsgebäude”

Wir nähern uns dem Haupteingang des Gebäudes und fotografieren auf der Straße. Der Wachmann kommt aus dem Gebäude heraus und fordert uns auf, das Fotografieren zu unterlassen, weil das Gebäude “ein Regierungsgebäude” sei.

Wenn dies tatsächlich wahr ist, ist das sehr interessant. In Russland gehören zu  “Regierungsgebäuden” in der Regel die Gebäude des Bundessicherheitsdiensts, Militärgebäude, Verwaltungsgebäude und z.B. Kernkraftwerke. Die Sicherheitsvorschiften in “Regierungsgebäuden” sind besonders streng. Schließlich fordert der Wachmann uns auf, das Fotografieren zu unterlassen, und droht, die Polizei zu rufen.

Diese Fotos in der Sawuschkin-Straße machten den Wachmann der Trollfabrik wütend.

Bildunterschrift: Diese Fotos in der Sawuschkin-Straße machten den Wachmann der Trollfabrik wütend.

Ein Blick auf die Sawuschkin Straße vor der Trollfabrik.

Ein Blick auf die Sawuschkin Straße vor der Trollfabrik.

 

Samstag 8.45: die Frühschicht kommt und die Nachtschicht geht

Wir gehen zurück in die Fabrik, um den Schichtwechsel am Samstagmorgen von 8.45-9.15 Uhr zu sehen.

Nach der Stellenausschreibung beginnt die Arbeitszeit um 9 Uhr morgens und endet um 21 Uhr abends.

Etwa 40 bis 50 Personen betreten das Gebäude kurz vor 9 Uhr, und mehrere Nachtschichtarbeiter gehen. Die meisten der Mitarbeiter sind Frauen und Männer in den Zwanzigern.

Szenen des Schichtwechsel im Video:

kioski-video3Video 3 von Yle Kioski auf Vimeo

Videomaterial über den Schichtwechsel. Der Wachmann des Gebäudes wendet sich wieder an unsere Journalisten. Die Journalistin sagt am Ende: “Ohje, der Wachmann kommt schon wieder raus. Das geht nicht gut.”

Wir bitten Mitarbeiter, uns über ihre Arbeit zu erzählen, aber alle weigern sich. Einige von ihnen sagen, sie dürften nichts sagen und sie hätten auch nichts zu sagen.

Sehen Sie sich die Diskussionen mit Mitarbeitern an:

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Video 4: Ein Mitarbeiter, der gerade das Gebäude verlassen hat, sagt er arbeite in einer Nachrichtenagentur, aber er habe nicht das Recht, Fragen zu beantworten. Er fordert uns auf, uns an seinen Vorgesetzten zu wenden.

 

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Video 5: Während der Zeit des Schichtwechsels bitten wir Mitarbeiterinnen, die außerhalb des Gebäudes herumstanden, uns über ihre Arbeit zu erzählen. Die Mitarbeiterinnen sagten, dass sie nicht das Recht hätten, darüber zu sprechen.

 

Mit diesem Artikel beginnt eine Yle-Kioski Reihe von Artikeln über die russischen Trolle.

Yle ist der größte finnische Fernsehkanal.

Die finnische Version dieses Artikels finden Sie hier, die englische Version hier.

Artikel von: Jessikka Aro und Mika Mäkeläinen
Quelle: Yle-Kioski 20.2.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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