Boris Nemzow: Ja, ich fürchte, Putin wird mich töten

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28. Februar 2015 • Menschenrechte, Nachrichten, Politik, Russland, Soziales

Artikel von: Halya Coynash
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 28.2.2015

Boris Nemzow wurde heute Nacht im Zentrum Moskaus durch Schüsse niedergestreckt, zwei Tage vor einer Kundgebung der Opposition, die er mitorganisierte, und zwei Wochen, nachdem er einem russischen Reporter erzählt hatte, dass er, so wie seine Mutter, fürchte, dass Wladimir Putin ihn töten lassen würde. Er war eine der wenigen Stimmen der Vernunft in Russland, unerschrocken, seine Stimme zu erheben und sogar einen Film über den Krieg zu drehen, den Putin gegen die Ukraine begonnen hat.

Berichten zufolge wurde er von vier Kugeln in den Rücken getroffen, nachdem einige Männer aus einem Auto gestiegen waren. Obwohl es sich sehr nahe beim Kreml ereignete, konnten die Killer entkommen. Wie bei allen Morden an Oppositionsführern, unabhängigen Journalisten und Aktivisten wird es zweifellos internationale Forderungen nach „umfassenden Ermittlungen“ geben etc., und es könnte sogar jemand verhaftet und inhaftiert werden.

Boris Nemzow, nun zum Schweigen gebracht, sagte in einem Interview mit Sobesednik.ru am 10. Februar Folgendes:

„Ich habe nie ein Hehl aus meinen politischen Ansichten gemacht. Ich denke, dass er [Putin] den Krieg in der Ukraine begonnen hat. Meine Einstellung ihm gegenüber könnte schlechter nicht sein. Besonders nach Nord-Ost und Beslan”.

Nemzow sprach über seine Mutter – Dina Jakowlewna Eidman – die im März 87 wird. Sie lebt allein in Nischni Nowgorod, verfolgt aber, was in Russland – und in der Ukraine – passiert.

„Sie ist kategorisch dagegen, was in der Ukraine geschieht, sie hält es für eine Katastrophe und einen kompletten Albtraum. Mehr als über die Ukraine ist sie jedoch über Putin besorgt. Jedes Mal, wenn ich sie anrufe, jammert sie, „Wann hörst du endlich auf, Putin zu kritisieren? Er wird dich umbringen.“ Und sie meint es ernst.

Sie hat natürlich eine sehr schlechte Meinung von Putin – ich bin schließlich ihr Sohn, und es war Mama, die mich lehrte, zu meiner Meinung zu stehen, eigenverantwortlich zu sein und selbst zu denken. Sie war es, die mich so erzogen hat, und nun ist sie entrüstet, dass ich Putin kritisiere, der versucht uns unsere Freiheit zu nehmen. Sie hat wirklich Angst, dass er mich in nächster Zukunft wegen meiner öffentlichen Aussagen in der Welt draußen und in den sozialen Netzwerken töten könnte. Und ich wiederhole, das ist kein Witz, sie ist eine intelligente Frau. Sie hat wirklich Angst davor.“

„Und haben Sie nach solchen Gesprächen mit Ihrer Mutter auch begonnen, sich zu fürchten, dass Putin Sie in nächster Zeit töten könnte, entweder er selbst oder durch Mittelsmänner?“

„Wissen Sie, ja… ein bisschen. Nicht so sehr wie meine Mutter, aber schon… Aber dennoch fürchte ich mich nicht so sehr vor ihm. Wenn ich solche Angst hätte, dann hätte ich wohl kaum eine Oppositionspartei angeführt, hätte das nicht getan, was ich tue.”

„Ich hoffe, die Vernunft wird schließlich siegen und Putin wird sie nicht töten.”

„Ja, lieber Gott. Das hoffe ich auch.”

Boris Nemzow war einer der wenigen durch und durch korrekten und unbeirrbaren Politiker in Russland. Während die Ablehnung Putins und seines Regimes durch Michail Chodorkowski und Alexei Nawalny sich nicht auf die Invasion und Annexion der Krim durch Russland erstreckte, blieb Boris Nemzow seinen Prinzipien  – und denen seiner Mutter – treu und lehnte sowohl die Aktionen Moskaus auf der Krim als auch in der Ostukraine ab.

2014 präsentierten er und Marinjuk einen Film mit dem Titel ‘Der Kriegstreiber’ [Разжигатель войны] über die russische Aggression in der Ostukraine.

(Englische Untertitel – auf das Symbol in der rechten unteren Ecke des Bildes klicken.)

Er berichtete unbeirrbar über alle Beweise für russische Soldaten und russische Militärausrüstung in der Ukraine. In seinem letzten Interview, nur zwei Stunden vor seiner Ermordung regte er eine Debatte mit Putin an und stelle die einfache Frage: „Warum sterben russische Soldaten und Sie als Oberbefehlshaber, Herr Putin, verleugnen sie, lügen und behaupten, dass sie nicht kämpfen? Wir sehen die Gräber der Soldaten – wir sehen sie in Kostroma, in Pskow, in Nischni Nowgorod…”

Eines seiner letzten Facebook Postings über die Kundgebung, die für Sonntag geplant ist, erwähnte die russischen Militärausgaben.

„Der Anti-Krisen-Plan der Regierung sieht die Fortsetzung des Krieges in der Ukraine vor. Die Ausgaben für medizinische Versorgung, für Bildung, Kultur, das heißt eigentlich alles außer die Militärausgaben, wird gekürzt.” Er erklärte, dass die Ausgaben für die Rüstung seit 2014 um 33% gestiegen seien. „Diese Art von Anstieg ist unmöglich in Friedenszeiten. Das ist ein Kriegsbudget.”

Boris Nemzow erhob seine Stimme über Nord-Ost und Beslan. Wie wir wissen, und was die meisten westlichen Regierungen lieber nicht allzu lautstark sagen, um Putin nicht zu verärgern, wurde schwere Artillerie bei einer Schule in Stellung gebracht mit über 1000 Geiseln, davon mehr als die Hälfte Kinder. Er äußerte sich auch unerschrocken ehrlich über die menschlichen (und die Umwelt betreffenden) Kosten der Entscheidung Putins, die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi abzuhalten. Über die menschlichen Kosten eines Regimes, das auf Lügen und auf Menschenverachtung aufbaut.

Es gibt einfach keine Worte, um diesen Verlust auszudrücken.

Вечная память  Zu ewigem Andenken.

Artikel von: Halya Coynash
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 28.2.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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