„Mit Putin wird es keinen Frieden geben“

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Artikel von: Stanisław Żaryn
Quelle: wPolityce.pl

“Wie häufig müssen wir wieder und wieder dieselbe Lektion lernen, um zu begreifen, dass es kein Hindernis gibt, welches uns vor dem Appetit des russischen Imperialismus bewahren kann?” Das polnische Internetportal wPolityce.pl im Interview mit Professor Andrzej Nowak.

wPolityce.pl: 68 Prozent der russischen Bevölkerung fürchten sich vor einer militärischen Aggression eines Drittstaates. Gleichzeitig glauben sie an die Verteidigungsfähigkeiten ihres Landes und befürworten die Wehr- sowie andere Pflichten, die im Zusammenhang mit der Landesverteidigung stehen. Diese Umfrageergebnisse wurden von einem unabhängigen Forschungsinstitut erhoben. Was sagt uns das?

Prof. Andrzej Nowak: Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Umfrage zu interpretieren. Eine Möglichkeit – vor der ich mich fürchte, die jedoch auch Anhänger hat – besteht darin, alles in der Macht stehende zu tun, damit die Russen keine Angst vor uns haben. Das wäre mit dem Ende unseres Widerstands gegen das verbunden, was nach dieser Lesart fälschlicherweise als russische Aggression dargestellt wird. In diesem Narrativ basiert das russische Handeln auf dem Wunsch nach Verteidigung seiner Minderheiten und auf dem Kampf gegen Terrorismus und Nationalismus. Es kursieren Einflüsterungen, denen zufolge wir mit dem Zurückweichen den russischen Ängsten entgegenkommen und die Welt wieder vom Rande eines Krieges fortführen.

Ist das nicht vielleicht ein rationales Vorgehen?

Solch eine Politik verfolgen die Machthaber der westlichen Mächte im Grunde genommen seit 90 Jahren – seit in Russland der totalitäre Umbau begonnen hat. Im Westen wird vorgegeben, dass man es mit einem normalen Partner und seinen berechtigten Interessenssphären zu tun hat. Und da sich innerhalb dieser Einflusssphären andere, kleinere Nationen befinden, müssen diese nun einmal um des Friedens mit der mächtigeren, größeren Nation willen geopfert werden, die seit vielen Jahrhunderten den nördlichen Teil des eurasischen Kontinents dominiert hat. Das ist Appeasement, Beruhigung durch Kapitulation, durch Rückzug. Diese Politik scheint falsch und unsinnig; ihre Folgen insbesondere für die Bevölkerung der betroffenen Region haben sich in empirischer Hinsicht mehrfach als katastrophal erwiesen. Es kann sein, dass diese Politik einigen Entscheidungsträger in Washington oder Westeuropas kurzfristige Vorteile verspricht. Die Verlierer sind jedoch zwangsläufig diejenigen Staaten, die Russland als Bestandteil seiner originären Einflusssphäre ansieht.

Heute die Ukraine – und was kommt danach? Was könnten die nächsten Ziele Russlands sein?

Heute die Ukraine, anschließend könnte es Lettland, Estland und Litauen treffen, und morgen bereits Polen. Wie häufig müssen wir wieder und wieder dieselbe Lektion lernen, um zu begreifen, dass es kein Hindernis gibt, welches uns vor dem Appetit des russischen Imperialismus bewahren kann, vor allem des im 20. Jahrhundert in seiner unvergleichbar schrecklicheren, totalitären Spielart erneuerten Imperialismus? Wladimir Putin ist ein Kind dieser Spielart.

Nun gehört der real existierende Sozialismus in Russland der Vergangenheit an…

Natürlich gibt es in Russland keinen Sozialismus mehr, aber die Staatsideologie beruht nach wie vor auf Furcht und der Zurschaustellung von Macht. Die Umfrage, von der vorhin die Rede war, ist ein Beleg für die Wirkkraft dieser in Russland nach wie vor praktizierten Ideologie, die die Gesellschaft durch Furcht erzieht und Achtung lediglich gegenüber nackter Gewalt und Stärke kennt. Das ist sowjetische, totalitäre Erziehung. Und ebendies diese Art von Erziehung wird von Putin forciert.

Sie sprachen noch von einer zweiten Möglichkeit, die Umfrage zu interpretieren.

Ein Führer, der seine Untergebenen auf diese Art und Weise erzieht, wird sich zu keinem Kompromiss und zu keiner Befriedung bereit zeigen. Nur ein grundlegender Systemwandel, eine Veränderung dieser politischen Indoktrination und ein Austausch der politischen Führung im Kreml kann die unmittelbare Nachbarschaft zu Russland zu einer sicheren Angelegenheit machen. Die Auslöschung einer Kultur des Diskurses und Kompromisses aus den Schulen scheint mir ein tragischer Irrweg zu sein und vergrößert nur den Zwang zu weiteren Konzessionen und die Anzahl der Opfer dieses Systems.

Besteht denn irgendeine Möglichkeit, auf eine Demokratisierung Russlands unter Putin zu hoffen?

Unter Putin wird es mit Sicherheit keine wie auch immer geartete Demokratisierung Russlands geben. Letztendlich muss das russische Volk selbst erkennen, dass der Weg Putins geradewegs in eine Wirtschaftskrise und in eine Niederlage des Staates führt. Hier lohnt ein Blick auf die Lektionen aus dem Jahre 1853.

Wieso das?

Damals hat der Westen Widerstand gegen die russische Aggression geleistet und die russische Expansion im Zuge des Krimkrieges verhindert. Ich hoffe sehr, dass dies heute ohne eine militärische Auseinandersetzung gelingt, sondern mit einstimmigen politischen und wirtschaftlichen Sanktionen, die zu einem Zusammenbruch dieses Systems führen und einem Reformprozess den Weg ebnen. Ebendies ist in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts geschehen. Ich glaube, dass Sanktionen des Westens im Energiesektor heute zu ähnlichen Veränderungen führen könnten. Mit Putin wird es keinen Frieden und Verständigung geben – und wenn, dann werden wir nur die Opfer einer solchen Einigung sein.

Das Gespräch führte Stanisław Żaryn.

Artikel von: Stanisław Żaryn
Quelle: wPolityce.pl

Bild: wPolityce.pl

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