Propaganda, die tötet: Der Londoner Guardian: “The truth is out there”

Blumen zum Gedenken an den russischen Oppositionsführer Boris Nemzow, der am 27. Februar in Moskau ermordet wurde. - Foto: Sergei Ilnitsky / EPA

Blumen zum Gedenken an den russischen Oppositionsführer Boris Nemzow, der am 27. Februar in Moskau ermordet wurde. - Foto: Sergei Ilnitsky / EPA 

Analytik und Meinungen, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Quelle: The Guardian 2.2.2015

“The truth is out there”: Untertitel der amerikanischen Fernsehserie X-Files (deutsch: “Akte X – Jenseits der Wahrheit”)

Nietzsche sagte es zuerst: “Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen.” Aber Wladimir Putin hat es für sich zu einer politischen Strategie perfektioniert. Innerhalb weniger Stunden nach dem Mord an dem Oppositionsführer Boris Nemzow am Freitag waren die Medienorganisationen schon mit mehreren Erklärungen dessen, was passiert war, beliefert worden. Entweder weil Nemzow seine Freundin zu einer Abtreibung gezwungen habe; weil es Verbindungen zum ukrainischen Nationalismus gebe, weil es etwas mit seinen Geschäftsinteressen oder mit seinem Standpunkt zu Charlie Hebdo zu tun habe.

Gerade so wie elektronisches Streufeuer aus dem Heck eines Tupolew-Bombers, um damit eine herankommende und Wärme suchende Rakete zu verwirren, wurde die Vorstellung, dass es mehrere Interpretationen der Wahrheit gebe, zur grundlegenden Philosophie der staatlichen Desinformation in Putins Russland entwickelt, um diejenigen zu verwirren, die versuchen, die Wahrheit aus den vielfachen Geschichten der Ablenkungs-PR herauszufiltern. Die Taktik ist es, so viele konkurrierende Narrative wie nur möglich zu schaffen. Und inmitten all des daraus  resultierenden hermeneutischen Chaos stillschweigend und unentdeckt zu entgleiten.

Dies ist eine Taktik, wie aus Putins KGB-Handbuch aus den 1970er Jahren. Die Erfindung einer Vielzahl von Versionen, damit die Wahrheit darunter versteckt werden kann. Unter solchen Umständen kann die Vorstellung, dass es so etwas wie “die Wahrheit” an sich gibt, selbst in Frage gestellt werden. “Es gibt keine Objektivität – nur eine Annäherungen an die Wahrheit, die von so vielen unterschiedliche Stimmen wie möglich kommen” stellt Margarita Simonjan es dar, die Chefredakteurin des staatlich unterstützten Russia Today. Dies ist zur Waffe gewordener Relativismus.

Die Vorstellung, dass es so etwas wie “die Wahrheit” an sich gibt, wurde zur grundlegenden Philosophie der staatlichen Desinformation gemacht.

Einer der wichtigsten Zirkusdirektoren dieses postmodernen Autoritarismus ist der Putin-Berater und modebewusste ehemalige Fernsehchef Wladislaw Surkow, mit ihm kann man ebenso angenehm über Performance-Kunst und Rap-Musik reden wie über die aktuelle Politik. Für ihn ist jede Nachricht ein Kommentar, jede Wahrheit wenig mehr als eine Meinung; es gibt eine BBC-Ansicht; eine Fox-News-Ansicht; eine Russia-Today-Ansicht. Alle sind Ausdruck der jeweiligen Sonderinteressen und nicht so sehr Versuchungen der Wahrheit als individuelle Perspektiven und örtliche Darstellungen.

Surkow begreift, dass all das eng mit der im Westen vertrauten Vorstellung zusammenspielt, derzufolge jede einzelne Perspektive als eine Frage der individuellen Meinung legitimiert werden kann. Auf der Grundlage dieser faulen Philosophie kann die Vorstellung, dass eine Sicht richtig und eine andere falsch ist, so ausgelegt werden, dass sie wie eine unberechtigte Auferlegung von Autorität klingt. Man kann jetzt schon die Einwände gegen die Behauptung der Wahrheit hören: “Wer hat denn das Sagen, wer Recht hat?”

Was die Meinungsmache des russischen Staates zeigt ist, dass uns durch den Verzicht auf das, was wir bequemerweise Wahrheit zu nennen gewöhnt waren, nichts anderes außer der schieren Macht übrig bleibt. Mit anderen Worten, Relativismus führt unweigerlich in den Nihilismus. “Was ist die Wahrheit?” sagte Pontius Pilatus bei seinem Versuch, die Frage von Schuld oder Unschuld mit einer hochtrabenden Putin-artigen Irreführung zu verwirren. Keine Nachrichtenagentur sollte Verständnis für diese Strategie aufbringen. Denn während der Kommentar frei ist, sind die Fakten heilig.

Inmitten all der verschiedenen Versionen “der Wahrheit”, wie sie jetzt vom russischen Staat einstudiert werden, ist es notwendig, auf eine Wirklichkeit zu bestehen: Am Freitagmorgen war Boris Nemzow am Leben, aber am Ende des Tages war er tot. Inmitten der mutwilligen Irreführungen der Kreml-Gegenmaßnahmen ist das doch die ganz einfache Wahrheit.

Quelle: The Guardian 2.2.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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