Wird Griechenland ein russischer Satellitenstaat?

Der jetzige griechische Außenminister Kotzias in Moskau - in trauter Runde mit dem 'Eurasier' Alexander Dugin

Der jetzige griechische Außenminister Kotzias in Moskau - in trauter Runde mit dem 'Eurasier' Alexander Dugin 

3. März 2015 • Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: David Patrikarakos
Quelle: The Daily Beast, 27.2.2015

Die Strategie der Unterstützung von ganz links und ganz rechts und das Ausspielen der Ressentiments gegen Berlin und Brüssel seitens des Kremls –  beides trägt Früchte.

Direkt über einem Designer-Laden an einer Hauptstraße in der Innenstadt von Athen wirkt sich die Ukraine-Krise auch in Griechenland aus. Während Kunden unten nach teuren Kleidern und Schuhen mit hohen Absätzen stöbern, packen zwei Etagen höher Freiwillige Stiefel und Thermo-Unterwäsche in Kisten, um sie an ukrainische Soldaten in einem knapp 3.000 km entfernten Krieg zu schicken.

Aber die Freiwilligen in einer Facebook Gruppe der ukrainischen Diaspora in Griechenland: “Aus Griechenland mit Liebe” sind offensichtlich nicht allzu gut gelitten. Denn eigentlich ist Griechenland ein Land, in dem die Sympathien weitestgehend bei Moskau liegen und dessen neue linke Regierung geradezu intim mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin befreundet ist.

“Marija”, eine Freiwillige, die ihren richtigen Namen lieber nicht angeben will, sagt unverblümt: “In Griechenland reden die Medien immer über den Konflikt als Bürgerkrieg. Die russische Beteiligung wird überhaupt nicht erst erwähnt. Es gibt auch keinen echten Hinweis auf die russischen Kriegsausrüstungen und Waffen, die an die Separatisten fließen. In der Tat werden Waffen nur in der Diskussion über die Unausweichlichkeit von US-Waffenlieferungen und bei den Spezialeinheiten in der ukrainischen Armee erwähnt.”

“Die übergroße Mehrheit der Ukraine-Berichte im griechischen Fernsehen kommt aus Russland”, ergänzt Anna Sajka, eine ukrainische Buchhalterin und Mitglied der Gruppe, die seit 10 Jahren in Griechenland lebt. “Sie sehen einen griechische Reporter, der über die Ukraine-Krise interviewt wird, und er steht auf dem Roten Platz, das ist so lächerlich.”

“Wir wollen auf dem Schlachtfeld der Informationen kämpfen”, sagt Jelena Gezewa, eine der Gründerinnen der Gruppe. “Wir müssen dafür kämpfen, dass die Menschen die Wahrheit kennenlernen, und deswegen arbeiten wir mit Historikern und Journalisten zusammen, um die Fakten zu veröffentlichen und um diesen Dinge entgegenzutreten.”

Während die Unterstützung für Russland in der ganzen Welt abnimmt, haben 61 Prozent der Griechen positive Ansichten über Moskau.

“Jeder, der die Ukraine unterstützt, wird als Faschist bezeichnet,” sagt Saika. Im November gab es eine “antifaschistische” Kundgebung an der Universität Athen, bei der die Teilnehmer Fahnen der Volksrepublik Donezk schwenkten, derjenigen Separatistenorganisation, die jetzt die ostukrainische Stadt Donezk und einen Teil seiner Umgebung kontrolliert. Es ist schwer, sich eine ähnliche Kundgebung in Großbritannien, Frankreich oder Deutschland vorzustellen.

Nach Angaben des Pew Research Center haben 61 Prozent der Griechen positive Ansichten über Moskau, während die Unterstützung für Russland in der ganzen Welt abnimmt.

Es gibt mehrere Gründe dafür. Die Beziehungen zwischen Russland und Griechenland sind historisch sehr eng. Die Länder haben die orthodoxe Religion, historische Handelsbeziehungen und wichtige Ereignisse gemeinsam. Die Revolution von 1821 gegen die türkische Herrschaft, die zur Bildung des modernen griechischen Staates geführt hat, kann teilweise ihre Wurzeln auf den großen griechischen Bevölkerungsanteil der (damals) russischen Stadt Odessa zurück verfolgen. Griechenland flirtete im frühen 20. Jahrhundert auch mit dem Kommunismus (erst ein viele Opfer fordernder Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 konnte den Kommunismus besiegen). Diese Verbindungen leben in der kollektiven Erinnerung nach. Attika-TV, ein lokaler Athener Sender strahlt wöchentlich Russischunterricht für seine Zuschauer aus.

Und dann gibt es da noch die heutigen geopolitischen Faktoren. “Es ist nicht ungewöhnlich, dass die griechische öffentliche Meinung nicht mehr mit den europäischen Partnern und den USA synchron geht”, sagt Thanos Dokos, Direktor des griechischen Instituts Eliamep (Hellenische Stiftung für Europäische und Internationale Politik). “Das ist eine Reaktion auf vielen Anliegen” und “gründet sich mehr auf Emotionen statt Interessen.”

Saika wird deutlich: Aufgrund der Krise der Eurozonen-Krise in Griechenland und den Entbehrungen der auf Drängen Berlins verhängten Austeritätspolitik “ist es wie ein Fluch, >Deutschland< oder >Merkel< zu sagen, wenn Merkel also Russland verurteilt oder man sich pro-ukrainisch äußert, muss dies etwas Schlechtes sein. Hier herrscht die Ansicht, dass die USA Russland ‘erniedrigen’ will und dass das auf dem Schlachtfeld der Ukraine passiert”.

All dies schafft den Nährboden, den Putin für sich zu nutzen weiß. Wie die Historikerin Anne Applebaum kürzlich feststellte, hat Putin Jahre damit verbracht, die EU und die NATO zu untergraben und den Spaltpilz unter den Westmächten zu säen. In Griechenland, in der Randzone der europäischen Nationen, hat er ein aufnahmefähiges Publikum für diese Politik gefunden.

Wie Dokos beobachtet, ist es die vorherrschende Meinung in Griechenland, dass die Euromaidan-Revolution in der Ukraine vor einem Jahr das Ergebnis einer Intervention des Westens war, und während er glaubt, dass der Ärger mit Deutschland und die Enttäuschung über die EU jetzt stärker ist als der Antiamerikanismus, gibt es doch keinen Zweifel, dass diese Stimmung in weiten Kreisen der griechischen politischen Gesellschaft immer noch weit verbreitet ist – vor allem im linken Spektrum.

Der kurz zurückliegende Sieg der extrem linken Partei Syriza, die jetzt Griechenland regiert, bedeutet, dass der Einfluss der Linken in Griechenland wächst – und damit auch die Beziehungen zu Russland. Die Partei identifiziert sich schon länger öffentlich mit der von ihr so wahr genommenen “anti-imperialistischen” Sache – z. B. ihre Unterstützung für die Palästinenser gegen die israelische und amerikanische Hegemonie.

Darüber hinaus scheint die Regierungskoalition sehr enge Verbindungen mit Russland haben. Syriza ist in einer parlamentarischen Koalition mit der rechtsradikalen ANEL “Unabhängige Griechen”), und es gibt, wie von dem Wissenschaftler am “Risikomanagement-Labor” an der Neuen Bulgarischen Universität in Sofia Christo Grozev gezeigt, deutliche Hinweise auf das aktive Engagement des russischen Politikinstituts RISS (oder RISI), das zur “Informationsunterstützung” für die russische Regierung eingerichtet wurde und in den Monaten vor ihrem Wahlsieg von prominenten griechischen Politikern sowohl von der ANEL als auch von Syriza besucht wurde. [Anm. d. Übers.: siehe dazu auch: “Kreml-Denkfabrik bestätigt enge Bindungen mit dem neuen griechischen Premier”] Das RISS wird von Leonid Reschetnikow geleitet, einem Ex-Auslandsnachrichtendienst-General (FSB), der fließend Griechisch, Bulgarisch und Serbisch spricht. [Anm. d. Übers.: siehe dazu auch: “Zugang zur griechischen Regierung? Die Vorwahl von Moskau wählen!”]

Grozev glaubt, die RISS sei der Schlüsselfaktor in Putins Plänen zur Destabilisierung von  europäischen Staaten, vor allem auf dem Balkan. Reschetnikow habe, so behauptet Grozev, in Bulgarien persönlich mit der Führung der rechtsextremen Partei Ataka und mit der Führung der linksextremen Partei ABW (Alternative für die Bulgarische Wiedergeburt] zusammengearbeitet. [Anm. d. Übers.: siehe dazu auch: “Wie Putins Pipeline-Deal scheiterte”] Dieser Schwerpunkt auf die rechtsextremen und links-außen-Parteien  in Bulgarien zeigt eine Parallelität mit den Verbindungen Russland mit der ANEL und Syriza, noch bevor sie eine Koalition gebildet haben, die jetzt Griechenland regiert.

Währenddessen zeigen demagogische Politiker wie Nigel Farage von der UK Independence Party und Marine Le Pen von der Front National in Frankreich und Großbritannien ihre Bewunderung für Putin und ihre Abscheu vor der EU. In einer Welt nach dem Finanzcrash werden ihre Stimmen wie nie zuvor beachtet.

In einer Erklärung vom 25. Februar 2015 sprach der amerikanische General Philip Breedlove, NATO-Oberbefehlshaber in Europa, von der Wirksamkeit der russischen “Propagandamaschine”, die “versuche, das Potenzial von Sympathien in der erzürnten Bevölkerung auszunutzen.”

In Griechenland liegt die Wahrheit seiner Worte auf der Hand: Die Politik des Kreml macht immer mehr Fortschritte im politischen Bewusstsein in Europa.

Demonstration in Griechenland (mit Fahnen der kommunistischen Partei KKE) - Petros Giannakouris/AP Photo

Demonstration in Griechenland (mit Fahnen der kommunistischen Partei KKE) – Petros Giannakouris/AP Photo

Artikel von: David Patrikarakos
Quelle: The Daily Beast, 27.2.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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