‘Schlagt die Juden, rettet Russland – ein hässlicher Alter Slogan kehrt zurück in Putins Russland

Leokadia Frenkel vom Zentrum der Jüdischen Gemeinschaft in Sankt Petersburg

Leokadia Frenkel vom Zentrum der Jüdischen Gemeinschaft in Sankt Petersburg 

5. März 2015 • Menschenrechte, Russland, Soziales

Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: colta.ru
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 3.3.2015

Das Klima von Angst und Hass, das Wladimir Putin in Russland geschaffen hat, und das sich zuerst gegen Tschetschenen richtete, dann gegen Einwanderer und Homosexuelle, richtet sich nun gegen Juden, was niemanden überrascht, der mit der Geschichte Russlands und der Neigung aller überall, die hassen, vertraut ist, für ihren Hass weitere Objekte zu finden.

In einem Artikel mit dem Titel “Schlagt die Juden, rettet Russland” auf colta.ru erzählt Swetlana Reiter die Geschichte zweier Frauen in St. Petersburg, einer Jüdin und einer Frau, die nur mit jüdischen Aktivitäten verbunden ist, und vom Anstieg des Antisemitismus, mit dem sie und andere sich nun seitens einiger in der Bevölkerung und, noch schlimmer, von Seiten einiger innerhalb der Polizei, konfrontiert sehen.

Leokadia Frenkel, Programm-Koordinatorin des Zentrums der Jüdischen Gemeinschaft (Jewish Community Center)  in der nördlichen Hauptstadt, beschreibt ihre Erfahrungen, während sie Gastarbeitern aus Usbekistan, Kirgisistan und Georgien Russischunterricht erteilte, eine Aktion, von der man erwarten könnte, dass sie von Russen und besonders russischen Nationalisten, geschätzt würde.

Doch das ist bei Weitem nicht der Fall. Sie berichtet, dass eine Gruppe, die sich im sozialen Netzwerk VKontakte selbst “Moralität” nennt, ihre Bemühungen angegriffen, 161 Fotos von ihr gepostet und dabei die Idee öffentlich anprangerte, dass „eine jüdische liberale soziale Gruppe zu Veranstaltungen geht und ‚schwarze‘ Kinder Russisch lehrt“.

Die Gruppe, die mehr als 4,000 Mitglieder hat, ist “absolut faschistisch und antisemitisch”, sagt Frenkel. „Sie schreiben ständig, dass Migranten einen Großteil der Verbrechen in Russland verüben, dass ‚schwarze‘ Kinder in unsere Schulen gehen und unsere Kinder verderben, dass die Kinder von Einwanderern wilde Tiere seien“ und so weiter.

Als die Seite davon erfuhr, dass „eine Jüdin Einwanderer unterrichtet“, schlossen die Admins daraus, dass sie es mit etwas zu tun hatten, was in ihren Augen „das Böse an sich“ sei. Sie posteten Information nicht nur über sie, sondern über ihren Sohn und ihren Ehemann und erklärten, dass weder Juden noch Einwanderer „einen Platz in unserer Gesellschaft haben“.

Michail Kusmin, 28, der Gründer der Gruppe “Moralität“, ist ein Absolvent der Russischen Akademie der Rechtswissenschaften in St. Petersburg und Mitglied in der Sektion der Großrussischen Partei. Er hat in der Vergangenheit wegen seiner Faustattacken auf Lesben und Homosexuelle Aufmerksamkeit erregt.

Auf einem der geposteten Fotos, so Frenkel, wird Kusmin in Polizeiuniform gezeigt, obwohl sie nicht wisse, ob er tatsächlich Polizist sei. Ein weiteres Foto zeigt ihn neben dem berüchtigten Obskuranten und Duma-Abgeordneten Milonow.

„Das Schlimmste ist natürlich“, so fährt sie fort, „dass Kusmin nicht nur in sozialen Netzwerken agiert. Er geht auf der Straße herum. Ich beschwerte mich bei den Administratoren von  VKontakte, aber sie antworteten: ‘Wenn Sie die Gruppe nicht mögen, dann sehen Sie sich das Material nicht an. Wir schließen nur Gruppen, die direkt das Leben von jemandem bedrohen‘.“

Frenkel weiter: „Es ist schwer für mich zu beurteilen, ob Leute von ‚Moralität’ mein Leben bedrohen. Aber unter den tausenden Mitgliedern ist es nicht unmöglich sich vorzustellen, dass es einige gibt, die das tun“, sagt sie. „Ich habe wirklich Angst um meine Familie“ angesichts des „wahnsinnigen Grades von Aggression“ in der russischen Gesellschaft.

Sie fügt hinzu, dass ihr Zentrum keine Waffen habe, sich zu verteidigen. „Das einzige“, was sie tun kann, ist über die Gruppe in der Öffentlichkeit zu sprechen und zu hoffen, dass es auch andere dazu veranlasst, entsetzt zu sein wie sie, wenn man ein grelles Licht auf dieses Übel richtet.

Die zweite Person, mit der Reiter sprach ist Tamriko Apakidse, eine ethnische Georgierin , die am Institut für Judaismus in St. Petersburg unterrichtete, bevor sie sich entschloss, nach Deutschland zu übersiedeln, weil die Situation dort zu ungemütlich war. Sie erzählt, wie sie sich auf einer Polizeistation wiedergefunden hatte, weil sie ein Schild trug: „Die Krim gehört zur Ukraine“ und „Make Love Not War.”

Tamriko Apakidse lehrt am Institut für Judaismus in St. Petersburg

Tamriko Apakidse lehrt am Institut für Judaismus in St. Petersburg

Anfangs war sie fasziniert, da sie noch nie vorher angehalten worden war. Als ihr jedoch die Polizei ihre Dokumente abnahm und nicht erlaubte, jemanden anzurufen, habe sie gemerkt, dass das kein Spaß sei. Außerdem wurde der Vernehmungsbeamte zornig, als sie sagte, dass sie am Institut für Judaismus arbeite.

Er begann zu fragen, „was ich dort lehrte und wie lange ich dort gearbeitet habe“. Sie erzählt, dass sie dann freigelassen wurde, man ihr ein Protokoll gab und sie auf die Vorladung vor Gericht warten solle. Aber am nächsten Tag merkte sie, dass das noch nicht das Ende war. Es stellte sich heraus, dass auf der Polizeistation Kusmin von der Gruppe „Moralität“ anwesend war und dass er das alles in der VKontakte Gruppe geteilt hatte.

Obwohl sie gesagt hatte, dass sie Georgierin sei, war ihre Arbeit für das Institute für Judaismus genug für ihn, berichtet Apakidse. Er postete ca. 25 Fotos von ihr, einen Screenshot des Instituts, daneben ein Foto von sich selbst in Nazi-Uniform mit den Worten, dass sie keine Homosexuelle sei, diese aber unterstütze.

Apakidses Ehemann schrieb an Kusmin, beschuldigte ihn, ein Nazi zu sein und verlangte, dass er alle Fotos entfernen solle, sagt sie. Darauf antwortete Kusmin: „Ich bin kein Nazi, weil alle Nazis Juden sind.“ Es gab keinen Grund, die Diskussion fortzusetzen, fügt sie hinzu, aber sie signalisierte, dass sie nie erwartet hätte, so etwas zu erleben.

Sie und ihr Mann ersuchten VKontakte, die Gruppe zu entfernen. Das geschah jedoch nicht und sie bekam „große Angst“, sagt Apakidse, besonders als sie das Foto des Instituts sah. Sie gesteht, dass sie das tatsächlich paranoid gemacht hätte, besonders weil es Anlass zu „dem Verdacht gab, dass Kusmin mit der Polizei zusammenarbeite.“

Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: colta.ru
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 3.3.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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