Insiderhandel kennt Putins Pläne vorab – Leonid Bershidsky bei Bloomberg Views (Übersetzung)

“Folgt dem Geld!” - Foto: Daniel Roland/AFP/Getty Images

“Folgt dem Geld!” - Foto: Daniel Roland/AFP/Getty Images 

Analytik und Meinungen, Krim, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Leonid Bershidsky
Quelle: Bloomberg Views, 25. Februar 2015

Auf den ersten Blick erscheint Präsident Wladimir Putins Russland wie eine traditionelle Schurken-Diktatur, deren Handeln unmöglich vorherzusagen ist. In Wirklichkeit handelt es sich aber um einen kapitalistischen Staat aus lauter Kumpanen mit relativ offenen Märkten. Deswegen weiß man immer schon etwas im Voraus, was passieren wird, wenn man nur die  finanziellen Transaktionen von Insidern verfolgt.

Zwei Philosophiestudenten an der Cornell-Universität namens Felipe Silva und Jekaterina Wolkowa [engl. Transskription: Volkova] haben dies kürzlich erneut festgestellt, indem sie den russischen Aktienhandel vor Russlands Annexion der Krim analysierten. In einem noch unveröffentlichten Papier zeigen sie auf, dass Insider schon mit dem Verkauf von Aktien begannen, während außenstehende Beobachter, auch die erfahrenen, immer noch mit sich rangen, ob man die Möglichkeit eines bewaffneten russischen Angriffs auf die Ukraine akzeptieren könne.

Die Forschungsergebnisse von Silva und Wolkowa basieren auf dem Konzept der Wahrscheinlichkeit des informierten Handels (“concept of probability of informed trading”), das ursprünglich in der Mitte der 1990er Jahre von David Easley und Maureen O’Hara ebenfalls von der Cornell-Universität entwickelt wurde. Die Forscher entwickelten eine Möglichkeit, die sie als “Volumen-Synchronisierte Wahrscheinlichkeit des informierten Handels” (Volume-Synchronized Probability of Informed Trading – VPIN [PDF-Download]) bezeichnet haben. Im Wesentlichen umfasst dies den Anteil der Handelsaufträge, die wahrscheinlich von informierten Teilnehmern oder Insidern auf der Grundlage ihrer Fähigkeit platziert werden, eine Bewegung der Preise korrekt zu antizipieren. Wenn der VPIN-Wert für eine Aktie oder einen Index im Vergleich zu seiner Historie deutlich steigt, bedeutet dies, dass Insider sich viel stärker aktiv beteiligt haben. Das legt nahe, dass ein bedeutsames Ereignis wahrscheinlich geschehen wird. Das VPIN-Modell hatte den Flash Crash von 2010 zwei Stunden vor dem eigentlichen Zusammenbruch vorhergesagt.

Silva und Wolkowa wandten das Modell zwischen dem 6. Januar und dem 4. April 2014 auf den Handel mit Aktien und 161 russischen RTS-Index-Futures an. Für die RTS-Futures war der typische VPIN-Wert 34 %, verglichen mit 22,5 % für die E-Mini S & P 500 Futures. (Das bedeutet nicht, dass in der Regel ein Drittel der Aufträge von Kriminellen mit illegalen Insiderinformationen platziert werden; VPIN definiert “Insider” weit gefasst als Menschen mit besseren Informationen als andere.)

Am 26. Februar, vier Tage nach der Flucht des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch aus Kyiw, um einer Revolution gegen seine korrupte Herrschaft zu entkommen, und zwei Tage nach dem Versuch der ukrainischen Behörden, ihn auf der Krim festzunehmen, versetzte Putin die Truppen im Westen Russlands in höchste Alarmbereitschaft. Am 27. Februar um 6 Uhr morgens übernahmen Männer in Uniformen ohne Kennzeichnung sang- und klanglos die Kontrolle über die Gebäude des lokalen Parlaments und der Regierung in Simferopol auf der Krim. Niemand in Simferopol, einschließlich der lokalen Regierung, stellte unverzüglich die Verbindung her: Putins Vorgehen im Krieg war noch nicht allgemein bekannt.

Die geheimnisvollen “grüne Männchen” gaben nur an, dass sie “auf Seiten der Menschen” stehen. Die Kundgebungen für und gegen die Revolution in Kyiw gingen auf der Krim weiter. Die Situation war vielleicht ein wenig gespannter als im Rest der Ukraine, aber es erschien vielen, mich eingeschlossen, immer noch unwahrscheinlich, dass Russland direkt eingreift, geschweige denn die Halbinsel der Ukraine entreißen wird. Ich betrachte mich als eher informierten Menschen, mit vernünftigen Quellen sowohl in Moskau als auch in Kyiw, aber ich erinnere mich, dass es mir damals schwer fiel zu glauben, dass Putin wirklich so etwas tun würde.

Im Nachhinein gab es Andeutungen, wenn man wusste, wo man sie suchen sollte – und eine Zugangsberechtigung hatte. Schon Wochen vor dem Angriff auf die Krim hatten konservative Denkfabriken in Moskau die Grundlagen gelegt und den Kreml mit Berichten und Aufforderungen zur Intervention in der Ukraine für den Fall, dass Janukowytsch gestürzt wird, bombardiert. Ein solches “Analysepapier” vom Februar 2014 wurde gestern in der Anti-Putin-Wochenzeitung Nowaja Gaseta veröffentlicht. Es ist nicht klar, wo genau es herkommt, aber jede einzelne von einem Dutzend Forschungsgruppen in der Nähe der militärischen und geheimdienstlichen Falken in Putins Umgebung könnte es produziert haben. [Anm. d. Übers.: Das Kreml-Strategiepapier zum Ukrainekonflikt – Deutsche Übersetzung von Euromaidan Press auf Deutsch]

“Unter den [gegenwärtigen] Bedingungen ist es richtig, auf die Dezentralisierungsbemühungen unterschiedlicher Regionen des Landes zu setzen”, so das Dokument, das sich auf eine geschwächte, zerrissene Ukraine” bezieht, “mit dem Ziel, in der einen oder anderen Form die Eingliederung der östlichen Regionen zu Russland zu initiieren. Führende Regionen, auf die besonders Anstrengungen eingesetzt werden, müssen die Krim und die Region Charkiw werden, in welchen es schon eine starke Unterstützung für die Idee der Integration mit der Russischen Föderation gibt.”

Man müsste sich in die geheimnisvollen, antiwestlichen, ultrakonservativen Flügel von Putins Mannschaft hineinversetzen können – die seitdem die Tagesordnung in Moskau bestimmen können -, um mehr über diese Berichte zu wissen und ob sie ernsthaft in Erwägung gezogen wurden. Aber anscheinend hatten einige Anleger den erforderlichen Zugang. Am 27. Februar stieg der VPIN-Wert für den RTS-Index sprunghaft und erreichte 52,5 % – deutlich über der Norm. Hier ist eine Tabelle von Silva und Wolkowa, die zeigt, dass es so geschehen ist:

Silva und Wolkowa 2014

Silva und Wolkowa 2014

In einem Artikel in der Tageszeitung Wedomosti wies Wolkowa darauf hin, dass die VPIN-Werte für bestimmte Aktienbestände am 27. Februar ebenfalls anstiegen. “Offenbar gab es Leute am Markt, die per Makro-Handel oder aufgrund von politischen Informationen gehandelt haben, bevor die Information an die Öffentlichkeit gedrungen ist,” schrieb Wolkowa und wies darauf hin, dass der Vorstandsvorsitzende des Erdgaskonzerns Gazprom, Wiktor Subkow, Anteile an der Firma bereits am 11. Februar 2014 verkauft hatte – nur wenige Wochen bevor die Gazprom-Aktie am 3. März um 14 % abstürzte.

Der 3. März war der erste Handelstag nach dem Samstag, dem 1. März: Eine neue, pro-russische Lokalregierung auf der Krim bat Russland offiziell um Hilfe bei der “Friedenssicherung”, und Putin ließ sich von seinem Parlament die Erlaubnis abnicken, Truppen in die Ukraine zu schicken. Der RTS-Index sank um 12 %, als der Rest des Marktes den Insidern nachzog, die westlichen Sanktionen gegen Russland und vielleicht sogar einen langwierigen Krieg ahnend. Die nachfolgenden Ereignisse gaben den Verkäufern Recht: Heute steht der RTS-Index um 21 % niedriger als am 3. März.

Auch wenn viele Insider bereits ihre russischen Aktiva abgestoßen haben, so besitzen die VPIN-Werte doch noch eine bestimmte Vorhersagekraft, soweit es das Putin’sche Reich betrifft. In Kombination mit einigen Grundinformationen der regionalen Nachrichten könnten VPIN-Werte bei der Vorhersage der nächsten Schritte Putins im Ukraine-Konflikt dienlich sein. Wenn diese zum Beispiel während einer Runde von Friedensgesprächen steigen, könnte das bedeuten, dass Russland einen Waffenstillstand in der Ostukraine ernsthaft durchzusetzen beabsichtigt.

Im Idealfall sollte Putin natürlich sein Wort halten und bereit sein, wahrheitsgemäß zu erklären, was er vorhat und in verschiedenen Szenarien beabsichtigt. Da das aber nicht der Fall ist, könnte das Easley-O’Hara-Modell vielleicht die bestmögliche Annäherung bieten.

Artikel von: Leonid Bershidsky
Quelle: Bloomberg Views, 25. Februar 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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