Putins Russland: In fünf einfachen Schritten zur Kultur des Hasses (Übersetzung)

"Putin über Poroschenko – nur für erwachsenes Publikum" – der Ton der öffentlichen Diskussion in Russland hat sich auffällig verschlechtert, seit der Präsident an der Macht ist.

"Putin über Poroschenko – nur für erwachsenes Publikum" – der Ton der öffentlichen Diskussion in Russland hat sich auffällig verschlechtert, seit der Präsident an der Macht ist. 

6. März 2015 • Analytik und Meinungen, Kultur, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: Daisy Sindelar
Quelle: RFE/RL 4. März 2015

Einige Unterstützer des ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow sagen, dass Wladimir Putin in den 15 Jahren, seit er an der Macht ist, systematisch eine Kultur des Hasses aufgebaut hat, die große Teile der Bevölkerung darauf trainiert hat, Gewalt zu ignorieren oder sogar zu billigen. Lesen Sie hier, wie es ihm gelang:

1) Senke das Niveau der Debatte… Trotz der jüngsten Maßregelung des Kreml für Fluchen, würzt Putin seit den Anfangstagen seiner Präsidentschaft seine Rhetorik mit Vulgärausdrücken, üblicherweise, um seine ausdrückliche Abneigung gegen eine ganze Reihe von Gegnern auszudrücken: Tschetschenische Kämpfer, Journalisten, den früheren georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili und faule Führer der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten [GUS], die „von einem Jahr auf das andere nichts tun“ [Anm. der Übers. Wörtlich: „Rotz kauen“].

Die Wirkung der daraus resultierenden Schockwelle ist zweifach: Einerseits verschlägt es Außenseitern die Rede, die an so eine Einstellung zu präsidialem Diskurs nicht gewohnt sind. Andererseits ermöglicht es Russen wie Wladimir Talismanow, einem stellvertretenden Dekan des Moskauer Instituts für Physik und Technologie, – wo Boris Nemzows Sohn Anton studiert – nicht nur zu meinen, dass es zulässig sei, sondern sogar löblich, wenn er die Ermordung Nemzows öffentlich preist, da Russland nun „einen Mistkerl“ weniger habe, mit dem es sich herumschlagen müsse.

2)…bestehe jedoch darauf, dass ihr eine große Nation seid. Putin hat viel in seiner Präsidentschaft dazu getan, die Vorstellung wiederherzustellen, dass Russland ein großer Staat sei, indem er die zentrale Rolle der Orthodoxen Kirche wiederbelebte, versuchte die Geburtenrate zu heben und den verdientermaßen angeschlagenen Ruf von Figuren wie Josef Stalin aufzupolieren. (Es hilft, wenn man ein paar Troll-Armeen anheuert.)

Gleichzeitig nimmt der Kreml eine  zunehmend unfreundliche Haltung ein gegenüber nationalen Minderheiten, sexuellen Minderheiten und Migrantinnen und Migranten, indem sowohl über xenophobe als auch homophobe Attacken hinweggesehen wird und Pamphlete verbreitet werden, die Arbeitsmigranten auffordern sich „russischer“ zu benehmen. „Das Resultat? Ein unverhältnismäßig aufgeblähtes, enges Selbstverständnis, gepaart mit einer irrationalen Angst vor allem, was „anders“ ist. Wie eine Koryphäe diese Woche auf einer konservativen Website schrieb, „Ich bin Russin  und ich habe es satt, mich dafür zu entschuldigen!“

3) Expandiere dementsprechend. Wie wir wissen, reiht Putin die Auflösung der Sowjetunion ganz oben in die Liste der größten historischen Katastrophen ein. Doch das hat ihn nicht davon abgehalten, zu versuchen ein besseres Russland wieder aufzubauen, indem er die Kontrolle über ausgewählte nahegelegene Territorien übernimmt, wie zum Beispiel über die Krim, und andere permanent zu schwächt, indem er eine pro-russische Separatisten-Stimmung anheizt – wie zum Beispiel Abchasien, Südossetien, Transnistrien und Donbas.

Trotz der enormen Kosten, die sie letztlich fordern wird, erwies sich die militärische Annexion der Krim im Vorjahr als überaus populär in Russland, wo viele Leute das Gefühl hatten, dass sie einen historischen Fehler richtigstellte  –  und der benachbarten Ukraine den Fehdehandschuh zuwarf.

Pro-russische Demonstranten protestieren in der Hauptstadt der Krim Simferopol im Februar des vergangenen Jahres - Foto: epa

Pro-russische Demonstranten protestieren in der Hauptstadt der Krim Simferopol im Februar des vergangenen Jahres – Foto: epa

4) Nimm deine Feinde ins Visier. Der Lebensstandard für den Durchschnittsrussen hat im vergangenen Jahr zweifellos gelitten, mit dem Einbruch der regionalen Wirtschaft unter der doppelten Bürde westlicher Sanktionen und fallender Ölpreisen. Während jedoch die Aussicht auf Lebensmittelknappheit und steigende Preise manche Russen veranlassen könnten, die Entscheidungen der Regierung zu hinterfragen, hat der Kreml das düstere Szenario zu Hause gewandt in eine neue Möglichkeit verwandelt, nicht nur die Ukraine zu diffamieren – der Anlass für die Sanktionen – sondern auch die Staaten, die sie unterstützen, besonders die Vereinigten Staaten. .

Washington, dem bequemen Sündenbock, wird von den Russen alles vorgeworfen, von den Euromaidan Protesten und der losen Moral bis hin zur Charlie Hebdo Attacke und, neuerdings und vielleicht am meisten unverschämt, die Ermordung Nemzows.

5) Nein wirklich – nimm deine Feinde ins Visier. Wenn du alle großen Medien im Land kontrollierst – einschließlich des allmächtigen Äthers – ist es einfach, die Bevölkerung zu erziehen, wovor sie sich zu fürchten hat. Im vergangenen Jahr standen die russischen Medien loyal zur Seite und Putins Sprache wurde extremistischer im Ton  – und warnte nicht nur vor Bedrohungen aus dem Ausland, sondern auch vor Bedrohungen im Imland. Russen, die die Annexion der Krim ablehnten, waren „Vaterlandsverräter und eine Fünfte Kolonne“. Mitglieder der nationalistischen Anti-Maidan Bewegung brachten den winzigen liberalen Clan des Landes als Mitglieder einer „faschistischen Junta“ in Verruf. Schilder und Banner, die Porträts von Nemzow, des Aktivisten Alexei Nawalny, des Musikers Alexander Makarewitsch und anderer zeigten, wurden an berühmten Gebäuden der Stadt aufgehängt und identifizierten sie offen als „Verräter“. „Als sie begannen, Bilder von Boris und anderen prominenten Oppositionellen überall in der Stadt und im Fernsehen zu zeigen, war das eine Einladung sie hinzurichten“, sagt Garri Kasparow. „Der Kreml kultiviert und belohnt die niedrigsten Instinkte der Menschen und provoziert dadurch Hass und Kampf“, schrieb Nemzow ein paar Tage vor seiner Ermordung auf Facebook. „Die Menschen werden gegen einander ausgespielt. Diese Hölle kann nicht friedlich enden.“

 

Artikel von: Daisy Sindelar
Quelle: RFE/RL 4. März 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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