Warum ich in meiner Freizeit die Geschichte der Ukraine erzähle (und Du das auch tun solltest)

Maidan Nesaleschnosti (Unabhängigkeitsplatz) in Kyiw – Foto: SRF

Maidan Nesaleschnosti (Unabhängigkeitsplatz) in Kyiw – Foto: SRF 

8. März 2015 • Aktionen, Analytik und Meinungen, Empfehlung, Kultur, Meinung & Analyse

Artikel von: Andrew Kinder
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 7.3.2015

Die außergewöhnliche Zuneigung, die viele Nicht-Ukrainer für die Ukraine empfinden, war im September 2014 auf der Europäischen „Jalta“-Strategiekonferenz (die in Kyiw stattfinden musste) für jeden sichtbar, wo einige früher in der Ukraine stationierte US-Diplomaten ins Land zurückgekehrt waren, um die dortige Lage zu diskutieren. Jeder von diesen Herren, die meines Wissens vor ihrer Dienstzeit keinen erkennbaren Bezug zur Ukraine hatten, versuchte zu erklären, warum sie sich trotz der endlosen Probleme, Krisen und Enttäuschungen immer wieder zu dem Land hingezogen fühlten.

Die Suche dieser Herren nach den richtigen Worten für die Begründung, warum ihnen die Ukraine so wichtig war, hat mich tief betroffen gemacht, und ich fragte mich ebenfalls: „Warum ist das Schicksal der Ukraine mir wichtig?“

Rynok (Rathausplatz) in Lwiw, Juni 2009

Rynok (Rathausplatz) in Lwiw, Juni 2009

Wie bei vielen der nicht-ukrainischen Unterstützer der Ukraine habe ich einen persönlichen Bezug; ich war einige Jahre mit einer aus Lwiw stammenden Frau zusammen, deren Familie in den 90er Jahren von dort ausgewandert ist. Auf unseren gemeinsamen Reisen habe ich vieles erlebt, was die Ukraine bei einem Ausländer so beliebt macht: Gastfreundschaft, Abenteuer, herzhaftes Essen, sorglose Sommertage in Lwiw. Die dunkleren Seiten waren aber nicht zu verbergen: Schmiergelder am Grenzübergang, Schmiergelder im Rathaus, ein unmenschliches Sozialversicherungssystem, Pferdefuhrwerke in der ländlichen Westukraine und Protz-Autos vor dem Parlament. Nach dem Ende unserer Beziehung fühlte ich mich immer noch zur Ukraine hinzogen, und ich kehrte 2012 anlässlich der Fußball-EM nach Lwiw zurück (und nahm sogar meine Eltern mit). Die Stadt war ein bezaubernder Gastgeber, und man war fast zu ein wenig Hoffnung gezwungen.

Die ukrainische Elite leidet unter der Wirtschaftskrise

Die ukrainische Elite leidet unter der Wirtschaftskrise

Wie bei jedem, der mit Ukraine verbunden ist, war für mich der Maidan ein mitreißendes Ereignis, und das nach dem Maidan stattgefundene Erwachen der Zivilgesellschaft und des politischen Engagements bietet einen schönen Kontrast zu meinen Heimatländern USA, wo viele sich nicht einmal die Mühe geben, einmal im Jahr an der freien und fairen Wahl teilzunehmen, und Deutschland, wo meckern auf einem hohen Niveau als Volkssport gilt, trotz bestens funktionierender Politik und Wirtschaft. Dem gegenüber stehen die Ukrainer, die in bitterer Kälte mit EU-Fahnen ausharrten, gegen Scharfschützer nach vorne stürmten und sich später für den Frontdienst gemeldet haben, weil die den Wunsch haben, in einem „normalen“ Land zu leben, ein Segen, der vielen Bürgern der Westdemokratien nicht mehr bewusst ist. Und als ob die eigenen Probleme der Ukraine nicht genug wären, erlebt das Land einen zynischen, beispiellosen, von Russland entfachten Krieg, der die westlichen Institutionen und Medien völlig unvorbereitet getroffen hat.

Vizeaußenminister Melia auf der Jalta-Konferenz in Kyiw, September 2014

Vizeaußenminister Melia auf der Jalta-Konferenz in Kyiw, September 2014

Auch wenn man keinen persönlichen Bezug zur Ukraine hat, ist es nahezu unmöglich, nicht über eins der vielen Geschehnissen im Land zu lesen – Freiwillige, die mehr oder weniger den Zusammenbruch der Armee und der Grundversorgung verhindert haben; die unbeugsame Willensstärke von Nadija Sawtschenko, trotz groben Unrechts; junge Journalisten, die die Arbeit der neuen Regierung überwachen; Zivilisten, die sich freiwillig gemeldet haben oder in die Armee einzogen sind und jetzt die Front gegen den russischen Angriff verteidigen – ohne sich dadurch zum Handeln gezwungen zu fühlen. Diese Geschichten sind wahr, und genau sie sind der Grund, warum die amerikanischen Diplomaten da saßen, fast den eigenen Worten nicht trauend, und erklärten, dass sie der Ukraine nicht den Rücken kehren könnten, auch wenn die Vernunft einen solchen Schnitt vielleicht nahegelegt. Die meisten von uns sind keine Diplomaten, keine Entscheidungsträger, und keine Frontsoldaten, aber wir leisten dennoch einen Beitrag dazu, dass die Welt der Ukraine nicht den Rücken kehrt. Was heißt das? Ganz einfach: Es heißt, dass wir die Verantwortung tragen, die Geschichte der Ukraine zu erzählen, egal ob nur eine Anekdote (Wie viele Amerikaner oder Westeuropäer wissen, dass Ukrainisch eine eigenständige Sprache ist? Wie viele glauben fälschlicherweise, dass Kyiw von Faschisten erobert wurde? Wie viele wissen, dass Lwiw wie ein kleines Wien aussieht?). Diese Aufgabe ist zu wichtig, um sie den Propagandisten im Kreml, den handlungsunfähigen westlichen Regierungen oder den Medien zu überlassen, die nicht in der Lage sind, die wahre Ukraine zu präsentieren.

Artikel von: Andrew Kinder
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 7.3.2015

Redigiert von: Euromaidan Press auf Deutsch

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