In der Fabrik der Troll-Armee des Kreml

Eingang des Hauses Sawuschkina-Str. 55, dem Hauptsitz der "Trollarmee" in St. Petersburg. Foto von Moi Region.

Eingang des Hauses Sawuschkina-Str. 55, dem Hauptsitz der "Trollarmee" in St. Petersburg. Foto von Moi Region. 

Politik, Russland

Artikel von: Aric Toler
Quelle: Global Voices, 14. März 2015

Aric Toler

Aric Toler

Es ist seit langem ein offenes Geheimnis [siehe auch “Finnische Journalisten besuchen russische Trollfabrik”], dass eine Armee von bezahlten russischen Internet-Kommentatoren (“Trollen”) von einer ruhigen Wohngegend im Norden von St. Petersburg aus operiert. Ein neuer Bericht von Moi Region und Nowaja Gaseta bietet einen noch aufschlussreicheren Blick in die sogenannte “Trollfabrik” [Anm. d. Übers.: im Original “troll den”, wohl nach einem Onlinespiel gleichen Namens], die angeblich jeden Tag Tausende von Kreml-freundliche Posts und Kommentare produziert.

Andrej Soschnikow von der St. Petersburger Wochenzeitschrift Moi Region sichtete eine Sammlung von Dokumenten und führte ein Interview mit einem ehemaligen Mitarbeiter der berüchtigten Internet-Forschungsagentur, die mehr als 400 Menschen in einem nicht näher bezeichneten Gebäude in der Sawuschkina-Str. 55 in St. Petersburg beschäftigt.

Das Interview bestätigt, was viele schon wussten über die Hunderte von Mitarbeitern, die gemeinsam Tausende von Social Media-Konten auf Livejournal, Twitter und anderen Plattformen unterhalten. Diese Benutzer schreiben Kreml-freundliche Beiträge anhand von vorgefertigten Gesprächsthemen und mischen sie zwischen unpolitische Beiträge über Fotografie, Mode, Sport und andere triviale Themen. Abgesehen von einem seltenen, wenn auch kurzen, undercover Video, das die Internet-Kommentatoren bei der Arbeit zeigt, ist der interessanteste Teil des Artikels von Soschnikow ist ein aufschlussreicher Cache-Speicher von Dokumenten, die eine unvollständige Liste von Livejournal-Konten enthalten, die von den Mitarbeitern betrieben werden, und natürlich die den Beschäftigten nach der Ermordung des Oppositionsführers Boris Nemzow vorgelegte Liste mit den Gesprächsthemen.

Ein seltener Blick in die “Trollzentrale” in der Sawuschkina-Str 55. (Video von Andrej Soschnikow auf YouTube):

 

Die Arbeit als bezahlter Kommentator ist nicht so einfach, wie man denken könnte, da die Internet-Forschungsagentur strenge und anspruchsvolle Richtlinien für Beiträge aufgestellt hat.

Allgemeine Anforderungen an das Verfassen von Beiträgen:

  • Vorgeschriebene Verwendung von Schlüsselwörtern in der Überschrift der Artikel (die priorisierten Schlüsselwörter sind in dieser technischen Spezifikation fett hervorgehoben)

  • Vorgeschriebene Verwendung von Schlüsselwörtern im Text der Beiträge,

  • Vorgeschriebene Verwendung von Grafiken/Bildern oder Videos auf YouTube zu diesem Thema des Beitrags (die Verwendung der von der Kreativabteilung zur Verfügung gestellten Bildern wird empfohlen)

  • Ein Beitrag darf nicht weniger als 700 Zeichen (in der Tagschicht), und nicht weniger als 1000 (in der Nachtschicht) enthalten.

  • Wenn ein Beitrag den oben genannten Punkten nicht genügt, wird er nicht gezählt.

Neben diesen allgemeinen Richtlinien werden bestimmte Gesprächsthemen und Suchbegriffe für verschiedene Themen wie die Ukraine, die EU, die USA, die russische Opposition usw. regelmäßig an die gut beschäftigten Mitarbeiter verteilt. Die Liste der von “Trollen” unterhaltenen Livejournal-Konten, die Soschnikow liefert, bestätigt die Erkenntnisse seines Artikels und zeigt zahlreiche Beiträge, die diesen Richtlinien entsprechen.

Ein typischer “Fake-Account” wird von “Natalya Drozdova” geführt, die einen Livejournal-Blog unterhält (Archiv), einen Twitter-Account, eine Facebook-Seite, ein “Google+”-Profil und ein VK-Konto. Natürlich ist Natalya Drozdova keine echte Person, die Konten werden nach den Dokumenten von Soschnikow von einer Mitarbeiterin namens Tatyana Kazakbayeva beschickt, aber “sie” interessiert sich für “Kunst, Psychologie, und alles, was in der Welt geschieht”. Die meisten Beiträge Natalyas sind unauffällig, wie ein Beitrag (Archiv) darüber, dass Facebook einen Status über “feeling fat” entfernt habe [Beispiel], eine ganze Reihe Parodien von Fifty Shades of Grey (Archiv), und einen Beitrag (Archiv) mit der Bitte um Rat in einem bizarren Disput mit einem Hausmeister eines Einkaufszentrums, ob man einen Kinderwagen in die Toilette mitnehmen darf..

Aber Natalya hat auch eine klare Meinung (Archiv) darüber, ob der Iran sein Atomprogramm weiterführen soll, und wundert sich (Archiv) öffentlich, ob denn die russische Opposition Boris Nemzow als “Opfer” ermordet habe, um ihren eigenen Zwecken zu dienen. Die Gedanken von “Natalya Drozdova” lesen sich wie die von der Internet-Forschungsagentur am 28. Februar festgelegten Richtlinien, sie wurden am selben Tag wie ihr Beitrag über Nemzow veröffentlicht.

Die durchgesickerte Anweisung vom 28. Februar:

Technische Anweisung vom 28. Februar: “Hauptzweck: eine Meinung bilden, dass ukrainische Beamte möglicherweise am Tod des russischen Oppositionellen beteiligt waren. <…> Nemzows Tod war kein Zufall angesichts der Bedingungen für das Erreichen des Minsker Abkommens und der möglichen Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und Russland. Jetzt ist Russland wieder einmal zu einem Land geworden, gegen das der Westen negativ reagiert. Dies ist eine offensichtliche Provokation, um unter den Mitgliedern der Opposition Unzufriedenheit zu schüren, die nun Märsche und Kundgebungen beginnen werden mit der Forderung nach dem Sturz der Regierung.”

“Natalyas” Livejournal-Post am 28. Februar:

“Seit dem Morgen sitze ich da und lese über die Umstände von Nemzows Tod. Je mehr ich lese, desto mehr bin ich überzeugt: Er wurde einfach von seinen eigenen Leuten getötet. Wo er getötet wurde (in der Nähe der Kremlmauer), wer er war, mit wem er zu der Zeit zusammen war (ein Model aus Kyiw, Anna Durytskaja), wie er getötet wurde (kein einfacher Autounfall oder Flugzeugabsturz, sondern eine Schusswunde), und auch die Tatsache, dass das Mädchen selbst unverletzt blieb, unabhängig davon, dass es viele Schüsse gab, lässt es als eine Provokation erscheinen. Begangen, um die Menschen dazu veranlassen, auf die Straße zu gehen und eine Revolution in unserem Land zu machen (wie das enden würde, ist ein anderes Thema).”

Der russische Internet-Experte Anton Nossik stellt in einem Kommentar auf der Geschichte bei Moi Region fest, dass nicht alle Kreml-Kommentare bezahlt sind, aber die gefaketeb seien deutlich erkennbar – und das bedeutet, bezahlte Trolle haben wenig Einfluss auf die politischen Ansichten des Publikums.

“Sicherlich sind nicht alle regierungsfreundlichen Kommentare im Internet bezahlt. Unter den 70 Millionen RuNet-Nutzern gibt es zum Beispiel Millionen, die sich über den Krieg in der Ukraine freuen. Ihre Beiträge und Kommentare haben den Geruch nach Krankheit, Unterlegenheit, Wut … Aber in den Beiträgen, die auf der Basis von “Gesprächsstoff” entstanden sind, ist ein lebender Mensch schwer zu erkennen.”

Der Online-Propagandakrieg hat fast so viel Presse bekommen wie der reale Konflikt im Osten der Ukraine, und Russland scheint an beiden Fronten mehr Ressourcen zu besitzen. Die Ukraine hat vor kurzem versucht, der russischen Trollarmee durch die Aufstellung einer eigenen Brigade von Internet-Kommentatoren gegenüber zu treten, “gegen die Propaganda mit Tatsachen und Beweismitteln kämpft”. Da jedoch, wie dieser neue Einblick in die Front des Online-Informationskriegs zeigt, die russische Seite größer in der Zahl, besser finanziert und disziplinierter ist, ist sie beim Aufbau eines massiven Echos im RuNet erfolgreicher.

Artikel von: Aric Toler
Quelle: Global Voices, 14. März 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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