Transkarpatien: Moskau spielt die ruthenische “Separatismuskarte”

Petro Hetzko: "Die Ruthenen sind bereit, die Autonomie mit Gewalt durchzusetzen"

Petro Hetzko: "Die Ruthenen sind bereit, die Autonomie mit Gewalt durchzusetzen" 

15. März 2015 • Menschenrechte, Politik, Soziales

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 15.3.2015

Kurz vor dem ersten Jahrestag der russischen Annexion der Krim unternehmen die Medien des Kreml große Anstrengungen, separatistische Forderungen nach einer Autonomie der Ruthenen in der Westukraine zu erfinden, wie sie es schon im vergangenen April parallel zu den Vorfällen im Donbas versucht hatten.

Im Internet wimmelt es von Gerüchte über den Aufenthaltsort des russischen Präsidenten, wobei die Kreml-Medien gleichzeitig weitgehend wie gewohnt vorgehen. Am Vortag des ersten Jahrestages der russischen Annexion der Krim findet sich Berichterstattung über einen völlig fiktiven Kongress, der eine Autonomie für die ethnische Minderheit der Ruthenen im westukrainischen Transkarpatien gefordert haben soll. Überall dort, wo kein unendlicher Zustrom von Waffen und Kämpfer vorhanden ist, scheiterten bisher alle Versuche Moskaus, Separatismus in der Ukraine zu schüren, und die zuerst im April 2014 gespielte Transkarpatien-Karte ist da keine Ausnahme.

Am 14. März 2015 berichtete die Nachrichtenagentur TASS, “die Ruthenen aus Transkarpatien fordern die Anerkennung ihrer nationalen Identität und Autonomie durch Dialog“. Der Bericht, der angeblich aus Kyiw kommt, zitiert den “Führer der transkarpatischen Ruthenen, Petro Hetzko [engl. Transskription Petro Getsko], mit den Worten: “Ein Kongress der ruthenischen Organisationen von Transkarpatien hat einen Beschluss zur Anerkennung der Karpaten-Rus seitens der ukrainischen Behörden über einen Dialog mit Kyiw gefordert.” Hetzko sagte weiter, ein “Koordinierungsrat” werde versuchen, mit den Behörden in Kyiw über die Anerkennung der Ergebnisse des Referendums in Transkarpatien im Jahr 1991 zu verhandeln, bei denen nach der Interpretation Hetzkos und russischer Medien rund 80% der Einwohner sich dafür ausgesprochen haben sollen, der Region einen autonomen Status zu gewähren.

Es sollte betont werden, dass selbst wenn es ein solches Ergebnis überhaupt gegeben hätte,
[Anm. d. Übers.: laut Wikipedia sprachen sich 92% der Transkarpatier damals für eine unabhängige Ukraine aus, nur 4,5% waren dagegen] wäre es nicht um eine Autonomie für die Ruthenen gegangen sondern für das gesamte geographische Gebiet, das von der ethnischen Zusammensetzung her sehr gemischt ist. Nur 10% der Bevölkerung in Transkarpatien identifizierte sich zum Zeitpunkt der Volkszählung von 2001 als ruthenisch. Es gibt Menschen in der Slowakei, Kroatien, Serbien und südlichen Teilen Polens, die sich selbst als Ruthenen bezeichnen.

Die TASS-Bericht listet sechs Organisationen auf, die angeblich in diesem “Kongress der führenden Organisationen von Ruthenen in Transkarpatien” teilnahmen. In reichlich bizarrer Wortwahl heißt es, dem “Rat” gehörten rund 40.000 Menschen an. Laut TASS-Angaben haben die  Ruthenen in den letzten 20 Jahren versucht, eine Autonomie und die Anerkennung als eigene ethnische Gruppe zu erreichen. Die Nachrichtenagentur behauptet, Transkarpatien habe “trotz der geographischen Lage in der Westukraine bei allen Wahlen in der unabhängigen Ukraine so wie die Menschen in den östlichen Regionen des Landes abgestimmt”, außerdem habe es in der Region Versuch der Sabotage gegen die Mobilisierung gegeben. Sie zitiert anonyme “Experten”, die dies auf die “angeborene Immunität gegen Militarismus und Russophobie” zurückführen.

Der Bericht wurde von vielen anderen russischen Medien aufgegriffen. Wahrscheinlich davon ausgehend, dass Nachrichten aus der Ukraine über ein angebliches Ereignis in der Ukraine glaubwürdiger erscheinen könnten, zitierte die von der russischen Regierung kontrollierte Agentur RIA Novosti “die ukrainische Veröffentlichung Podrobnosti” als Quelle. Die meisten Leser werden vermutlich den angeblich ursprünglichen Bericht nicht aufrufen, was in diesem Fall schade ist, denn bereits der Titel des Podrobnosti-Bericht hätte genügt: “Der Kreml behauptet, dass Ruthenen in Transkarpatien die Autonomie fordern.

Wenn der ursprüngliche russische TASS-Bericht wirklich in Kyiw geschrieben wurde, dann muss der Autor in Russland angerufen haben, um mit Hetzko zu sprechen, denn der steht seit April 2014 auf der landesweiten Fahndungsliste der Ukraine und lebt vermutlich  in Russland. Das Problem ist jedoch nicht nur, dass Hetzko nicht auf dem Kongress anwesend sein konnte, sondern dass es ganz einfach kein solches Ereignis gab.

Jewhen Dschupan [engl. Transskription Yevhen Zhupan], der Vorsitzende des Volksrats der Ruthenen von Transkarpatien, der 90% von ruthenischen Bevölkerung der Region repräsentiert, sagte in der transkarpatischen Veröffentlichung Mukachevo.net, dass es sich bei den Nachrichten über einen Kongress und die Autonomie einen Akt der Provokation. Er fügte hinzu, dass die meisten der sechs von TASS aufgeführten Organisationen an dem angeblichen Kongress gar nicht teilgenommen hatten und von ihrer angeblichen Beteiligung erst durch den TASS-Bericht erfahren haben. Nach Dschupans Angaben sei Hetzko in den letzten drei bis fünf Jahren nicht in Transkarpatien gewesen, sei aber seit Anfang 2014 aktiv an der Verbreitung von Mythen über angebliche Aufstände in der Ukraine und den Separatismus in Transkarpatien in den russischen Medien beteiligt gewesen.

Dschupan wie darauf hin, dass sich der Volksrat vor einem Monat getroffen und eine Erklärung angenommen hat, in dem er seine Unterstützung für die europäische Integration,  Demokratisierung und Dezentralisierung zum Ausdruck gebracht hat

Hetzko steht seit Ende April 2014 auf der Fahndungsliste, nachdem er sich zum “Ministerpräsidenten der Republik Karpaten-Rus” erklärt hatte und den russischen Präsidenten Wladimir Putin zur “Durchführung eines Friedenssicherungseinsatzes, zur Schaffung einer Republik Karpaten-Rus und zur Anerkennung ihrer Souveränität” aufgefordert hatte.

Im Dezember 2014 sprach Hetzko in seiner selbsternannten Rolle als “Ministerpräsident” einer nicht anerkannten “Republik” auf einer Pressekonferenz in Rostow am Don in Russland. Er behauptete, es gebe schon lange einen “ethno-kulturellen Völkermord an Ruthenen sowie eine Zwangsukrainisierung”.

“Wir wollen keine Lösung durch Gewalt, aber wenn wir es tun müssen, dann werden wir es an einem Tag machen. Es ist für uns kein Problem, die Macht zu ergreifen,” sagte Hetzko.

Er behauptete, dass ein Ombudsmann des Europäischen Parlaments aus Brüssel “in das Gebiet der Karpaten-Rus” kommen werde, um alle Fälle von Völkermord an Ruthenen durch die ukrainische Regierung zu untersuchen. Petro Hetzko forderte auch Russland auf, sich an diesem Prozess zu beteiligen.”

Russlands Beteiligung “an diesem Prozess” ist uns nur im letzten Jahr allzu vertraut geworden, und die EU-Länder würden gut daran tun, zu prüfen, wie solche offenkundigen Versuche eines erfundenen separatistischen Szenarios zum Minsker Abkommen passen. Am Jahrestag der überraschenden russischen Annexion der Krim können solche Worte über die Machtübernahme an einem Tag nicht mehr als bloße Übertreibung betrachtet werden.

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 15.3.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:, , , ,