„Der nukleare Knüppel“ – von Jewgeni Kisseljow, Echo Moskau

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Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: Jewgeni Kisseljow
Quelle: Echo Moskau (Blog) 15. März 2015

Eine ganze Reihe von Geständnissen hat Wladimir Putin in seinem Interview für den neuen Film “Die Eroberung der Krim” gemacht, der nun auf dem TV-Kanal “Rossija-1” gezeigt wurde – eine konzeptionelle Sache, würde ich sagen. Oder, da in der Außenpolitik von Konzepten nicht geredet wird – eine „Doktrin-bildende“ Sache.

In diesem Interview erkennt Putin öffentlich an, dass Russland sich das Recht vorbehält, unter bestimmten Umständen eine militärische Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten vorzunehmen – denn nichts anderes als eine bewaffnete Intervention in die Angelegenheiten eines anderen Staates war die militärische Sonderoperation zur Rettung des ehemaligen Präsidenten Janukowytsch.

Eigentlich ist die militärische Intervention Moskaus in die Angelegenheiten anderer Länder ja nichts wirklich Neues – in der jüngeren Geschichte ist dies mehr als einmal passiert: in Ungarn in 1956, in der Tschechoslowakei in 1968, in Afghanistan im Jahr 1979, 1991 in Litauen, Moldawien in 1992, Georgien in 2008 …

Wenn man von Spezialoperationen spricht, ist das klassische Beispiel dafür die Ereignisse in Kabul vom 27. Dezember 1979, als gleichzeitig mit der sowjetischen Invasion in Afghanistan eine spezielle Operation zur physischen Liquidierung des damaligen Präsidenten Hafizullah Amin und zur Installation an seiner Stelle der KGB-Marionette Babrak Karmal durchgeführt wurde.

Aber Achtung! Kein einziger Kreml-Chef, weder unmittelbar danach noch viele Jahre später (auch während Gorbatschows Perestroika!) gab öffentlich zu, dass es so war. Keiner übernahm die Verantwortung, keiner erzählte irgendwelche Details darüber, wie die Entscheidungen getroffen wurden und was danach passierte.

Und Putin erzählt das alles über die Ukraine, Janukowytsch, die Krim – vor der Kamera, für die Geschichte, für die ganze Welt, und dabei prahlt er mit der eigenen Tapferkeit. Genauso hat Putin öffentlich zugegeben, dass er unter bestimmten Umständen bereit wäre, Atomwaffen einzusetzen. Was kann sonst der Ausdruck “die Nuklearstreitkräfte in Alarmbereitschaft bringen” bedeuten? In Angelegenheiten der Streitkräfte – fragen Sie jeden Militärexperte – gibt es keine Redefiguren, Metaphern, Übertreibungen oder sonstigen sprachlichen Ausdrücke – hinter jeder Formulierung verbirgt sich immer eine Reihe von sehr spezifischen Maßnahmen.

Und auch hier spüren Sie den Unterschied – in den 70er-80er Jahren – welche wahren Ziele und Absichten die damalige Kremlführer auch verfolgten, und welche Außenpolitik im wirklichen Leben die Sowjetunion auch durchführte – die offizielle Propaganda sprach unermüdlich vom Frieden, vom Kampf gegen die Gefahr eines Atomkriegs, von der Begrenzung der strategischen Offensivwaffen, vom Einfrieren der nuklearen Arsenale. Moskau selbst hat sich sogar öffentlich verpflichtet, niemals, unter keinen Umständen – pathetisch hieß es “die feierliche Verpflichtung der UdSSR” – nicht als erste Atomwaffen einzusetzen – damit wandte sich Breschnew an die UN-Vollversammlung im Sommer 1982. Interessant ist, dass Leonid Breschnew, wie mir der inzwischen gestorbene Wiktor Suchodrew, der langjährige persönliche Dolmetscher Breschnews und einzige Zeuge seiner Gespräche von Angesicht zu Angesicht mit amerikanischen Präsidenten erzählte – auch wenn es im Widerspruch zu vielem steht, was die Sowjetunion in der realen Politik gemacht hatte – wirklich die Entspannung in den Beziehungen mit dem Westen wollte und Angst vor einem Atomkonflikt mit den Vereinigten Staaten, vor einen neuen Weltkrieg hatte. Unter anderem, weil der Krieg für ihn kein leeres Wort war. Er hat Krieg nicht im Kino gesehen, sondern erlebte ihn selbst, wie auch andere damalige sowjetische Führer.

Und der aktuelle langjährige Kremlchef, wenn man die Dinge beim Namen nennt und dabei die damalige sowjetische Terminologie verwendet, „schwingt den Nuklearknüppel“.

Putin kündigt eine neue Doktrin Russlands an. Und was wir noch hören werden, wenn morgen, wie versprochen, Putin in der Öffentlichkeit erscheint, frisch, noch jünger aussehend und natürlich vollkommen gesund – als nationaler Führer kann er – versteht sich – nicht einmal an Grippe erkranken.

Hauptsache, die restliche Welt wird nicht krank.

Artikel von: Jewgeni Kisseljow
Quelle: Echo Moskau (Blog) 15. März 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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