Putins Russland in den Klauen des Faschismus – Newsweek (Übersetzung)

Wie Deutschland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg betrauert Russland den Verlust des Imperiums Foto:-Pawel Rebrow/Reuters

Wie Deutschland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg betrauert Russland den Verlust des Imperiums Foto:-Pawel Rebrow/Reuters 

16. März 2015 • Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: Mikhail Iampolski
Quelle: Newsweek 9.3.2015

Der rapide Anstieg von Intoleranz in Russland gegenüber Ausländern und der Demokratie neben neuerlicher Betonung der nationalen Einzigartigkeit sollte uns nicht überraschen. Wir haben es mit einer verspäteten Reaktion auf den Zusammenbruch des Imperiums zu tun.

Dieser Zusammenbruch schockierte Russland Anfang der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts, doch die folgende Periode ständiger Verbesserungen des Lebensstandards verzögerte und milderte die Reaktion auf den Niedergang des Reiches ab. Wie es so oft vorkommt, wirkte verstärktes Vertrauen der Konsumenten wie eine Art Narkotikum. Im gegenwärtigen wirtschaftlichen Abschwung war die Anziehungskraft eines faschistoiden Diskurses vorhersagbar.

Der Nationalsozialismus war natürlich auch eine Reaktion auf eine militärische Niederlage, den Zusammenbruch des Reiches und den plötzlichen Verlust an Bedeutung Deutschlands in der Welt. Faschismus und nationale Erniedrigung sind eng miteinander verbunden. Psychoanalytiker, die den Aufstieg des Faschismus untersuchen, behaupten, dass Schwäche, Armut und Erniedrigung zu – wie sie es nennen – „projektiver Identifikation“ führen, die Melanie Klein mit einer paranoid-schizoiden Position des Subjekts verbindet.

Mit Hilfe dieser projektiven Identifikation kann man unerwünschte Eigenschaften mit Material aus der Fantasie ersetzen. Projektive Identifikation zieht Verleugnung des eigenen Ichs nach sich, und die Identifizierung mit einem starken Führer und einer allmächtigen ethnischen, sozialen oder politischen Gruppe. Dies wird üblicherweise als zweite Geburt erlebt, als „Aufrecht-Stehen“ und die Erlangung einer neuen, aggressiven Männlichkeit, die sich in Gewalt und Krieg ausdrückt.

Alles, was als Zeichen von Schwäche oder Weiblichkeit gesehen werden könnte, wird abgelehnt; das schließt Liberalismus und Homosexualität mit ein. Typischerweise werden dieselben Eigenschaften dem „Feind“ zugeschrieben. Auch das ist ein Kennzeichen von projektiver Identifikation. So werden die Ukrainer systematisch des Faschismus bezichtigt, während russischer Faschismus durch eine falsche Idealisierung der eigenen Wahrnehmung ersetzt wird.

Von den Massen finanzierte Aggression

Dies beschreibt die Situation im heutigen Russland nur in Ansätzen. Es wird verkompliziert durch die Paradoxien post-imperialer Viktimisierung. Schon ein Blick auf die Landkarte Europas zeigt, warum Österreich die Wiege des Nazismus war. Österreich ist ein kleines, provinzielles Land, wo nichts von der Majestät und der Macht des Habsburgerreiches blieb.

Mit Russland ist das eine andere Sache, da es ein bedeutendes Stück des Erdballs einnimmt und randvoll mit nuklearen Sprengköpfen gefüllt ist. Von außen betrachtet, passt es nicht in die Opferrolle. Und dennoch stellt sich Russland ständig als eine unterdrückte Nation dar: Niemand beachte seine Prioritäten; die Amerikaner wollten seine globale Bedeutung nicht anerkennen; sein Status würde auf eine Regionalmacht reduziert und dennoch würden seine „legitimen“ Rechte auf die früheren Kolonien und Satelliten noch nicht anerkannt.

Russland beteuert ständig, dass es das Opfer von Aggression sei. Unterdessen sind die ehemaligen Republiken, die ihre Unabhängigkeit errangen, mit ihrer Lage zufriedener. Die ukrainischen Opfer der russischen Aggression erleben zum Beispiel ein neues Gefühl von Würde, während der Aggressor (Russland) seine Erniedrigung beklagt. Im heutigen politischen Kontext gewinnt der Opfer-Diskurs besondere Bedeutung.

Kurz vor seinem Selbstmord bedauerte Walter Benjamin, dass Geschichte immer von den Siegern geschrieben werde, und er äußerte die schwache Hoffnung, dass sich herausstellen möge, dass das Leben der Opfer nicht vergeblich gewesen sei und man sich eines Tages an sie erinnern werde. Benjamins Wünsche haben sich als prophetisch erwiesen.

Auf den Zweiten Weltkrieg folgte eine radikale Neuorientierung der Geschichtsschreibung; es wird weniger aus der Sicht der Sieger und mehr aus der Sicht der Opfer geschrieben. Der Wendepunkt kam in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als der Holocaust und sein Symbol Auschwitz in den Mittelpunkt der Narrative des Zweiten Weltkrieges rückten. Die französische Historikerin Annette Wieviorka nannte es das „Zeitalter des Zeugen“.

Als Himmler die Endlösung für das Judenproblem plante, rechtfertigte er das Gemetzel an den Kindern als Mittel, Rache zu verhindern. Und er war sicher, dass die Erinnerung an die Juden gleichzeitig mit der Auslöschung des Volkes verschwinden würde. Himmler dachte, dass die Juden keine Gelegenheit haben würden, irgendein Zeugnis zu hinterlassen.

Schon in den 1950-er Jahren hatte das Zentralkomitee der Befreiten Juden ein Archiv mit 18.000 Texten gesammelt. Heute gibt es hunderttausende Zeugnisse des Holocausts. Es gab einen Schwenk von der Lobpreisung des Heldentums der Krieger zur Beschreibung der Schicksale ihrer Opfer.

Diese Verschiebung hat auch die Geschichtsschreibung über die Rolle Russlands im Krieg beeinflusst. Immer mehr Bücher setzen sich zum Beispiel mit den Vergewaltigungen und Plünderungen durch russische Soldaten im besetzten Deutschland auseinander. Und diese „unerwünschten“ Studien sind vielleicht nicht weniger wichtig geworden als die Analysen der Strategie von Marschall Schukow. Enzo Traverso behauptete kürzlich, dass jetzt nur noch die Erfahrung des Opfers als bedeutsam betrachtet wird, während die der Soldaten jeder Seite als reinster Ausdruck sinnloser Gewalt erscheint.

Ich habe den Verdacht, dass dieser Perspektivenwechsel vom Militär hin zu den Zivilisten mit einem Wandel des Verständnisses von Herrschaft verbunden ist (der vom Kreml so hohe Bedeutung beigemessen wird). Carl Schmitt argumentierte, dass Herrschaft sich zu allererst im Recht manifestiert, Gesetze aufzuheben und Kriege zu beginnen. Und er war der Ansicht, dass Staaten dieses Recht hätten.

Heute hat sich die Situation drastisch verändert. Sogar eine Supermacht wie die Vereinigten Staaten (derzeit so vielgeschmäht in Russland) versucht es zu vermeiden, seine Armeen im Ausland zu stationieren; wenn militärische Gewalt eingesetzt werden muss, zieht es Amerika vor, sich auf Luftschläge zu beschränken. In der Zwischenzeit ist das souveräne Recht, Gesetze aufzuheben und Krieg zu führen auf verbrecherische Gruppierungen wie Al-Qaeda, IS und die somalischen, nigerianischen und jemenitischen Islamisten übergegangen.

Der russische Versuch, das post-imperiale Trauma zu überwinden, drückt sich in der Ära des Zeitzeugen aus. Ich denke, dass die überwältigende Bedeutung der Krim für Putin in mancherlei Hinsicht durch das Fehlen von Opfern bedingt war während eines Feldzuges von „höflichen Leuten“, denen es gelang, das Territorium ohne Blutvergießen zu erobern. Doch die Donbas-Operation lief sofort schief, angefangen vom Abschuss der malaysischen Passagiermaschine.

Wenn man sich das allgemeine Bild des Krieges ansieht, der von den Bewohnern sogenannter unabhängiger Republiken geführt wird, dann sehen wir die Bedeutung, die der Beschuss des Kleinbusses bei Wolnowacha oder des Trolleybusses bei Donezk erlangt haben. Bisher konnte der Krieg im Donbas nicht eine einzige Heldenfigur hervorbringen. Die Versuche, aus Girkin/Strelkow einen Helden zu machen, versandeten rasch, gefolgt von grotesken Figuren wie Sachartschenko, Zarew, Plotnizki oder dem berüchtigten Arseni Pawlow mit dem Spitznamen “Motorola.”

Motorolas Zeugen

Dies ist ein entscheidender Moment, denn wie viele schon bemerkt haben, bedarf die Bildung eines faschistischen Bewusstseins einer ästhetischen Phase – Feste im Fackelschein, Paraden, Uniformen, Helden aus Film, Kunst und Literatur, Demonstration von Stärke und Einheit.

Unser Zeitalter ist jedoch völlig unempfänglich für die Heroisierung von Aggression und Gewalt. “Motorola” und Leichensäcke gehören zum Spektrum der Bilder, die beim heutigen faschistischen Bewusstsein gut ankommen. Und faschistoider Diskurs entfaltet sich nun in einem widersprüchlichen Raum zwischen der Ankündigung der eigenen Omnipotenz und angeborenen Stärke einerseits und den endlosen Klagen über die eigene Viktimisierung andererseits (der gekreuzigte Knabe hier ist ein aufschlussreiches christliches Symbol). Der russische Faschist von heute ist gleichzeitig omnipotent und verfolgt.

Wir alle sind soziale Wesen und finden unsere Identität immer in Gruppen. Unsere Identität und unser Verhalten hängen jedoch von den Gruppen ab, die wir selbst gewählt haben. Ich bin kein fanatischer Anhänger der Psychoanalyse, aber es scheint Sinn zu machen, die Situation mit Hilfe von Melanie Kleins Schüler, Wilfred Bion, verstehen zu wollen.

Bion schlug verschiedene Typen von Gruppen vor. Er nannte den ersten Typus: „Arbeitsgruppe“ und gab dem zweiten Typus den Namen „Grundannahmen-Gruppe“. Die Arbeitsgruppe ist ein Kollektiv, das demokratische Individualität entwickelt. Ihr Zweck ist es, einen Auftrag auszuführen, und daher geht sie sowohl von der Zusammenarbeit ihrer Mitglieder als auch von Rollenverteilung aus. Im Großen und Ganzen sind das die Gruppen, die eine demokratische Gesellschaft ausmachen.

Eines der wichtigsten Merkmale der Arbeitsgruppe ist die Fähigkeit zur Solidarität, ohne das die Gruppe den Auftrag nicht ausführen könnte. Meiner Ansicht nach ist es die Vorrangstellung von Arbeitsgruppen in einer demokratischen Gesellschaft, die die Fähigkeit zu Massen-Solidaritätsbekundungen erklärt, wie zum Beispiel die jüngsten Kundgebungen zur Unterstützung von Charlie Hebdo.

Die russische Gesellschaft kultiviert Grundannahmen-Gruppen (Bion unterscheidet verschiedene Untergruppen, wie zum Beispiel „Abhängigkeitsgruppen“, „Kampf-Flucht Gruppen“ etc.). Das sind die Gruppen, in denen Kleins paranoid-schizoide Position regiert. Dies sind Gruppen, die auf Illusion basieren und auf der Verleugnung individueller Abgrenzung. Ihre oberste Aufgabe ist die Ablehnung des Ichs, um in einer narzisstischen, urwüchsigen Einheit aufzugehen und Teil einer homogenen, undifferenzierten Masse zu werden.

Solche Gruppen sind im Prinzip homogen; ihre Mitglieder sind äußerst intolerant, was Abweichungen von ihrer einzigen Denkweise und ihrem Verhalten betrifft. Wenn Arbeitsgruppen ein Ideal haben, das dem Ich-Ideal nicht entgegensteht, haben Grundannahmen-Gruppen ein Ideal, das das Ich-Ideal völlig zerstört und seinen Platz einnimmt.

Das Ich wird durch einen idealisierten, narzisstischen Führer vernichtet und jeder Angriff auf dessen Autorität wird als Angriff auf die gesamte Gruppe und all ihre Mitglieder gewertet. Der Führer nimmt der Gruppe reflektierendes Denken, Verantwortung, Schuldbewusstsein und so weiter. Ein Mitglied einer Arbeitsgruppe ist bereit, seine/ihre eigenen Grenzen und den Unterschied des Anderen zu akzeptieren, während ein Mitglied der Grundannahmen-Gruppe beides aggressiv in Abrede stellt.

Solche Gruppen sind infantil und regressiv, und ihr Ideal ist totale Homogenität, Beseitigung jeglicher individueller Unterschiede und, wie der französische Psychoanalytiker Didier Anzieu schrieb, das verlorene Paradies El Dorado. Sie sind oft äußerst zerstörerisch und ihrem Führer völlig ergeben und bewegen sich leicht von Panik zu aggressivem Messianismus.

So ein faschistoides Bewusstsein, welches die Massen in Russland ergriffen hat, ist schwer mit der wachsenden historischen Bedeutung der Opfer in Einklang zu bringen, die alle immer stärker individuelle Züge annehmen. Die Opfer werden unverwechselbar, wie Gilbert Simondon sagen würde, während der narzisstische „Held“ des paranoid/schizoiden Typus in den Augen der Welt immer grausamer wird und seine individuellen Züge verliert.

Wo einst der Verlust der Individualität nicht immer bedeutsam war, wo Homogenität als Tugend betrachtet wurde, finden sich die „Sieger“ nun im „Zeitalter des Zeugen“ von der Geschichte ausgelöscht wieder, gerade aufgrund ihrer Gesichtslosigkeit. Die Homogenität der Masse hat aufgehört, ästhetisch ansprechend zu sein.

Die heroische Selbstbehauptung wird zu Infantilisierung und Viktimisierung des eigentlichen Vorhabens der Selbstbehauptung. Je mehr Mühe man sich gibt, die projizierte Minderwertigkeit zu überwinden, desto eher sieht der „Held“ der russischen Welt wie ein verlotterter und in Schwierigkeiten geratener junger Mann aus, der sich „Motorola“ nennen lässt.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf der russischen Website colta.ru und wurde erneut veröffentlicht vom New York University Jordan Center for the Advanced Study of Russia, wofür er von Eliot Borenstein übersetzt wurde.

Artikel von: Mikhail Iampolski
Quelle: Newsweek 9.3.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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