Der Niedergang des russischen Imperiums

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Analytik und Meinungen, Empfehlung, Meinung & Analyse, Russland

Quelle: World Affairs 17.3.2015

Rein Taagepera

Rein Taagepera

Alexander J. Motyl

Alexander J. Motyl

Interview mit Prof. Rein Taagepera, emeritierter Professor der Universität Dorpat (Tartu Ülekool), Estland, und der University of California, Irvine, USA, mit Alexander J. Motyl in World Affairs (Übersetzung)

Motyl: Prof. Taagepera, Sie waren der erste Sozialwissenschaftler, der den Aufstieg und Fall von Imperien auf eine streng sozialwissenschaftliche Weise untersucht hat. Lassen Sie uns also mit einer Frage nach dem großen Bild anfangen: Warum zerfallen Imperien?

Taagepera: Imperien haben selten Stillstand. Anfangs übertünchen sie ihre internen Fehler durch externe Expansion. Sobald sie aber aufhören zu wachsen, akkumulieren sich diese Fehler. Eine Expansion ist selbstverstärkend, und so ist es auch mit dem Zerfall. Um den Kurs zu ändern, muss man vergangenen Ruhm aufgeben und neu anfangen.

Motyl: Wie reagieren Imperien auf den Niedergang?

Taagepera: Es ist psychologisch leichter, überseeischen Besitz aufzugeben als territorial zusammenhängende Gebiete, egal wie groß die ethnischen Unterschiede darin sind. Polen-Litauen und Österreich-Ungarn hielten bis zu ihrem endgültigen Zusammenbruch weitgehend ihr Hoheitsgebiet zusammen, auch als sie schon an Macht verloren hatten. Im Unterschied dazu begann das Osmanische Reich schon in den 1700er Jahren langsam an Macht zu verlieren.

Vergleicht man Russland mit diesen dreien, kommt das Schicksal des Osmanische Reichs dem Verlauf am nächsten. Russland und die Türkei besaßen Gebiete riesigen Umfangs, einige davon dicht besiedelte, andere fast leer. Die anfänglichen Verluste kamen eher sporadisch. Es ging um einige der am dichtesten besiedelten Teile, die die Türkei verlor, nämlich auf dem Balkan und in Ägypten, während Russland die osteuropäischen Satellitenstaaten und die ehemaligen Sowjetrepubliken verlor. Schon vor dem endgültigen Zusammenbruch der Türkei wurde diese auf  ihren ethnischen Kernbereich reduziert, den “Fruchtbaren Halbmond” und die Ödnis der arabischen Halbinsel (vor der Zeit des Erdöls). Derzeit besteht Russland aus seinem ethnischen Kernbereich sowie dem Kaukasus und der Einöde Sibiriens. Sowohl die Türkei als auch Russland fielen in der wirtschaftlichen Entwicklung weit hinter den anderen Weltmächten zurück.

Motyl: Und somit sagen Sie den Zusammenbruch Russlands voraus?

Taagepera: Es wäre wohl riskant, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass ein russischer Zusammenbruch unmittelbar bevorsteht. Unter Kemal Atatürk gab die Türkei auf, ein Imperium zu sein, und konzentrierte sich auf den Aufbau eines neuen Nationalstaats. Dieser Salto war für die Türkei leichter als er für Russland wäre. Atatürk konnte vom Islam zum türkischen Nationalstolz umschwenken. Die postsowjetischen Führer Russlands hatte keine solche Alternative, denn der auf die Sprache gegründete Nationalismus war das Herzstück des Reiches seit Moskau begonnen hatte, “die russischen Länder zu sammeln”.

Charles de Gaulle kann ein leichter durchführbares Drehbuch für die Emanzipation Russlands von seiner Vergangenheit bieten. Er verstand, dass Kolonien in der heutigen Welt eine Last sind. Aber er hatte es mit überseeischen Kolonien zu tun. Es fiel Frankreich schwer, Algerien loszulassen, während die unmittelbar angrenzende Nachbarschaft es für Russland ungleich schwieriger macht, die Ukraine zu vergessen, ganz zu schweigen vom Nordkaukasus und Tatarstan. Russland wartet immer noch auf einem solchen visionären Führer.

Motyl: Erwarten Sie, dass Russland in seinem Streben nach einer Wiederbelebung des Imperiums Erfolg hat?

Taagepera: Die Geschichte zeigt, dass Imperien, die ins Straucheln geraten sind, nur selten wieder hochkommen. Die zweiten Reiche der Ägypter, Assyrer und Hethiter waren Neugründungen, die lange nach dem Zusammenbruch der ihnen vorausgegangen Imperien entstanden. Das französische Kolonialreich kommt einem Reich, das erneut einen Aufstieg schafft, noch am nächsten. Nachdem es aus Kanada und Indien herausgeflogen war, begann Frankreich ein neues Reich in Afrika aufzubauen. Dem heutigen Russland fehlt eine solche Option. Der Versuch, seinen früher gewohnten Herrschaftsbereich wieder herzustellen, verschwendet es nur die Ressourcen, die in einen Neuanfang gehen sollten.

Motyl: Auch wenn der Kollaps des russischen Imperiums möglicherweise nicht unmittelbar bevorsteht, scheint er dennoch unvermeidlich. Wie sollte der Westen damit umgehen?

Taagepera: Wie im Fall des Osmanischen Reichs wünscht keine außenstehende Macht den Zerfall Russlands: Das Ergebnis wäre zu unübersichtlich und unberechenbar. Doch was Putin als sein “nahes Ausland” ansieht, wendet sich dank der Attraktivität des westlichen Wohlstands und der mangelnden Attraktivität des russischen Modells ab. Putin sieht darin eine heimtückische Verschwörung des Westens: Angesichts seiner imperialen Denkweise kann er sich nicht vorstellen, dass die Ukrainer einen eigenen Willen haben. Man kann Russlands Frustration verstehen. Putin fühlt sich wirklich in der Defensive. Doch schafft Russland sich durch den ungeschickten Versuch zurückzuschlagen einen defensiven Kreis um sich herum.

Aggressionen müssen in Schach gehalten werden, selbst wenn sie von verständlicherweise frustrierten Menschen ausgehen. Wenn man jedoch mit einem verfallenden und nicht einem expandierenden Reich konfrontiert ist, kann man sich eine elastische Reaktion leisten. Ein zerfallendes Imperiums hat nur begrenzte Fähigkeiten. Um so ein Reich in Schach zu halten braucht es nur wenig aktive Anwendung von Gewalt. Es reicht für den Westen aus, die Anerkennung der Eroberungen zu verweigern und seine Verteidigung an anderer Stelle zu verstärken, während er darauf warten kann, dass das Reich sich entweder reformiert oder zusammenbricht.

Russland ist eine sozioökonomisch zerfallende Gesellschaft, noch in Nostalgie versunken, aber immer noch in der Lage, jede Menge Unfug anzustellen. Es liegt an Russland, sich von den Fesseln der imperialen Geschichte zu befreien. Dies wird lange dauern – Generationen – es sei denn, das wird von jemand wie de Gaulle beschleunigt. In der Zwischenzeit muss man mit den Spannungen irgendwie umgehen.

Motyl: Und wenn letzteres nicht gelingt?

Taagepera: Die internationalen Systeme werden instabil, wenn eine aufstrebende Macht ein größeres Stück vom Kuchen fordert oder wenn ein bestehendes Reich verfällt. Wenn beide Szenarien gleichzeitig stattfinden, wird das System doppelt instabil. Die Allianz eines aufsteigenden Deutschlands mit dem niedergehenden Österreich führte zu einem Weltkrieg, weil dies Österreich ermutigte, Serbien anzugreifen, während die Reaktion Russlands gegen Österreich Deutschland hereinzog. Der Schwanz wedelte mit dem Hund. Die aktuelle Vernunftehe zwischen einem aufsteigenden China mit einem verfallenden Russland birgt ähnliche Risiken. Es erscheint noch weit hergeholt, sich vorzustellen, dass Russland bei dem Versuch, ein Druckmittel gegen den Westen zu gewinnen, China hereinziehen könnte, aber als Österreich Deutschland im Frühjahr 1914 in den Krieg hereinzog, sah das auch weit hergeholt aus.

Quelle: World Affairs 17.3.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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