Anna Veronika Wendland: Replik auf Jörg Baberowski “Der Westen kapiert es nicht”, ZEIT, 12.3.2015

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21. März 2015 • Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse

Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

KAPIERT?
Dringend gesucht: Sowjetischer Realitäts-Teststand für die neoimperiale Geschichtswerkstatt

“Der Westen kapiert es nicht”, dekretiert der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski in der [Printausgabe der] Zeit vom 12. März und wirft “dem Westen”, den er für so monolithisch zu halten scheint wie wir seinerzeit die stalinsche Sowjetunion, zum wiederholten Male vor, er habe durch Nichtverstehen der russischen post- und neoimperialen Befindlichkeiten wesentlich zur Eskalation des Krieges in der Ukraine beigetragen. Einen großen Teil der ukrainischen Bevölkerung kooptiert Baberowski auch noch gleich in diesen russischen Befindlichkeitspool und konstruiert – auch das ist nicht neu in seinen Texten – eine Massenbewegung im “Osten” der Ukraine – den er wohl bewusst nicht näher definiert – “die zunächst nichts anderes verlangte als Eigenständigkeit und Autonomie innerhalb der Ukraine. Sie verband sich in den nächsten Wochen mit den imperialen Ambitionen Putins, der in das Vakuum hineinstoßen konnte, das die westlichen Politiker mit ihrer geschichtsvergessenen Politik hinterlassen hatten.” Putin habe sich nur zum Anwalt all jener gemacht, die sich mit dem “ukrainischen Nationalstaat” nicht hätten identifizieren können und “nicht Verlierer einer Revolution sein wollten, die sie nicht gewollt hatten.”

Baberowskis Annahme von der Putinschen Ukraine-Seelsorge thematisiert deren Gewalthaltigkeit nicht weiter; wie überhaupt unangenehm der Doppelstandard ins Auge fällt, mit dem das frei gewählte Parlament und die Regierung in Kiew immer wieder als “ukrainische Nationalisten” auf der Kulturstufe einer Turnvater-Jahn-Nationalidee bezeichnet werden, während die sich gerade als Invasoren der Ukraine in die Geschichte einschreibenden gewalttätigen russischen Nationalisten im Kreml kein einziges Mal als solche auftauchen.

Überdies setzt Baberowski eine lautstarke Minderheit in zwei ukrainischen Oblasti mit der geamten Ostukraine gleich – anders würde sein Konstrukt von der zerrissenen und einander entfremdeten ukrainischen Bevölkerung auch nicht funktionieren. Aber für die ZEIT reicht’s, die das Ganze noch mit einer geistlosen Illustration aufhübscht, auf der Russland und der Westen die Ukraine entzweireißen. Die Ukraine als passives Material der Baberowskischen Geschichtswerkstatt, ein Fetzen Stoff, der halt reißt, wenn ordentlich dran gezogen wird.

Das haben wir seit nun über einem Jahr bis zum Überdruss gehört. Baberowskis Diktum impliziert, dass er selbst es, anders als der Rest der Welt, “kapiert” habe. Prüfen wir also einmal mit Blick auf andere, forschungsbasierte Erkenntnisse, wieviel er von der späten Sowjetunion und ihrer Rezeption, insbesondere jener in der Ukraine, verstanden hat.

Seine Aussagen fußen auf eine Reihe von Vorannahmen über den Charakter der späten Sowjetunion und ihr Nachlebens in den Köpfen der heutigen Russen und Ukrainer. Die erste Vorannahme lautet, dass es um diese Sowjetunion heute sehr vielen ihrer ehemaligen Bewohner sehr leid tut und dass sie daher restaurativen Tendenzen aufgeschlossen gegenüber stehen; Putin habe das “kapiert” und musste nur die Sowjetschäfchen wieder zusammentreiben. Die zweite Vorannahme handelt von einer altersmilden späten Sowjetunion, in der kein Nationalismus die Menschen auseinanderdividiert habe; die dritte Vorannahme, es sei diese Sowjetnostalgie, welche hinter der Mobilisierung der “ostukrainischen” Bevölkerung gegen Kiew stecke. Die vierte Vorannahme, ohne die Baberowskis Interpretament nicht funktioniert, ist die Annahme der Lebensfähigkeit des damaligen Projekts Sowjetunion.

Die heutige russische Staatsgeschichtspropaganda hat auf die vierte Vorannahme schon eine fertige Dolchstoßlegende aufgesetzt, nämlich jene, derzufolge der “Westen” aktiv und multivektoral – durch Manipulation des Ölpreises “wie heute”, mit Rüstungswettlauf und Implantierung westlichen Gedankengutes in die unzufriedenen Teilrepubliken – die Spaltung und den Zerfall des Sowjetstaates betrieben habe. Bevor aber Zweifel aufkommen, was genau am Gehalt der Sowjetunion die heutigen Moskauer Machthaber wirklich interessiert: der Internationalismus und der Sozialismus sind es mit Sicherheit nicht.

Baberowski wiederum bewegt sich mit seiner Schuldzuweisung an den dummen, nichts “kapierenden”, naiv im Konzert mit fälschlich für Demokraten gehaltenen ukrainischen “Nationalisten” in die Konfrontation mit Russland eingestiegenen Westen allerdings gefährlich nahe an diesem Versuch der Schuldabwälzung nach außen. Nur dass bei Baberowski der Westen halt blöd ist, bei Putin bösartig.

Leonid Luks hat kürzlich schlüssig argumentiert, dass die Sichtweise von der mutwilligen Zerschlagung der Sowjetunion eine moderne Kreml-Polittechnologen-Legende ist. Genauso wie die Legende einer westlichen Inszenierung des Majdan eine ist – und wesentliche Wahrheiten verschweigt.

Die russische Legende vom westlichen Dolchstoß ins Herz der Sowjetunion verschweigt nämlich, dass es langfristig angelegte innere Widersprüche und eine allgemeine ökonomische Totalerschöpfung waren, die den Fall bewirkten; vor allem aber, dass es damals zu allererst die russischen (nicht die ukrainischen) Eliten waren, die Hand an den Sowjetstaat legten – und zwar sowohl von der pro-demokratischen Seite unter Jelzin, als auch von der restaurativen, wie das gerontokratische Putschkomittee vom August 1991.

Ich möchte zu Luks hinzufügen: Auch verschweigt die Leidensgeschichte der wilden, brutalen 1990er, die Baberowski sich zur Folie und Erklärung der heutigen russischen Massen-Affirmation eines stabilitätsgarantierenden Regimes erwählt hat, dass es gerade die alte Nomenklatura und ihre Kinder und Verwandten waren, die sich in dem grandiosen Shootout der Neunziger – qua Verfügungsmacht über Gewaltressourcen nämlich – ihre Claims sicherten. Die heutige Elite ist zu großen Teilen die alte – nur dass sich die KGB-Kader, ihre Schwiegesöhne, Neffen, Schwäger und Vettern über den Umweg der waffentragenden privaten Sicherheitsfirmen und mafiosen “Dächer” – recte Firmen mit dem Geschäftszweck der Schutzgelderpressung – in genau jene Positionen in der russischen Wirtschaft manövrierten und marodierten, in der sie sich heute befinden.

Man kann diesem Prozess, wie Baberowski, einen gewissen Trend zur Ordnungsschaffung zugutehalten – wenn man die Friedhofsordnung für eine Ordnung zu halten und zu legitimieren gewillt ist. Die Russen, so Baberowski, hätten um dieser relativen Ordnung willen die Demokratie bereitwillig geopfert- wohlgemerkt meint er mit “Demokratie” jene Zustände, welche die spätere Putinpropmaschine in denunziatorischer Absicht “Demokratie” zu nennen beliebte – und an deren Herstellung die heutigen “siloviki“, die Vertreter der Machtorgane, auch damals mit Hand, Kopf und Herz beteiligt waren.

Wer damals Gewalträume und Chaos ganz wesentlich beförderte, der hatte auch die Macht und die Waffen in der Hand, diese Zustände zu beenden. Und das sollte Baberowski, der eben jenes Zu- und Abschalten des Gewaltregimes so trefflich anhand des Systems Stalin beschrieben hat, besser wissen als andere. Heute macht Putin diese Gewalttechnologie zur Waffe im hybriden Krieg: auch im Donbass wird nach Bedarf die Gewalt eskaliert und deeaskaliert, werden die Gewalttäter zu- und abgeschaltet, Milizenführer installiert und auch wieder abberufen; ganz, wie es der russischen Staatsraison in ihrer jeweiligen Tagesform nutzt und frommt. Heute wird behauptet, es handle sich um einen Volksaufstand – morgen wissen wir, es war die russische Armee. Es gibt eine Kontinuitätslinie aus den 90er-shootouts in die Tschetschenienkriege und von dort aus in die Ukraine. Dies, und nicht die westlichen Politiker und ihr Nichtkapieren, bestimmt den Grad der Gewaltanwendung auf ukrainischem Territorium. Dass hier nebenbei auch Chaos und Destabilisierung willentlich in das Nachbarland getragen werden, um sodann krokodilstränenreich sein hartes Schicksal zu bedauern und den russischen Landsleuten auf diese Weise zu bedeuten, was passiere, wenn man nicht auf seine Regierung höre – das ist die andere Medaillenseite der russischen Stabilität, die Baberowski als Leitideologie von Herrschern und Beherrschten verständnisheischend beschreibt; er sollte allerdings so ehrlich sein, diese Technologie mit allen ihrem Implikationen, auch den grenzüberschreitenden, endlich zur Kenntnis zu nehmen, anstatt den “geschichtsvergessenen” westlichen Politikern zu unterstellen, sie – ja, tatsächlich, sie! und nicht etwa das Mafiaregime des Präsidenten Janukovyč, auch so eines shootout-Spaltprodukts, – hätten in der Ostukraine das “Machtvakuum … hinterlassen”, das Putin nur noch füllen musste.

Aber kommen wir nach diesem Exkurs in die russisch-deutsche Selbstbetrugs-Geschichtswerkstatt zurück zu den anderen drei Vorannahmen, und zu den viel interessanteren ukrainischen Implikationen des Baberowskischen Diktums, wir alle, die wir den Majdan als Bürgerrevolution unterstützt haben, seien Nichtkapierer und im Grunde nützliche Idioten der ukrainischen Nationalisten.

Und hier muss ich auch meine eigene Position mit einbringen, die ich, wie schon an anderer Stelle gesagt, als “drahomanovistisch” bezeichnen würde, nämlich als Position eines humanistischen föderalen Sozialismus, eine ukrainische Denktradition, die in der Westukraine im “turn to the right” der ukrainischen Bewegung abbrach, und in der östlichen Ukraine in den Folterkellern Stalins zugrundeging.

Diese Grundhaltung hat mich immer offen gemacht für ukrainische Fragen nach der Chance eines “dritten Weges” 1991, also einer reformierten Sowjetunion mit transnational-föderalem Charakter, starken Sozialsystemen und einem einheitlichen Wirtschaftsraum. Viele dachten ja, die Ukraine sei eigentlich die perfekte Sowjetunion im Kleinen, viel mehr als das öde monolithische Russland. Das hat mich auch offen gemacht für Forschungsfragen aus der Geschichte dieser damals ungeliebten und nun als Bezugspunkt offensichtlich eine Renaissance erlebenden späten Sowjetukraine. Aus diesem Grunde beschäftige ich mich momentan als Historikerin mit einer Lebenswelt, die sowjetischer kaum sein könnte, nämlich mit den sowjetischen zivilen Atomstädten in der Ukraine, Russland und Litauen. Aus diesem Grunde plädiere ich in Historikerdiskussionen auch für eine Revision der Geschichte der Sowjetukraine nach 1945, die meiner Meinung nicht als Opfergeschichte der ukrainischen Nation, sondern als deren ambivalente Modernisierungsgeschichte geschrieben werden müsste.

Meine eher idealistisch-linksföderalistische Haltung führte mich, die immerhin noch das letzte sowjetukrainische Jahr als Kiewer Studentin erleben durfte (“das Jahr, als es nichts gab”), nicht nur zu vielen belebenden Kontroversen mit ukrainischen Freunden, Kollegen und meinem ukrainischen Ehemann am Frühstückstisch, sondern auch zu vielen interessanten Gesprächen mit ex-sowjetischen Atomingenieuren in meinem Projekt. Diese Leute haben naturgemäß eine andere Sicht auf die Dinge als Literaten und Geisteswissenschaftler, mit denen wir normalerweise so zu tun haben.

Mein Mann, Linguist, Übersetzer und kosmopolitischer ukrainischer Intellektueller, der zum bestimmt bald einsetzenden Grauen ukrainischer Sprachkonservativer gerade den rabiaten und dreckigen Céline, “Mort à crédit“, ins Ukrainische übersetzt, sagte mir klipp und klar, er weine der Sowjetunion keine Träne nach, weil er sie für ihre verlogene Sprache, ihren Konformismus, Chauvinismus, ihr Duckmäusertum, die notorische Heuchelei und nicht zuletzt für ihren eigentlich nicht linken, sondern rechten und ans Völkische grenzenden Wertekanon gehasst habe. Dieser sei durch die internationalistische Rhetorik nur übertüncht worden. Man hätte das damals nur unterlaufen können, um ein richtiges Leben im falschen zu führen.

Jene, die sich in Gesprächen mit mir als gelernte Sowjetbürger offenbart haben, und die sich der Interpretation verweigern, sie hätten damals eben das falsche Leben geführt, sehen das anders. Sie denken an ihre Aufbaujahre, an die Solidarität unter Kollegen, das viel weniger vereinzelte soziale Leben, und daran, wie jung sie damals waren und wieviel Verantwortung ihnen trotz ihrer Jugend zugetraut und zugemutet wurde. Es war trotz aller Lasten alles sehr einfach damals. Man hat Strom produziert für die energiehungrige Ukraine. Man war stolz. Mit Mitte 20, in einem Alter, als meine Verantwortlichkeit sich auf die Teilnahme bei Antiatomdemos beschränkte und ich das Erwachsenenalter für ewig aufschiebbar hielt, hatten diese Leute schon die Verantwortung für drei Kernkraftwerksblöcke und die Stromversorgung der Westukraine.

Muss ich daher der Grundannahme Baberowskis folgen, es habe genug kritische Masse an Menschen gegeben und gebe sie bis heute, die in der späten Sowjetunion ihren Bezugspunkt hätten; ihr “Phantomschmerz” gelte der zwar stagnierenden und konformistischen Sowjetunion, die trotz aller Mängel soziale Perspektive, Geborgenheit, Indifferenz gegenüber nationalistischer Mobilisierung und einen im globalen Maßstab hohen Lebensstandard ermöglicht habe? Muss ich seiner Schlussfolgerung zustimmen, die Ignorierung dieser kritischen Masse habe in der Ukraine zum Krieg geführt?

Ich antworte darauf zweimal Nein, und zwar nicht TROTZ der Einblicke und Erkenntnisse aus dem richtigen Leben im Falschen meiner sowjetmenschlichen Gesprächspartner, sondern AUFGRUND dieser Einblicke. Denn wenn das Vertrauen da ist – dann kommen auch die anderen Geschichten aus der späten Sowjetunion auf den Tisch, jene, die offenbaren, warum eine große Mehrheit all dieser Leute, auch die Ingenieure, und auch die Menschen in der Ostukraine, 1991 die Idee der Sowjetunion für tot hielten und sie folgerichtig beerdigten, auch wenn das westlichen Professoren und linken Intellektuellen, die selbst nie unter diesen Bedingungen arbeiten mussten, bis heute leid tun mag. Und auch wenn das russische Staatsfernsehen den Menschen heute in einem Propagandatrommelfeuer einredet, alles sei andersherum gewesen, und ihnen nebenbei noch weismacht, die jetzige chauvinistische Mobilisierung diene der Wiederherstellung einer irgendwie gearteten “Würde”.

Werfen wir einen Blick in meine Projektaufzeichnungen – Ego-Dokumente aus dem Maschinenraum der spätsowjetischen Industrie. Einer hat eine ganz gute Antwort geliefert auf Baberowskis Behauptung, “nirgendwo wurden Menschen [in der späten Sowjetunion] nur deswegen diskriminiert, weil sie Ukrainer waren”. Diese Aussage wäre nur dann richtig, wenn man sie um eine wichtige Präzisierung ergänzen würde: Ukrainer wurden dann nicht diskriminiert, wenn sie sich nicht zu offen als Ukrainer verhielten. Wer sich wie ein Russe benahm und sprach, hatte tatsächlich gar keine Schwierigkeiten. Wer aber törichterweise auf der freien Entscheidung beharrte, in der Sowjetunion in der eigenen Muttersprache leben und arbeiten zu wollen, der wurde auf dieselbe Weise abgestempelt, die Herr Baberowski jetzt allen Ukrainern angedeihen lässt, die ihren Weg nach Europa gehen wollen. Dann war man nämlich ein “ukrainischer Nationalist.” Das war kein Todesurteil wie in der Zeit des Terrors, aber Diskriminierung – zum Beispiel durch Fernhaltung von Karriere- und Entfaltungswegen – das war es allemal. Viele Ukrainer mussten sich in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf Ämtern anhören, sie sollten gefälligst sprechen “wie ein normaler Mensch”, und ohne Übernahme der russischen Leitkultur sei man nicht satisfaktionsfähig.

Nun waren aber die Ukrainer unbelehrbar und machten es trotzdem. Sie redeten auf der Arbeit Ukrainisch. Und so war es im Kernkraftwerk Rivne, das, wohlgemerkt, in einer zu 100 Prozent ukrainischsprachigen Landschaft steht: “Wir bekamen Rügen, wenn wir auf Schicht untereinander Ukrainisch sprachen, und zwar nur private Dinge. Die technischen Prozeduren haben wir auf Russisch gemacht.” Was heute, unter der Herrschaft der “Nationalisten”, die Arbeit in diesem Kraftwerk auszeichnet – das reibungslose zweisprachige Regime – war in den 1980ern Anlass für Ärger. “Der Vorgesetzte drohte mir mit dem vovčyj bilet – dem “Wolfsticket”, was so viel bedeutete wie: was du auch tust und so gut du auch bei den Prüfungen bist, wir haben dich auf dem Kieker, und du wirst in diesem Betrieb nie etwas werden. Na, und wo bin ich jetzt?” zwinkert der Schichtleiter mir zu, “und wo ist dieser Mann? Ging als verbiesterte Parteischranze in Rente.”

Soviel zur Sprachfreiheit. Ein älterer Kollege dieses Informanten – ein ukrainischstämmiger, aus Sibirien stammender Physiker – erzählt, was sie als Spezialisten am meisten nervte, und was auch der größte Stressfaktor bei der Arbeit war: die Bestallung unfähiger Kader mit Parteikommandierung, deren Fehlentscheidungen die wirklichen Fachleute dann ausbaden und -bügeln konnten. “Eine Zeitlang”, so mein Gesprächspartner, “liefen bei uns immer die Revisionen aus dem Zeitplan, weil wir unter Lieferengpässen litten. Aber für die Parteioberen mussten Schuldige her. Es hieß, die Reparaturarbeiter seien schuld, weil sie sich auf Nachtschicht schlafen legten, statt zu arbeiten. Daher sollten wir Schichtleiter nachts Rundgänge im Reaktorgebäude machen, um sie aufzuscheuchen. Nun, wir waren ja gewissenhafte Leute, und natürlich haben wir diese Kontrollgänge gemacht. Aber wir haben die Schlosser schlafen lassen. Was sollten sie auch tun – sie hatten nichts zu arbeiten! Weder Material noch Werkzeug war geliefert worden! … Wir lasen die Schichtbücher damals wie Krimis. ‘Na, was musste Kollege X von der vorigen Schicht sich wieder einfallen lassen, um die schwachsinnigen Anweisungen vom Vorgesetzten Y, der aber unglücklicherweise als Chef über die Reaktorabteilung gesetzt war, NICHT ausführen zu müssen?'”

Zum Glück für uns alle muss hier konstatiert werden, dass die Spezialisten sich in der Regel immer etwas einfallen ließen, und dass es auch viele rühmliche Beispiele von Vorgesetzten gab, die sich vor ihre Mitarbeiter stellten. Nicht aber in der Nacht des 26. April 1986, als ein typischer sowjetischer načalnik, ein Vorgesetzter, der es liebte, schwarze Listen zu führen, den jungen Reaktorfahrer Ljonja Toptunov auf der Leitwarte von Tschernobyl-4 während eines Tests durch Drohungen dermaßen einschüchterte, dass Toptunov verhängnisvolle Fehler machte – die wiederum im Zusammenspiel mit den konstruktiven Mängeln eines voreilig in Industrieserie gepeitschten Reaktorkonzepts zur Globalkatastrophe führten. Sowjetische Spezialisten hatten davor verzweifelt – und erfolglos – versucht, dieser Mängel auf dem Dienstweg Herr zu werden. Es misslang.

Und genauso misslang auch das Projekt Sowjetunion, sagen mir meine Informanten einstimmig. Es konnte nicht funktionieren, weil es an so vielen Schnittstellen, wo Aufmerksamkeit, Fehlersensibilität, Lern- und Diskussionsfreude gefragt gewesen wären, mit Inkompetenz, Realitätsverweigerung und Sprechverboten arbeitete. “Der Werks-KGB war immer auf der Suche nach Spionen und Saboteuren”, sagte mir der Physiker. Schnellabschaltung wegen Pumpenschadens? Netzinstabilitäten? Es musste doch Schuldige geben. “Damals wurden Schuldige und Fehler immer sehr schnell benannt. Aber eine Untersuchung, wieso es zum Fehler gekommen war, wie man ihn in Zukunft verhindern kann – Fehlanzeige. Jetzt ist das alles anders.”

Diese Leute, die loyalsten Sowjetbürger, die man sich vorstellen konnte – sie erlitten nach Tschernobyl ihren Realitätsschock an der Sowjetunion. Hatten sie vorher im Gesellschaftsvertrag mit dem Sowjetstaat persönliches Risiko gegen relative private Prosperität und Privilegierung eingetauscht, so empfanden sie den Umgang der Behörden mit ihrer Berufsgruppe als Bruch dieses Vertrages: die Mär vom ausschließlichen Personalversagen in Tschernobyl, die Abwälzung der Schuld auf Subalterne, um das fehlerhafte System vor Nachfragen zu schützen, der Schauprozess und die postume Schmähung und Demütigung der ersten Unfallopfer, die alle aus dem Kraftwerk stammten – das alles ließ einen Sprung im Gefäß der Loyalität entstehen. Der Vertrauensverlust – wenn die Situation vorher als “Vertrauen” zwischen Staat und loyalem Sowjetbürger bezeichnet werden kann – dieser Verlust war nicht mehr gutzumachen.

Und deswegen setzten diese Leute 1991 – mit falschen, aber plausiblen Hoffnungen, wie wir heute wissen – auf das Ende der Sowjetunion und stimmten für die ukrainische Unabhängigkeit. Und dieser sind die Leute auch überwiegend treu geblieben und legen einen zähen pragmatischen Patriotismus an dem Tag – auch wenn sie nicht auf dem Majdan gestanden haben, auch wenn Dritte so gerne und so beharrlich vom zerrissenen Land sprechen, und die Teilung der Ukraine schonmal vorwegdenken.

So war es weder der Westen, der die Sowjetukraine demontierte, noch der ukrainische Nationalismus. Es war eine Selbstdemontage. Und heute tötet nicht der Westen im Donbass, sondern Russen tun es, die das überwiegende Kontingent der gewaltausübenden Akteure stellen. Ob diese Leute aus imperialem Phantomschmerz oder nicht vielmehr auf Befehl oder aus Abenteurertum dort kämpfen, das lasse ich dahingestellt, denn sie habe ich nicht interviewt. Fest steht aber, dass der Hass sie eint: der Hass auf den Westen als “Verschwörung”, der Hass auf alle Ukrainer, die nach Europa wollen – oder praktischerweise gleich der Hass auf alle “Ukropy“. Viel Judenhass ist auch dabei.

So ist die Putinsche Geschichtspolitik nicht einfach nur das Sammeln der enttäuschten Sowjetschäfchen, die ohne eigenes Zutun nur in seine geöffneten Arme laufen. Es ist die Geschichtssicht des Pogromisten, der das Opfer beschuldigt, ihm an den Kragen zu wollen, weswegen der Pogromist sich habe verteidigen müssen. Die Aggression wird jetzt, ein Jahr nach der Krim-Annexion, von den Tätern bereits eifrig als Verteidigungsakt historisiert: in Filmen, Büchern, youtube-clips. Das ist Geschichte als Pogrom, sozusagen die Vergeltungsaktion für den Ritualmord des Majdan am russischen Volkskörper, hinter dem die Weltverschwörung stünde. Wir sollten alles tun, um diese Geschichtssicht darauf zurückzuführen, was sie eigentlich ist: ein Konglomerat aus Lüge und Selbstbetrug. Aber wir haben keinen Grund, uns diesen Geschichtssichten anzudienen und anzuverwandeln.

Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

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