Schwerkranke Russen: Schmerzfreiheit und Heilungschancen als Rangabzeichen

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Russland, Soziales

Quelle: Euromaidan Press (engl.) 21. März 2015

Um den menschenverachtenden Zynismus zu verstehen, mit dem sich der folgende Artikel von Paul Goble beschäftigt, einige Vorbemerkungen: Es ist europäischer und amerikanischer medizinischer Standard, dass es auch eine adäquate Behandlung für unheilbar kranke Patient*innen gibt, um ihnen ein Lebensende in Würde und frei von Schmerzen zu ermöglichen. Dies ist als ethisches Postulat allgemein anerkannt.

Gute Palliativmedizin schafft es, dem Patienten bis zum Lebensende noch ein Leben in Würde mit oft erstaunlicher Lebensqualität zu ermöglichen. Palliativmedizin definiert der Deutsche Ethikrat nach den Vorgaben der WHO als: “die aktive ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer voranschreitenden, weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht und die Beherrschung von Schmerzen, anderen Krankheitsbeschwerden, psychischen, sozialen und spirituellen Problemen höchste Priorität besitzt.”

Teil der Palliativmedizin ist auch die Schmerztherapie, denn – auch den unheilbaren – Patient*innen Schmerzen zu nehmen gilt heute übereinstimmend als unverzichtbares Therapieziel. Das von der WHO formulierte medikamentöse 3-Stufenschema gilt heute als „Goldstandard“, eine Behandlung erst erfolgreich, wenn der Patient schmerzfrei ist. Wesentlicher Bestandteil dieser Therapie sind Opiate, nicht erst, „wenn nichts mehr hilft“. Opiate werden als Tabletten, Tropfen und Pflaster angewandt.

Dies muss man wissen, um den erschütternden Artikel von Boris Schumatsky über die Leiden seines Vaters und den zynischen Umgang mit diesem Leiden zu verstehen. Selbst ein pensionierter Admiral ist diesem Zynismus hilflos ausgeliefert und erschießt sich. Seine „persönliche Art von Euthanasie“, so ein Medizinal-Funktionär. Und dann versteht man auch, was Paul Goble in seinem Artikel beschreibt:

In der UdSSR, so wurde manchmal gesagt, gab es keinen Sex, weil das Thema in den Medien nicht direkt angesprochen werden konnte. So idiotisch das auch sein mag, es gibt eine neue schreckliche Wahrheit: Es wird keinerlei Selbstmorde von Menschen geben, die keine Medikamente bekommen können, mit denen ihre unheilbaren Schmerzen behandelt werden können.

Die russische Regierung ist in Verlegenheit gebracht worden durch die steigende Zahl von Selbstmorden unter Patienten im Endstadium, die nicht die Medizin bekommen haben, die sie brauchten – entweder um ihre Leiden zu erleichtern oder um eine Kur durchzuführen. Doch anstatt Geld auszugeben, um sicherzustellen, dass die, die solche Medizin benötigen, sie auch bekommen, hat Moskau jetzt zweierlei unternommen:

Erstens wurde Journalisten untersagt, über die Gründe für Selbstmorde zu berichten, damit niemand herausfindet, warum sich dieses oder jenes Individuum umgebracht hat. Und zweitens – es wurde eine neue Klasse jener geschaffen, die „gleicher“ sind als andere, und denen man den Zugang zu den benötigten Medikamenten garantiert und die sich aus diesem Grund dann sehr wahrscheinlich nicht umbringen werden.

„Nowije Iswestija“ berichtet heute, daß „Roskomnadsor“, der „Föderale Dienst für die Aufsicht im Bereich der Kommunikation, Informationstechnologie und Massenkommunikation“ die Seite „Orthodoxie und die Welt“ aufgefordert hat, Berichte über den Grund des Selbstmords von zwei Menschen, die an Krebs starben, von der Seite zu nehmen. Das ist das zweite Mal, daß die russische Agentur einen solchen Schritt unternimmt: Der erste kam vor zwei Wochen richtete sich gegen Hinweise auf die Mittel mit denen Menschen sich umbringen.

Anna Danilowa, die Herausgeberin von „Orthodoxie und die Welt“ erzählte der Zeitung, dass, wenn man „die Logik der Administration akzeptiert, es nun notwendig ist, zu schreiben, dass der Tod vollkommen unerwartet kam und das Individuum sich zum Selbstmord aus voller Gesundheit und Glück heraus entschlossen hat, aus irgendeinem Grund sein Leben zu beenden.

Es macht Sinn, zu verlangen, dass die Medien nicht über die Mittel sprechen, mit denen Leute Selbstmord begehen; solche Berichte können Menschen dazu bringen, dasselbe zu tun. Doch es ist absurd, nicht darüber zu reden, warum sie so entschieden haben könnten, besonders wenn sie mit anderen darüber gesprochen oder Abschiedsbriefe hinterlassen haben.

Als die Zeitung fragte, warum Roskomnadsor diesen Bann verhängt habe, antwortete die Agentur, dass der Befehl dazu von „einer anderen Agentur“ gekommen sei, zweifellos eine weiter oben, und man sich um Russlands Image nicht nur in den Augen der eigenen Bevölkerung sorge, sondern auch in der Meinung der Menschen in der übrigen Welt.

Doch eine andere Agentur, „Rospotrebnadsor“, der „Föderale Dienst für die Aufsicht im Bereich Verbraucherschutz und Schutz des menschlichen Wohlergehens“ erzählte „Nowije Iswestija“, sie habe seit 2012 „ungefähr 6.000“ solcher Befehle erlassen, um dem russischen Gesetzt Genüge zu tun, das es untersagt, Informationen über die Mittel zu verbreiten, mit denen sich Menschen umbringen können.

Mittlerweile, in einer parallelen Entwicklung, wohl um die Konsequenzen dessen zu verbergen, was der Kreml tut, hat Wladimir Putin am 16. März ein Dekret herausgegeben, in dem er festlegt, dass die höchstrangigen russischen Funktionäre und ihre Familien jedwede Medizin bekommen, die sie brauchen, um den Krebs zu bekämpfen – entweder frei oder mit 50 Prozent Nachlass.

Wie Aleksandr Ryklin vom “Jeschednewnij schurnal” es ausdrückt, „haben wir alle eine unbezweifelbare Gelegenheit, stolz zu sein. Die, die unmittelbar für den russischen Präsidenten oder seine Vertreter arbeiten, können darauf zählen, Medikamente frei oder zum halben Preis zu bekommen, die, die das nicht tun, können zu keinem Preis auf diese Medikamente zählen.

Doch wenn die Berichte über diejenigen, die zu Verzweiflung und Selbstmord getrieben wurden so brutal unterdrückt werden, werden immer weniger Russen oder auch sonst jemand die Chance haben, herauszufinden, was die Konsequenzen der mörderischen Politik des Kreml wirklich sind – und vielleicht werden einige von ihnen schlussfolgern, daß es in Putins Russland keine Selbstmorde gibt, genauso wenig, wie es in Breschnews Sowjetunion Sex gab.

Soweit der Bericht von Paul Goble. Im Juni 2014 berichtete Boris Reitschuster auf facebook, dass die russische Vizepremierministerin Olga Golodes vorgeschlagen habe,

„… künftig die Arbeit von Stiftungen zu kontrollieren, die Spenden sammeln für solche medizinische Fahnenflucht, insbesondere von schwerkranken Kinder. Schließlich, so die Dame, gäbe es in Russland für alles qualifizierte und moderne Hilfe: ,Ihre Resultate sind oft um Maße besser als in Europa‘. Der Vorschlag der Dame hat heftige Reaktionen hervorgerufen. Vor allem bei Krebskranken: Erzürnte Menschen beschreiben, was ihnen angesichts der desolaten Zustände in der russischen Medizin droht, wenn sie keine mehr Möglichkeit haben, sich im Ausland behandeln zu lassen… Vor kurzem enthüllte Reuters, dass Putin-“Amigos” Millionen für die Ausstattung von Medizinischen Zentren für Putins Palast bei Sotschi “abzweigten”. Und Putins Ex-Frau wurde nach einem schweren Unfall in Deutschland behandelt – und fast die gesamte Oberschicht hält es so. Die Patienten aus Russland sind längst ein enormer Wirtschaftsfaktor in Deutschlands Medizin.“

Diese Veröffentlichung führte dazu, dass man Boris Reitschuster „Bilder aus der Medizinhölle“ geschickt hat, die auch ohne Beherrschung der russischen Sprache selbsterklärend sind, hier im Kontrast zum Luxus der Oberschicht, und die anzusehen sich lohnt.

Übrigens gingen zwar einige Nobelpreise nach Russland/in die Sowjetunion, aber nicht einer für Medizin – obwohl es aus meiner Sicht im russischen Reich/in der Sowjetunion einige bahnbrechende Beiträge gab:

  • Den russischen Chirurgen Nikolai Iwanowitsch Pirogow (1810-1881), Mitbegründer der Feldchirurgie. Entwickelte den belastbaren Pirogow-Amputationsstumpf, entwickelte, zeitgleich mit Florence Nightingale anlässlich des Krimkrieges in Russland die organisierte, wissenschaftlich fundierte Krankenpflege und gründete auf der Krim mit adligen Damen die „Schwestern der Barmherzigkeit“. Wandte als erster Gipsverbänd und Triage (Einteilen vieler Verletzter nach Schweregraden) an, sowie als einer der ersten die neuentwickelte Äthernarkose. Operierte als einer der ersten erfolgreich ein Aortenaneurysma, verfasste ein anatomisches Standardwerk und unterrichtete an der militärmedizinischen Akademie in St. Petersburg.
  • Die litauische Fürstentochter Vera Ignatiewna Gedroitsz (1876-1932). Gedroitz studierte und promovierte, da in Russland zu ihrer Zeit das Medizinstudium noch nicht möglich war, in der Schweiz bei dem bekannten Chirurgen Roux. 1902 wurde ihr Studium in Russland anerkannt, 1904 nahm sie am russisch-japanischen Krieg als Divisionschirurgin mit dem Dienstgrad „Oberst“ teil. Dort richtete man ihr einen Sanitätszug ein, in dem sie auch operieren konnte. Es gelang ihr, 56 Soldaten erfolgreich zu operieren, die einen Bauchschuss erlitten hatten – eine Verwundung, der der Sanitätsdienst der deutschen Wehrmacht noch im 2. Weltkrieg hilflos gegenüberstand. Ab 1909 war sie Hausärztin der Zarenfamilie, und als Zarin Alexandra im Ersten Weltkrieg in Zarskoje Selo ein Lazarett einrichtete, wurde Gedroits dort Chefärztin.
    Normalerweise hatte jemand von solch hochadliger Herkunft mit solcher Nähe zum Zarenhof nach der Revolution keine Überlebenschance. Gedroitz jedoch erhielt als erste Frau in der Sowjetunion einen Lehrstuhl für Chirurgie – in Kiew. Dort starb sie 1932 an Krebs. Der Wertschätzung für sie scheint auch keinen Abbruch getan zu haben, dass sie, nach einer gescheiterten Ehe, offen lesbisch gelebt hat.
  • Die lettisch-jüdische Biologin und Physiologin Lina Solomonowna Stern (1878-1968) war von 1917-1925 Professorin für Biochemie in Genf. Sie entdeckte die Blut-Hirn-Schranke und leistete bahnbrechende Vorarbeiten für die Entdeckung des Zitronensäurezyklus, eines der zentralen Stoffwechselwege. 1939 wurde sie als erste Frau in die russisch/sowjetische Akademie der Wissenschaften aufgenommen, 1943 erhielt sie den Stalinpreis. Sie war Mitglied im Jüdischen Antifaschistischen Komitee, von dem einige Mitglieder im Auftrag Stalins die USA bereisten und für die Eröffnung der zweiten Front warben. Am Kriegsende wurde das Komitee zwangsweise liquidiert, und (nicht nur) seine Mitglieder wurden als „wurzellose Kosmopoliten“ (Euphemismus für „Juden“) verfolgt. 1952 wurde eine Gruppe von 15 von ihnen – unter ihnen auch Stern – angeklagt, am 12. August 1952 dreizehn von ihnen in der „Nacht der ermordeten Poeten“ hingerichtet. Stern war eine der beiden Überlebenden. Sie musste zunächst nach Kasachstan in die Verbannung, wurde jedoch nach Stalins Tod rehabilitiert.
  • Der aserbaidschanisch-jüdische Unfallchirurg und Orthopäde Gawriil Abramowitsch Ilisarow, 1921-1992. Er entwickelte eine sowjetische Variante des chirurgischen Außenspanners (Fixateur externe), den sog. Ilisarow-Ringfixateur, und gilt somit als Vater der Methode der Knochenverlängerung.

Gemessen an diesen Leuchttürmen sieht man erst, wie tief darnieder die russische Medizin zur Zeit offenbar liegt. Wohl dem, der sich eine Behandlung im Ausland leisten kann – wie Ludmilla Putina, oder Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa, der es vergönnt war, ihr Kind in Monaco zur Welt zu bringen. Bedauernswert die, die auf diese „Medizin“ angewiesen sind.

übersetzt und kommentiert von Dagmar Schatz

Quelle: Euromaidan Press (engl.) 21. März 2015

Bild: mehrere VK-Accounts
Übersetzt von: Dagmar Schatz
Redigiert von: Euromaidan Press auf Deutsch

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