Gasan Gusejnov: “Die Faschisierung des Antifaschismus …

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Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Gasan Gusejnov
Quelle: Beton International 3/2015 – Zeitschrift für Literatur und Gesellschaft

…oder wie die Russische Föderation die Okkupation der Ukraine legitimiert”

Im Winter 1942/43 hing im Esszimmer eines Petersburger Schriftstellers einige Wochen lang ein Plakat mit der Aufschrift „Tod den Feinden des Faschismus!“ Hunger und Kälte waren damals stärker als Verstand und Humor. Alle verstanden, was der Verfasser des Textes meinte. So wurde das Plakat schließlich ohne weitere Folgen für die Person, die es geschrieben hatte, entfernt. Diese Anekdote hörte ich Ende der Siebzigerjahre bei einem Gelage Leningrader Blokadniki, also von Menschen, die die Blockade überlebt hatten. Wichtiger als die Geschichte selbst ist aber die Ursache, derentwegen sich die Blokadniki gerade in den Siebzigern an sie erinnerten. In jenen Jahren bestand in der Sowjetunion nur in Bezug auf einen einzigen Geschichtsabschnitt völlige, nahezu wie in Stahlbeton gegossene Gewissheit. Die Rede ist vom Sieg über den Nationalsozialismus und den Faschismus im Großen Vaterländischen Krieg. Der Faschismus galt als Inbegriff des Bösen und als unvereinbar mit jedweder, auch der negativsten, ideologischen Erscheinung, die man in der damaligen UdSSR hätte beobachten können. Weder der sogenannte „bourgeoise Nationalismus“ noch „Großmachtchauvinismus“ noch „Rassismus“ reichten an das böse Ideologiemonster „Faschismus“ heran. Eine unübersehbare Schwierigkeit bestand allerdings darin, dass man den Faschismus als wesenseigene Ideologie seit der zweiten Hälfte der Dreißigerjahre nicht mehr wissenschaftlich untersucht hatte.

Zuletzt erschien 1936 ein Buch mit dem Titel „Gegen faschistischen Obskurantismus und Demagogie“ (Против фашистского мракобесия и демагогии. Сборник статей. Под редакцией И. Дворкина, А. Деборина, М. Каммари, М. Митина, М. Савельева. М.: Соцэкгиз, 1936) im Verlag „Sozekgiz“. Einerseits war das Buch selbst ein Produkt von Demagogie (hier sei nur darauf verwiesen, dass Leo Trotzki und andere ursowjetische Gegenspieler Stalins im Vorwort als „Agenten des Faschismus“ bezeichnet wurden). Andererseits lieferte das Buch die letzte detaillierte Analyse der faschistischen Ideologie. Jedem dargelegten Wesenszug des Faschismus schloss sich der Kommentar an, dass in der UdSSR alles anders sei. Die Genossen Lenin und Stalin seien im Gegensatz zu den Genossen Hitler und Mussolini proletarische Humanisten; Marx denke an das Volk, wohingegen Nietzsche und Sombart Anhänger der bourgeoisen Persönlichkeit und der imperialistischen Hyäne seien. Dennoch, trotz aller Demagogie schreckte A. Deborin, der Autor des ideologischen Kernartikels in jenem Sammelband, nicht davor zurück, im Fascismo Italiano, im deutschen Nationalsozialismus und im stalinistischen Sozialismus einige gemeinsame Grundzüge zu erkennen, welche 1936 aber mit Leichtigkeit als fundamentale Unterschiede verkauft werden konnten.

Unterschiede gab es, wie sich herausstellte, eigentlich nur zwei: die „Rassen-“ und die „Judenfrage“ sowie die Beziehung zu Kultur und Kirche. Alle übrigen Ideologiemerkmale des Faschismus korrelierten mit denen des offiziellen sowjetischen Antifaschismus. Sechzig Jahre später zählte Umberto Eco sie in seinem berühmten Werk zu den Merkmalen des Faschismus auf. Alle von ihm genannten Kennzeichen verstand man schon zu Sowjetzeiten als Grenzbereich zwischen Faschismus und offiziellem sowjetischen Antifaschismus.

  1. Der Kult um die eigenen nationalen Traditionen gepaart mit „unserer“ mystischen Überlegenheit „denen“ gegenüber: bei ihnen waren es Nietzsche, Chamberlain und Rosenberg, bei uns Marx, Lenin und Stalin.
  2. Die Ablehnung des kosmopolitischen Modernismus und Rationalismus: Für die Faschisten bedeutete dieser Ausdruck Dekadenz und Degeneration („Entartete Kunst“), die die eigene Ideologie einzudämmen beabsichtigte; für die sowjetischen Antifaschisten handelte es sich dabei um fruchtbaren Nährboden für den Faschismus.
  3. Infolge des Hasses auf die liberale Intelligenz, auf den Pazifismus des Einzelnen kommt es zur Stilisierung der Massen und des Primitiven: Für die Faschisten schwächte die liberale Intelligenz die Nation, für die Antifaschisten entwaffneten diese Strömungen das Volk im Hinblick auf die Bekämpfung des Faschismus.
  4. Die ergebene Loyalität gegenüber der Staatsmacht (von der Bereitschaft zu Pogromen bis zur Umsetzung propagandistischer Programme, die die Bevölkerung auf etwaige Handlungen der Staatsmacht vorbereitet): Antifaschisten und Faschisten bezichtigten sich gegenseitig der Demagogie.
  5. Der Rassismus: Für die Faschisten ist es die offizielle Ideologie. Während die sowjetischen Antifaschisten ihrerseits den Rassismus als Hauptargument gegen den Faschismus ins Felde führten, war er dennoch ein praktisches Instrument der sowjetischen Realpolitik.
  6. Verschwörungstheorien: Beide halten die Weltpolitik für eine Puppenkiste bekannter Marionettenspieler des „internationalen Judentums“, der „USA“, „Großbritanniens“ usw. Eine innen- und außenpolitische Folge der Verschwörungstheorie ist die unverhältnismäßige Vollmachterweiterung der Geheimdienste (in der UdSSR und der Russischen Föderation gilt dies vom NKWD bis hin zum FSB).
  7. Die Abkehr von Logik bedeutet, dass die Anhänger einer solchen Ideologie die Introspektion negieren. Ein Beispiel: Ein und derselbe Feind wird einerseits als unbedeutendes Insekt, andererseits als supermächtiger und hinterhältiger Aggressor zugleich präsentiert. Ein weiteres Beispiel: Im Zuge des Ukraine-Konfliktes sind die Ukrainer in den russischen Massenmedien sowohl hilfloses „Gemüse“ („ukrop“ = „Dill“) als auch verlängerter Arm von NATO und USA an den Westgrenzen Russlands.
  8. Martialisches Gebaren: Auch alles Zivile wird dem Militärischen unterworfen. Überall, wo es möglich ist, schafft man Bedingungen für Kriegsspiele, gründen sich paramilitärische Organisationen und dergleichen mehr.
  9. Eine umgekehrte Hierarchie: Ein vergötterter Führer erscheint als einfacher Mensch aus dem niederen Volk. Als wäre er niemals so weit aufgestiegen, bleibt er immer einer von uns.
  10. Der Kult des Heldentods.
  11. Maskuliner Chauvinismus und Hass auf sexuelle Minderheiten.
  12. Der Kult um den Staat und seine unbedingte Priorität vor Individuen und Gruppen.
  13. Die Amtssprache wird zur angepassten Staatssprache umgeformt; Kontrolle jeglichen Wissens.
  14. Die Verachtung des geltenden Völkerrechts und der Charta der Vereinten Nationen.

In der späten sowjetischen Kultur – die Sowjetunion war schon ab Mitte der Siebzigerjahre im Untergang begriffen – tauchten immer mehr Signale auf, dass die Gesellschaft diese allmähliche ideologische Verschmelzung verstand oder doch zumindest fühlte. Die Tendenz zur Kongruenz ideologischer Ansichten und sozialer Praktiken beider Ideologien zeichnete sich immer deutlicher ab (von den verbotenen Romanen Wassilij Grossmans und den populären Büchern der Gebrüder Strugazkij, die diese Tendenz reflektierten, bis zur Fernsehserie „Siebzehn Augenblicke des Frühlings“ nach dem Roman von Julian Semjonov, die sie verstärkte). Genau zu der Zeit, als die Serie „Siebzehn Augenblicke des Frühlings“ über den Bildschirm lief, während der der sowjetische Zuschauer zum ersten Mal die ideologische Begeisterung über den inneren Aufbau des Dritten Reiches spürte, erinnerten sich einige an den Leningrader Winter 1942/43 und das Plakat „Tod den Feinden des Faschismus“. Wie Wassilij Grossman schrieb, hatte es die Sowjetunion tatsächlich geschafft, sich beim Sieg über das nationalsozialistische Deutschland mit dem Faschismusvirus zu infizieren.

Die sowjetische Gesellschaft begann durch ihren inneren und ideologischen Legitimationsverlust zu zerfallen. Sie hörte auf, zwischen politisch akzeptabel und inakzeptabel zu unterscheiden (der Einmarsch in Afghanistan, das energische Festhalten an den Eroberungen des Zweiten Weltkriegs, die Verfolgung Andersdenkender, die Terrorisierung privater Unternehmer und vieles mehr). Nach dem Zerbrechen der UdSSR warfen einige faschistische Merkmale (nicht nur in der Russischen Föderation) ihre Schatten auch auf die Transformationsphase der neuen Nationalstaaten: die Diskriminierung nationaler Minderheiten, die Verfolgung aus sprachlichen Gründen sowie das Streben nach Neuerschaffung und Veredelung „unserer“ Geschichte im Sinne der ultimativen Existenzrechtfertigung „unseres“ Staates innerhalb eben der Grenzen, die es nun gab.

Die Verschmelzung faschistischer Praktiken und ideologischer Anschauungen mit denen des überkommenen sowjetischen Antifaschismus verschärfte sich im Jahr 2014 auf das Schlimmste. Die politische Krise der Ukraine und der Sturz des ukrainischen Präsidenten Janukowytsch riefen in Russland einen politischen „Kurzschluss“ hervor. Die offizielle russische Propaganda deklarierte die Ereignisse in der Ukraine als „faschistischen“ Staatsstreich der sogenannten Bandera-Anhänger. Die russischen Massenmedien ließen keine Möglichkeit aus, die politischen Prozesse in der Ukraine als „Faschisierung“ zu diskreditieren. Die neuen Regierenden wurden des „Antisemitismus“ beschuldigt. Sie betrieben die „Verherrlichung des Nationalsozialismus“, hieß es. Letztlich langte man bei der früheren sowjetischen Version des „Ukrainers als Handlanger von USA und NATO“ an. Die Ereignisse in Kiew werden seither in allen russischen Massenmedien als faschistischer Umsturz dargestellt.

Nach der Krim-Annexion nahm die offizielle Linie der russischen Propaganda unübersehbare Ähnlichkeit mit der sowjetischen Epoche an und man besann sich zudem der vorrevolutionären russisch-imperialen Praxis, die nationalen Eigenheiten und die politische Souveränität der Ukraine und ihrer Bevölkerung zu negieren. Das politische Konzept eines „Neurusslands“ („Noworossija“) und die militärische Aggression im Donbass gehen mit einer Faschisierung der innenpolitischen Prozesse in Russland selbst einher. Putins Rhetorik („fünfte Kolonne“) fordert von den Bürgern „Wachsamkeit“ und die Aufdeckung innerer Feinde, die viel gefährlicher seien als jeder äußere. Und all das wird paradoxerweise als „antifaschistische Politik Russlands“ verkauft. So wird etwa der offensichtliche und unverhohlene Krieg in der Ostukraine mit Kampfeinheiten geführt, die sich aus der unteren Schicht der russischen Gesellschaft rekrutieren. Um die Liquidierung der ukrainischen Staatlichkeit zu rechtfertigen, wird, nebenbei bemerkt, auf dieselben Losungen zurückgegriffen, die die Annexion Österreichs und Tschechiens durch das Deutsche Reich als Rückkehr in die deutsche Familie („Heim ins Reich“) propagierten.

Die Faschisierung der politischen Sprache in Russland geht mit erstaunlicher Geschwindigkeit vonstatten und ist das größte Hindernis auf dem Weg zu einer kritischen Analyse der Lage in Russland. Trotz der offensichtlichen Verantwortung des herrschenden russischen Regimes für die militärische Katastrophe in der Ostukraine und trotz des unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergangs im eigenen Land produziert die Propagandamaschine der Russischen Föderation ein virtuelles Sozialprodukt: die Bereitschaft, für vorgeblich von Nachbarländern, Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika ausgegangene Kränkungen zu töten und zu sterben. Mit diesem Krieg um den „Lebensraum“ und die sakrale „Einheit“ der „russischen Welt“ zwingen Wladimir Putin und sein Machtzirkel dem russischen Volk die Verachtung des Völkerrechts auf, und den Komplex, die russischen Bürger seien die benachteiligten Träger höchster Werte: ihnen sei ihr politisches Eigentum, die Sowjetunion, weggenommen worden. Um diese Komplexe zu befriedigen, bieten sie Waffengewalt an. Und offenbar ist der bewaffnete Überfall auf die Ukraine der einzige Ausweg, den das heutige russische Regime sieht.

Gasan Gusejnov, geboren 1953 in Baku, studierte und promovierte in Moskau Altphilologie. Seit 1990 in Deutschland, zuerst als Alexander von Humboldt- Forschungsstipendiat, später als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Privatdozent und Gastprofessor an den Universitäten Bremen, Bonn und Basel und als Journalist bei der Deutschen Welle. Seit 2007 unterrichtet er Altphilologie, Rhetorik und Sprachphilosophie an der Moskauer Staatsuniversität, Hochschule für Wirtschaft (NRU-HSE), und schreibt Sprachkolumnen für Radio France International.

Artikel von: Gasan Gusejnov
Quelle: Beton International 3/2015 – Zeitschrift für Literatur und Gesellschaft

Bild: Gasan Gusejnov Facebook
Übersetzt von: Felix Eick
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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