Ist Russland gegen Faschismus oder nicht?

Aleksander Korjakow/Kommersant Photo via Getty Images

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Nachrichten, Politik, Russland

Artikel von: Leonid Ragozin
Quelle: Bloomberg Business News 23.3.2015

„Hitler konnte Leningrad nicht einnehmen, diese Jungs haben es geschafft.“

Das internationale russische konservative Forum wurde am Sonntag in St. Petersburg abgehalten; angeblich eine Versammlung von respektablen Traditionalisten aus der EU, Russland und darüberhinaus, doch eher eine Einstimmungveranstaltung für Faschisten und Rassisten.

Der russische Tierquäler und Neonazi Alexej Mitschalkow, links in St. Petersburg mit Fallschirmjäger-Barett, rechts in Zivil. 

Doch die Ansammlung von Hitler-Apologeten, Holocaustleugnern, Apartheid-Fans und einem russischen Skinhead, der, als Publicity-Stunt einen Welpen enthauptete, gaben dem Ganzen eine Aura von düsterem Surrealismus. Sprecher verdammten die USA als Versklaver Europas und sagen das Loblied von Präsident Wladimir Putin, der Russland als letzte Festung des Christentums aufrecht erhält im Krieg, den Liberalismus und Multikulturalismus führen.

Im Westen werden wir gehirngewaschen, um Wladimir Putin zu hassen,“ sagte der britische Anti-Abtreibungs-Aktivist Jim Dowson. Er fuhr fort und sagte, Russland sei gesegnet, von einem „richtigen Mann“ regiert zu werden, während die USA vom „effeminierten“ Barack Obama geführt würden.

Roberto Fiore von Italiens Forza Nuova sagte, als Römer sage er, er sehe Russland als Drittes Rom, das die Krone des Imperium Romanum von Byzanz geerbt habe. Er sagte, Russland vereine Europa „gegen Liberalismus und islamischen Fundamentalismus“ und dass es dabei sei, eine Revolution einzuleiten, die „die Geschichte Europas verändere“. Der russische Organisator, Fjodor Birjukow von der Partei „Rodina“ stimmte zu, Er sagte, das Forum kündige den Beginn einer neuen „konservativen Revolution an, gegen die wenigen hundert Familien, die die Welt besitzen“. Rodina war vom russischen Verteidigungs-Industrie-Zaren und Vizepremier [Anm. d. Übers.: und Minister für den militärisch-industriellen Komplex] Dmitri Rogosin gegründet, der sich entschied, weder am Forum teilzunehmen, noch es zu kommentieren.

Nachdem er 2012 wiedergewählt worden war, erfand Wladimir Putin sich neu als Verteidiger konservativ christlicher Werte, ein Richtungswechsel zeigte sich in der Verhaftung von Mitgliedern der Band Pussy Riot wegen „Beleidigung von Gläubigen“. Ein anderer Eckstein seiner Ideologie ist der sowjetische Sieg im Krieg gegen Nazi-Deutschland. Die russische Propaganda zeichnet Putin als „Antifaschisten,“ der sich gegen das wendet, was der Kreml den Aufstieg des Neofaschismus in der Ukraine nennt, in die Russland im vergangenen Jahr einmarschiert ist.

Diese zwei ideologischen Linien stießen auf dem Forum zusammen, als beides, sowohl das Timing als auch die Wahl des Ortes, sich gegen die Organisatoren wandten. Die Versammlung wurde abgehalten, jetzt, wo sich der 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs nähert und in der Stadt, in der, so, wie man weiß, während der 900 Tage dauernden Belagerung 700.000 Menschen starben.

„Hitler konnte Leningrad nicht einnehmen, diese Jungs haben es geschafft,“ schrieb der liberale Politiker Wolkow vor dem Forum auf Twitter.

Der Kreml sagte, dass Putin sich des Ereignisses bewusst sei. Darüberhinaus gab es keinen Kommentar.

Eine Gruppe Protestierer versammelte sich außerhalb des Holiday Inn, in dem das Forum stattfand. Auf einem der Plakate stand: „Wir brauchen keine ausländischen Nazis in St. Petersburg – wir werden unsere eigenen nicht los“. Die Polizei nahm zwei junge Protestiererinnen fest, sowie einen Neonazi, der eines der Plakate zerrissen hatte.

Der gemäßigte Nationalist Konstantin Krylow ging nach draußen, um die Protestierer zu verspotten: „Ich kam hierher, um diese schrecklichen Faschisten zu sehen, doch ich konnte keine finden.“

Doch genau dort waren die, die es Fiore gleichtaten, der sich brüstete, er habe einen großen Teil seiner Karriere damit verbracht, „den Faschismus bezüglich einer Menge von Themen zu verteidigen“ und der sich zu sagen traute, dass „85 Prozent der Menschen in Italien werden ihnen sagen, dass der Faschismus viele gute Sachen gemacht hat, die die Bewunderung der Welt auf sich gezogen haben“.

Fiore floh 1980 nach Großbritannien, nachdem Italien gegen ihn einen Haftbefehl in Verbindung mit einer Explosion auf dem Hauptbahnhof von Bologna erlassen hatte, bei der 85 Menschen getötet wurden und die man einer rechtsextremen Zelle vorwarf.

Andere bemerkenswerte Figuren auf dem Forum waren zum Beispiel der Deutsche Udo Voigt, ein Mitglied des Europäischen Parlaments, der Hitler als „großen Staatsmann“ glorifizierte und behauptete, die Zahlen über den Blutzoll des Holocaust seien massiv übertrieben.

Doch wie jeder andere Teilnehmer hat er in seinem Land kaum Gewicht. Wichtige rechtsextreme Bewegungen – wie Ungarns Jobbik, der französische Front National und Deutschlands Pegida – lehnten die Teilnahme ab, wie ein Organisator sagte. Volen Siderow von der bulgarischen Ataka erschien einen Tag zuvor in St. Petersburg und flog am selben Abend zurück. Zwei russische Parlamentsmitglieder, die den Vorsitz über das Forum übernehmen sollten, zogen sich einen Tag vor Beginn zurück.

Griechenlands Goldene Morgenröte war die einzige größere Partei, die ihre Delegierten zu dem Event schickte. Deren Vertreter Eleftherios Synadios beklagte sich über die „Verfolgung“ und führte dazu die Verhaftung des Parteiführers Nikolaos Michaloliakos in Verbindung mit dem Mord an einem linken Musiker an. „Es ist symbolisch, dass der Prozess am 20. April beginnt,“ spielte Synadinos auf Hitlers Geburtstag an. Sein Kollege Georgios Epitideios sagte später, diese Bemerkung bedeute nichts und repräsentiere die Parteilinie nicht. Die Goldene Morgenröte war zuvor beschuldigt worden, die Nazis zu verherrlichen und auf einer ihrer Versammlungen Hitlers Parteihymne gespielt zu haben.

Die meisten Redner brachten ihre Unterstützung für die (pro-)russischen Rebellen in der Ukraine zum Ausdruck. „Es ist klar, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen in der Ostukraine und auf der Krim ethnische Russen sind, die die revanchistischen und aggressiven ukrainischen Nationalisten als Bedrohung sehen,“ sagte der ehemalige Führer der British National Party, Nick Griffin.

Einige russische Freiwillige, die in der Ukraine kämpfen, waren im Publikum. Einer von ihnen, Alexej Miltschakow, oder „Fritz,“ ist ein junger Neonazi aus St. Petersburg, der nun einen Rebellensturm von Skinheads anführt, die das Christentum als „jüdische Religion“ ablehnen und sich dem heidnischen Glauben der alten Slawen angeschlossen haben. Miltschakow wurde 2012 bekannt, nachdem er Photos veröffentlicht hatte, die zeigten, wie er einen Welpen enthauptete und dann grillte und aufaß.

Er widerspricht den Behauptungen der russischen Führer, dass die Rebellen in der Ukraine den Faschismus bekämpften.

Wir bekämpfen eine russophobe Junta. Es ist die Pflicht eines jeden russischen Nationalisten, sie zu bekämpfen,“ sagte Miltschakow. Russische Geschichtsbücher enthielten nur verzerrte Informationen über den Faschismus und dessen Vorkämpfer, Benito Mussolini.

„Wissen Sie, dass sich (die Putin-Partei) Einiges Russland in Italienisch als ,Fascia Russia‘ übersetzt?“ fragte er. Nein, tut sie nicht.

 

 

Artikel von: Leonid Ragozin
Quelle: Bloomberg Business News 23.3.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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