Unterstützung für Putins Ukrainepolitik nimmt in Russland ab, bleibt hoch in der russischen Diaspora

Russische Jugendliche mit Schildern „Putin liebt alle!“ (Foto: nr2.com.ua)

Russische Jugendliche mit Schildern „Putin liebt alle!“ (Foto: nr2.com.ua)  

24. März 2015 • Nachrichten, Russland, Soziales

Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 24. März 2015

Da die Russen sich der Kosten, die Wladimir Putins Aggression in der Ukraine nach sich zieht, bewusst werden, sagen immer weniger von ihnen in der Russischen Föderation selbst, dass sie das, was Putin tut, unterstützen. Aber die Unterstützung für Putins Politik bleibt hoch in der russischen Diaspora, wo die Mitglieder leichteren Zugang zu Informationsquellen haben, die nicht vom Kreml kontrolliert werden.

Die Abnahme der Unterstützung für Putins Politik zu Hause ist Gegenstand eines Artikels von Alexej Gorbatschew in der heutigen Ausgabe von „Nesawissimaja Gaseta.” Die anhaltend hohe Zustimmung unter Auslandsrussen wird von Ksenia Kirillowa in Nowij Region-2 analysiert.

Gorbatschew, politischer Beobachter für „Nesawissimaja” berichtet, dass eine neue Umfrage des Lewada-Zentrums zeige, dass „der Anteil derer, die Zweifel hegen“ bezüglich der Rechtmäßigkeit der Annexion der Krim „langsam aber stetig wächst“, wobei weniger Leute als voriges Jahr das Gefühl haben, dass es der Triumph der Gerechtigkeit gewesen sei (28% gegenüber 31%), oder zustimmen (44% gegenüber 47%).

Der Anteil der Russen, die der Ansicht sind, dass Moskau auf der Krim so gehandelt habe, um die russische Bevölkerung dort zu schützen, ist auch zurückgegangen, von 62% auf 55%, ebenso der Anteil derer, die meinen, dass die Aktionen Moskaus die Absicht hatten, Stabilität in der Ukraine zu fördern , von 39% auf 33%.

Gleichzeitig jedoch, so Gorbatschew, sei der Anteil derer, die glauben, dass die Annexion der Krim mit der „Wiederherstellung historischer Gerechtigkeit“ zu tun habe, ein wichtiges Thema in der Kreml-Propaganda in jüngster Zeit, von 32% auf 40% gestiegen. Der Prozentsatz derer, die meinen, dass Russland zu seiner traditionellen Rolle als Großmacht zurückkehre, ist hingegen von 79% auf 72% gefallen.

Der Verfasser in „Nesawissimaja“ berichtet, dass diejenigen, die die Geschichte der Krim als „nicht wieder gut zu machenden Fehler“ betrachten, unverändert 6% ausmachen, der Anteil derer, die sie eine „große Leistung russischer Führerschaft“ nennen, von 85% auf 81% zurückgegangen sei. Überdies sei die Zahl derer, die es als durch und durch gute Sache betrachten, auf 19% gefallen und die Anzahl derer, die es nur oder vorwiegend negativ sehen, auf 17% gestiegen.

Knapp unter einem Drittel der Russen (32%) geben an, dass sie „überhaupt nicht bereit seien“, für die Entwicklung der Krim zu zahlen. Zu einem anderen Thema hat sich der Anteil derer, die die Ansicht vertreten, Russen und Ukrainer seien verschiedene Völker, verdoppelt (von 18% auf 40%)“, wenngleich 52% nun die gegenteilige Meinung vertreten, ein Rückgang von den 79% im März 2014.

All diese Zahlen spiegeln sowohl den Einfluss der russischen Regierungspropaganda als auch die Grenzen dieser Propaganda wider, da die Leute selbst über das nachdenken, was geschehen ist. Die Situation der Russen im Ausland und insbesondere im Westen ist jedoch anders, da sie leichten Zugang zu verschiedenen Medien-Outlets mit verschiedenartigen Standpunkten haben.

Trotzdem ist in vielen Fällen die „Unterstützung für Putin extrem hoch“, wie zahllose Beobachter angemerkt haben, einschließlich unter Russen in den Vereinigten Staaten, ebenso wie „eine negative Einstellung gegenüber dem Land des ständigen Wohnsitzes“, räumt Kirillowa ein, die in der Nähe von Seattle in den USA lebt. Ihr neuester Artikel befasst sich mit den Gründen dafür.

Dieses Verhaltensmuster werfe die Frage auf, warum die russische Community im Ausland anders sei und wie und wieso dieses Meinungsmuster, das man in anderen Diasporagemeinden so selten findet, auch nicht in der ukrainischen, bei einem so hohen Prozentsatz von Russen, die sich entschlossen haben, außerhalb der Grenzen ihres Landes zu leben, angetroffen wird.

Kirillowa beginnt ihre Analyse mit einem Kommentar zu Alexei Zwetkow, dessen jüngster Artikel „Lehren der Diaspora” einen scharfen Gegensatz darstellt zwischen der Art, wie sich Ukrainer und Russen, die in den USA leben, verhalten haben, wobei erstere sich stärker in das amerikanische Leben integriert  und ethnische Gruppen organisiert haben als letztere.

Die Analystin in Nowij Region-2 sagt, dass es zwar stimme, dass die russische Diaspora in den USA nicht so viele kulturelle Institutionen wie die ukrainische hervorgebracht habe, dies aber nicht zum Verlust der Selbstidentifikation russischer Emigranten geführt habe. Im Gegenteil, das Ausmaß des Zusammenhaltes sei auch sehr hoch, aber ganz anders.

„Die Unfähigkeit sich selbst zu organisieren und ‚horizontale‘ Verbände ohne Direktiven ‚von oben‘ zu schaffen, hat Russen nicht dazu gebracht, sich in das amerikanische Milieu zu integrieren oder ihre Identität zu verlieren.“ Es bedeutet stattdessen, dass russische Immigranten in den Vereinigten Staaten zumindest in letzter Zeit viel eher bereit sind, an Organisationen, die vom Kreml und seiner diplomatischen Vertretung organisiert werden, teilzunehmen.

Zum Teil, so Kirillowa, zeigt das die Unfähigkeit der Russen, sich alleine zu organisieren, aber es gibt noch eine tiefere und schwerwiegendere Ursache, eine Ursache, die in der Art wurzelt, wie viele Russen, sogar die, die weggehen, um anderswo zu leben, jene, die das getan haben, als jemanden betrachten, der das Land irgendwie „verraten hat“, eine Haltung, mit der sich Ukrainer nicht konfrontiert sehen oder die sie nicht teilen.

Mit Ausnahme derer, die das Land verlassen, nachdem sie sich bewusst dafür entschieden haben, Dissidenten zu sein, haben viele Russen im Unterbewusstsein das Gefühl, dass sie einen Verrat begangen haben, sagt Kirillowa und daher sehen sie die Teilnahme an Organisationen, die Moskau geschaffen hat, und die Unterstützung für die Position Moskaus als eine Möglichkeit, anderen und sich selbst zu zeigen, dass sie keine Verräter seien.

Und das bedeutet, so sagt sie abschließend, dass „die russische Selbstidentifikation in naher Zukunft ein Problem bleiben wird“, sowohl für die Russen in den USA als auch für die Amerikaner, unter denen sie leben.

Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 24. März 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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