Wendland: 10 Thesen zu Geschichte als Kampagne im ukrainisch-russischen Konflikt

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26. März 2015 • Analytik und Meinungen, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

1. Geschichte als Element im „hybriden“ Krieg. Im ukrainisch-russischen Konflikt sind Texte und Bilder Waffen, Geschichtsbezüge wichtige Teile der kriegsbegleitenden Propagandakampagnen. Material und diskursive Formate, mit denen auch die Geschichtswissenschaft arbeitet (Geschichtsquellen, Geschichtstheorien, Geschichtskontroversen) werden neuen Gebrauchsformen zugeführt, die manchmal allerdings an gestrige und vorgestrige Gebrauchsformen erinnern.

2. Beschleunigung und Effizienz. Im Zeitalter der digitalen Beschleunigung ist der technischen Manipulation historischen Materials und der „Umdrehungszahl“ der jeweiligen Kampagne keine Grenze gesetzt; die Geschichtskampagnen des russisch-ukrainischen Krieges gleichen modernen Cluster- und Streuwaffensystemen, die explosives oder auch toxisches Material flächendeckend, effizient, häufig auch mit verzögerter Einwirkung freisetzen. Es handelt sich um einen asymmetrischen Krieg, in dem zur Zeit die russische Kampagne hinsichtlich Ressourcen, Aggressionsgrad und Dichte klar dominiert.

3. Position ist gefragt. Die Geschichtswissenschaft muss sich zu diesem militärischen und quasi-militärischen Gebrauch, auch zur Fälschung von historischem Text- und Bildmaterial positionieren. Sie darf folglich auch politische Aussagen nicht scheuen – und zwar nicht trotz, sondern gerade aufgrund einer kritischen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Geschichte. Und sie muss, entgegen ihren Gewohnheiten und Fachtraditionen, rasch und auf ungewohntem Terrain reagieren.

4. RUS: Geschichte und Machttechnologie. Insbesondere im russischen Kontext sind historische Kriegstopoi Teil von etablierten Machttechnologien. Sie sind somit wichtiges Element der Integrationspolitik im Inneren des Landes unter krisenhaften Bedingungen. Sie dienen a) der Feinderklärung nach innen und außen, b) der permanenten Mobilisierung der Gesellschaft, c) der Integration einer potenziell pluralistischen „Gesellschaft“ zur „Gemeinschaft“ d) der Legitimation der gegenwärtigen Machtstrukturen an der Schnittstelle von Machtorganen und extraktiver Ökonomie.

5. RUS: Multipolarität und Konsolidierung. Diese Strukturen sind semi-multipolar, d.h. sie sind trotz des monolithischen Auftretens nach außen („Putinismus“) nachweisbar pluralistisch. Neo-konservative, national-reaktionäre und stalinistische Strömungen sind nachweisbar. Jede dieser Strömungen steuert bestimmte Elemente zum historischen Diskurs bei. Zurückgegriffen wird auf Traditionen insbesondere der stalinistischen Ära, aber auch der Stagnationszeit (ein seiner Analysekraft entleerter Faschismusbegriff als Feinderklärung; „ukrainischer Nationalismus“ als Hauptfeind; Bezug auf „Volksrepubliken“ bei der Intervention in der Ukraine), aber auch auf Traditionsbestände weißgardistischer Geschichtskonzepte bzw. geschichtsphilosophischer Konzepte der Emigration nach 1917 (Vorstellungen eines kulturell-religiösen russkij mir-Sonderwegs; konservative Revolution; Eurasianismus; antisemitischer Antikapitalismus von rechts), an den Rändern ergänzt um Nationalbolschewisten (nacboly) und postmoderne Popkultur-Pogromisten wie Aleksandr Dugin. Sie alle eint ein solider Grundkonsens der vorgeblich wertbasierten Legitimation russischen Expansionismus.

6. UA: Postsowjetische Geschichtspolitik im Transformationsregime. Auch auf ukrainischer Seite gab und gibt es Versuche, über Geschichtspolitik und Kriegstopoi Anhängerschaft zu mobilisieren, die Nation zu integrieren und politische Herrschaft zu legitimieren. Beide Amtsvorgänger von Petro Porošenko haben sich durch die Instrumentalisierung der Geschichte insbesondere des Zweiten Weltkrieges auf diesem Gebiet betätigt und damit je unterschiedliche Teile der ukrainischen Gesellschaft mobilisiert und gegen-mobilisert. Unter dem Eindruck des Krieges kommt es zur Parallelisierung von sowjetischen [als „russischen“] Interventionen und ukrainischer Erfahrung (Kontinuität „Berlin-Budapest-Prag-Kabul-…“; Jacenjuks Geschichtssicht). Außerdem wird in einer Absetzbewegung die Unvereinbarkeit einer ukrainisch-europäischen und einer russisch-asiatischen historischen Tradition postuliert, d.h. in der Grundannahme des clash of cultures ist man sich mit amerikanischen Neocons und russischen Rechten einig – nur nicht in der Frage, zu welcher der „Zivilisationen“ denn die Ukrainer gehören. Daneben stehen aber auch neuartige Versuche der historischen Legitimierung einer zweisprachigen Staatsnation Ukraine.

7. RUS/UA/EUR: Die Leerstelle auf der Linken. Eine sowjetische Traditionslinie des Umgangs mit Geschichte fehlt sowohl in Russland als auch in der Ukraine vollkommen: Es gibt gegenwärtig in beiden Ländern, von einigen marginalisierten Stimmen abgesehen, keine marxistische Kritik nationalistischer Geschichtspolitik und kriegerischer historischer Topoi. Auch die europäische Linke hat vor dieser Frage kapituliert. Insbesondere die deutsche Linke hat sich in der Tradition des „Antiimperialismus“ des Kalten Kriegs durch voreilige Übernahme der russischen Position diskreditiert. Deren im Kern reaktionärer politischer Gehalt wird ignoriert und allenfalls als Begleiterscheinung einer legitimen Reaktion auf westliche Expansionspolitik wahrgenommen.

8. RUS/UA: Geschichtskampagne als Pogrom. Der Pogromforschung verdanken wir wichtige Erkenntnisse, die man auch bei der Analyse der gegenwärtigen russischen Intervention und ihrer schon anlaufenden Historisierung durch die Akteure anwenden könnte: a) der Pogromist sieht sich als Opfer und den Pogrom als Akt der Verteidigung (Putins Krim-Bekenntnis-Akte März 2014-März 2015); b) der Pogromist bekämpft in seinem lokalen Rahmen eine imaginierte Weltverschwörung, die die Nation – in die die Ukrainer wider Willen kooptiert werden – kulturell unterwandert und abwirbt (heute: USA und EU/liberales Gejropa); c) der Pogromist bekämpft in seinem lokalen Rahmen das Andere, das verdeckt gegen die Gemeinschaft arbeitet („Fünfte Kolonne“, Židobanderovcy); d) das Opfer ist selbst schuld am Pogrom, denn es hat den Pogromisten durch eine Untat provoziert (der Majdan als Ritualmord am russischen Volkskörper), e) den Pogromisten wird von sympathisierenden Behörden dosiert freie Hand gelassen, soziale Aggression wird auf diese Weise kanalisiert (heute: russische Milizen und „Freiwillige“, die je nach Bedarf [militärisch] unterstützt oder fallengelassen werden; selbsternannte russische Ukraine-Experten vom rechten Rand, denen in gelenkten Medien ein Forum gegeben wird)

9. UA/RUS: Russische Ukrainomanie ex negativo. Die Ukraine-Krise ist zwar eine Existenzkrise der Ukraine – aber in ebensolchem Maße eine Russland-Krise, die auf ukrainischem Boden manifest wird. Während es in der Logik der russischen siloviki und auch aus Sicht pro-europäischer Ukrainer vor allem um eine Straf-und Lehraktion wegen Insubordination an der imaginären eigenen Peripherie geht (Strafe für die Ukrainer, Lehre für die Russen), offenbart sich in den defensiv-aggressiven Geschichtsrhetoriken und -topoi eine latente Legitimationskrise der russischen Eliten und des russischen Staates unter den Bedingungen schwindender Rohstoffrenten, welche in Zeiten der Hausse den sozialen Kitt und den Erfolgsausweis des Systems zu liefern vermochten. Die russische Nationalidee befindet sich in einer schweren Krise, da momentan kein Konzept in Sicht ist, das sie von ihrer ukrainischen Fixierung befreien könnte. Selbst Gegner der Expansionspolitik kleiden die Ukraine-Fixierung gerne in das Erklärungsmuster der russischen “Realpolitik”, die unabhängig von der Rolle der Ukraine für das Nationalbewusstsein erst einmal auf Tiefenverteidigung des eigenen Raums aus sei. Im einen wie anderen Falle aber leidet der russische Patriotismus an ukrainischer Selbstkolonisierung – er macht nämlich die vorgestellte Nation Russland auf Gedeih und Verderb vom Selbstkonzept und Handeln der Ukrainer und von der Zugehörigkeit der Ukraine zu „Europa oder Russland“ abhängig. Eine Ukraine als Partner statt als Vasall und Einflussraum scheint undenkbar. Auch wenn aus militärischer Sicht die Ukraine in der Klemme sitzt und Russland in der Position des Stärkeren zu sein scheint: mit Blick auf Fixierungsstrukturen und Selbstkonzepte ist es andersherum.

10. UA/RUS: In der Zwangsjacke des ukrainischen Faktors. Somit hat die Ukraine als ehemalige secunda inter pares im Machtgefüge der Sowjetunion ihre Rolle eigentlich behalten, auch wenn die Ukrainer sich ihrer Bedeutung für die Russen womöglich gar nicht bewusst sind. Und deswegen gehen sie mit diesem Potenzial momentan nicht kreativ um: mit der Tatsache, dass die Rolle der Ukraine und der Ukrainer bei der Beherrschung des Sowjetreiches insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg voller Ambivalenzen ist; mit der Problematik, dass die Ukraine gegenwärtig einen Eckstein im russischen Selbstkonzept darstellt, ohne dass dies jene quasi-Naturgesetzlichkeit bedeuten muss, die viele Zeitgenossen diesem Verhältnis beimessen; mit der Tatsache, dass die Ukraine potenziell der Partner eines anderen Russland sein könnte. Momentan werden diese Tatsachen als Hypothek empfunden. In der ukrainischen Perspektive ist die negative Ukrainomanie der Russen kein Krisensymptom, sondern Hegemonie- und Expansionsanspruch. Historische Beispiele der erfolgreichen oder partiell erfolgreichen Aushandlung eines russisch-ukrainischen Verhältnisses zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert werden daher delegitimiert oder ignoriert, weil sie nicht in das vorherrschende Narrativ der ukrainischen Opferrolle, der Russifizierungspolitik und des russischen Expansionismus passen. Auch dieses ukrainische Narrativ lässt keine russische Schwäche zu. Somit sind Russen und Ukrainer momentan in einer Zwangsjacke der Selbstwahrnehmungen aneinander gefesselt; dieser Zustand kennzeichnet gleichzeitig einen noch nicht vollendeten Dekolonisierungsprozess. Aus der Zwangslage würde Russland nur eine Emanzipation vom selbstgeschaffenen Ukraine-Paradox befreien – also der Abschied von der Bedeutungsübersteigerung der Ukraine bei gleichzeitiger Leugnung ihrer Existenz. Die Ukrainer hingegen sollten ihre Rolle in gemeinsamen historischen institutionellen Verbänden kritisch und selbstbewusst erkunden und Neuinterpretationen Raum geben.

Beitrag zur DGO-Jahrestagung in Berlin.
http://www.dgo-online.org/events/index.html

Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

Bild: AnnaVero Wendland Facebook

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