Macht ohne Moral – der Musiker Wassilij Rjabko über die Lage in Charkiw

wassilij Rjabko

 

Krieg im Donbas, Politik, Soziales

Artikel von: Aleksandra Wagner
Quelle: RFE/RL 28.3.2015

Der Musiker Wassilij Rjabko: “Die Situation in Charkiw ist ein Jahr nach dem Machtwechsel in der Ukraine noch alarmierender.”

Mitte März appellierten die Schriftsteller Sergej Schadan und Irene Karp, der Musiker Oleh Skrypka und andere ukrainische Künstler an den Innenminister Arsen Awakow, die brutalen Schlägerattacke auf den Charkiwer Musiker, Bandleader der Gruppe “Papa Carlo” und Koordinator des Charkiwer Euromaidan, Wassilij Rjabko zu untersuchen. Rjabko, der – durch Tritte ins Gesicht – von vier jungen Männern verletzt wurde, erlitt ein Splitterbruch des linken Jochbeins und eine Verschiebung des Jochbogens. Er wurde kürzlich aus dem Krankenhaus entlassen und ist nun zu Hause in Behandlung.

Der verletzte Wassilij Rjabko

Der verletzte Wassilij Rjabko

Die Attacke auf einen der Aktivisten des Maidans passierte am selben Tag wie der Anschlag auf den Marsch der pro-ukrainischen Aktivisten in Charkiw. Die Demonstration war dem Jahrestag der Schießereien auf der Institutska-Straße in Kyiw gewidmet. Am 22. Februar dieses Jahres explodierte im Zentrum Charkiws eine Bombe, die vier Menschen tötete und 15 Menschen verletzte. Dazu kommt, dass eigentlich Wassilij Rjabko das Auto mit den Lautsprechern an der Spitze der am stärksten von der Explosion betroffenen Gruppe hätte fahren sollen. Er kam zu spät, deshalb übernahm sein Freund Ihor Tolmatschow, der durch die Explosion getötet wurde. Die Untersuchung dieser Ereignisse ist noch nicht abgeschlossen.

Unter den vier Angreifern auf den Charkiwer Aktivisten war auch ein Mann, der in der Vergangenheit Opfer eines Angriffs pro-russischer Aktivisten auf Euromaidan-Aktivisten wurde. Wassilij Rjabko spricht in diesem Interview mit RFE/RL über die Situation in Charkiw ein Jahr nach den blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Unterstützern der Separatisten und einer Föderalisierung sowie den Befürwortern der Einheit der Ukraine und ihrer Integration in die EU. Außerdem spricht er über die bevorstehende Bürgermeisterwahl, welche die Lage in der Region Charkiw wieder aufheizen wird.

Wie ist das passiert, dass Sie und Ihre Kollegen Opfer einer Schlägerattacke wurden?

Es geschah in der Lobby des Krisenzentrums von Charkiw. Thema der Pressekonferenz waren die Ereignisse am 22. Februar, d.h. der Terroranschlag in Charkiw. Gegen Ende versuchte ein Berater unseres Gouverneurs in einem Redebeitrag, die Verantwortung für die Sicherheit während des Marsches aus irgendeinem Grund auf die Zivilbevölkerung abzuwälzen. De facto haben wir den Marsch vorher angekündigt, und wenn wir über die Sicherheitsmaßnahmen sprechen, hätte man in einer Art offizieller Überprüfung die Autos während des Umzugs entfernen müssen, die hätte man ja auch verminen könnte. es hätte alles Mögliche passieren können. Und als er versuchte, jemandem anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben nach dem Motto wir hätten selbst alles überprüfen müssen, mit Hunden suchen müssen, fragte ich ihn: “Kommt es Ihnen nicht komisch vor, dass die Bombe genau bei unserer Aktion und nicht bei der Pro-Regierungs-Aktion, die für den gleichen Tag wie der Marsch geplant war, explodierte?” Das gefiel Inna Bohoslowska, die auch im Saal war, nicht. Sie stürzte sich sofort auf mich und fing an, mich für den Tod meiner eigenen Kameraden verantwortlich zu machen. Ich sagte ihr, dass solche, wie sie, die das Land zehn Jahre lang bis zur Tragödie der “Himmlischen Hundert” führten, jetzt besser schweigen sollten. Danach haben Kollegen, deren Namen ich nicht nennen werde, aber einen von ihnen kannte ich eigentlich als friedlichen Mann, mir angeboten, vor die Tür zu gehen, um zu reden. Ich nahm das nicht als Bedrohung wahr, ging raus, und sofort griffen sie mich an, direkt in der Lobby des Saales, wo die Pressekonferenz stattfand.

Inna Bohoslowskas Banner in Sewastopol aus dem Jahre 2009

Inna Bohoslowskas Banner in Sewastopol aus dem Jahre 2009

Sie haben Inna Bohoslowska erwähnt, sie war früher Mitglied der Partei der Regionen und hat sie als eine der ersten verlassen.

Ja, das stimmt. Aber ihr Name ist zum Synonym für Korruption und Prinzipienlosigkeit geworden, die es nicht nur in der Partei der Regionen, sondern in der ganzen ukrainischen Politik gibt. Sie hat ihre Parteizugehörigkeit mehrmals geändert. Diese Politikerin hat in Sewastopol Banner aufgehängt, die besagten, dass die Stadt nicht nur von der Ukraine, sondern auch von den Russen regiert werden sollte. Das bedeutet, dass sie schon vor ein paar Jahren zur Aufteilung der Ukraine aufrief. Darüber hinaus half sie dem Staatsanwalts Wiktor Pschonka, sie befasste sich mit dem Gerichtsverfahren gegen Julia Tymoschenko und war eine begeisterte Befürworterin des Prozesses, der dazu führte, dass man Tymoschenko ins Gefängnis warf. Die gleiche Person, die sich jetzt in die ukrainische Flagge einwickelt, herumschreit, dass sie für eine einheitliche Ukraine ist und sich als Patriotin gibt. Aber ich sehe es so, dass die Regierung in Gestalt des Gouverneurs unter dem Deckmantel des Kampfes mit dem verhassten Hennadij Kernes versucht, uns ihre Kandidatin unterzuschieben. Anstatt demokratischer Wahlen stellt man uns eine Person hin, und sagt über diese, sie sei ein wenig besser als Kernes – stimmt für sie.

Die Personen, die auf Sie eingeschlagen haben, haben die einen Bezug zum Antimaidan in Charkiw, oder ist es eine neue Welle von Aktivisten, die sich den Ideen, die während des Maidans beschlossen wurden, widersetzen?

Ich sehe keinen Zusammenhang zum Antimaidan. Ich denke, sie sind nur überarbeitet und unterstützen Bohoslowska. Ich weiß nicht, ob sie darüber hinaus ein kommerzielles Interesse haben, oder ob sie wirklich denken, dass das richtig ist … Durch die Abwesenheit von Reformen im Land, anstatt dass man wirklich mal die Regierung durchputzt – von den Strafverfolgungsbehörden bis zu den Beamten – setzt man leider nicht auf die Menschen des Maidans, die ihre Ehrlichkeit und Integrität bewiesen haben, sondern auf die Menschen, die irgendeine Art von Macht darstellen, welche angeblich die Ordnung wiederherstellen könnte. Meiner Meinung nach ist dies ein großer Fehler, denn Macht kann ohne Moral nicht funktionieren.

Kernes und Dobkin - Foto: korrespondent.net

Kernes und Dobkin – Foto: korrespondent.net

Hennadij Kernes wird sich wie Bohoslowska für die Kommunalwahlen aufstellen lassen, die in diesem Herbst stattfinden. In einem seiner letzten Interviews sagte er, dass er nach den von ihm angeordneten Meinungsumfragen die meisten Stimmen gewinne. Als Bewohner von Charkiw, wie schätzen Sie die Popularität von Kernes ein?

Kernes – das ist ganz klar das Böse, das lange Zeit Charkiw regiert hat. Und hier ist es notwendig zu verstehen, warum das Böse fast ein Jahr nach der Revolution noch an der Macht ist. Ich denke, dass Kernes keine Chance hat, die Wahl zu gewinnen. Und die Chancen wären noch kleiner, wenn unsere Staatsanwälte und die Polizei zumindest einige Schritt einleiten würden. Die Rolle Kernes’ ist es – das Boot hochzuschaukeln und die Situation eskalieren zu lassen. Aber jetzt weiß er genau, dass er auf Messers Schneide geht. Es gibt bestimmte pro-russische Stimmungen in Charkiw, aber sie sind lächerlich. Zehn bis Fünfzehn Prozent – das ist das Maximum. Wir haben so viele Flüchtlinge aus Donezk, dass die Bewohner von Charkiw die Wahrheit kennen, und niemand will, dass es in Charkiw so läuft wie in Donezk. Niemand will auf die Straße gehen und Minen ausweichen. Ich denke, dass der Anteil der pro-russischen Charkiwer am Anfang der aktuellen Ereignisse höher war, aber jetzt ist er unerheblich, weil alle alles durchschauen.

Ja, aber auf der anderen Seite gab es Ende Februar bei der friedlichen Kundgebung einen terroristischen Akt, Menschen starben, und das bedeutet, dass es in der Stadt immer noch eine starke pro-russische Stimmung gibt, und einige Menschen sind sehr radikal eingestellt.

Es ist offensichtlich, dass das mit Beteiligung der russischen Geheimdienste durchgeführt wurde – wie alle großen Anschläge auf Maidan-Aktivisten. Im vergangenen Frühjahr gab es solche Schlägertrupps mit einer großen Anzahl aggressiver Menschen aus Rostow, Belgorod und anderen russischen Städten. Ich war unter den Opfern des 6. April vergangenen Jahres, als wir in Charkiw ein Festival organisiert haben, zu welchem Gruppen aus dem ganzen Osten der Ukraine kamen. Alles verlief friedlich, und als es vorbei war, und wir begannen, die Technik einzuladen, hat man auf uns eingeschlagen. Die Opfer waren ausschließlich Musiker. Darüber hinaus hat man am Anfang in russischen Fernsehsendern gezeigt, dass das angeblich der “Rechte Sektor” war, der Feuerwerkskörper geworfen hat. Aber in diesem “Korridor der Schande”, den sie geschaffen haben, war ich der Erste und viele haben mich erkannt und sagten: “Was ist das für ein “Rechter Sektor”, das sind doch bekannte Musiker!” Das fand alles in der Nähe des Schewtschenko-Theaters statt, und die Menschen um uns herum warfen mit Steinen und Münzen auf uns. Von den Münzen waren übrigens mehr als die Hälfte russische Rubel. Darüber hinaus gab es aktive Gruppen, die versuchten, das Theater zu stürmen und schrien: “Kernes, komm raus!”. Sie hielten es für das Büro des Bürgermeisters. Das waren eindeutig keine Einheimischen. Jetzt passieren solche Sachen nicht mehr, denn es ist einfach nicht möglich, zweitausend Menschen für die Streitgruppen herzukarren. In Charkiw gab es seit dieser Zeit keine einzige prorussische Veranstaltung, die mehr als 100 Menschen anzog. Deshalb, auch wenn es eine kleine Menge von versprengten Gruppen gibt, bedeutet das nicht, dass hinter ihnen viele Menschen aus Charkiw stehen. Hinter ihnen steht der russische Terrorismus.

Artikel von: Aleksandra Wagner
Quelle: RFE/RL 28.3.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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