Kornbluth: Russische Propaganda nutzt Schwäche des Westens

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30. März 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: Andrew Kornbluth
Quelle: The Moscow Times, 26. März 2015

Es wird deutlich, dass bestimmte autoritäre Regierungsmodelle in der Lage sind, an die die Leistungen ihrer demokratischen Pendants heranzukommen und sie in mancher Hinsicht sogar übertreffen. Ob man Russland, mit seiner Abhängigkeit von Energieimporten und einer ansonsten nicht diversifizierten Wirtschaft darunter zählen sollte, ist fraglich, aber es gibt einen Bereich, in dem der russische Staat bisher seinen westlichen Gegnern eindeutig überlegen ist: nämlich in seiner Propaganda oder, um den PR-fachterminus zu benutzen, seinem Nachrichtenwesen.

So beeindruckend die Informationskomponente im derzeitigen russischen “hybriden Krieg” gegen die Ukraine auch ist, verdankt sie dennoch ihren Erfolg wohl weniger ihrer Genialität als eher tief verwurzelten Schwachstellen in der westlichen demokratischen Kultur, für die es keine einfache Lösung gibt.

Die Wirksamkeit der russischen Meinungsmache ist schwerlich zu bestreiten; außer den fast 90 % der Russen, die ihren Präsidenten und, wenn auch passiv, seine Expansionspolitkk unterstützen, ist auch ein großer Teil der westlichen Öffentlichkeit, insbesondere in Europa, weiterhin davon überzeugt, dass Russland wenig oder gar keine Verantwortung für den Krieg in der Ukraine trägt.

Ironischerweise funktioniert das russische Nachrichtenwesen nur durch die Ausnutzung von Schwachstellen bei genau den Mechanismen der Selbstkritik und Skepsis, die für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft so wichtig sind. Die moderne westliche Kultur von Selbstzweifeln hat sich in der Konfrontation des 21. Jahrhunderts, die stark an die Ursprünge des Kalten Krieges erinnert, besonders anfällig für Manipulation erwiesen.

In der gegenwärtigen Krise hat das russische Nachrichtensystem vier im zeitgenössischen westlichen demokratischen Diskurs beliebte Annahmen vereinnahmt: Die erste ist, dass alle Seiten in einem Konflikt gleichermaßen schuldig sind. Europas Verdacht gegen die führenden Politiker der westlichen Allianz aus den Vereinigten Staaten, der nie weit unter der Oberfläche lag, wurde durch aufeinanderfolgende Skandale über den Irak-Krieg, Folter und Abhömaßnahmen neu belebt. Jeder hat sich strafbar gemacht – so das Denken – wie kann der Westen also Vorwürfe gegen Russland erheben?

In dieser verwirrenden moralischen Landschaft wird gleichermaßen die “Illegalität” der ukrainischen Revolution unbekümmert der Rechtswidrigkeit der russischen Annexion der Krim gegenübergestellt, während die enormen Unterschiede in Art, Umfang und Motiv zwischen den verglichenen Vorkommnissen einfach unerwähnt bleiben.

Die zweite Annahme ist, dass es “zwei Seiten jeder Geschichte” gibt. Der Wunsch, mehrere Quellen zu konsultieren, und die mangelnde Bereitschaft, nur eine Version zu akzeptieren, sind Teil einer gesunden kritischen Sichtweise, aber das System bricht zusammen, wenn eine Seite davon nur eine Erfindung ist. Es gibt beispielsweise keinen Mittelweg zwischen der Behauptung, dass die russische Armee an den Kämpfen in der Ukraine beteiligt ist und der Behauptung, dass dies nicht der Fall ist.

Aber die russischen Nachrichten spekulieren auf die Tatsache, dass ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung des Westen, die sich der Verzerrungen durch ihre Regierungen in der Vergangenheit bewusst sindwird unweigerlich russischen Dementis Glauben schenken , so unglaubwürdig sie auch sein mögen. Wieder einmal hat das Gefühl, dass die Vereinigten Staaten das Vertrauen der Welt in den letzten Jahren betrogen haben, zu dieser Situation beigetragen.

Die dritte Annahme ist, dass in einer Konfrontation zwischen dem Westen und einem nicht-westlichen Gebilde der Westen immer der Aggressor ist. Ein halbes Jahrhundert politischer und militärischer Interventionen im Nahen Osten, Afrika, Lateinamerika und Asien hat einen nicht ganz unberechtigten Eindruck von westlicher Straflosigkeit hinterlassen, eine Vorstellung, die bei vielen in der europäischen Linken gehegt wird.

Im Gegensatz dazu gab sich die Sowjetunion, die sich des Besitzes ihrer osteuropäischen Kolonien nach 1945 sicher sein konnte, während ihres Bestehens als Anwalt der Unterdrückten. Das Elend der einfachen Russen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verstärkte lediglich das Bild von Russland als einem weiteren Opfer des kapitalistischen Westen – trotz der Tatsache, dass Russland das weltweit größte Land ist, auf einem der weltweit größten Bestand an Kernwaffen sitzt und weltweit über die größten Erdgasreserven verfügt.

Die letzte Annahme ist, dass ein allgemeiner Konflikt in Europa eine Unmöglichkeit ist. In den großen europäischen Ländern herrscht schon so lange Frieden, dass eine Unterbrechung wie bei einer außerirdischen Invasion einfach unvorstellbar scheint, zu einem Zeitpunkt, in dem der Zweiten Weltkrieg so langsam aus dem Gedächtnis verblasst. Das russische Nachrichtensystem hat keine Schwierigkeiten, die Menschen zu überreden, dass der Ruf nach militärischer Verteidigungsbereitschaft nichts anderes als Militarismus und Panikmache ist.

Um fair zu sein, muss man zugestehen, dass die Wirksamkeit der russischen Propaganda, sowohl zuhause als auch im Ausland zurückgegangen ist, als die sichtbare Kluft zwischen Worten und Taten in der Ukraine sich vergrößert hat. Aber die Leichtigkeit, mit der die Desinformation tief verwurzelte Dogmen der westlichen liberalen Ordnung Huckepack genommen hat, sollte uns als Erinnerung dienen, dass selbst die stabilsten Demokratien fragiler und verletzlicher sind, als sie erscheinen.

Ein wirksames Gegenmittel gegen Korruption und Misswirtschaft, die Praxis des wahrhaften Dialogs mit der Macht ist Teil dessen, was den Westen stark macht und ihn von autoritären Staaten unterscheidet. Paradoxerweise droht jedoch diese Kultur der Selbstkritik nur ein weiterer Ersatz für freie Meinungsbildung in einer selbstzufriedenen westlichen Konsumgesellschaft zu werden, die davon ausgeht, ihr Platz in der Welt sei unangreifbar.

Die Geschichte hat eine besondere Art, Tricks mit denjenigen zu spielen, die sie für beendet halten.

Andrew Kornbluth ist Doktorand an der University of California in Berkeley.

Artikel von: Andrew Kornbluth
Quelle: The Moscow Times, 26. März 2015

Bild: The Moscow Times
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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