Wendland an Baberowski: “Wir Untersteller” – Political Correctness oder Gerechtigkeit für Russland?

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31. März 2015 • Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

AnnaVero Wendland schreibt an [email protected]

Lieber Herr Baberowski,

Kollegen machten mich auf Ihren Beitrag “Der Untersteller” in der ZEIT vom 26. März aufmerksam, in dem Sie sich mit Gerd Koenens Kritik an Ihren Positionen auseinandersetzen und auch mich erwähnen.

Sie vergessen leider in Ihrem Artikel zweierlei.

1) meinen Namen, an den Sie sich wahrscheinlich nicht erinnern konnten, weil der Titan sich in einer Welt der Mediokrität natürlich nicht an alles erinnern kann,

2) und den Zusammenhang, aus dem meine Polemik gegen die Linken stammt. Sie geht nämlich nicht gegen irgendwelche Linke, und auch nicht gegen Zweifler und Bedenkenträger, die eine kritische Wägung der deutschen Ukraine-Politik beabsichtigen, sondern gegen die MdB Hunko und Gehrke, die Anfang des Jahres mit Unschuldsmine im Gesicht und humanitärer Hilfe im Gepäck über Russland nach Doneck einreisten. Sodann posierten sie mit dem “Separatistenführer” Zacharčenko, der als zeitweilig zugeschalteter Geschäftsführer ohne besondere Vollmachten des von russischer Seite installierten Gewaltunternehmens namens DNR wohl zutreffender beschrieben wäre. Bevor und während die “Neurussland”medien dies als großen Anerkennungserfolg feierten, wurden auf dem besetzten Territorium der Ukraine schwerste Menschenrechtsverletzungen verübt. Antisemitische Äußerungen sind notorisch in diesem Kontext. Und es ist diese Art “Solidarität”, die ich angreife, und zwar polemisch.

Sie sollten so fair sein und es darstellen, wie es gewesen ist, damit sich Ihre Leser selbst ein Urteil bilden können, wer hier unsere Empathie verdient. Dass es russische Politik ist, systematisch Bürger der Ukraine zu verletzen, zu demütigen und zu töten, um das Ärgernis Ukraine wenn nicht zu beseitigen, so doch maximal abzustrafen und zu destabilisieren – nun, das ist nicht meine Erfindung, sonders das können Sie sich jeden Tag aus allen russischen Medien-
und Kanonenrohren geschossen und ergossen anhören.

Sie tun also hier mit mir genau das, was Sie Ihren Opponenten vorwerfen: Sie reißen Dinge aus ihrem Diskussionszusammenhang, und Sie arbeiten mit Unterstellungen. Leider tun Sie aber eins nach wie vor nicht: Sie setzen sich mit kaum einem der gegen Ihre Position vorgebrachten Argumente wirklich auseinander. Denn es ist natürlich viel einfacher, die Gegner in den Sack der PC-Sittenwächter zu stecken, die angeblich Ihre Fähigkeit zur Einfühlung und zum Perspektivwechsel als Billigung der Kreml-Politik diffamierten.

Wenn Sie nämlich meine wissenschaftlichen Einwände gegen Ihre Position einmal lesen würden, dann dürften Sie eigentlich nur zu einem Schluss kommen – dass ich nämlich genau tue, “was Historiker tun sollten”, und auf der Grundlage eigener Forschung über Nationsbildungsprozesse in der Ukraine zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert, auf der Grundlage gerade laufender Projektarbeit aus der spätsowjetischen Ukraine sowie auch mit einem Wissenshintergrund von inzwischen 25 Jahren Landeskenntnis operiere. Hier ist der Link zum geneigten Gebrauch mit meinen Einwänden gegen Ihre in der ZEIT vom 12.03.2015 formulierten Positionen:

Anna Veronika Wendland: Replik auf Jörg Baberowski “Der Westen kapiert es nicht”, ZEIT, 12.3.2015

Sie werden schnell feststellen, dass ich in einer Sache vollkommen mit Ihnen auf einer Linie bin, nämlich in der Neugierde und Offenheit gegenüber dem Leben der Anderen in der späten Sowjetunion, der das Richteramt über das falsche oder richtige Leben “im Falschen” ausschließt. Einig sind wir uns auch in einer die Sprechenden ernstnehmenden Untersuchung der Gründe für etwas, dass Sie “Imperialen Phantomschmerz” nennen, dass ich aber eher Sehnsucht nach einem im Nachhinein vorgestellten, so aber nie dagewesenen sozialen und transnationalen Gehalt der späten SU nennen würde.Denn meine ukrainischen Gesprächspartner mit Sowjetmenschen-Biographie meinen nicht das, was Putin und seine aus Sicherheitskreisen und extraktiver Ökonomie amalgamierte, mit einem eklektizistischen rechts-orthodoxen Überbau versehene Neonomenklatura meint, wenn sie von der Katastrophe des sowjetischen Untergangs spricht. Sie hegen eher eine soziale und ökonomische Nostalgie, der dann in Teilen der Ostukraine Propagandisten die rechte Trimmung verpasst haben. Vielleicht ist es Ihnen entgangen, was jahrelang unter Janukovyč in der östlichen Ukraine zwecks Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft an pauschaler Hasspropaganda gegen andersdenkende Ukrainer verbreitet wurde – übrigens unter intensiver Beteiligung russischer “Polittechnologen” und “Berater”, deren einer, Aleksandr Borodaj, natürlich gänzlich zufällig im Sommer 2014 als “Ministerpräsident” der “Donecker Volksrepublik” wieder auftauchte. Diese hatespeech wurde mit Massenliteratur und Veranstaltungen vom Regime gepusht. Daraufgesetzt noch das russische TV der letzten Jahre – wer diesem propagandistischen Overkill gegen angeblich überall lauernde Banderovcy und Russenhasser widerstand, musste sich schon sehr angestrengt haben. Im Vergleich dazu war der Holodomor-Mythos, den Sie als Integrationsideologie der “orangenen” Ukraine kritisieren, von gänzlich anderer Qualität, auch wenn die Genozidthese angreifbar ist.

Es war keine sowjetnostalgische Befindlichkeit, sondern vielmehr die Revanche des Systems Janukovyč an seinem ehemaligen Bezwinger Juščenko; was ich von dessen Geschichtspolitik halte, habe ich an anderer Stelle bereits gesagt, aber es haben vor allem viele ukrainische Kollegen sehr explizit und kritisch zu dieser Geschichtspolitik seinerzeit Stellung bezogen. Alles Dinge, die Sie nie gelesen haben zu scheinen, denn sonst würden Sie sich hüten, pauschal alle Ukrainer, die sich für den europäischen Weg der Ukraine entschieden haben, als “Nationalisten” zu bezeichnen.

Und hier wären wir bei dem Doppelstandard – das, was Sie geradezu zu Ihrem Markenzeichen gemacht haben. Wer den ukrainischen Nationalismus in Kiew rügt, der sollte sich auch den russischen Nationalismus in Moskau und seine Emissäre im Donbass mit derselben Verve vornehmen. Aber Sie bleiben bei der Ukraine stecken, und ich kann mich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Sie vermutlich in einer Lektürereihe zwischen Marčukov auf der populistisch-russischen und Miller auf der seriös-russischen Seite überhaupt nur russische Literatur zu diesem Thema genutzt haben. Denn Sie scheinen keine Mühe zu scheuen, der Ukraine ein Dualismus-Problem zu bescheinigen, mit Betonung auf Problem. Ost gegen West, Nationalisten gegen Sowjetnostalgiker, Ukrainischsprachige gegen Russischsprachige. Das kann natürlich nicht gutgehen, ist ein Beleg für Künstlichkeit, Staatsunfähigkeit und Zerissenheit. Da fällt auseinander, was nicht zusammengehört. Dass Putin irgendeine Rolle beim Auseinanderfallen spielen könnte, ist hier fast irrelevant: es gehört ja nicht zueineinander! Und genau dies ist landauf, landab das Interpretament unserer russischen Kollegen, jedenfalls jener, die nicht zu den 2% Russen gehören, die in Russland derzeit als Fünfte Kolonne von was-weiß-ich-nicht-allem angeprangert und mitunter auch auf offener Straße erschossen werden.

Die Ukraine, die so ist wie viele moderne Gesellschaften in dieser Welt – ambivalent, sozial fragmentiert und identitär polyphon – ihr haben Sie im Grunde mit dieser Argumentation das Existenzrecht abgesprochen: weil sie eben instabil sei und zudem noch bedauerlicherweise im Wege ewiger russischer Ansprüche liege, die “nie” aufgegeben werden würden. Sie geben das als Realismus aus, und beklagen, dass sie als Überbringer der schlechten Nachricht getadelt würden.

Nun, abgesehen von dem “nie”, das man als Historiker besser mit Vorsicht gebrauchen sollte – ich erinnere nur an das deutsche “nie” im Falle etlicher Territorien zwischen Metz und Kaliningrad – anders konnte Ihr erstes Stück in der ZEIT “Zwischen den Imperien” jedoch nicht gelesen werden, weil Sie die Ukraine dekonstruierten, die russische Nationsidee aber nicht, und weil Sie den imaginierten “Ost”- und “Westukrainern” die Trennung ja auch explizit empfahlen. In Ihrem zweiten Beitrag von den “Nichtkapierern” ergänzen Sie das um die – falsche – identitäre Kriegsursache. Das heißt, wir haben Ihnen nichts unterstellt, sondern Sie beim Wort genommen. Und das taten nicht politkorrekte Sittenpolizisten, sondern stocknüchterne Spezialisten vom Schlage meines Lehrers Andreas Kappeler. Oder eben auch ich, der man sicherlich einiges vorwerfen kann – aber Konventionalität und PC gehören bestimmt nicht dazu. Ich habe Ihnen versuchsweise schon früher gesagt, dass mein Platz eigentlich Zeit meines Forscherinnenlebens zwischen den Stühlen war, als Historikerin der westukrainischen Russophilie oder der sowjetukrainischen Atomstadt. Ich verstoße heute schon allein deshalb in Deutschland gegen die Political Correctness, weil ich forschend nach der Bedeutung der Kerntechnik für soziale und kukturelle Identitäten in der Sowjetunion frage, ohne dieser Forschungstätigkeit die deutsche Pflichtpräambel von der Verwerflichkeit der Kernenergienutzung voranzustellen. Dazu noch Koenen, der auch nicht gerade als Vertreter einer sauertöpfischen Sprachpolizeimeisterei aktenkundig wurde – kurz gesagt, lieber Herr Kollege, sind Sie mit ihrer PC-Schublade so ziemlich auf dem falschesten Dampfer, den man sich vorstellen kann.

Zudem sind etliche Ihrer Aussagen, vor allem jene vom Nichtvorhandensein antiukrainischer Diskriminierung in der späten SU – leider – unzutreffend. Konsultieren Sie bitte die Forschungsliteratur und befragen Sie darüber einmal ukrainischsprachige Ukrainer, also nicht Ihre russischen Gewährsleute, die aus der Sicht ihrer eigenen hegemonialen Rolle nie in der Lage sein werden, die Perspektive der Subalternen einzunehmen; und fragen Sie auch nicht gerade jene, die zweifellos, wenn sie sich das Ukrainischsein verkniffen, in der Sowjetunion ganz vortrefflich Karriere machen konnten.

Was ich Ihnen vorwerfe, ist nicht Ihr Postulat der Fähigkeit zum Perspektivwechsel, die ich selbst für eine Grundvoraussetzung historischen Forschens halte und hochhalte. Was ich Ihnen vorwerfe, ist die Vertauschung von Ursache und Folge, und die Unterstellung von Motiven, wo keine sind, in Volksbewegungen, die noch weniger welche sind. Denn so dualistisch die Ukraine auch sein mag (auch wenn sie in Wirklichkeit noch viel pluralistischer ist), dies ist ganz bestimmt nicht die Ursache für die Krise der Ukraine. Auch die Sowjetnostalgie ist es nicht.
Die Ursache für die heutige Krise der Ukraine ist die von außen hineingetragene Gewalt.

Sie als Erforscher des Stalinismus als Herrschaft der Gewalt sollten das klarer sehen als jeder andere – mit der von Russland aktiv und planmäßig in die Ukraine hineingetragenen Gewalt hat dieser Krieg begonnen. Und mit der in der stalinistischen Tradition stehendem bewussten Zu- und Abschaltung der Gewalt je nach Opportunität wird dieser Krieg weitergehen oder erlahmen. Nicht etwa eine ostukrainische Massenbewegung gegen das “nationalistische”, wie Sie meinen, Projekt des Majdan ist hier am Werke. Schön wär’s – mit ihr könnte Kiew nämlich ins Gespräch kommen, was mit den ferngesteuerten Gewaltunternehmern im Donbass schlechthin nicht möglich ist. Das massenhafte Unbehagen an Kiew und am Majdan in der Ostukraine hätte, Frieden und gesicherte Grenzen vorausgesetzt, in einem Ausgleichs- und Dezentralisierungsprozess, der zur Reform-Programmatik des zu großen Teilen russischsprachigen Majdan gehörte, geregelt werden können. Erst Russland hat die Gewalt ins System gebracht; und darüber verfügen wir inzwischen allein aus russischen Quellen über genügend Evidenz und vor allem über Selbstaussagen all jener Akteure, die, anders als unter Stalin, den Mund nicht halten können, weil sie ihre Rolle in der ruhmvollen Geschichte des sich von den Knien erhebenden Russlands gewürdigt wissen wollen.

Folglich ist die Aussage, auf der Ihre Argumentation von der Schuld oder jedenfalls wesentlichen Mitschuld des ukrainischen “Nationalismus” und seiner westlichen Unterstützer am Krieg in der Ukraine im wesentlichen beruht, nur eines: sie ist falsch. Sie haben sich sogar zu der Aussage verstiegen, es seien “die westlichen Politiker” gewesen, die in der Ukraine ein Machtvakuum geschaffen hätten, in das Putin nur noch hineinstoßen musste, um seine sowjetnostalgischen Schäfchen einzusammeln. Aus dieser Aussage spricht eine frappierende Unkenntnis der ukrainischen Situation, die Sie ausschließlich durch die russische Brille betrachten, und auch eine Verharmlosung der Rolle des Gewaltaktes – eines Gewaltaktes, der jede Gesellschaft aus den Angeln heben würde, nicht nur die instabile und nach der Revolte geschwächte ukrainische. Nicht der Westen hat im Donbass ein Machtvakuum geschaffen, sondern der flüchtende Janukovyč, dessen Mafia-Ökonomie sich im Donbass und zuletzt in der ganzen Ukraine den Staat zur Beute gemacht hatte – übrigens ohne dass Sie sich in all diesen langen Jahren ein einziges Mal dafür interessiert hätten.

Die bewaffnete Radikalisierung im Donbass geht jedoch nicht aufs Konto einer von Kiew enttäuschten und zurückgewiesenen Bevölkerung mit Imperialphantomschmerz, die ihre, wie ich auch selbst meine, eigenen Geschichten erzählt. Sondern sie geht aufs Konto einer erst verdeckten, inzwischen offenen Militärintervention, die als Marionetten einige ukrainisch-russische Anschlussnationalisten als “Separatisten” installierte. Eine radikale Minderheit, die selbst unter Janukovyč keinen Blumentopf gewinnen konnte, deren von russischer Seite üppig finanzierte und mit ebenfalls seit Jahren aufgelegter einschlägiger Literatur versorgte Propaganda aber in der Bevölkerung einiges anrichten konnte. Diese auf russisch-patriotische Linie gebrachten ehemaligen Dozenten des Wissenschaftlichen Kommunismus und Wehrsportgruppenführer, die den orthodoxen russkij mir für sich entdeckt haben – auch für diese Aktivitäten und Publikationen in Russland und der Ostukraine haben Sie sich nie interessiert, Herr Baberowski. “Es ist mir egal”, um Sie zu zitieren.

Und wem eine faktische Evidenz so egal ist, nur weil er vom dem einmal eingeschlagenen Weg nicht mehr runterkann, so wie Putin von der Krim – es seien eben die ukrainischen Nationalisten an der Eskalation schuld und der Westen, der “nichts kapiert” habe – der muss sich eben auch unangenehme Fragen stellen lassen – von Kappeler, von Koenen, und von Leuten mit schwer zu merkenden Namen.

Sie sind darin kein von PC-Terror verfolgter Andersdenkender, sondern Sie sind Mainstream. Sie befinden sich nämlich in bester Gesellschaft einer großen Masse Deutscher zwischen Krone-Schmalz und Sarrazin, zwischen Ostausschuss der deutschen Wirtschaft und Pegida, zwischen Horst Teltschik und Linksfraktion, die, von deutschen Verlagen und Medien hofiert, in breiter Front sperrangelweit offene Türen einrennen und sich dabei stets bitter beschweren, sie würden als Andersdenkende vom politisch korrekten Zwangssystem der Untersteller kujoniert.

Sie singen in der ZEIT das Lob der widerborstigen, sich keinem Trend unterordnenden Freiheitsliebe, dem ich mich nur anschließen kann, und sprechen von Ihrer Bereitschaft, “meine Meinungen zu ändern, wenn das Leben korrigierend in sie eingreift.” Das ist ein schöner Vorsatz, und ich würde Ihnen wünschen, dass vor allem das wirkliche Leben und Leiden von Millionen von Ukrainerinnen und Ukrainern – historische und gegenwärtige Leben – korrigierend eingreifen, wenn Sie das nächste Mal in Sachen Ukraine zur Feder greifen.

Ihre
Anna Veronika Wendland

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

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