Hoher russischer Offizier bei niederländischen MH17-Ermittlungen auf Band identifiziert

Trümmer des Fluges MH17 an der Absturzstelle

Trümmer des Fluges MH17 an der Absturzstelle 

Empfehlung, Krieg im Donbas, Nachrichten, Russland

Artikel von: Steven Derix und Karel Knip
Quelle: NRC, 1. April 2015

Eine Person, die laut der Niederländischen Generalstaatsanwaltschaft (OM) am Abschuss von Flug MH17 beteiligt gewesen sein könnte, wurde von der Ukraine als ehemaliger hochrangiger russischer Geheimdienstoffizier identifiziert. Es ist der erste Hinweis, dass die Niederländische Generalstaatsanwaltschaft die Beteiligung von hochrangigen russischen (ehemaligen) Soldaten in Betracht zieht.

Am Montag veröffentlichte die Generalstaatsanwaltschaft vier abgehörte Telefongespräche aus der Zeit um den Absturz. Der Dienst enthüllte die Identität der Anrufer nicht, erklärte jedoch, dass bei den Gesprächen „Separatisten“ eine Rolle spielen. Am Montag sprach Generalstaatsanwalt Fred Westerbeke von „authentischen Mitschnitten“, die „durch und durch analysiert“ würden.

SBU Identifiziert Petrowski

Wie sich herausstellte, wurde eines der abgehörten Gespräche schon früher, kurz nach dem Absturz, vom ukrainischen Geheimdienst (SBU) veröffentlicht. In dieser „Rekonstruktion“ identifiziert der SBU einen der Anrufer als „Sergej Nikolajewitsch Petrowski“, einen Offizier beim Militärnachrichtendienst (GRU). In Interviews sagte „Chmurij“ – wie sich Petrowski gerne nennen lässt – dass er im April 2014 von der russischen Armee im Rang eines Generalmajors ausgemustert worden sei. Unmittelbar nachdem er die Armee verlassen hatte, schloss sich Petrowski dem russischen Rebellenführer Igor Girkin, besser bekannt als Strelkow, an.

Zur Zeit des Absturzes war Petrowski Geheimdienstoffizier und Strelkows stellvertretender Befehlshaber in Donezk. In dem Tondokument der SBU begrüßt Petrowskis Gesprächspartner ihn mit „Nikolajewitsch“. In der Version der Staatsanwaltschaft wurde diese Passage stumm geschaltet. Laut der Abteilung “Organisiertes Verbrechen”  wurden die Namen zum Schutz der Personen in der Aufnahme unkenntlich gemacht, auch wenn man diese im Internet schon überall finden kann.

Schlüsselfigur in der strafrechtlichen Ermittlung

Das abgehörte Telefongespräch zeigt, dass Petrowski mit großer Wahrscheinlichkeit eine Schlüsselfigur innerhalb der strafrechtlichen Ermittlungen ist. Es war zum Beispiel Petrowski, der den Transport des BUK-Raketenabwehrsystems nach Donezk und von dort an die Front veranlasst hat. „Es gibt keinen Grund, es zu verstecken, es geht sofort dorthin“, sagt Petrowski am Telefon zu „Burjat“. Petrowski verwendet eine verschlüsselte Sprache – „Ist es das, was ich glaube?“ – Burjat ist jedoch weniger vorsichtig. „Ja, ja, ein BUK.“ Die  Abteilung “Organisiertes Verbrechen”  gab schon früher an, dass es Hinweise darauf gibt, dass MH17 von einer BUK-Rakete zum Absturz gebracht worden sei.

Die Rebellen in der Ostukraine verwenden das ukrainische GSM-Netz, das leicht abzuhören ist. In den vergangenen Monaten lud der SBU eine große Menge solcher Gespräche auf YouTube hoch. Man kann da auch weiteres Audio-Material von Petrowski finden. Der mutmaßliche Geheimdienstoffizier scheint derselbe Mann zu sein, den man in zwei neuen, abgehörten Gesprächen hören kann, die von der Staatsanwaltschaft vergangenen Montag veröffentlicht wurden. Diese Gespräche enthüllen, dass das BUK-Geschoss nach dem Flugzeugabsturz von einer Gruppe von Männern unter Aufsicht von einem Mann namens „Bibliothekar“ nach Russland transportiert wurde.

Ehemalige russische Soldaten, die in der Ukraine auftauchen, entsprechen dem bekannten Muster. Igor Strelkow war nach eigenen Angaben auch Geheimdienstoffizier. Moskau gibt öffentlich zu, dass „Freiwillige“ sich im Krieg in der Ukraine den Rebellen angeschlossen haben, bestreitet aber die Beteiligung russischer Streitkräfte an dem Konflikt – trotz zunehmender Beweise für das Gegenteil.

Material, das von der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe herausgegeben wurde:

Moskau bestreitet Beteiligung

Flug MH17, eine Boeing 777 der Malaysia Airlines, stürzte am 17. Juli 2014 nahe der ukrainischen Ortschaft Hrabowo ab. Alle 298 Passagiere an Bord kamen ums Leben, davon 196 Niederländerinnen und Niederländer. Schon früher ergaben Recherchen unabhängiger Journalisten Hinweise für eine russische Beteiligung. Die Ermittlungs-Website Bellingcat fand heraus, dass ein BUK-Raketenwerfer, der in der Nähe der Absturzstelle am 17. Juli fotografiert und gefilmt wurde, Teil eines russischen Militärkonvois nahe der ukrainischen Grenze gewesen war. Die Niederlande betreiben die Gemeinsame Ermittlungsgruppe (JIT), ein internationales Ermittlungsteam, das Australien, Belgien, Malaysia und die Ukraine mit einschließt. Wegen der gespannten Beziehungen zu Russland sind die Ermittlungen äußerst heikel. Moskau bestreitet jede Beteiligung an dem Absturz und behauptet, dass MH17 vermutlich von einem ukrainischen Jet abgeschossen worden sei. (siehe auch: Kreml kann Propaganda, aber Kreml kann kein Photoshop…)

Die Abteilung “Organisiertes Verbrechen”  weist darauf hin, dass dieses Szenario noch weiter untersucht wird. Mittlerweile haben die Niederlande Russland offiziell um Informationen ersucht. Generalstaatsanwalt Fred Westerbeke hofft, demnächst nach Moskau zu reisen, um russische Beweise über den Absturz zu prüfen. Die Niederländische Generalstaatsanwaltschaft wollte heute Morgen dieses Thema nicht kommentieren. Vom russischer Außenministerium kam auch keine Reaktion. Russische Medien, die von der Regierung kontrolliert werden, gaben vor kurzer Zeit an, dass die abgehörten Telefongespräche vom SBU „manipuliert“ worden seien.

Artikel von: Steven Derix und Karel Knip
Quelle: NRC, 1. April 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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