Sofi Oksanen in Toronto: Wie Geschichte gefälscht wird – Deportationen in der russischen und sowjetischen Politik

Sofi Oksanen bei der Tagung "Repressions and Human Rights, Toronto - Foto: Taavi Tamtik 2015

Sofi Oksanen bei der Tagung "Repressions and Human Rights, Toronto - Foto: Taavi Tamtik 2015 

2. April 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Meinung & Analyse, Russland, Soziales

Artikel von: Sofi Oksanen
Quelle: UpNorth

Sofi Oksanens Rede bei der Tagung über Repression und Menschenrechte in Toronto: Gedenken an die Märzdeportationen im Baltikum 1949.

Sofi Oksanen spricht bei der Tagung über Repression und Menschenrechte in Toronto, 27. März 2015, Foto: UpNorth

Sofi Oksanen spricht bei der Tagung über Repression und Menschenrechte in Toronto, 27. März 2015, Foto: UpNorth

Schon von klein auf wollte ich Schriftstellerin werden. Mit sechs begann ich ein Tagebuch zu führen und dann Geschichten zu schreiben. Bevor ich 2001 meinen Debut-Roman Stalins Kühe (Stalinin lehmät) 2001 begann, hätte ich jedoch nicht gedacht, dass ich über die jüngere Geschichte Estlands schreiben würde. Das stimmt, obwohl ich zwischen zwei Ländern aufgewachsen war, Finnland und Estland, zwischen zwei Wirklichkeiten, zwischen dem Westen und der Sowjetunion.

Alles, was mit Estland zu tun hatte, war für mich kein literarischer Stoff. Einfach aus dem Grund, weil Estland buchstäblich nicht auf der Landkarte zu finden war, bis es erneut unabhängig wurde. Es war Teil der Sowjetunion, über die ich vor ihrer Auflösung nie ein einziges Wort schrieb, nur für Schulaufsätze schrieb ich darüber, und verwendete dafür akribisch Information, die ich in finnischen Lehrbüchern fand. Alles andere wäre in Finnland völlig unmöglich gewesen. Nichts konnte niedergeschrieben werden. Man musste sich alles merken. Alles im Zusammenhang mit dem, was in Estland tatsächlich geschehen war, gehörte in die Sphäre der privaten Erinnerung. Nicht öffentliche Erinnerung. Es war oral history, über die man nur in vertrauenswürdiger Gesellschaft sprach. Nicht Geschichtsschreibung.

Das sowjetische System beruhte auf der Tatsache, dass die Menschen gelernt hatten, Dinge nicht öffentlich zu sagen, die für das System nachteilig waren. Sie internalisierten dieses Verhalten ohne es zu hinterfragen, weil es keinen Bezugspunkt zu einer anderen Wirklichkeit gab. Keine derartige Wirklichkeit, in der man über solche Dinge hätte schreiben können. Nicht einmal in Finnland, das ja schließlich ein unabhängiger Staat war. Finnland lebte damals jahrelang unter “Finnlandisierung”, und das bedeutete, dass man in der Moskauer Realität lebte. Und es gab keinen Kontext und kein Milieu, in dem man diese Dinge öffentlich machen hätte können. Und es gab keine Zuhörer außerhalb des Systems, die überhaupt verstanden hätten, worum es geht.

Wer unpassende Ansichten äußerte, riskierte, dass ihm die Einreise in die Sowjetunion verweigert wurde, wo unsere Verwandten noch lebten. Die Arbeit dafür, eine Chance auf Reiseerlaubnis zu erhalten, endete nie. Wir lebten mit der ständigen Bedrohung, dass wir nie wieder die Grenze zur Sowjetunion überschreiten durften, nie wieder unsere Verwandten sehen, dass unsere Briefe nicht mehr ankommen würden, unsere Anrufe nicht durchkommen würden. Da mein Vater in der Sowjetunion arbeitete und meine Mutter Dokumente übersetzte, die mit dem Handel mit der Sowjetunion zu tun hatten, bedeutete diese Bedrohung auch, dass ihre Jobs in Gefahr waren. Und die Arbeitsmöglichkeiten in Finnland waren für Migranten sehr beschränkt – außer für die, die aus der Sowjetunion gekommen waren und mit dem KGB zusammenarbeiteten.

Sofi Oksanen bei der Tagung "Repressions and Human Rights, Toronto - Foto: Taavi Tamtik 2015

Sofi Oksanen bei der Tagung “Repressions and Human Rights”, Toronto – Foto: Taavi Tamtik 2015

In meiner Kindheit hatte ich dieselben Ausdrücke wie andere Esten für Lager, Deportationen und andere repressive Handlungen verwendet. Als ich sprechen lernte, lernte ich auch die wichtigen estnischen Ausdrücke, wie zum Beispiel er ging in den Wald, er kam zurück, er kam nicht zurück, er wurde nach Sibirien gebracht oder einfach er wurde geholt. Ich lernte auch, dass es keinen Sinn hatte, diese Euphemismen außerhalb Estlands zu verwenden, denn für die meisten Außenstehenden war die Bedeutung unklar. Nur Menschen mit persönlichen Erfahrungen verstanden sie.

Eine Vernetzung mit Leuten außerhalb der Sowjetunion, die diese geheime Sprache beherrschten, war jedoch unmöglich. Der Westen war voller Denunzianten, Spitzel, und Menschen mit estnischen Wurzeln oder Exil-Esten, die das große Vaterland verlassen hatten, standen unter Beobachtung, auch außerhalb der Grenzen der Sowjetunion. 1956 erließ der KGB einen Befehl, der dazu dienen sollte, die estnischen Gemeinschaften im Exil zu zerstören – Gemeinschaften, wo Leute von einem unabhängigen Estland sprachen und über Deportationen. Die Methoden schlossen die traditionellen Methoden des Informationskrieges mit ein, Leute auf eine schwarze Liste zu setzen, erfundene Anklagen und Misstrauen in der Gemeinschaft zu säen.

Die eben erwähnten Euphemismen waren genauso gebräuchlich wie andere Wörter, die zur Alltagswelt meiner Kindheit gehörten. Es war einfach eine Tatsache, dass es in unserer Familie und im Freundeskreis Menschen gab, die an unbekannte Orte verschwanden, in den Wald gegangen und dort gestorben waren, nach Sibirien gebracht worden waren, und Leute, die in dem System mitliefen, damit sie nicht in dem kalten Land landeten. Es war genauso natürlich, Briefe zu schreiben, in denen das, was man wirklich mitteilen wollte, zwischen den Zeilen stand. Und man tat das auch in Telefongesprächen und immer im Haus. Diese Verhaltensregeln waren so gebräuchlich und niemand hinterfragte sie, dass die Existenz irgendwelcher anderer Ausdrucksformen in der Estnischen Sowjetrepublik völlig in Vergessenheit geriet. Die Unabhängigkeit und Freiheit Estlands war nur ein fernes Trugbild. Davon wagten nur wenige zu träumen, nicht einmal die Kühnsten stellten sich vor, wie die Wirklichkeit eines freien Staates aussehen könnte. Das ist der Grund, warum zum Beispiel niemand Zeitungen vermisste, deren Mission es war, Information zu verbreiten, oder in denen man über seine eigenen Erfahrungen schreiben konnte, indem man die richtigen Wörter verwendete: Deportationen. Lager. Folter. Hinrichtung. Zensur. Zensur gab es offiziell in der Sowjetunion nicht, sie wurde als Redaktionelle Empfehlungen getarnt.

In der Sowjetunion war es Aufgabe der Zensur und der Presse, zu verhindern, dass Alternativen auftauchten und das bestehende System hinterfragt würde. Das Ergebnis war eine alternative Wirklichkeit. Ihr Vokabular beinhaltete keine Ausdrücke für die Dinge, die auf das Leben gewöhnlicher Leute Auswirkungen hatten, auf ihre alltäglichen Lebensumstände, aber es stellte Regeln auf dafür, worüber man sprechen konnte und wie. Die Trennung zwischen dem Persönlichen und dem Offiziellen war ziemlich belastend und zwang die Menschen, verschiedene Persönlichkeitesschichten zu entwickeln, doppelte Identitäten.

Zur selben Zeit, als ich in Finnland die Texte zum Fahnenlied und zum Heimatlied lernte (finnische Nationalhymne), die wir immer am Unabhängigkeitstag Finnlands sangen, waren in Estland die Fahne Estlands, die Nationalhymne und die Kombination von Blau und Schwarz der Fahne verboten. Zur selben Zeit als ich in Finnland in der Schule über das größte Ereignis der nationalen Geschichte Finnlands, den Winterkrieg, las, konnte man in Estland nicht laut oder öffentlich über die Zeitgeschichte Estlands, die Deportationen und die Besatzung sprechen. Offiziell gab es die Tragödie gar nicht. Und es gab sie auch im finnlandisierten Finnland nicht, wo die Schulbücher von Moskau approbiert werden mussten. In der Praxis bedeutete das, dass die jungen Leute meines Alters zum ersten Mal als Teenager in der Finnisch-Stunde etwas über Estland erfuhren, wenn die dem Finnischen nahestehenden Sprachen besprochen wurden. Das ist in der Tat seltsam angesichts der Tatsache, dass wir hier über den engsten Nachbarn Finnlands sprechen – und vor der sowjetischen Besatzung. Auf diese Weise bewirkte die Sowjetunion sogar im benachbarten Finnland einen völligen Gedächtnisverlust.

Dekolonisierung

Zugleich mit der wieder erlangten Unabhängigkeit begann in Estland ein Dekolonosierungsprozess, der noch anhält: das Annullieren der Besatzung. Das zog konkrete Handlungen nach sich, die den Abzug der Besatzungsarmee aus dem Land mit einschloss, die Rückgabe von Eigentum an die früheren Eigentümer während der Zeit der ersten Unabhängigkeit, eine Landreform und die Wiederherstellung der Gesellschaft, auch der Gesetze in den Zustand, der vor der zweifachen Besetzung geherrscht hatte. Die Erinnerung der Nation musste auch neu aufgebaut werden, Lebensläufe mussten gesammelt und archiviert werden, eine Stiftung für neue Forschung und Geschichtsschreibung musste geschaffen werden. Die Geschichten, die mündlich überliefert worden waren, mussten verschriftlicht werden. Die Deportierten wurden rehabilitiert. Bücher sammelten und retteten die nationale Erinnerung, die durch die Besatzungen zerstört worden war und gaben den Geschichten, in denen die Menschen sich schließlich widergespiegelt fanden, eine schriftliche Form. Sie rekonstruierten die Vergangenheit des Landes auf eine Weise, die zu den eigenen Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger passte. Ereignisse wurden so bennant, wie es den Erfahrungen der Esten entsprach. Die Euphemismen und Umschreibungen der Sowjet-Ära wurden aufgegeben und durch Wörter ersetzt wie Besatzung, Besatzungsmächte, Repression und Deportationen.

Nach der wiedererlangten Unabhängigkeit musste ich tun, was andere auch taten: Ich musste lernen, über die Besatzung und Deportationen mit den richtigen Bezeichnungen zu sprechen, laut und öffentlich. Aber ich musste mich auch mit der visuellen Erinnerung vertraut machen. Die Sowjetunion hatte auch sie zerstört. Das Bildmaterial der gesamten Gesellschaft zu verändern und zu ersetzen war ein wichtiger Teil der Sowjetisierung. Und Stalin, ein glühender Bewunderer amerikanischer Filme, verstand die einflussreiche Wirkung von Bildern sehr gut. Ich kann mich erinnern, wie überrascht ich war, als ich das erste Mal Bilder von gewöhnlichen Straßenszenen im Estland der 1920er Jahre sah. Ich hatte nicht gelernt, so etwas zu vermissen – was man nicht hat, vermisst man selten. Erst damals wurde mir bewusst, dass ich visuelle Eindrücke vom Beginn des Jahrhunderts aus zahlreichen anderen Ländern im Kopf hatte, ganz abgesehen von Finnland und dem Winterkrieg. Und ich merkte, dass nicht ein einziger der Blitze, die in meinem Kopf herumwirbelten, aus meinem eigenen Album stammte; sie waren aus anderen Quellen gekommen: aus Schulbüchern, Filmen, kunstgeschichtlichen Büchern, Museen, Zeitungen und Zeitschriften, aus dem öffentlichen Reservoir an Geschichten, aus denen sich jede ihr Weltbild formt, ihren eigenen Platz darin und das Land, in dem sie lebt.

In Bezug auf Estland musste ich meine Auffassung von völlig verschiedenen Blickwinkeln aus formen. Meine Bilder von der Vergangenheit Estlands hatten sich während meiner Besuche von verschiedenen Orten nachher entwickelt oder durch Geschichten, die ich gehört hatte. Oder durch einige wenige wertvolle Fotos, die ausgewählt in den gesäuberten Familienalben verblieben waren, durch ein paar Hochzeitsfotos, Fotos von Konfirmationen, politisch gefahrlose Porträts. Keine neuen Fotos, keine Filme, denn die waren alle als Propaganda bekannt. Einige der Bilder hatte ich von Büchern über politisch gefahrlose Themen gesammelt, zum Beispiel über Estland im Mittelalter. Bücher über dieses Zeitalter zu publizieren war sogar in der Sowjetunion erlaubt.

Zur selben Zeit, als Bilder der Nazi-Konzentrationslager in die Augen meiner Generation eingraviert wurden, und zur selben Zeit, als meine Generation sich mit der Erinnerung an den Winterkrieg Finnlands beschäftigte, war kein Bildmaterial von Deportationen verfügbar. Länder, die keine Besatzung erfahren haben, haben größte Schwierigkeiten zu verstehen, wie das zentrale Leiden in der jüngsten Geschichte einer Nation völlig aus dem visuellen Verwahrungsort und dem offiziellen Gedächtnis gelöscht werden kann. Bürgerinnen und Bürger solcher Nationen betrachten es als selbstverständlich, dass sie über die Tragödien ihrer Nation sprechen und darüber in der Schule lernen können, und vertrauen darauf, dass das, was gelehrt wird, wahr ist. Sie behalten ikonenhafte Bilder ihrer Geschichte und ihrer Tragödien im Kopf. Es ist für sie schwierig zu verstehen oder sich vorzustellen, was für Menschen sie wären, wenn sie in einer anderen Wirklichkeit aufgewachsen wären. In einer, wo Kinder, die in Konzentrationslager gebracht wurden, offiziell als Verbrecher gelten, wie ein Verwandter von mir, der als Kind deportiert wurde. Und sie hätten das, was geschehen war, nie in Bildern widergespiegelt gesehen, von denen sie annehmen konnten, dass sie echt seien. Sie haben auch Schwierigkeiten zu verstehen, dass ein Mensch, der in so einer Wirklichkeit aufwächst, das als Zustand der Normalität betrachtet und eine andere Wirklichkeit als abnormal.

Es ist schwierig für die Bürgerinnen und Bürger eines solchen Landes zu verstehen, warum Russland nicht die Demokratie geworden ist, an die die westlichen Staatschefs vor dem Konflikt/Krieg in der Ukraine so begeistert geglaubt hatten. Sie finden es schwierig zu verstehen, weil es so schwer ist, den Einfluss totaler Gehirnwäsche zu verstehen und zu verstehen, wieviel es braucht, um die Spuren zu tilgen. Es verlangt auch Vertrauen in die Gesellschaft, in das Rechtssystem, in die Polizei und andere Beamte und in die Menschen. Vertrauen darauf, dass es einen nicht in Schwierigkeiten bringt, wenn man private Erfahrungen enthüllt. Vertrauen, dass es einen nicht in die psychiatrische Abteilung bringt, wohin man Leute mit Ansichten, die für den Staat unbequem sind, üblicherweise geschickt hat in einem Land, in dem anti-sowjetisches Gedankengut buchstäblich ein Zeichen geistiger Zerrüttung war.

Erst mit der wiedererlangten Unabhängigkeit wurde im Baltikum private Erinnerung zu öffentlicher Erinnerung. Dies geschah jedoch nicht in Russland, wo man sich zeitgleich mit Putins Aufstieg mit noch größerer Entschlossenheit als je zuvor auf die Rehabilitation und Glorifizierung sowjetischer Geschichte konzentriert.

Propaganda, die auf die baltischen Staaten abzielt

Im Frühjahr haben die internationalen Medien Schlagzeilen wie „Sind die baltischen Staaten als nächstes dran?“ bevorzugt, als ob wir es mit einer neuen Wende in Russlands Kreuzzug gegen den Westen zu tun hätten. Dieser Kreuzzug gegen die baltischen Staaten geht schon lange Zeit vor sich, daran ist nichts neu. Russland bemüht sich schon jahrelang, die Rekonstruktion der geschichtlichen Erinnerung dieser Nationen zu beeinflussen, dadurch, dass es sich zum Beispiel in die Gerichtsprozesse, die Deportationen in Estland betreffend, eingemischt hat. Die Prozesse 2008 gegen Arnold Meri, der wegen Deportationen angeklagt war, wurden ein Spektakel, bei dem außer den Opfern auch das russische Staatsfernsehen zugegen war, ebenso wie russische Jugendliche, die dem Angeklagten Blumen überreichten, als Helden des Großen Vaterländischen Krieges. Die russische Duma brachte beim EU-Parlament eine Beschwerde ein, dass es die „schändlichen“ Gerichtsprozesse einstellen möge. Die Russen erklärten sie zu einem Versuch, die Ehre von Menschen zu verunglimpfen, die versucht hatten, die Menschheit von der „faschistischen Plage“ zu befreien. Das beinhaltet die Behauptung, dass die Menschen, die Meri deportiert hatte, Teil der „faschistischen Plage“ gewesen seien. Die meisten Menschen, die Meri deportiert hatte, waren Frauen und Kinder. Meri gestand die Deportationen, aber er gab keine Schuld zu. 2009 erklärte das Europaparlament die Deportationen zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

In Estland sprechen die Leute während der gesamten wiedererlangten Unabhängigkeit von imperialistischer russischer Politik, während es in Finnland zum Beispiel als „post-sowjetisches Trauma“ definiert wurde. Das trotz der Tatsache, dass Russland sich wiederholt aggressiv gegenüber den baltischen Staaten verhalten hat. Russland gab 1993 zu, dass es Estland besetzt hatte, hat aber seither anderes behauptet. Mit Putins Aufstieg zur Macht hat die russische Geschichtspolitik wieder Bedeutung erlangt, und es wird ständig versucht, nicht nur die sowjetische Rhetorik wiederherzustellen, sondern auch die offizielle sowjetische Sicht der Geschichte. Russland hat versucht, diesen Einfluss auch in anderen Ländern auszuüben.

Im Jahr 2007 tauchten professionelle Deportationsleugner in Finnland auf und ebenso ein Putin-Lager, das die Deportationen leugnete. Ähnliche Zellen tauchten auch anderswo auf, manche tarnten ihre Aktivitäten als Kultur- oder Medien-Clubs, in einer Art und Weise, die aus Sowjetzeiten gut bekannt ist.

Anfangs waren die finnischen Medien durch diese Aktionen verwirrt. Genau zu der Zeit, als die Finnen ihre Beziehungen zum engsten Nachbarn Estland wiederhergestellt hatten, genau zu der Zeit, als man begann, über Finnlandisierung und ihre Wirkung auf die Geschichte zu sprechen, genau zu der Zeit, als die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von der Sowjetunion und von Nazi-Deutschland verübt worden waren, im Unterricht miteinander verbunden wurden, genau damals begannen diese Zellen ihre sichtbaren Aktivitäten.

Da die Menschen in Finnland – so wie die Menschen in anderen westlichen Ländern – ihre Fähigkeit, Propaganda zu erkennen, verlernt hatten – verband niemand diese Aktionen der pro-Putin Gruppen mit Russland, vordergründig, weil es Finnen waren, keine Russen. Daran ist nichts neu – Moskau hat sein Sprachrohr immer bei den Einheimischen gefunden, weil die Menschen überall ihren eigenen Bürgerinnen und Bürgern trauen.

Diese Aktivisten setzten die Deportationen mit Ferien an der Sonne gleich. Sie gaben Bücher heraus, von denen einige breit rezensiert wurden. Diese Bücher wiederholten systematisch die Kernbotschaften des russischen Informationskrieges und alte sowjetische Narrative über die verabscheuungswürdigen estnischen Faschisten, die tatsächlich im Moment gerade Konzentrationslager für Russen bauen. Zusätzlich zur Leugnung der Besatzungen und der Deportationen trieben sie dem Ende der Unabhängigkeit Estlands den Teufel aus. Einige dieser Leute lehrten weiter an finnischen Universitäten – obwohl man sich kaum vorstellen kann, dass auch nur eine Universität Holocaust-Leugner in ihren Räumlichkeiten aufnehmen würde. Trotz der Tatsache, dass das Nationalsozialistische Deutschland und die Sowjetunion beide in unseren Schulbüchern als totalitäre Staaten beschrieben werden, wird dieses Wissen nicht in dem Maß internalisiert, dass sie als ähnliche Systeme im allgemeinen Meinungsuniversum diskutiert würden. Ein Beispiel dafür ist genau die Tatsache, dass solche Leute weiter an der Universität lehren durften. Die Situation wurde 2007 sehr angespannt im Zusammenhang mit der Kontroverse um eine Bronzestatue. Die Statue eines Sowjetsoldaten im Zentrum von Tallinn wurde zum Symbol der Auseinandersetzung. Für die Esten repräsentierte er die Besatzungsmacht, für die Russen einen Befreier.

Die Statue wurde in einer nüchternen Art auf einen Friedhof versetzt, nicht zerstört, wie Russland behauptet. Die Situation eskalierte zu vom Kreml unterstützten Unruhen in Tallinn, in der russischen Duma wurde Estland des Faschismus angeklagt, schon vor der Versetzung der Statue. Die Naschi-Jugend, die den Schutz Moskaus genoss, umstellte die estnische Botschaft in Moskau und trug Banderolen mit Slogans, die aus den russischen Medien und dem Ukrainekrieg/-konflikt bekannt sind. Sie machten vulgäre Puppen des estnischen Botschafters, und die sowjetische Besatzung wurde zu einem Mythos erklärt.

Sofi Oksanen bei der Tagung "Repressions and Human Rights", Toronto - Foto: Taavi Tamtik 2015

Sofi Oksanen bei der Tagung “Repressions and Human Rights”, Toronto – Foto: Taavi Tamtik 2015

2010, als die Herausgeberin Imbi Paju und ich in Finnland ein Buch über die Zeitgeschichte Estlands herausbrachten, Kaiken takana oli pelko („Hinter allem stand Angst“), eine Essay-Sammlung über die Besatzung und Deportationen, war die Reaktion Russlands dieselbe. Das Buch war eine Sammlung von Aufsätzen, in denen die jüngste Vergangenheit Estlands aus vielen Perspektiven besprochen wurde. Die Autoren waren bunt zusammen gewürfelt, Esten, Russen und Finnen und umfassten zum Beispiel Anne Applebaum, Präsident Ilves und einen der weltbekannten Sowjet-Dissidenten, Wladimir Bukowski.

Die Präsentation des Buches lockte Demonstranten aus Russland an, die Naschi-Jugend und Vertreter der estnisch-russischen Organisation Nachtwache (Yövartio – Ночной дозор), ebenso wie die oben erwähnten Putin-Aktivisten. Putins Partei Einiges Russland (Единая Россия) veröffentlichte eine Stellungnahme, dass das Buch anti-russisch sei, und Vertreter der Partei kamen nach Finnland, um eine Pressekonferenz abzuhalten. Auch die estnisch- russische Nachtwache-Organisation, die schon während der Kontroverse um die Statue aktiv war, hielt ihre eigene Pressekonferenz ab. Natürlich hatte damals keiner von ihnen das Buch gelesen, aber das hat wenig bis nichts zu sagen. Die Plakate sind aus der Ukraine gut bekannt und wiederholten sowjetische Slogans. Das Buch erschien 2010, die Bronzestatuen-Affäre ereignete sich 2007. Beide Ereignisse waren wie kleine Generalproben für die größeren Projekte Russlands, Übung für die voll entwickelte Umsetzung, die in der ukrainischen Situation verwirklicht wurde.

Die Rehabilitierung der Sowjetgeschichte geht auch auf russischen Boden weiter. Erst vor kurzem bekam die Memorial-Organisation in St. Petersburg, die Informationen über Gulag-Opfer sammelt, den Gerichtsbescheid: Sie wurde in die Liste ausländischer Agenten aufgenommen, was sie in den Augen der Bürger im eigenen Land verdächtig macht.

Russlands einziges Gulag-Museum befindet sich in Perm, an der Stätte des Lagers Perm 36. Wir bekamen erst vor kurzem die Nachricht, dass es seine Pforten schließen wird, gerade zu einem Zeitpunkt, als es als für die Aufnahme in die UNESCO-Liste als Weltkulturerbe nominiert worden war. Die lokalen Behörden haben den Betrieb des Museums unmöglich gemacht, sowohl was die Finanzierung betrifft als auch was die Unterbrechung von Strom- und Wasserversorgung betrifft. Die Aggression gegen das Museum nahm mit der Eskalation der Ukrainekrise stark zu: Ein Bürger, so wird behauptet, fand es problematisch, dass das Museum ukrainischen und litauischen Opfern Respekt erweist, die gegen die Sowjetunion gekämpft hatten. Zur selben Zeit wurde angekündigt, dass ein Museum in St. Petersburg eröffnet wird, das Noworossija Museum. Das Museum präsentiert Russlands eigene Geschichtsfantasien als real: Es konzentriert sich darauf, von den Opfern der pro-russischen Separatisten in der Ostukraine zu erzählen.

Erinnerung ist wesentlich für Identität –  sie verbindet Geschichte mit Identität und Identität mit Geschichte, und es ist die Mission von Museen, diese Erinnerung zu bewahren. Im heutigen Russland ist es ihre Aufgabe, die von Moskau erzeugte Wirklichkeit zu konsolidieren.

Man stelle sich vor, was für Proteste es hervorrufen würde, wenn Deutschland plötzlich die Finanzierung seiner Konzentrationslager-Museen einstellte oder den Strom abdrehte. Statt weltweiter Demonstrationen gegen Totalitarismus, konzentriert sich die Welt darauf zu fragen, wo Putin sei. [Anm. d. Übers.: Putin war im März 2015 für einige Tage „verschwunden“.]

Laut der jüngsten Meinungsumfrage des Lewada-Zentrums betrachten 52% der Russen Stalin als positive Persönlichkeit. Das ist nicht wirklich überraschend, nicht in dieser Umgebung.

Aber es ist schon überraschend, wie schwierig es für den Westen ist zu begreifen, wie die Propaganda bei den russischen Bürgerinnen und Bürgern erfolgreich sein kann, in einem Land, wo die Menschen die Nachrichten meist durch TV-Stationen verfolgen, die vom Staat kontrolliert werden.

Es ist möglich, denn der Moment, für den die Archive in Russland offen waren, war sehr kurz. Es ist möglich, weil der Moment, für den die Presse in Russland frei war, sehr kurz war. Es ist möglich, weil die Schulbücher nie wirklich darüber zu sprechen begannen, wie die Dinge wirklich waren. Der Eiserne Vorhang wurde für einen Moment aufgerissen und in Russland für alles, was mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu tun hat, wieder geschlossen. Und der Staat ermutigt Leute, die sie untersuchen wollen, nicht.Ganz im Gegenteil. Wenn wir im Westen schon in der Schule davon hören, was der Kolonialismus für die afrikanischen Nationen bedeutete, gibt es in Russland keinen Versuch, zukünftigen Generationen klarzumachen, was der Kolonialismus Russlands und der Sowjetunion für die Länder, die sie besetzte, bedeutete. Stattdessen wird die Erinnerung an die Sowjetunion rehabilitiert und ihre Geschichte gesäubert und massive Propaganda-Kampagnen an den ehemaligen „Kolonien“ verbrochen, und die Folge ist, dass die Baltischen Staaten, einer nach dem anderen, zu Russlands Feinden Nummer Eins werden – zu  Bedrohungen.

Sie sind in der Tat eine Bedrohung für die Kreml-Regierung, insofern als sie erstklassige Beispiele für Länder sind, die in kürzester Zeit moderne Demokratien geworden sind. Länder, die, nachdem sie ihren Besatzern entkommen waren, es geschafft hatten, eine freie Presse zu schaffen und wo der Lebensstandard und die Lebenserwartung höher sind als in Russland. Das ist der Grund, warum sie für die Kreml-Administration eine Bedrohung darstellen. Weil sie den Russen nicht verständlich machen wollen, dass ihr Land unter einer anderen Regierung genauso erfolgreich sein könnte. Dewegen müssen diese kleinen Länder Feinde bleiben, nicht Freunde, keine Vorbilder, sondern Feinde. Dann ist Aggression ihnen gegenüber gerechtfertigt, Dann sind ihre Erfahrungen, ihr Leiden auch gerechtfertigt, und man muss mit den Opfern kein Mitleid empfinden, denn schließlich – haben sie es verdient.

Mit den Worten Tzvetan Todorovs:

„Der Feind ist der große Rechtfertiger von Terror, und ein totalitärer Staat kann ohne Feinde nicht leben. Wenn es keine Feinde gibt, muss man sie erfinden. Wenn man sie identifiziert hat, verdienen sie keine Gnade, keinerlei. Ein Feind zu sein, ist ein unentrinnbarer und vererbter Makel.”

Den moralischen Gesetzen Moskaus entsprechend stellen das Zugeben von Fehlern, Entschuldigungen und die Wiedergutmachung von Verbrechen Schwächen dar; Respekt kann nur mit Gewalt erlangt werden. Daher gilt das westliche Modell des Umgangs mit der Vergangenheit nicht in Russland. Das Fehlen dieser moralischen Gesetze hätte die westlichen Nationen wachrütteln sollen, zu erkennen, dass Russland sich nie auf dem Weg zu einer westlichen Demokratie befinden wird. Aber die westlichen Nationen haben auch nicht danach gesucht, weil sie nicht gelernt haben, Imperialismus mit Russland zu assoziieren. Es ist, als ob niemand verstanden hätte, dass Russland genauso viel umfassende Arbeit für die Vergangenheitsbewältigung hätte leisten müssen, wie irgendein Staat der unter einem totalitären System gelebt hat.

Im Westen beschwört das Wort Kolonialismus immer Bilder des Zeitalters westlicher Kolonisation herauf; Kolonien weit über den Ozeanen, Sklavenschiffe aus Afrika. Nicht von Deportationszügen nach Sibirien, obwohl auch sie Sklavenlager bedeuteten, denn ohne die Gulags hätten die Bodenschätze Sibiriens nie ausgebeutet werden können. Die Gruppierungen, die diese Sklaventransporte organisierten, wurden nie als kriminelle Vereinigungen verurteilt, und daher sind nun ehemalige KGB-Leute an der Macht und klammern sich mit denselben Methoden wie früher an die Macht.

Geschichte ist ein großartiges Werkzeug dafür: Stalins Großer Vaterländischer Krieg, wie der Zweite Weltkrieg genannt wird, ist immer noch die größte Erfolgsgeschichte Russlands. Der Name des Krieges enthüllt sogar seine Bedeutung: Er bringt die Verluste der anderen zum Verstummen und betont Russlands Rolle als Opfer. Die Tatsache, dass auch andere Opfer und Verluste hatten, ist nicht Teil der russischen Geschichte der Verluste, auch nicht, dass die Sowjetunion selbst andere zu Opfern machte, geschweige denn, dass sie Unschuldige quälte oder Kriegsverbrechen verübte, wie zum Beispiel Deportationen. Das passt nicht zur Handlung der Geschichte.

Übersetzung der Rede aus dem Finnischen: Börje Vähämäki (gehalten in Englisch)

Fotos von der Tagung von Eesti Elu (143 Fotos)

Über Sofi Oksanen:

Ihr erster Roman Stalinin lehmät, (“Stalins Kühe” 2003) katapultierte die finnisch-estnische Autorin  Sofi Oksanen (geb. 1977 in Jyväskylä, Finnland) in die Elite der jungen finnischen Autoren. Ihr ursprüngliches und politisches Debut, zugleich revoltierend und unvergleichlich poetisch, verursachte eine hitzige öffentliche Debatte und trug ihr eine Nominierung für den Runeberg-Preis ein, einen der prestigeträchtigsten Literaturpreise Finnlands. Oksanen schloss an den Erfolg mit der Veröffentlichung eines zweiten Romans Baby Jane 2005 an. Das ursprüngliche Theaterstück Puhdistus (dt. Titel: “Fegefeuer”) von Oksanen, die Dramaturgie an der Theaterakademie in Helsinki studiert hatte, bevor sie sich hauptberuflich dem Schreiben widmete, wurde am Finnischen Nationaltheater 2007 inszeniert und in den Kritiken hoch gelobt. Die Charaktere, die sie geschaffen hatte, ließen die Autorin jedoch nicht los, und aus dem Stück erwuchs Oksanens dritter Roman Puhdistus („Fegefeuer”, 2008). Puhdistus wurde ein überragender Erfolg und Sofi Oksanens großer Durchbruch: Der Nummer-Eins-Bestseller Puhdistus hat der Autorin in Finnland mit Verkaufszahlen von 260.000 Exemplaren zahlreiche Literaturpreise eingebracht, darunter den größten Literaturpreis Finnlands, den Finlandia-Preis und den größten Literaturpreis in den Nordischen Staaten, den Literaturpreis des Nordischen Rates 2010. Oksanen ist die jüngste Autorin, die diese angesehenen Preise je gewonnen hat. Puhdistus hat 2010 auch den FNAC-Preis in Frankreich gewonnen. Er wurde aus 300 Werken ausgewählt, die in Frankreich erschienen waren. Es war das erste Mal, dass der Preis an einen ausländischen Autor gegangen ist. Puhdistus wurde in 38 Sprachen übersetzt.

 

Artikel von: Sofi Oksanen
Quelle: UpNorth

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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