Warum ein Russe sich entschloss, für die Ukraine zu kämpfen

Andrej, ein Soldat des Regiments Asow, der aus Russland gekommen ist, filmt am 31. März die Kämpfe außerhalb von Mariupol - Foto: Nolan Peterson / The Daily Signal

Andrej, ein Soldat des Regiments Asow, der aus Russland gekommen ist, filmt am 31. März die Kämpfe außerhalb von Mariupol - Foto: Nolan Peterson / The Daily Signal 

5. April 2015 • Empfehlung, Krieg im Donbas

Artikel von: Nolan Peterson
Quelle: The Daily Signal, 5. April 2015

Nolan Petersen

Nolan Petersen

Ukraine: Selbst beim Gespräch über einen Übersetzer ist Andrej ein Mann weniger Worte.

Auf die Frage, warum er aus Russland gekommen sei, um sich einem Regiment der ukrainischen Nationalgarde anzuschließen, antwortete der 22-jährige Moskauer einfach: “Gesunder Menschenverstand.”

Nach einer Zusicherung, dass sein Gesicht nicht fotografiert und seinen Nachname nicht genannt wird, öffnete sich Andrej ein wenig und erläuterte und begründete, warum es für ihn eine logische Entscheidung war, sein Leben in Moskau hinter sich zu lassen, um die pro-russischen Separatisten zu bekämpfen – die, wie er behauptet, von seinem Heimatland sowohl durch Waffen und die Entsendung von Truppen unterstützt werden.

Wir saßen in der Cafeteria im Stützpunkt des Regiments Asow in Mariupol, nur wenige Minuten bevor Andrej an die Front ging, und sprachen mit ihm über das Leben in Russland unter dem von ihm so bezeichneten “Putin-Regime”.

Andrej beschrieb das repressive politische Umfeld in Moskau, das durch die von der Regierung betriebene Propaganda und Angst aufgeheizt wird.

“Viele junge Leute in Russland, die noch gesunden Menschenverstand haben, verstehen, dass sie von Putin getäuscht wurden,” sagte er zwischen einigen Schlückchen Tee, lässig zurückgelehnt auf seinem Stuhl, seine Kalaschnikow gegen den Tisch gelehnt. “Ich habe ein Gehirn, aber es gibt auch viele junge Menschen, die von der Propaganda der Gehirnwäsche unterzogen worden sind.”

“Es gibt mehr von uns,” fügte er hinzu. “Putin hat Angst vor einem russischen Maidan.”

Zwei Vorfälle des “Putin-Regimes” und seiner repressiven Taktik beflügelten Andrej letztendlich, Russland zu verlassen. Der erste geschah, nachdem er Zeuge wurde, als reformfreundliche Demonstranten Flugblätter in der Moskauer U-Bahn verteilten. Obwohl er nur ein zufälliger Passant war, sagte Andrej, wurde er unter Gewaltanwendung von einer Gruppe von vier Männern in Gewahrsam genommen und verhört. Die Männer gaben zu keinem Zeitpunkt an, für welche Behörde sie arbeiteten.

“Sie sagten, sie wollten einfach nur ein Gespräch führen,” sagte er.

Ein Soldat des Regiments Asow in der Nähe der Front in Berdjansk. - Foto: Nolan Peterson / The Daily Signal

Ein Soldat des Regiments Asow in der Nähe der Front in Berdjansk. – Foto: Nolan Peterson / The Daily Signal

Der zweite Vorfall war bei einem staatlich genehmigten Friedensmarsch in Moskau, an dem Andrej teilnahm, um gegen die Beteiligung Russlands am Konflikt in der Ukraine zu protestieren. Er sagte, dass die Polizei Demonstranten ohne jegliche Provokation zu schlagen begann.

“Ihr Verbrechen? Sie hatten nur Schilder in der Hand,” sagte er.

Andrej hatte genug von diesem Leben in Russland, und da es keine wesentliche Oppositionspartei oder Bewegung gab, der sich anzuschließen sich lohne,, habe er getan, “was jeder vernünftige Mensch tun würde”. Er verließ Russland, um in der Ukraine als Mitglied des Regiments Asow der ukrainischen Nationalgarde zu kämpfen.

Der Krieg in der Ukraine hat Kämpfer aus der ganzen Welt angezogen. Eine lose staatliche Aufsicht über zivile Freiwilligenbataillone eröffnete die Möglichkeit für ausländische Kämpfer aus Ländern wie den USA, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Schweden, Georgien, Polen, Spanien, der Tschechischen Republik, Großbritannien, Kroatien, Italien und Kanada, sich in den  Reihen der pro-ukrainischen Einheiten praktisch ohne Bürokratie einzugliedern.

Es gibt sogar ein tschetschenisches Freiwilligenbataillon für die Ukraine, das nach Dschochar Dudajew benannt ist, einem tschetschenischen Rebellenführer, der in den 1990er Jahren den Krieg gegen Russland angeführt hatte.

Ein Soldat des Regiments Asow beobachtet einen Angriff mit schwerer Artillerie auf Schyrokyne am 31. März (Foto: Nolan Peterson / The Daily Signal)

Ein Soldat des Regiments Asow beobachtet einen Angriff mit schwerer Artillerie auf Schyrokyne am 31. März (Foto: Nolan Peterson / The Daily Signal)

Aber die Rekrutierungsregeln wurden inzwischen verschärft, nachdem Kyiw die Freiwilligen-Bataillone in die Nationalgarde eingeglierdert hatte, und viele ausländische Kämpfer wurden wieder nach Hause geschickt. Obwohl nach Angaben eines Sprechers des Regiments Asow ein neues Gesetz die ukrainische Staatsbürgerschaft nicht mehr als Voraussetzung für den Beitritt zur Nationalgarde vorsieht.

Im Gegensatz zu den meisten ausländischen Kämpfer in der Ukraine, für die die Rückkehr nach Hause eine Option ist, sagte Andrej, er werde nie wieder nach Russland zurückkehren.

“Sie werden mir das nie verzeihen,” sagte er. “Ich werde verfolgt werden.”

Andrej war jedoch nicht besonders besorgt, dass die russischen Behörden Vergeltungsmaßnahmen gegen seine Familie in Moskau beginnen könnten. In der Tat unterstützten mit Ausnahme seiner Großmutter alle Familienangehörigen in der Regel seinen Entschluss.

“Meine Großmutter hat die Stalin-Zeit durchgemacht, und es ist schwierig, sie davon zu überzeugen, dass Putin nicht in Ordnung ist,” sagte er. “Sie schaut die russischen Nachrichten und ist entsetzt von dem, was da angeblich in der Ukraine vor sich geht. Es sind natürlich alles Lügen.”

Weil er jahrelang ebenfalls der russischen Propaganda ausgesetzt war, war Andrejs Wahrnehmung der Ukraine vor seiner Ankunft ebenfalls verzerrt. Er fragte sich, ob das Land wirklich von den Nazis und rechtsextremen Gruppen übernommen waren war, wie die russischen Medienberichten behaupteten, oder ob die ukrainischen Anstrengungen im Krieg tatsächlich eine Front für den Expansionismus der NATO waren, wie russische Medien-Webseiten das berichteten.

“Natürlich ist das alles gelogen,” sagte er. “Als ich hier ankam, merkte ich, dass die Situation völlig anders aussah.”

Einer der wichtigsten Unterschiede war die militärische Ausbildung und Feuerkraft der Separatisten.

“Wir kämpfen nicht gegen Bergarbeiter und Traktorfahrer, wir kämpfen gegen ausgebildete Berufssoldaten,” sagte er mit Blick auf Putins Charakterisierung der Separatisten im russischen Fernsehen.

“Und wo sollen diese so genannten Traktorfahrer und Bergarbeiter die Granatwerfer gekauft haben?” fügte er hinzu. “In einem Supermarkt?”

Nach dem Interview, ging Andrej an die vorderste Front in der Nähe von Schyrokyne, einer kleinen Stadt etwa 10 km östlich von Mariupol. Sein Auftrag an diesem Tag war, Beweise für Verletzungen des Waffenstillstandsabkommens vom 12. Februar mit schweren Waffen in den Händen der Separatisten zu filmen.

Er sagte, er habe keine Angst mehr, wenn er an die Front gehe. An der Front selber, inmitten der konstanten Explosionen der Mörser, Artillerie und Gewehrschüssen, erschien er ruhig und zeigte nur die gedämpfte Reaktion auf Gefahr, wie sie Soldaten gemein ist, die lange Zeit im Kampf verbracht haben.

Als die Separatisten mit schweren Waffen das Feuer auf ein Wohngebiet eröffneten, aus dem Rauchwolken aufstiegen, kletterte er auf das Dach des Hauses, das dem Regiment Asow als Feldwache dient, um eine bessere Aussicht zu haben und um den Schaden zu filmen. Er beugte sich um eine Ecke und machte Filmaufnahmen, unter der Gefahr, von möglichen Heckenschützen ins Visier genommen zu werden.

Als Reaktion auf die Frage, warum er in der Ukraine kämpfe, antwortete Andrej kurz angebunden: “Gerechtigkeit”.

Und auf Nachfrage fügte er hinzu: “Für die Ukraine.”

Artikel von: Nolan Peterson
Quelle: The Daily Signal, 5. April 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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