Anton Nossik über die Geschichte des Kreml-Bot-Netzwerks in ‘Offenes Russland‘

Anton Nossik. (Originalfoto: 13. November 2007, Alexander Pljuschtschew, CC 2.0.) Fotobearbeitung: Kevin Rothrock.

Anton Nossik. (Originalfoto: 13. November 2007, Alexander Pljuschtschew, CC 2.0.) Fotobearbeitung: Kevin Rothrock. 

6. April 2015 • Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: Kevin Rothrock
Quelle: Globalvoices 5.4.2015

Vorige Woche veröffentlichte RuNet EchoSocial Network Analysis Reveals Full Scale of Kremlin’s Twitter Bot Campaign”, den ersten Teil einer zweiteiligen Serie des Sozialwissenschaftlers Lawrence Alexander (Deutsche Übersetzung hier). Die Untersuchung erregte in Russland ziemliches Aufsehen, wo mehrere große Medien-Outlets Alexanders Untersuchungsergebnisse zusammenfassten. Michail Chodorkowskis Organisation Offenes Russland interviewte Anton Nossik, einen der führenden RuNet-Experten der Welt, über Alexanders Arbeit und bat Nossik, die Bedeutung der russischen Bot-Netzwerke und ihr Vermächtnis für die neuere Geschichte der Kremlpolitik. zu erklären.

(Lesen Sie das russische Originalinterview hier.)

Offenes Russland: Warum verwenden die Behörden weiterhin Bots und ähnliche Technologien, um ihre Propaganda und politische Agenda im Internet zu verbreiten? Warum mobilisiert man nicht die realen Unterstützer online? Dies ist effizienter und würde schließlich auch all diese Skandale verhindern.

Anton Nossik: Vor ungefähr zehn Jahren, als alles begann, hatten die Behörden online nicht viele reale Unterstützer. Und es war schwierig, Blogger anzustellen, die bereit waren, “Putin-Liebe” zu verbreiten. Als Antwort tauchte dann dieses riesige Angebot auf, das für Geld Putin-Liebe promotete; es wurde von [den ehemaligen pro-Kreml Jugendführern] Wassili Jakemenko und Kristina Potuptschik betrieben.

Heute, zehn Jahre später, kann man wahrscheinlich sagen, dass es ein Kontingent von Internetnutzern gibt, die ohne Geld mit dem Kreml sympathisieren. Das Problem ist jedoch, dass einige Leute seit einem Jahrzehnt am Tropf des staatlichen Budgets hängen und Förderungen dafür bekommen, dass sie „das Vaterland lieben“ und „dem Feind den Kampf ansagen“. Und diese Leute verzichten unter keinen Umständen auf dieses Geld.

Daher scheint es einerseits, als ob es der Kreml wirklich geschafft hätte: Ein echtes pro-Putin Segment von Internet-Nutzern ist aufgetaucht, und es besteht nicht länger Bedarf, das zu simulieren. Doch diese Leute brauchen immer noch die Arbeit. Wie sollten sie ohne sie leben? Und daher wird das alles so weiter gehen.

Offenes Russland: Was genau ist der Wert dieser Untersuchung, die von [Lawrence] Alexander durchgeführt wurde? Schließlich wussten wir ja schon vorher, dass Troll-Fabriken in der St. Petersburger Gegend Olgino und dann in der Sawuschkina-Straße tätig wurden und dass es Leute wie Potuptschik und andere gibt.

Anton Nossik: Ja, natürlich wussten wir in Russland, dass es all die Trolle, Bots, und die Möglichkeiten, Online-Zahlen aufzublasen, gibt. Wir in Russland kennen die Tarife, die sie verlangen, ihre tägliche Arbeitsbelastung, die Liste ihrer Mitarbeiter und die Gehälter. Aber die Tatsache, dass dieses Phänomen auch ausländischen Forschern aufgefallen ist – das zeigt eine gewisse globale Entwicklung, wie man über die Menschen in Russland denkt. Wie Sie wissen, würde es einem normalen Menschen, der in einem zivilisierten Land lebt, nicht einmal im Traum einfallen, dass sich die Regierung ihr eigenes Lob auf Twitter finanziert, indem es Steuergeld für erfundene Accounts ausgibt.

Wenn die Menschen im Westen nun Alexanders Untersuchung lesen, sehen sie, wie unser System funktioniert. Es ist nützlich und wichtig, dass die Welt erkennt, dass die russischen Behörden auf Internetbetrug bauen. Die Menschen weltweit sollten einen Unterschied machen zwischen den russischen Behörden und der Bevölkerung des Landes.

Dieses Interview erschien ursprünglich auf Russisch in Offenes Russland.

Artikel von: Kevin Rothrock
Quelle: Globalvoices 5.4.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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