Russische Einheiten und irreguläre Kräfte für militärische Aktionen auf der Krim und in der Ostukraine ausgezeichnet?

Gräber im Pskower Oblast, wo man bereits Journalisten angegriffen hat, die im August 2014 darüber berichtet haben. Es wird vermutet, dass die Mehrheit der in Pskow stationierten 76. Fallschirmjäger-Division in der Ostukraine umgekommen ist. Im Vordergrund das Grab des Soldaten Kitschurin.

Gräber im Pskower Oblast, wo man bereits Journalisten angegriffen hat, die im August 2014 darüber berichtet haben. Es wird vermutet, dass die Mehrheit der in Pskow stationierten 76. Fallschirmjäger-Division in der Ostukraine umgekommen ist. Im Vordergrund das Grab des Soldaten Kitschurin. 

Empfehlung, Krieg im Donbas, Politik, Russland

Artikel von: Halya Coynash/Christo Grozev
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 30.3.2015
Quelle: Christo Grozev Blog, 26.3.2015

Am 25. März hat der russische Präsident Wladimir Putin ein Dekret unterzeichnet, demzufolge drei russische Truppenverbände mit dem „Garde“-Rang auszeichnet werden, mit der Begründung sie hätten, weiter nicht spezifiziert, „Massenheroismus, Kühnheit, Widerstandskraft und Mut in einer militärischen Aktion zur Verteidigung des Vaterlands und staatlicher Interessen unter Gefechtsbedingungen gezeigt“ und behielten diesen Dienst auch während ihrem Dienst in Friedenszeiten im Gedächtnis“.

[Anm. d. Übers.: Die Auszeichnung als „Garde“-Einheit bedeutet, dass es sich um eine Elitetruppe handelt, die sich bei Gefechtshandlungen ausgezeichnet hat und besonderes Vertrauen genießt. Sie geht auf eine zaristische Tradition bis auf Peter den Großen zurück, der die erste Garde-Einheit gegründet hatte. 1917 gab es insgesamt 27 Garde-Einheiten, die von den Sowjets allesamt als imperialistisch und konterrevolutionär aufgelöst wurden. 1941 führte Stalin als Motivationsschub im Kampf gegen Nazi-Deutschland so manche zaristische Tradition wieder ein, darunter auch die Verleihung des „Garde“-Rangs für Einheiten, die sich im Kampf gegen die faschistischen Eindringlinge besonders bewährt hatten. An die Soldaten wurde sodann eine „Gardeschleife“ verliehen, Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff „(Massen)-Heroismus“, der gerne der beklagten Feigheit gegenübergestellt wurde, die Stalin mit dem berüchtigten Befehl 270 versuchte, in den Griff zu bekommen. Die Soldaten der Einheiten, die im Zweiten Weltkrieg mit dem Garde-Rang ausgezeichnet wurden, durften die „Gardeschleife“ tragen, da das Georgsband ausdrücklich, weil zaristisch, nicht mehr verliehen wurde. Heute werden beide Begriffe synonym gebraucht, da es mittlerweile auf die Unterscheidung zwischen zaristisch und sowjetisch nicht mehr ankommt.]

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Putins Pressesprecher Dmitri Peskow bestreitet, dass die Auszeichnung an das Fernmelderegiment Nr. 38 sowie die Fallschirmjäger-Sturmbrigaden Nr. 11 und Nr. 83 für Gefechtshandlungen in der Ukraine verliehen worden sei. Er versichert, dass das unmöglich sei, „denn wir wissen ja, dass reguläre Kräfte, russische Streikräfte in die Ereignisse weder verwickelt sind noch waren“.

Peskow behauptet, dass damit eine Kombination von Diensthandlungen belohnt worden sei, unter anderem die Teilnahme an Übungen.

Doch, wie alle drei Verleihungsdekrete deutlich herausstellen, wurden sie verliehen für Mut, etc, „in Gefechtshandlungen zur Verteidigung des Vaterlands sowie staatlicher Interessen unter den Bedingungen eines bewaffneten Konflikts [fett im Original].“

Es wird berichtet, dass die 83. Brigande am ersten Tschetschenienkrieg vor 20 Jahren (1994-1996) teilnahm, während das 38. Fernmelderegiment an beiden Tschetschenienkriegen teilnahm, deren letzter vor zehn Jahren endete. Keine der beiden Einheiten hat offiziell seitdem an Gefechtshandlungen teilgenommen.

Das sind auch nicht die einzigen, nicht weiter spezifizierten Taten, für die Putin unlängst Auszeichungen verteilt hat.

Am 9. März zeichnete er Andrej Lugowoj aus, den Mann, den Großbritannien für den 2006 begangenen Mord an dem ehemaligen FSB-Agenten und Kremlkritiker Alexander Litwinenko vor Gericht stellen möchte. Er wurde belohnt für „Mut und Entschlossenheit, bei der Erfüllung eines Auftrages unter Gefahr für das eigene Leben“. Lugowoj wird gemeinsam mit Dmitry Kowtun verdächtigt, Litwinenko mit radioaktivem Polonium 210 vergiftet zu haben. Der Verdacht fiel hauptsächlich deswegen auf Lugowoj und Kowtun, weil sie eine breite Spur des radioaktiven Polonium 210 überall dort, wo sie gewesen waren hinterlassen hatten, in mindestens einem Fall war der Ort so kontaminiert, dass die Untersucher zu ihre eigenen Sicherheit abgezogen werden mussten. Spezialisten bestätigten, dass der Kremlkritiker Litwinenko, der Putin und dem FSB vorgeworfen hatte, hinter den Sprengstoffanschlägen auf Wohnblocks in Moskau und zwei anderen Städten mit jeweils einer hohen Anzahl von Todesopfern zu stecken, wurde mit Plutonium 210 vergiftet, das man zu 97% nur in russischen Nuklearreaktoren findet.

Am gleichen Tag zeichnete Putin den tschetschenischen Führer Ramzan Kadyrow mit dem „Orden der Ehre“ aus, für „professionelle Anstrengungen, öffentlichen Aktivitäten und viele Jahre gewissenhafter Arbeit“ aus. Die Auszeichnung wurde einen Tag nachdem Kadyrow den Hauptverdächtigen an der Ermordung von Oppositionsführer Boris Nemzow einen „wahren russischen Patrioten“ genannt hatte, bekanntgegeben.

Peskows Bemerkungen sind zumindest unbedarft, denn es glauben in diesen Tagen nur wenige Beobachter ernsthaft, dass in der Ostukraine keine russischen Soldaten kämpfen und sterben. Überdies hat Putin selber später zugegeben, dass die Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, die im Februar auf der Krim die Kontrolle übernahmen, russische Soldaten waren.

Boris Nemzow, der in der Nähe des Kreml am 27. Februar umgebracht wurde, war einer der lautesten und konsequentesten Kritiker der Moskauer Annexion der Krim und der Aggression in der Ostukraine.

2014 präsentierten er und Leonid Marynjuk einen Film über die russische Aggression mit dem Titel „Der Kriegstreiber“ [Разжигатель войны].

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Doch er war nicht der einzige, der die Stimme gegen Russlands unerklärten Krieg erhob und die Wahrheit über den Tod russischer Soldaten sagte. Die ersten Berichte über solche Tode kamen Ende August von Lew Schlosberg, der über die offensichtlichen Tode der Mehrheit eines Fallschirmjägerregiments aus Pskow recherchierte.

Schlosberg wurde schwer zusammengeschlagen, nur wenige Tage, nachdem er die Informationen über die im Gefecht gefallenen Pskower Fallschirmjäger veröffentlicht hatte. Andere, die versuchten, etwas über die Wehrpflichtigen herauszufinden, die man zwingt, in die Ukraine zu gehen, und über die Anzahl der gefallenen Soldaten, sahen sich repressiven Maßnahmen gegenüber.

Zum Beispiel die 73-jährige Ludmilla Bogatenkowa, Mitglied des regionalen Ausschusses der Soldatenmütter in Budjonnowsk (Region Stawropol) der Soldatenmütter, wurde zunächst verhaftet und in Untersuchungshaft gehalten, und nur freigelassen, weil ihr Gesundheitszustand ernsthaft befürchten ließ, dass sie in der Haft sterben könnte. Sie sieht sich weiterhin dubiösen Strafverfahren gegenüber.

Die NGO „Soldatenmütter von St. Petersburg“ wurde wenige Tage, nachdem sie Informationen über Verwundung und Tod von russischen Soldaten öffentlich gemacht hatte, von Amts wegen in das Register der „ausländischen Agenten“ eingetragen.

Swetlana Dawydowa, eine Mutter von sieben Kindern, darunter ein zwei Monate alter Säuglings, wurde im Smolensker Oblast festgenommen und nach Moskau gebracht, wo sie sich der Anklage des Landesverrats gegenüber sah, weil sie in einem Telefonat mit der ukrainischen Botschaft gewarnt hatte, Soldaten aus einer Einheit in der Nähe ihres Wohnorts würden nach Moskau verlegt und dann wahrscheinlich in die Ukraine. Sie kam nur deswegen wieder auf freien Fuß und die Anklage fallengelassen, weil sie sich einen eigenen Anwalt nahm – anstatt des von der Staatsanwaltschaft zugewiesenen Pflichtverteidigers. Ihr Anwalt Iwan Pawlow schaffte es, die Ermittler davon zu überzeugen, dass sie erhebliche Probleme bekämen, wenn sie zu beweisen versuchten, dass die fragliche Information ein Staatsgeheimnis darstelle oder falsch sei, und dabei scheiterten.

Alle Arten Listen, Manipulation und Druck auf die Verwandten wurden angewandt, um Informationen über das russische militärische Engagement im der Ukraine zu verbergen. Wo die staatliche Kontrolle der Medien nahezu absolut ist und die Menschen keine Soldaten kennen, die in der Ukraine verwundet oder getötet wurden, mag diese Taktik funktionieren. Die Anzahl derjenigen, die über „Fracht 200“ [Anm. d. Übers.: „Fracht 200“ ist der militärische Code für Gefallene] und über die Geheimhaltung des Todes ihrer Lieben Bescheid wissen, nimmt zu, und die Vorwände werden schwieriger. In den Ländern des Westens war der aktive Widerwillen, das Ausmaß des russischen Engagements in der Ukraine anzuerkennen, für sehr lange Zeit ein großes Problem.

Das Gewicht der Beweise ist jedoch überwältigend, wobei die meisten Schätzungen von bis zu 12.000 russischen regulären Soldaten ausgehen. Möglicherweise sollten wir die, die lebend oder in Särgen zurückkehren, und die, deren Einheiten „in Gefechten zur Verteidigung von Vaterland und Staatsinteresse“ Mut bewiesen, dazu zählen.

Soweit Halya Coynash. Doch es gibt noch mehr, die man dazuzählen muss. Darüber berichtet Christo Grozev. In der im Folgenden genannten Vorschlagsliste, um die es geht, sind nur drei Namen von Interesse, sie wurde deswegen auf diese drei Namen zusammengestrichen. Über die „Kampfbruderschaft“, um die es hier geht, wurde schon im Zusammenhang mit der Gründung und den Aktivitäten des „Antimaidan“ berichtet.

Das Bild zeigt die „Tapferkeit“, für die russische Streitkräfte so ausgezeichnet werden: „Grüne Männchen“, bis an die Zähne bewaffnet, stehen vor dem Flughafen Belbek/Krim unbewaffneten ukrainischen Soldaten gegenüber. Es wurde in Polen als Photo des Jahres ausgezeichnet. Foto: Kuba Kaminski.

Das Bild zeigt die „Tapferkeit“, für die russische Streitkräfte so ausgezeichnet werden: „Grüne Männchen“, bis an die Zähne bewaffnet, stehen vor dem Flughafen Belbek/Krim unbewaffneten ukrainischen Soldaten gegenüber. Es wurde in Polen als Photo des Jahres ausgezeichnet. Foto: Kuba Kaminski.

Siehe hierzu auch: https://de.informnapalm.org/krim-belbek-maerz-2014/

 

Oh, Brüder im Kampfe (Christo Grozev)

Die russische Hackergruppe Anonymous International, die mich noch nie enttäuscht hat, hat am 25. April einen weiteren Email-Fund veröffentlicht. Dieses Mal gehört der Fund zum früheren Kreml-Angestellten Alexej Anissimow, einen der Assistenten des früheren Kreml-Chefs für Innenpolitik, Wjatscheslaw Wolodin.

Der Email-Fund enthält weitere Beweise dafür, wie der Kreml die Übernahme der Krim eingefädelt hat, einschließlich der Beweise, dass das russische Zentrale Wahlkomitee schon früh am vierten und fünften März alle Papiere für das „Referendum“ fertig vorbereitet hatte: zwei volle Tage, bevor das „Lokalparlament entschied“, das Referendum durchzuführen. Doch all das wussten wir schon vorher, und ich hatte schon davor über Anissimows Verwicklung in das Projekt „Übernahme der Krim“ berichtet.

Das Neue und Schockierende steht in einer Email, die eine gewisse Maria (unidentifizierter Absender) an Anissimow geschickt hat. Die Email trägt den Titel: „Vorschlag, Personal der All-Russischen sozialen Organisation ,Kampfbruderschaft‘ auszuzeichnen“.

Die „Kampfbruderschaft“ (“Боевое Братство”) ist eine 1997 gegründete russische Veteranenorganisation zur Vereinigung von Veteranen regionaler und internationaler militärischer Konflikte. Der Vorschlag vom 22. März enthält einige faszinierende Namen:

Orden:

  1. Konstantin Walerjewitsch Malofejew – Mitglied der “Kampfbruderschaft”

Ehrenurkunde

  1. Igor Wsewolodowitsch Girkin – Mitglied der “Kampfbruderschaft”

 Dankschreiben:
1. …
2. Alexander Jurjewitsch Borodaj, Mitglied der “Kampfbruderschaft”
3. – 15. …

Aus dieser Liste erfahren wir zweierlei:

Erstens erfahren wir, dass Konstantin Majofejew ein Mitglied der Veteranenorganisation “Kampfbruderschaft” ist, obwohl er kein Veteran irgendeines Krieges ist, jedenfalls keines Krieges, der vor 2014 stattfand.

Zweitens finden wir heraus, dass Malofejew und seine zwei Untergebenen, nämlich Girkin (Strelkow) und Borodaj ausgezeichnet wurden oder zumindest für eine Auszeichnung von Putin in Betracht gezogen wurden. Das war nur wenige Tage vor dem sogenannten “Referendum” und mindestens zehn Tage bevor Girkin in Slowjansk aufkreuzte, telefonisch gesteuert von Malofejew und Borodaj.

Diese Ehrenliste zerstreut jeglichen Zweifel, die man noch über Malofejews Rolle bei der Vorbereitung der grundlegenden Vorarbeiten für die Übernahme der Krim gespielt hat – die mit seinen Januar- und Februarreisen auf die Krim in Begleitung von Girkin begann -, haben könnte und dass diese zur Gänze vom Kreml koodiniert und abgesegnet war.

Noch etwas, wo man genauer nachprüfen muss.

Artikel von: Halya Coynash/Christo Grozev
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 30.3.2015
Quelle: Christo Grozev Blog, 26.3.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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