Marina Bondas: „Dank des Maidans fand ich eine Heimat.“

Foto: Mark Wyand

Foto: Mark Wyand 

Kultur, Menschenrechte

Artikel von: Dmitri Desjaterik
Quelle: Zeitung „Der Tag“ Kyiw, 13. März 2015

Die Hilfe der ukrainischen Diaspora im Ausland für uns kann man schwer überschätzen. Heute spricht die Zeitung „Der Tag“ («День») mit einer unserer deutschen Aktivistinnen.

Musik

Zunächst – könnten Sie sich für unsere Leser bitte vorstellen?

Mein Name ist Marina Bondas. Ich bin in Kyiw geboren. Ich lebe bereits seit 22 Jahre in Deutschland. Ich habe hier das Konservatorium als Geigerin abgeschlossen. Ich arbeite in einem Symphonie-Orchester des Berliner Rundfunks – eines der ältesten in Europa. Darüber hinaus verfolge ich Projekte außerhalb des Orchesters, da spielen wir nicht nur klassische, sondern auch ein Repertoire mit Folk, sowie Klezmer und Swing.

Sagen Sie, ist mir Ihrer Arbeit nicht ein innerer Stress verbunden, aufgrund der Tatsache, dass sich im Konservatorium jeder für den zukünftigen Paganini hält, dabei muss man sich einreihen und ist nur einer von vielen in einem riesigen Team?

Das ist eine Problematik, aber es ist ja der Normalzustand. Ja, wenn wir lernen, spielen wir Solo-Partituren und träumen davon, Solisten zu sein. Aber alle kennen die Realität und bereiten sich auch auf das Orchester vor. Einen Platz in diesem Orchester, wie meinen, zu erhalten ist ja auch ein Traum. Ein wunderbares Team, wir reisen durch die ganze Welt, spielen mit hervorragenden Solisten und Dirigenten. Es gibt natürlich eine Routine, weil man jeden Tag morgens kommt, die Noten aufstellt, das spielt, was es Wert ist zu spielen. Es hängt von der Einstellung des Einzelnen ab.

Worin liegt der Lohn für eine Orchesterspielerin?

Wenn du ein Stück spielst, das dir gefällt, und du gut gespielt hast. Und der Applaus – auch eine gute Belohnung. Ein Orchester ist weniger abhängig vom Individuum, es geht mehr um den gesamten Klang. Und wenn du dich einfügst, hörst du nicht nur dich selbst, sondern auch das gesamte Orchester – das ist schon an und für sich wundervoll, alles andere ist subjektiv.

Geschichten über die Popularität der klassischen Musik im Westen, über ihren hohen sozialen Status – stimmen die?

Ja. Nicht immer natürlich, aber in Deutschland wird Klassik sehr geschätzt, Musiker bekommen oft hohe Gehälter, es gibt staatliche und private Unterstützung. In Deutschland gibt es eine Menge Orchester, und vielen von Ihnen geht es gut, das an sich ist schon ein Beweis für die Popularität. Die Konzertsäle sind meistens voll. In den Schulen – unabhängig davon, ob man später spielen wird oder nicht – werden die Kinder unterrichtet, der eine spielt Geige, der andere tanzt Ballett, das ist ein Teil der Allgemeinbildung. Das ist oft laienhaft, aber ich schätze das, man ist in einem lebendigen Kontakt mit klassischem Repertoire schon in der Kindheit. Es gibt hier übrigens sehr viele Laien-Orchester – zum Beispiel auch Orchester von Ärzten oder Anwälten. Das bildet die mittleren Schichten der Bevölkerung, nicht nur in der Musik, sondern im gesellschaftlichen Sinne.

Foto: Hans Martin Fleischer

Foto: Hans Martin Fleischer

Hatten Sie schon ukrainische musikalische Projekte?

Momentan veranstalten wir Wohltätigkeits-Abende – am 21.Februar zum Beispiel gab es einen Abend in Erinnerung an die „Himmlischen Hundert“ [Getötete Opfer der Scharfschützen auf dem Maidan Anm. des Übers.]. Das fand [in Berlin] in der Zionskirche statt. Wir machen auch Ausstellungen und Lesungen. Ich hoffe, dass es noch mehr wird. Wir suchen Räumlichkeiten und Kontakte. In Deutschland muss man im Voraus planen, und es ist schwierig einen Raum zu finden, und dieser muss finanziert werden. Und wir versuchen dazu noch Spenden zu generieren. Mit der Zionskirche arbeiten wir schon zum zweiten Mal zusammen. Die Organisatoren dort sind sehr solidarisch und auch dankbar, dass wir gespielt haben. Ich hoffe, dass auch andere Kirchen und Konzertsäle aufwachen und sich engagieren.

Foto: Hans Martin Fleischer

Foto: Hans Martin Fleischer

Überhaupt träume ich davon, dass ich viele Kontakte sammele, um dann ukrainische Künstler einladen zu können. Dann würde die Deutschen sehen, dass aus der Ukraine nicht nur Bauarbeiter kommen sondern auch Menschen, die fähig sind, ihren Beitrag für die Kunst zu leisten. Das ist sehr wichtig. Politische Aktionen, Demonstrationen – das ist gut, aber je mehr du schreist, desto weniger wirst du gehört. Wenn man durch die Kunst in Kontakt kommt, so kann man mehr erreichen, dein Unglück wird schärfer empfunden.

Deutschland

Was ist mit dem Mitgefühl? Wie groß ist das seitens der Deutschen?

Das ist unterschiedlich. Bei politischen Aktionen gibt es Unterstützung Deutscher, nicht zahlreich aber dafür sehr aktiv. Zum Beispiel findet bei der Russischen Botschaft jede Woche eine kleine Demonstration statt mit der Forderung der Freiheit für Nadija Sawtschenko, und sie wird organisiert von einem Ostdeutschen, der war in der DDR im Gefängnis und kennt das alles. Zwar nur wenige, aber die Deutschen schließen sich ihm an.

Eigentlich sollten diejenigen, die durch die DDR geprägt wurden, die Probleme klarer erkennen.

Hier ist es wie mit den Russen – es gibt Menschen, denen muss man nichts erklären. Bei mir im Orchester zum Beispiel gibt es Kollegen die auf einen Blick alles verstehen, und es gibt ehemalige DDRler, die nicht bereit sind irgendetwas zuzugeben. Die Wahrnehmung der gleichen Informationen ist sehr unterschiedlich.

Wie hat sich die Wahrnehmung der Ukraine in Deutschland insgesamt verändert im vergangenen Jahr?

Mein deutscher Freundeskreis ist relativ groß. Die Meinung einiger weniger hat sich bereits während des Maidans gebildet. Damals haben mich irgendwelche fremden Menschen im Internet gewarnt, ich soll mit den Faschisten keine gemeinsame Sache machen. Ich musste erklären, dass ich dort Freunde und Bekannte habe, was für ein Faschist gibt denn ein Matwej Weisberg [Матвей Вайсберг – ukrainischer Künstler, der während des Maidan künstlerisch aktiv war, Anm. d. Übers.] ab? Aber nach der Krim begannen die Menschen aufwachen. Und die Spaltung wurde größer. Und das nicht nur in zwei, sondern in drei Teile. Ein Teil ist prorussisch, ein Teil proukrainisch, und dass gibt es diejenigen, die versuchen, eine neutrale Position zu halten «weder für euch noch für sie». Ehrlich gesagt, manchmal will man denen “eine verpassen” für diese «Objektivität». Das sind nette Leute, und sie wollen nur Gutes, aber sie führen eine solche Rede: „Ich verstehe, dass Putin der Böse ist, aber…” In Wirklichkeit ist das Volk in den letzten drei oder vier Monaten erwacht, als man verstand, dass ein Dritter Weltkrieg möglich ist. Es gab vorausschauende Journalisten, Experten, Menschenrechtler unter den Deutschen, die warnten schon während der Krim, dass das schlecht endet. Jetzt hat sich die Situation geändert. Sie haben Angst vor dem Dritten Weltkrieg aber behaupten trotzdem, dass die Ukraine keine militärische Unterstützung braucht. Und es gibt immer noch Unikate mit Brei im Kopf, die gehen auf Demonstrationen, und tragen regelmäßig irgendeinen Unsinn dazu bei.

Die Deutschen reagieren sehr empfindlich auf das Rechtsextreme im legalen politischen Feld. Wie gut funktioniert russische Propaganda auf dieses Thema bezogen?

Sie funktioniert beunruhigend gut, auf der Ebene der Reflexe. Wenn ich den Unterschied zwischen Tjahnybok [nationalistischer ukrainischer Politiker, Anm. d. Übers.] und den echten Nazis erklären muss, wird es sehr schwierig. Ich sage, dass die Partei «Swoboda» ein problematisches Element ist, aber das sind nicht Nazis, wie sie damals an der Macht waren. Außerdem kommen sie garantiert nicht an die Macht, da sie keine ausreichende Unterstützung in der Bevölkerung haben. Und überhaupt, bei den letzten Parlamentswahlen haben sie verloren. Aber in Deutschland sitzen diese Reflexe sehr tief.

Freiwillige Aktivitäten

Wie wurden Sie persönlich zur ukrainischen Aktivistin?

Ich denke das kam zu mir… Zunächst fand die gesamte Aktivität in Facebook statt. Ich schaue mir Videos und Fotos aus Kyiw an, da war ich zu diesem Zeitpunkt lange nicht gewesen, und ich sehe die Khreschatyk [zentrale Straße in Kyiew, Anm. d. Übers.], die Hruschewskij-Straße, den Maidan, das Ukrainische Haus, in dem ich Konzerte spielte – also Orte, die ich kenne wie meine Westentasche, mit denen die besten Erinnerungen an die Kindheit verbunden sind. Ich betrachte sie und bin sehr berührt. Mich davon zu trennen scheint unmöglich…

Was haben Sie am Anfang gemacht?

Zunächst alles über das Internet. Sehr viele Informationen gelangen nicht bis hierher, einfach wegen der Sprachbarriere. In Facebook haben sich hunderte Übersetzer gesammelt. Wie haben Informationen gescannt, eine Reihe von Artikeln gelesen, auf Herz und Nieren überprüft und dann übersetzt. Ich habe daran teilgenommen: ich spreche fließend deutsch, deshalb habe ichTexte über den Maidan übersetzt. Über ein halbes Jahr war ich sehr engagiert, und dann machten die Nerven nicht mehr mit, ich bekam von den Nachrichten Depressionen. Ich brenne sofort für etwas, ich kann mich nicht distanzieren. So habe ich beschlossen, näher an meinem Beruf zu handeln.

Wie sah das aus?

Im Dezember veranstalteten wir das erste Benefiz-Konzert. Ich habe dabei eine kleine Melodienschleife ukrainischer Volksmusik gespielt. Ich habe ungarische, rumänische, polnische, russische, jüdische Elemente eingebaut, um unsere Vielfalt zu zeigen, von der viele hier nichts wissen. Das kam gut an. Viele sind gekommen, und es wurde sehr viel gespendet. Eine schöne Nebenwirkung war, dass sich Leute kennenlernten, es wurden Kontaktdaten ausgetauscht, es entstand etwas größeres als nur eine einmalige Aktion. Kultur ist in diesem Sinne sehr wirksam.

Und außerhalb der Musik?

Wir haben in der ukrainischen Gemeinde mehrere Anlaufstellen, und um diese eine Menge Menschen die helfen und organisieren, zum Beispiel Flohmärkte ab Mai: Jede Woche bringen die Leute uns die Dinge, die wir an Sonntagen verkaufen und so Geld sammeln für die Verwundeten, die Kinder, die Medikamente. Das ist harte Arbeit, wir bekommen nicht besonders viel Geld. Auf dem Weihnachtsmarkt gab es auch einen Stand. Die Aktivisten organisieren auch Informations-Tische auf Ausstellungen oder Konzerten, die ähnliche Themen haben. Sie stehen dort, um Fragen zu beantworten, verkaufen verschiedene Souvenirs, sammeln Spenden.

Wenn man es von außen betrachtet ist es ein Ameisenhaufen. Ein Arbeitsteam. Jeder weiß, was zu tun ist. Ich habe für die Kundgebungen, zum Beispiel, einfach keine Zeit. Das gleiche gilt für den Kauf von Medikamenten oder Unterwäsche, sie zu zählen, zu sortieren, einzupacken und zu versenden, oder Benefiz-Auktionen zu organisieren. Man braucht einen Haufen Dokumente, man muss die Gesetze kennen. Für all das reicht die Zeit nicht. Im Dezember gab es drei oder vier Aktionen gleichzeitig. Märkte, Lesungen, Demonstrationen. Ich organisierte einen Konzertsaal, und mein deutscher Kollege spornte mich an, ein Programm zu entwickeln. Ich entschied wer die Hilfe braucht, jemand lud Leute ein. Wir wissen, wer welche Stärken hat, und wer bei etwas Hilfe braucht. Wir überprüfen immer alles doppelt. Man muss andere nicht überwachen, alle sind sehr verantwortungsbewusst. Man lässt sich vom Kopf leiten und ist diszipliniert.

Wie aktiv ist die Diaspora?

Es gibt einzelne Personen, denen ist das alles egal. Aber es gibt viel mehr Menschen, die etwas beitragen, man sieht sie einfach nicht immer. Viele Freiwillige werben nicht mit ihrer Arbeit, das sollte man übrigens ändern, um mehr Unterstützung zu bekommen. Diejenigen, die am meisten machen, sind am unbekanntesten. Deshalb ist die Anzahl Teilnehmer an der einen oder anderen Aktion kein verlässlicher Indikator. Die Diaspora rückte von Anfang an zusammen. Ich wusste vor dem Maidan nicht, dass wir hier so viele Ukrainer sind. Wir sind alle befreundet, wie eine Familie. Und übrigens, nicht nur die Ukrainer: mit uns zusammen gehen Russen, Georgier, Tschetschenen auf die Straße.

Was war die größte Veranstaltung?

Tausende von Menschen haben eine Menschenkette vom Brandenburger Tor bis zur ukrainischen Botschaft gebildet. Für die gesamten Strecke hat es scheinbar nicht gereicht, aber das war trotzdem beeindruckend.

Ukraine

Und die letzte Frage. Worin liegt die Hoffnung für uns alle?

In der Tatsache, dass bald alles vorbei ist. Es geht auf jeden Fall vorbei. Und für die Ukraine wird es gut enden. Ich habe Verwandte in Russland, und ich habe manchmal sogar mehr Angst um Russland. In der Ukraine ist die Gesellschaft eine andere, trotz der Beerdigungen. Verstehen Sie, warum mich das so berührte: Plötzlich veränderte sich die Gesellschaft.

Auf welche Weise?

Als wir in den 1990-ern auswanderten, haben wir das Land aufgegeben, wie viele Emigranten. Die Ukraine war für uns nicht Mutter sondern Stiefmutter, und ich habe mich dort nie wohl gefühlt. In Deutschland bin ich auch fremd, aber man hat mich hier aufgenommen und mir eine Chance gegeben, die ich zuvor nicht hatte. Aber nach dem Maidan, und vor allem im April, als ich in die Ukraine kam, zum ersten Mal seit der Emigration, hatte ich einen Kulturschock im guten Sinne. Denn ich fühlte mich in Kyiw nicht «wie zuhause», sondern einfach zuhause. Das hatte ich selbst nicht erwartet. Dank des Maidan fand ich eine Heimat. Ich spürte meine Wurzeln und das Gefühl, dass das meine Heimat ist – und zwar nicht nur so, dass ich sie liebe, sondern dass meine Heimat mich aufnimmt wie ihre eigenen Bürger. Die Gesellschaft nimmt mich auf, wie ich bin. Das ist ein sehr wichtiger Faktor, dank welchem sich das Land entwickelt: Die Menschen sind zusammen gerückt, es kamen wunderbare Charaktereigenschaften an die Oberfläche. Das ist fantastisch und gibt sehr viel Hoffnung.

Artikel von: Dmitri Desjaterik
Quelle: Zeitung „Der Tag“ Kyiw, 13. März 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:, , , , , ,