Russische Militärs behaupten nicht mehr, dass sie nicht in der Ukraine kämpfen

vice-news

 

Empfehlung, Krieg im Donbas, Politik, Russland

Artikel von: Alec Luhn
Quelle: ViceNews 31. März 2015

Seit dem vergangenen Jahr hat der Kreml immer wieder energisch bestritten, dass seine Truppen die pro-russischen Rebellen im Osten der Ukraine unterstützen – aber die Kämpfer vor Ort offenbar machen sich nicht mehr die Mühe, die Farce aufrecht zu erhalten.

Der aus St. Petersburg gebürtige Dmitry Saposchnikow ging im Oktober in die Ukraine, um auf Seiten der Rebellen zu kämpfen. In einem aufschlussreichen Interview mit dem russischsprachigen Dienst von BBC sagte er in Donezk, dass russische Militäreinheiten eine entscheidende Rolle beim Vormarsch der Rebellen gespielt haben, darunter auch bei Operationen, die im Februar zu der Einnnahme des Verkehrsknotenpunkts Debalzewe führten. Russische Offiziere befehligen direkt die großen militärischen Einsätze im Osten der Ukraine, stellte er fest.

“Panzer und russische Einheiten fuhren durch die LVR,” sagte Saposchnikow , wobei er sich auf die selbsterklärte Luhansker Volksrepublik an der Grenze zu Russland bezog. “Aber ich glaube, dass dies kein Geheimnis mehr ist, jeder gibt es zu, und die Russen geben es zu. … Dank der russischen Truppen sind wir in der Lage, Positionen schnell einzunehmen. Wir lagen in der Nähe von Debalzewe und dachten, na ja, wir werden sie in dieser Einkesselung einen weiteren Monat halten, das wird sich die Länge ziehen. … Aber am Ende haben wir es in drei Tagen eingenommen.”

Saposchnikow sagte, dass Panzereinheiten aus Sibirien den Rebellen halfen. Sein Bericht stimmt überein mit einem Interview mit einem verletzten russischen Soldaten, das die unabhängige Zeitung Nowaja Gaseta in einem Krankenhaus in Donezk mit ihm führte, in dem er sagte, dass seine Panzereinheit an der Eroberung von Debalzewe beteiligt war.

Während des Konflikts wurden nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 6.000 Menschen getötet. Die Beweise über die russische militärische Unterstützung für die Rebellen sind zahlreich geworden. Zehn russische Fallschirmjäger wurden im August letzten Jahres in der Ukraine gefangen genommen, und vor der NATO veröffentlichte Satellitenbilder zeigten, wie russische Panzer in diesem Sommer über die Grenze, so der Bericht. Der Rebellenführer Alexander Sachartschenko gab sogar um die gleiche Zeit zu, dass im aktiven Dienst stehende russische Truppen gemeinsam mit seinen Männern kämpften, auch wenn er behauptet, dass sie beschlossen hätten, während ihres Urlaubs zu kämpfen.

Russische Beamte einschließlich des Präsidenten Wladimir Putin haben wiederholt bestritten, dass ihre Soldaten sind in der Ukraine sind, mit dem Argument, dass alle Russen, die kämpfen, Freiwillige seien.

Saposchnikow selbst ist eine solcher Freiwilliger, ein führendes Mitglied einer monarchistischen Zwergpartei in St. Petersburg. Er habe sein Unternehmen zur Renovierung von Häusern aufgegeben, um bei der Verteidigung der russischsprachigen Bevölkerung im Osten der Ukraine zu helfen und sich gegen Kyiws Wendung in Richtung Westen zu stellen, sagte er. Als Befehlshaber einer Spezialeinheit der Donezker Volksrepublik hat er auch an der blutigen Schlacht um den Donezker Flughafen teilgenommen, den die Rebellen im Januar nach monatelangen Kämpfen einnahmen.

Er gab zu, dass das russische Militär für ihren Erfolg maßgeblich war.

“Selbstverständlich werden alle Einsätze, vor allem die großräumigen, wie z.B. Einkesselungen, von russischen Soldaten durchgeführt, von russischen Generälen befehligt,” sagte Saposchnikow. “Sie machen die Pläne gemeinsam mit unseren Kommandanten. Ich musste oft in die Kommandozentrale gehen, um Informationen zu liefern.”

Die Nowaja Gaseta interviewte das Panzerbesatzungsmitglied Dorji Batomunkujew, der im Krankenhaus wegen schwerer Verbrennungen an den Händen und im Gesicht fast komplett von Bandagen bedeckt war. In dem Interview liefert er weitere Informationen darüber, wie russische Soldaten heimlich in die Ukraine eingeschleust wurden..

Batomunkujew wurde im Jahr 2013 in die Armee eingezogen und im letzten Herbst einem neu erstellten Bataillon zugeteilt. Die 31 Panzer des Bataillons und ihre Besatzungen wurden angeblich zur Ausbildung in die Grenzregion von Rostow geschickt,, aber Batomunkujew sagte auch, er habe gewusst, dass sie in die Ukraine geschickt werden. Sie übermalten die Embleme und Kennziffern auf ihren Panzern, entfernten die Aufnäher und Schulterstücke von ihren Uniformen und gaben ihre Pässe, Telefone und militärischen Dienstausweise ab. Nach drei Monaten Übungen, wurden sie eines Tages nach vorn beordert und merkten erst, dass sie in der Ukraine waren, als sie Schilder nach Donezk sahen.

“Uns war klar, dass der ganze Krieg von uns abhing,” sagte er. “Deshalb hatten sie uns diese letzten drei Monate in Übungen getriezt. Wir waren gut vorbereitet, sowohl unsere Scharfschützen als auch der Rest der Truppen.”

Die Einheit wurde schließlich in der Nähe Debalzewe eingesetzt und beschoss dort ukrainische Positionen. Batomunkujew wurde verletzt, als eine feindliche Granate seinen Panzer traf. Obwohl er Sympathien zu den Wehrpflichtigen auf der ukrainischen Regierungsseite hatte, argumentierte er auch damit, dass die ukrainischen Streitkräfte Zivilisten getötet und “Söldner” aus Polen und Tschetschenien rekrutiert habe.

Batomunkujew bezeichnete Putin als “schlau”, weil er bestritt, dass er Truppen in die Ukraine geschickt habe, und betonte, dass Kyiws Hinwendung zum Westen Russlands Interessen gefährdet habe.

“Was ich gelesen habe und aus der Geschichte, die ich studiert habe, muss man in den letzten Jahren Russlands Meinung wieder ernst nehmen,” sagte er. “Jetzt, wenn wir wieder auf dem Vormarsch sind, werden wir erneut mit Verachtung behandelt, aber wir haben uns noch nicht aufgelöst.”

Auf die Frage, warum der Kreml weiterhin die Präsenz seiner Soldaten in der Ukraine abstreitet, sagte Saposchnikow, er denke, es könnte ein “Geheimabkommen” zwischen Russland, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten geben, vorbei zu schauen. Er äußerte, dass Putin wahrscheinlich mit der gleichen Strategie vorging, wie bei der Annexion der Krim im März: die Stationierung russischer Truppen zunächst zu leugnen, und sie dann zuzugeben, wenn das Gebiet erobert worden war.

“Wenn die EU und die USA hätten beweisen wollen, dass sich hier russische Truppen befinden,, denke ich, das wäre einfach gewesen,” sagte Saposchnikow. “Sie würden einfach gehen und die Rüstung und alles fotografieren. Aber das tun sie nicht, also drücken sie ihre Augen zu. Und die Russen schließen ihrerseits die Augen über die Anwesenheit von amerikanischen und europäischen Soldaten auf der ukrainischen Seite.”

Er behauptete, 300 ausländische Soldaten, darunter Amerikaner und Europäer, seien in Debalzewe gefangen genommen worden, und “die meisten von ihnen waren Scharfschützen” – obwohl er zugab, dass er nicht einen einzigen von ihnen selbst gesehen hat.

Obwohl die USA und Großbritannien in diesem Jahr Militärberater in die Ukraine entsandt haben  und eine Handvoll europäischer Freiwilliger bekanntlich auf Seiten Kyiws kämpfen werden, gibt es keine Berichte über westliche Kampftruppen. Der Westen hat die Lieferung von nicht-tödlichen Rüstungsgütern an die Ukraine aufgenommen, darunter auch einige US-Humvees, die letzte Woche angekommen sind.

Saposchnikow sagte auch, dass seine Einheit sich früher in diesem Monat für einen möglichen Angriff auf Mariupol, eine strategische Hafenstadt, die die pro-russischen Kräfte im letzten Jahr kurz beherrschten, vorbereitet habe. Obwohl die im Februar erklärte Waffenruhe in den letzten Wochen größtenteils eingehalten wurde, befürchtet Kyiw, dass die Stadt das nächste Ziel der separatistischen Kräfte sein könnte.

“Wir werden kämpfen, bis wir das Hoheitsgebiet des Donbas befreit haben,” sagte Saposchnikow und bezieht sich auf die Kohleabbaugebiet, das die Regionen Donezk und Luhansk umfasst. “Ich hoffe, das passiert in der nahen Zukunft, aber ich bin bereit, noch ein oder zwei Jahre hier zu sein.”

Artikel von: Alec Luhn
Quelle: ViceNews 31. März 2015

Bild: ViceNews
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:, , , , ,