Ausländer, die in Russland leben wollen, müssen Fragen über Krim, Stalin usw. beantworten

Tadschikische Wanderarbeiter steigen in Moskau aus dem Zug aus Duschanbe aus - Foto: Pascal Dumont / MT

Tadschikische Wanderarbeiter steigen in Moskau aus dem Zug aus Duschanbe aus - Foto: Pascal Dumont / MT 

Empfehlung, Politik, Russland, Soziales

Artikel von: Anna Dolgov
Quelle: The Moscow Times, 6. April 2015

Ausländer, die in Russland eine Arbeitserlaubnis oder Aufenthaltserlaubnis beantragen, müssen demnächst Fragen nach dem “Beitritt” der Krim und die Herrschaft des sowjetischen Diktators Josef Stalin beantworten. Dies sieht ein Entwurf eines Einwanderungstests vor, wie von russischen Medien am Montag berichtet wurde.

Der neue Test, der noch vom Bildungs- und Wissenschaftsministerium genehmigt werden muss, wird voraussichtlich zum 1. Juli eingeführt. Der Test ersetzt eine weniger komplizierte Prüfung, zu der alle Ausländer auf Arbeitssuche in Russland seit Anfang des Jahres verpflichtet waren, berichtete die Iswestija am Montag unter Berufung auf Andschela Doldschinkowa, der Beauftragten für ausländische Studienangelegenheiten an der Universität der Völkerfreundschaft in Moskau.

Wie beim aktuellen Test werden in der neuen Version Fragen zur russischen Sprache, zu Recht und Geschichte gestellt, aber die Mindestvoraussetzung beim Wortschatz für diejenigen, die eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, wird von derzeit 950 auf 1.250 Wörter erhöht. Für eine Arbeitserlaubnis bleibt der Mindestwortschatz bei 950 Worten, so der Bericht.

Die größten Veränderungen scheinen für den Bereich Geschichte geplant:

In 20 Multiple-Choice-Fragen wird das Wissen der Ausländer über verschiedene Aspekte der Vergangenheit der Nation, einschließlich der Krim Geschichte als Teil Russlands und Stalins Herrschaft abgefragt, nach einer von Iswestija veröffentlichten Kopie des Entwurfs der Prüfung.

Zu den Fragen gehört:

– “In welchem ​​Jahrhundert ist die Krim unter Katharina der Großen Russland beigetreten?”

Die richtige Antwort lautet “im 18. Jahrhundert”, das im Test in römischen Ziffern: XVIII. geschrieben werden. Katharina annektierte die Krim im Jahre 1783, neun Jahre nachdem die Halbinsel im Zuge der russisch-türkischen Kriege eine gewisse Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangt hatte.

– “Die entscheidende Schlacht des Großen Vaterländischen Krieges [Zweiten Weltkriegs] war …”

Die richtige Antwort ist die Schlacht von Stalingrad – die Stadt ist nun als Wolgograd bekannt. Die anderen beiden Antwortmöglichkeiten im Test – die Schlachten von Poltawa und Kulikowo – fanden mehrere Jahrhunderte vor dem Zweiten Weltkrieg statt.

– “Die Politik der Sowjetunion in den 1930er Jahren zur Konsolidierung und Umwandlung von landwirtschaftlichen Betrieben in Kolchosen hieß …”

Das von Stalin 1928-1940 durchgesetzte Programm war die “Kollektivierung”. Die zwangsweise Konsolidierung ging einher mit gewaltsamen Verfolgungsmaßnahmen gegen erfolgreiche Landwirte und andere Bauern, die sich der Aussicht auf Verzicht auf ihr Land und dem Anschluss in eine Kolchose widersetzten.

Die einzige Frage der Prüfung zu einer lebenden Person der Öffentlichkeit bezieht sich auf Irina Rodnina – die Prüfungsteilnehmer sind verpflichtet, sie als “bekannte” russische Sportlerin, Schriftstellerin oder Schauspielerin zu identifizieren. Rodnina, dreimalige Olympia-Eiskunstlauf-Goldmedaillengewinnerin, ist derzeit auch Mitglied der Staatsduma von der regierenden Partei “Einiges Russland” mit einem standhaften Kreml-freundlichen Abstimmungsverhalten.

Der Entwurf des Einwanderungstests beinhaltet auch fünf offen zu beantwortende Fragen für diejenigen, die eine Aufenthaltsgenehmigung benötigen. Bei diesen Fragen müssen die Testteilnehmer den Anführer nennen, der im Zweiten Weltkrieg an der Spitze der Sowjetunion stand, und den Namen der Republik, die Russland im Jahr 2014 beigetreten ist. Der Anführer war Stalin, und die Republik war die Krim, die Moskau von der Ukraine im vergangenen Frühjahr annektierte.

Zu den weiteren offenen Fragen, die auch für viele Russen schwierig zu beantworten sein könnten, gehören die Benennung des Dokuments, das Russland am 12. Juni 1990 angenommen hat; das Jahr der ersten Revolution des Landes; sowie eines Denkmals, das die Stadt St. Petersburg symbolisiert.

Die Antworten? Das Dokument war die Deklaration der staatlichen Souveränität, die das Gesetzgebungsorgan der damaligen Sowjetrepublik der Russischen Föderation verabschiedete und in der ein “demokratischer, rechtmäßiger” Staat in der  “renovierten” Sowjetunion ausgerufen wurde; die als erste bekannte Revolution Russlands fand im Jahr 1905 statt und gründete eine konstitutionelle Monarchie.

In Bezug auf das, was St. Petersburg am besten symbolisiert, gibt die offizielle Webseite der Stadtverwaltung drei Denkmäler als historische Wahrzeichen der Stadt an: die Figur eines Segelkriegsschiffs auf dem Admiralitätsgebäude, die Engelsstatue auf der Turmspitze der Peter-und-Paul-Festung und das eherne Reiterdenkmal für Peter den Großen. Vermutlich sind alle drei akzeptable Antworten.

Derzeit müssen alle Antragsteller von Langzeitvisa den gleichen Test absolvieren, aber Bewerber für Arbeitsgenehmigungen müssen nur 60 % der Fragen richtig beantworten, während Bewerber für einen Aufenthaltsstatus 75 Prozent erfüllen müssen, sagte Doldschikowa gemäß dem Bericht in der Iswestija.

Über 440.000 Ausländer haben die Prüfung abgelegt, seit diese in diesem Jahr obligatorisch eingeführt wurde, berichtete Iswestija.

Die Gebühr für die Prüfung beträgt 4900 Rubel (knapp 90 €) für Antragsteller einer Arbeitserlaubnis und 5300 Rubel (ca. 95 €) für die Aufenthaltsgenehmigung, aber die Gebühren können je nach Staatsangehörigkeit der Person, die sich der Prüfung unterzieht, variieren, berichtet die Iswestija.

Es gibt einen Rabatt von 2500 Rubel (45 €) für Menschen, die in der Iswestija als “Bürger der Donezker und Luhansker Republiken” beschrieben werden – die selbsternannten Staaten der von Moskau unterstützten Aufständischen im Osten der Ukraine.

Artikel von: Anna Dolgov
Quelle: The Moscow Times, 6. April 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:, , ,