Die Ukraine hängt am seidenen Faden – Wann ist ein Krieg kein Krieg? (Front Line Defenders)

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Krieg im Donbas, Menschenrechte, Soziales

Artikel von: Masha Chichtchenkova
Quelle: Front Line Defenders

Masha Chichtchenkova, Schutzkoordinatorin für Osteuropa und Zentralasien der internationalen Menschenrechtsorgation Front Line Defenders war vor kurzem auf einer Forschungsmission in der Ukraine. Dort hat sie Schulungen durchgeführt und mit Menschenrechtsverteidigern zusammengearbeitet, um herauszufinden, wie Front Line Defenders am besten ihre Menschenrechtsarbeit unterstützen kann.

Trotz hoher Verluste, verheerender Kämpfe, zerstörter Städte und der Vertreibung von einer Million Menschen weigern sich sowohl Russland als auch die Ukraine anzuerkennen, dass es sich um einen Krieg handelt.

Die Regierung der Ukraine bezeichnet den Konflikt als “Anti-Terror-Operation”. Die russische Regierung ihrerseits verändert die Rechtsstellung ihrer Truppen, bevor sie aus Russland die Grenze in die Ukraine überqueren, damit die russischen Behörden nach wie vor jede Kenntnis über die Beteiligung ihrer Truppen an den Kämpfen abstreiten können. Militärfahrzeuge ohne Kennzeichen überqueren eine poröse Grenze, die wenig Sicherheit und Kontrolle bietet.

Die Situation ist katastrophal. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass das Gesamtgefüge der Gesellschaft in der Ukraine an einem seidenen Faden hängt – und was sie zusammenhält ist das leidenschaftliche Engagement und Anteilnahme scheinbar aller Ukrainer, ihren Mitbürgern zu helfen. Während die Ukraine damit kämpft, die Flut der Inlandsvertriebenen bei unzureichender internationaler Hilfe zu verwalten, ist es nichts weniger als ein Wunder, dass diese Menschen den Winter überlebt haben. Angesichts dieser außergewöhnlichen Krise tun normale Menschen alles, was sie tun können, um die humanitären Bemühungen zu unterstützen.

Einige Zivilisten begeben sich in die Konfliktgebiete, um Beweise zu sammeln und Menschenrechtsverletzungen für eine eventuelle künftige Strafverfolgung durch den Internationalen Strafgerichtshof zu dokumentieren. Andere sammeln und verteilen medizinische Hilfsgüter, Lebensmittel und Kleidung. Wieder andere helfen den Familien der Toten oder “Verschwundenen” und bieten ihnen Unterstützung und Beratung. Während einige Bürger sich immer noch um die Reform eines korrupten und unfähigen politischen Systems bemühen, ist das Überleben im “neuen patriotischen Krieg” die wichtigste Priorität.

In Kyiw, wo das tägliche Leben relativ normal abläuft, stößt man ab und zu auf einen Platz voller ausgebrannter russischen Panzer, eine gezielte Erinnerung daran, dass russische Truppen im Osten auf dem Boden des Landes stehen. Die große Mehrheit der Menschen war nicht auf den Krieg vorbereitet, und die psychologische Wirkung ist verheerend. Es ist ein kollektives Trauma, und jetzt ist jeder ein medizinischer Experte. Sie wissen, wie man mit Wunden umgeht, was zu tun ist, um eine Blutung zu stoppen, wie man Infektionen vermeidet, wo man welche Medikamente bekommt.

Sowohl die russischen als auch die ukrainischen Streitkräfte verletzen auch weiterhin die Menschenrechte. Drohungen, Einschüchterungen, Festnahmen, willkürliche Inhaftierungen, Folter, Vergewaltigungen, “Verschwindenlassen” – all das sind Realitäten für die Ukrainer. In der Hitze des Gefechts, in diesem unerklärten Krieg, ist die Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen schwierig und verwirrend geworden. Trotz der Risiken begeben sich Menschenrechtsverteidiger – die Anführer der Zivilgesellschaft, Journalisten und Aktivisten – immer noch in die Konfliktgebiete, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Sie sammeln Beweise über den Einsatz von Streubomben, interviewen die Überlebenden von Anschlägen und Folteropfer. Aber je nachdem, auf welchem Teil der Landkarte des Kriegs sie sich befinden, können Menschenrechtsverteidiger als Verräter oder Terroristen oder Spione bezeichnet werden. Eine Gruppe in Luhansk musste ihre Sachen packen und das Gebiet verlassen, weil sie beim Sammeln von Beweisen für “die andere Seite” gesehen wurden. Der Propagandakrieg ist genauso rücksichtslos wie die eigentlichen Kämpfe, wobei beide Seiten die jeweils “andere” entmenschlicht. Die Menschenrechtsverteidiger, die in den Konfliktzonen sind, befinden sich buchstäblich im Kreuzfeuer.

Wie schon im Jahr 2013, als ich nach Kyiw kam, erinnere ich mich an den unglaublichen Tribut, den Menschenrechtsarbeit von denjenigen fordert, die damit beschäftigt sind.

Trotz dieses Horrorszenarios glauben die Menschen immer noch, dass sie eine neue und bessere Ukraine aufbauen können. Menschenrechtsverteidigerinnen arbeiten immer noch dafür, die Menschenrechte trotz der Gewalt und der Propaganda aufrecht zu erhalten. Die Herausforderung für Front Line Defenders ist es, eine effektive Möglichkeit zu finden, um ihnen durch diese Krise zu helfen, sei es durch die Gewährleistung von Sicherheit, zu vermitteln, wie man sich während einer Mission in Konfliktgebieten verhält, digitale Sicherheitsausrüstung, damit sie sicher online kommunizieren können, oder psychosoziale Unterstützung für die Bewältigung von akuten Stresssituationen, unter denen sie arbeiten. Die kurz- bis mittelfristigen Aussichten sind vielleicht düster, aber ich glaube fest daran, dass der Geist der Menschen in der Ukraine, der ihnen bisher das Überleben ermöglicht hat, es ihnen letztlich auch ermöglichen wird, ein besseres und gerechteres Land aufzubauen.

Artikel von: Masha Chichtchenkova
Quelle: Front Line Defenders

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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