Die die Witwen tröstet. Die Geschichte einer deutschen Frau

Noel mit einer Witwe in Winnyzja - Foto: Euromaidan NRW e.V.

Noel mit einer Witwe in Winnyzja - Foto: Euromaidan NRW e.V. 

Empfehlung, Krieg im Donbas, Soziales

Artikel von: Alina Balazanowa
Quelle: Ukrajinska Prawda, 16.4.2015

Noel ist eine gebürtige Deutsche. Ihre “ukrainische Geschichte” begann mit dem Maidan. Als sie die Nachrichten sah, war sie einfach nicht einverstanden mit dem, was dort passierte – und beschloss sich einzumischen. Sie hatte den Mut und das Gefühl zwischenmenschlicher Verantwortung, sich für die ukrainischen Witwen einzusetzen. Zunächst half sie den Witwen des Maidan. Und jetzt – den Witwen des Krieges.

Noel sammelt Geld und materielle Hilfe, indem sie Benefizkonzerte in Deutschland organisiert. Sie setzt sich in den Zug und reiste in jede von ihr betreute Gemeinde im Osten und im Westen der Ukraine. Sie leistet nicht nur Hilfe, sie nimmt auch Anteil.

Sie gibt keine Interviews. Und unser Gespräch mit ihr ist eher eine Ausnahme als die Regel. Noel denkt nicht, dass sie etwas besonderes tut und ist ehrlich überrascht, als sie gefragt wird, wie es sie in die Ukraine verschlug. Für sie ist es normal, dass die Menschenrechte eingehalten werden. Es liegt für sie nichts besonderes darin, dass sie begann, diese Rechte in einem fremden Land zu verteidigen.

“Mich eine Patriotin der Ukraine zu nennen ist nicht richtig. Das ist kein Patriotismus. Ich lebe nur in einem Land [in Deutschland – Anm. d. Autorin], in dem ich das Recht auf freie Meinungsäußerung habe, auf Handlungsfreiheit, auf freie Wahlen. Ich sehe, dass es das in der Ukraine nicht gibt. Wenn das gleiche in einem anderen Land geschieht, werde ich in dieses Land gehen. Ich werde da sein, wo man meine Hilfe braucht,” sagt Noel.

Sie sagt, sie erinnere sich gut daran, wie ihre Freunde in Deutschland die Nachrichten diskutierten, dass in Kiew Studenten des Euromaidans verprügelt werden. Ihre erste Reaktion war dorthin zu reisen und alles mit eigenen Augen zu betrachten. Und als sie zurück kam, begann sie zu handeln. Zusammen mit Freunden versuchte sie, der deutschen Öffentlichkeit zu vermitteln, was los war in der Ukraine, denn in Deutschland waren die Ansichten sehr unterschiedlich.

Sie begannen zu demonstrieren, was in Deutschland erlaubt ist. Mann muss das nur bei der Polizei anmelden. Die Polizei sorgt mit einem Konvoi sogar noch für Sicherheit.

Am Anfang der Aktionen, wo Noel versuchte, Aufklärungsarbeit zur Situation in der Ukraine zu leisten, kamen zehn bis fünfzehn Personen. Dann sammelten sich immer mehr Menschen an, die Zahl der Demonstranten stieg auf 300-400. Und als es in der Ukraine die ersten Opfer gab und die erste Witwen, da organisierte Noel mit Gleichgesinnten Benefizkonzerte.

“Diese Gelder haben wir in die Ukraine mitgenommen und zwischen Frauen, deren Männer auf dem Maidan getötet wurden, aufgeteilt, sie blieben mit den Kindern allein, und hatten nicht einmal die Möglichkeit, ihre Männer zu begraben,” erzählt Noel.

Und als es die erste Witwe in Mariupol gab, wurde klar, dass es Zeit war, einen Verein zu gründen, der viele Witwen helfen könnte, und zudem nach Gesetzen und Verordnungen arbeitet. Noel erklärt, dass unter den Mitarbeitern 70% Deutsche sind, darunter etliche, die aus Moskau und St. Petersburg oder anderen Ländern der ehemaligen GUS-Staaten ausgewandert sind. Die Geschichte und Situation jeder Witwe ist einzigartig – die Haltung des Vereins ist die gleiche. Die Höhe der Beihilfe hängt von verschiedenen Umständen ab: berücksichtigt wird ob die Witwe von der Regierung unterstützt wird, und welche Bedürfnisse die Familie hat, ob sie Schulden hat. Noel sagt, dass viele Witwen ihre Ehemänner in der ATO schon vor sieben Monaten verloren haben, und immer noch keine staatliche Hilfe erhalten haben. Weil ihre Ehemänner als Freiwillige den nötigen Status nicht erhalten haben.

“Das bedeutet, dass, solange ihr Mann in der staatlichen Bürokratie nicht ‘legalisiert’ wird, es Monate dauern kann. Dann hilft der Verein über eine längere Zeit. Es gibt Fälle, da besuchen wir sie drei Mal im Jahr persönlich, und zahlen ihr eine kleine finanzielle Unterstützung, schicken Pakete mit Sachen, Süßigkeiten, und Lehrbüchern, Notizbücher, Bleistifte für die Schulkinder.

Die Medien schreiben immer von “Helden”. Und wo ist die Heldin, die ihren Mann in den Krieg ziehen ließ? Sie hat nicht die Tür verschlossen und gesagt, naja, wir haben hier auch eine Familie und vier Kinder. Und wir kennen  Witwen, die vier Kinder haben. Das ist die Frage. Es wirkt als wäre die Heldin nur der Schatten des Helden,” sagt Noel, langsam jedes Wort betonend.

Sie erzählt, dass sie einige von ihnen nicht zum erste Mal sieht, und die Veränderungen beobachtet, die in ihren Leben auftreten. Die Witwen sammeln die Reste ihres zerstörten Leben Stück für Stück auf, wie eine zerschlagene Tasse. Sie lernen, ein neues Leben zu führen. Das Hauptziel von Noel ist, jeder Witwe zuzuhören, egal in welchem Zustand sie ist. Sie versucht, jeder die Chance zu geben sich auszusprechen, es ermöglichen zu weinen und schwach zu sein im Leben.

“Was mich an dieser Reise sehr überrascht hat, war, dass es einigen Frauen “nicht erlaubt ist” zu weinen. Der Meinung der Familie nach hat sie stark zu sein, sie darf nicht hinterher hinken. Ich bat alle den Raum zu verlassen und sagte ihr, wenn Sie weinen wollen, weinen Sie. Wie lange kann man stark sein? Sie dürfen schwach sein. Wir sind doch Frauen,” teilt die Freiwillige uns mit.

Über ihre Schützlinge spricht Noel mit einer sorgfältigen Zärtlichkeit. Sie kümmert sich um sie, bedauert sie. Zu jeder hat sie einen eigenen Zugang. “Sie sehen alle aus wie Mädchen, dabei sind sie sehr erwachsen. Einige sind sehr verschlossen. Sie haben Angst in den Augen, und Schmerz. Alle sprechen ihnen ihr Beileid aus, aber niemand ist bereit einfach nur zuzuhören. Und die Witwen wollen nicht, dass man sie bemitleidet, somit meiden sie den Kontakt mit anderen. Sie wollen einfach nur Unterstützung, aber in einer anderen Form.”

Es gibt Frauen, deren Geschichten lassen einem die Haare zu Berge stehen. Einer Witwe, verlassen mit drei Kindern, haben sie einen Tag nach der Beerdigung das Grab ihres Mannes angezündet. Dann starb ihr Vater. Dann kam die Schwiegermutter und will sie aus der Wohnung werfen, in der sie mit ihrem Mann gelebt hat.

“Ich kann in der Wohnung zwei Stunden bleiben, und wenn ich rausgehe sind in meinem Kopf mehr als tausend Worte. Und in dem Artikel, den ich dann am Ende einer Reise schreibe, denke ich immer, was ich schreiben soll und was nicht? Um die Menschen nicht sofort fertig zu machen,” sagt sie

Aber es gibt auch Frauen, die mit der Trauer schneller fertig werden. Das sind diejenigen, die die Familie unterstützt. Es gibt welche, die in einer völlig fremden Stadt den Führerschein machten, zu arbeiten begannen , und die Kinder in Kindergärten und Schulen unterbrachten.

“Es gibt Fortschritte – nicht bei allen, aber es gibt sie. Ich komme zum zweiten Mal, und bei einigen von ihnen bin ich beruhigter,” erzählt die Freiwillige.

Allerdings gibt es Frauen, die den Verlust nicht akzeptieren und nicht erkennen wollen, dass ihr Mann nicht wiederkommt. Seine Stiefel stehen immer noch im Flur. Sie können sich nicht bewusst machen, dass es ihn nicht mehr gibt.

Das geschah in den Fällen, in denen Ehemänner zum Beispiel komplett verbrannt sind, und die Familie nicht wussten, wo sie sind. Und man versuchte, ihnen Geld abzuknöpfen mit der Lüge, dass der Mann angeblich noch lebe, der zu diesem Zeitpunkt aber bereits tot war.

“Es sind so viele Sachen passiert, mit denen sie keinen Frieden schließen können, um den Verlust zu akzeptieren, um zu verstehen, “dies ist ein Sarg, und darin ist mein Mann – ich verabschiede mich von ihm”. Es gibt kein Abschiedsritual, mit dem der Frau bewusst werden könnte, dass er unwiederruflich nicht mehr da ist.

Viele sagen mir, dass sie immer noch auf ihn warten. Sie glauben es nicht. Solange es ihnen nicht bewusst wird, werden sie in dieser Trance bleiben. “Ich würde mir sehr wünschen, dass diesem Thema in der Ukraine mehr Zeit zuteil werden würde, und die Regierung mehr tun würde, um zu helfen.”

Noel ist verärgert und wütend, wenn man die Witwen verletzt, zum Beispiel, wenn die Frau eines Verstorbenen in ein Amt kommt, um einen Fragebogen zur Beihilfe auszufüllen, und ihr gesagt wird: “Sie wissen schon, wie oft wir solche haben?”

“Einer jungen Frau, die sieben Tage nach der Beerdigung ein Baby gebar, sagte man diese Worte, als sie kam um Hilfe zu erbeten. Können Sie sich vorstellen, was das in ihr auslöste, in ihrem Zustand? Das bedeutet, sie musste hochschwanger ihren Mann begraben, und dann sein Kind gebären. Und in ihren Gedanken war nur noch das, was ihr Mann ihr sagte als sie sich verabschiedeten: “. Dies wird die letzte Reise, wir werden gemeinsam das Kind bekommen.”

Noel kann hunderte solcher Geschichten erzählen.

Und sie muss damit leben.

Noel befindet, dass es nicht nur um materielle und finanzielle Hilfe geht. Sie alle brauchen psychologische Hilfe – Frauen und Kinder. Und man muss auf alle achten, man sollte eine Art Programm starten.

“Ich hatte eine Witwe, ich werde ihren Namen nicht nennen. Sie wurden zu einem Fest für die Witwen eingeladen, bei welchem angekündigt wurde, dass Poroschenko ihnen Geschenke überreichen wird. Es ist ein Witz, was sie bekommen haben! Schokoriegel und Beileidskarten.

Warum sie dann einladen! Warum kann man nicht in jeder Stadt eine Organisation schaffen, an welche sie sich wenden können? Ein Ort, wo sie alle zusammen treffen und Unterstützung beieinander suchen können. Mit einander reden können. Es hilft wirklich, wenn Frauen mit ähnlichen seelischen Schmerzen zusammenkommen, dann wird es ihnen leichter ums Herz,” empört sich die Deutsche.

Noel hat ein scharfes Temperament. Diese Charaktereigenschaft half schon mehrmals ukrainischen Soldaten, um durch die deutsche Seite hochwertige Prothesen für Hände und Füße zu bekommen. Das brachte die Soldaten, die Gliedmaßen verloren haben, zurück zu einem fast normalen Leben. Noels Verein begleitet die Verwundeten aus der Ukraine, die durch ein zwischenstaatliches Programm der Ukraine und Deutschland behandelt wurden.

“Wir haben uns an unsere Regierung (an die deutsche Anm. d. Hrsg.) gewandt, an die Organisationen und baten um Hilfe, um die Behandlungskosten durch den deutschen Steuerzahler zu decken. Wir übersetzten Dokumente, und zeigten diese im Krankenhaus. Wenn das dann die Bereitschaft erklärte, einen Kämpfer zu heilen, bekamen wir eine Rechnung, für dessen Zahlung wir Geld in Deutschland oder in der Ukraine suchten, ” erklärte sie dazu, wie der Prozess organisiert wurde.

Oft wurden durch das Engagement des Fonds Programme zur Behandlung und Rehabilitation einzelner Kämpfer erarbeitet.

Noel ist unerbittlich. Sie weiß, wie man überzeugt. Sie sagt, sie wird für die Rechte jeder Witwe kämpfen. Und früher oder später wird die ukrainische Gesellschaft und die Regierung lernen, ihre Witwen zu würdigen.

“Sie alle sind für mich meine “Diamanten”,sagt Noel zum Abschied.

Artikel von: Alina Balazanowa
Quelle: Ukrajinska Prawda, 16.4.2015

Bild: Euromaidan NRW e.V.
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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