Anna V. Wendland: Tiefenanalyse der makabren “Donbass-Ausstellung” in Moskau

Foto: ROMAN PILIPEY/EPA/ТASS

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Krieg im Donbas, Kultur, Russland

Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

AUSSTELLUNG DER ERRUNGENSCHAFTEN
“Donbass-Sachbeweise” – Ein Blick auf die Moskauer Schau über den “Bürgerkrieg” in der Ukraine

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Anna Veronika Wendland

Inzwischen haben auch westliche Besucher ihren Weg in die neueste Moskauer Attraktion gefunden: das bizarre Wachsfigurenkabinett des Donbass-Krieges, das von privater Seite, durch eine patriotische Event-Firma, organisiert wurde, das aber wie alle russischen politisch-popkulturellen Inszenierungen dieser Art und dieser Zeit nicht ohne Wissen, Billigung und Unterstützung der Behörden zustande gekommen sein wird.

Die sachlich-distanzierte Berichterstattung der FAZ ließ uns nicht im Unklaren über Ort und Urheber, über Absicht und parteiischen Darstellungsmodus der Ausstellung. Und auch nicht über die gläubige Besucherschaft, darunter Familien mit Kleinkindern, die einfach nur wissen wolle, wie es wirklich ist gewesen. Jedoch kann man an Ort, Darstellungstechniken und Artefakten auch eine Meta-Ebene aus dieser Inszenierung herauslesen, die – unfreiwillig – sehr viel aussagt über den Zustand des russischen Staates und der ihn stützenden Gesellschaft, und auch über die historischen Vorbilder, denen diese sich heute verpflichtet fühlen. Deshalb habe ich mir die russischen, affirmativen und vor allem reich bebilderten Berichte über die Ausstellung einmal genauer angesehen.

Bei der Erzählstruktur dieser Russian Horror Picture Show müssen wir uns nicht lange aufhalten; es ist das tränenreich vorgetragene Krokodilsnarrativ, demzufolge in der Ukraine ein “Bürgerkrieg” zwischen unerbittlicher Junta und verzweifelt kämpfenden “Rebellen” oder “Landsturmleuten” stattfinde, zwischen faschistischen, von USA und NATO ferngesteuerten Sondereinsatzkommandos und aufrichtigen wahren Ukrainern, welche ihre volkstümliche, eingewurzelte kleinrussische Identität dem oktroyierten Ukrainertum Galiziens vorzögen und daher die Waffe in die Hand genommen hätten – trotzdem siegreich kämpfend gegen einen grausamen und überlegenen Feind.

Die Krokodilstränen fließen besonders reichlich in all jenen Ausstellungsboxen, in denen Spielzeug oder Alltagsgegenstände in Glasvitrinen präsentiert werden: die Aura des aus seinem Alltagskontext gerissenen Museumsartefakts soll die Botschaft vom zerstörten Frieden vermitteln, den Russland, als ehrlicher Makler, sich so lange schon bemühe wiederherzustellen. Doch vergeblich (-schluchz-), die grausame Stiefmutter Ukraine fährt unerbittlich fort, die friedliche Welt ihrer ungeliebten, im Herzen russisch fühlenden Kinder zu zerstören.

An diesem Narrativ ist – so weiß es die Welt außerhalb Russlands mit Ausnahme unserer Querfront-Pegidoputinisten – nichts echt, außer einer eingefleischten Heuchelei, die je nach Akteur aus Überzeugung oder aus karrieristischem Zynismus erwächst. Dass man lügt über den Anteil der Ostukrainer in diesem grausamen Spiel, der in seriösen Schätzungen bei 20% der Akteure liegt, ist nicht das Problem, denn wenn es dem Staate nützt oder der diffusen “russischen” Idee, dann ist Lügen legitim. Bei weniger zynischen und aufrichtig regimetreuen Menschen mutiert dies zu einer sektenartigen Glaubenspraxis: Wir sind von Feinden umgeben; eklantante Widersprüche und womöglich aufkeimende eigene Zweifel sind die Einflüsterungen des Teufels; alternative Deutungen des Geschehens sind Trugbilder des Feindes.

Die Ausstellung kommt fast ohne Beschriftungen und Erklärungen aus, aber sie hat eine Überschrift, einen Namen: “Veščdoki. Donbass – 365 dnej ATO”: “Sachbeweise. Donbass: 365 Tage ATO.” “Veščdok” ist eine aus dem Jargon der Sicherheitskräfte stammende Wortschöpfung. ATO ist das offizielle ukrainische Akronym für “Anti-Terror-Operation”, ein Euphemismus für den realen Krieg mit Russland, der aber aus diplomatisch-taktischen Gründen aufrechterhalten wird: Denn in kriegführende Staaten gibt der IWF keine Kredite, und das Kriegs-Wort hätte auch die Verhandlungen im Minker Format verunmöglicht. Deswegen sprechen alle Ukrainer von “Krieg”, ihre Regierung von “ATO”.

Vordergründig ist also klar: Es wird im Titel und Inhalt der Ausstellung die erdrückende “Beweislage” gegen den Täter Ukraine vorgelegt. “Sachbeweise”, der KGB-Sprache entlehnt, offenbaren aber auch eine Tiefenschicht, die den Organisatoren entgangen ist, weil sie – zu Recht – nicht mit mündigen oder historisch informierten Betrachtern rechnen müssen. “Veščdok” war im Stalinimus der untrügliche Beweis gegen den angeblichen Täter, Spion und Volksschädling. War er auch noch so bizarr – so bizarr wie die durchschnittene Stahltrosse des Förderkorbs im Schauprozess gegen den Grubeningenieur, der eigentlich ein britischer Spion war; so bizarr wie die Selbstbezichtigungsschreiben der Bedauernswerten, die sich unter Folter der ungeheuerlichsten Verbrechen bezichtigten; so bizarr auch wie seinerzeit die Geruchsproben der Delinquenten im Stasi-Marmeladenglas, die man schon präventiv, als spätere Sachbeweise sozusagen, sammelte.

So gefälscht und manipuliert wie das stalinistische Beweismaterial, und so ekelerregend wie die Geruchsproben aus den Stasiopfer-Unterhosen – so kann man den Charakter des “Sachbeweises” umschreiben, so wie er in der Moskauer Bürgerkriegsschau präsentiert wird. Denn es handelt sich natürlich nicht um Artefakte, die in einem durch Erklärungen hergestellten lokalen und situativen Kontext gezeigt würden, sondern um ein Konvolut aus Kriegstrophäen – Ortsschild, zerschossener Kleinbus, Projektile und dergleichen – und anderweitig herangeschafften Gegenständen und großformatigen Fotos. Diese wurden zu Szenenräumen, die mit Wachsfiguren bevölkert sind, zusammengestellt: “Straßenszene – von Ukrainern beschossener Bus”, “In Hast verlassenes Schulzimmer”, “Zerstörte Kleinwohnung”, “Alte Frau vor ihrem zerstörten Anwesen”, – die Ikonographie des Zweiten Weltkrieges, die große Erzählung vom Einfall des Faschismus in eine Welt des Friedens und bescheidenen Wohlstandes, sie standen hier Pate.

Irgendein Moskauer Kunsthandwerker oder Präparator hat mit sadistisch-nekrophiler Pedanterie die Kriegsszenen arrangiert. Die herausquellenden Gedärme und die abgetrennten Gliedmaßen in dem “18+”-Front-OP, die in ihrer Tussaud’schen Künstlichkeit auf die westliche postmoderne Betrachterin fast schon wieder komisch wirken, stehen gleichwohl für das russische Auge in einem wohlbekannten Kontext: jenem der seit gut einem Jahr durch die staatliche Fernsehkanalisation ohne Unterlass in die Köpfe und Herzen sich ergießenden Blut- und Schockbild-Streams aus dem ukrainischen “Bürgerkrieg”. Das lässt niemanden kalt. Es macht traurig, wütend, es erfüllt einen mit Hass gegen die Täter, es MOBILISIERT. Das reicht überall hin, wo diese Bilder hingelangen. Zum Beispiel nach Leipzig: Mein dreizehnjähriger Sohn kam letztes Jahr eines Tages bestürzt aus der Schule. Er hatte sich mit einem russischstämmigen Schulkameraden, der eigentlich sein Freund war, über Putin und die Ukraine in die Wolle gekriegt: “X hat GEWEINT und gesagt, er habe im Fernsehen gesehn, was die Ukrainer den Kindern im Donbass für schreckliche Dinge antun!!” Da geht die Saat auf. Für mich war das eine der einschneidenden Erinnerungen dieses Konflikts. Dieses Fernsehen schauen Kinder, und Kinder werden in diese Ausstellung geschleppt.

Doch die Saat geht manchmal an unerwarteter Stelle auf, und mit nicht intendierten Folgen. Das zerzauste Püppchen im Glaskasten vor einem die gesamte Wandbreite einnehmenden Foto eines artilleriezerstörten Wohn- oder Unterrichtsraums – das evoziert die Katastrophenfotographie aus dem verfallenden Pripjat, die noch zum gemeinsamen Bildgedächtnis der Russen und Ukrainer über 35 gehört. Ein fernes Echo, von einem anderen ukrainischen Leidensort, den die Russen, deren Sowjetnostalgie durch eine grandiose Verschweigungs- und Verdrängungsleistung erst ermöglicht wird, ebenfalls für ein ausschließlich innerukrainisches Problem halten. Auch die “Tat” von Pripjat jedoch war keine ukrainische allein.

Und so offenbart sich auf Umwegen und in den visuellen Unterströmungen dieser sonderbaren Mischung aus Schauprozess und Trophäenschau, aus Wachsfigurenkabinett und Geisterbahn, aus Kriegspanorama des 19. und Egoshooterclip des 21. Jahrhunderts auch einiges, was die Arrangeure und Erfinder der Show nicht auf ihrem Themenzettel hatten. Tritt man nämlich aus den inszenierten Räumlichkeiten hinaus ins Freie und widmet man einen Moment des Innehaltens auch den weiteren räumlichen Kontexten, so sind noch andere, und nicht weniger beunruhigende, Beobachtungen zu machen.

Wir befinden uns sich nämlich an einem besonderen Einnerungsort, dem Gelände der ehemaligen “Ve-De-eN-Cha”, der “Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft” der Sowjetunion. Und hier, im ehemaligen Pavillon der Ukrainischen SSR, der im Prunkstil der Spätstalinismus erbaut wurde und neben Wappen und Fahne der Sowjetukraine auch die typische ukrainische, aus der Volkskunst entlehnte Ornamentik trägt – in diesem Pavillon, in dem einst die Produkte des ukrainischen Maschinenbaus und der ukrainischen Konsumgüterindustrie gezeigt wurden, wird nun der zum Bürgerkrieg umgelogene russische Krieg gegen die Ukraine gezeigt.
Bedrückender hätte man es nicht sagen können -aber man wollte es auch gar nicht.

Denn dies ist die nichtintendierte Aussage, welche die Aussteller entlarvt. Hier stellt nicht mehr die Ukraine aus – Russland ist zum Aussteller geworden im ukrainischen Raum, und das Ausgestellte ist im wahrsten Wortsinne eine absolut adäquate Demonstration der heutigen Errungenschaften Russlands, so wie sie sich auf ukrainischem Boden manifestieren. Präsentiert wird die zweifelhafte Errungenschaft, eine europäische Kulturnation auf das Niveau der Selbstfaschisierung, des Nationalhasses und der Paranoia heruntergewirtschaftet zu haben; zur Schau gestellt wird eine Erziehungsleistung, nämlich die Gewöhnung an die Gewalt und die Mobilisierung zum nächsten Krieg, die heute das vorrangigste Merkmal des russischen Mediensystems ist.

Die wenigen echten Artefakte in dieser Ausstellung sind Trophäen, für die sich die siegreichen “Rebellen” recte russische Armee eigentlich schämen müssten – wie für die Ortszeichen-Skulptur des von ihnen selbst dem Erdboden gleichgemachten Debalceve, dessen Bürger – was dem russischen Publikum verschwiegen wird – sich mehrheitlich freiwillig in die Ukraine, nicht aber auf das “befreite” Territorium geflüchtet haben. Das erinnert an die Trümmer der abgeschossenen MH-17-Boeing, die demnächst in einer ähnlichen Ausstellung in der Region Krasnodar gezeigt werden sollen, wogegen die niederländische Regierung Protest eingelegt hat. Ein zivilisierter Mensch, selbst wenn er der festen Überzeugung von der Täterschaft der Ukraine wäre, würde schon aus Pietätsgründen den Opfern gegenüber nicht auf die Idee kommmen, solche Dinge in einer sensationsheischenden Show zu zeigen – weder das verschmutzte Ortszeichen, das einzige, was von diesem Städtchen noch übrig war, als die “russische Welt” obsiegte, noch die Flugzeugtrümmer, die für die billigende Inkaufnahme der Tötung gänzlich Unbeteiligter stehen.

Doch der Maßstab der Ziviliisation und Empathie eines Tschechow oder Bunin ist dem gegen seine Feinde mobilmachenden Russland abhanden gekommmen. Das ist die zulässige Schlussfolgerung über einen Staat, der solche Inszenierungen toleriert, genehmigt, billigend fördert. Ein Staat, der es zulässt, dass solche Artefakte überhaupt in die Hände von – vorgeblich – Privaten geraten, um morbide Disneyländer des Patriotismus für den wildgewordenen Kleinbürger auszustaffieren.

Man stelle sich Ähnliches bei uns vor: Ausstellungen, drapiert mit Artefakten, mit “Sachbeweisen” aus der NSU-Mordserie oder aus der Germanwings-Katastrophe. Dem privaten schlechten Geschmack, der privaten Niedertracht und der Verletzung des Anstands aus Profitsucht sind auch im Westen keine Grenzen gesetzt – das wissen wir aus vielen schlimmen Erfahrungen. Der russische Staat aber duldet, billigt, inszeniert oder lässt solche Dinge inszenieren – in Aufführungen wie dieser. Während andernorts eine Tannhäuser-Oper und ein Opernintendant einer bigotten Staatskirchenzensur zum Opfer fallen, die mit der Betroffenheit rein potenzieller religiöser Betrachter und ihrer empfindsamen russischen Seelen argumentiert, so sehen wir hier, drapiert mit dem Fahnentuch selbsternannter russischer “Rebellen”staatchen, die Errungenschaften und Sachbeweise der gegenwärtigen russischen official’nja narodnost’. Es ist die durch die Nation geheiligte Niedertracht, der Blut-und-Boden-Dreck live on stage, hier in Moskau, im ukrainischen Haus einer ehemals eindrucksvollen Landesausstellung, die mit Stolz, Liebe und Würde gemacht war. Vor diesem Hintergrund, in der heutigen Szene im ukrainischen Pavillon, wird er in seiner ganzen Erbärmlichkeit offenbar: der kulturelle und mentale Niedergang Russlands weit hinter und unter das, was einmal die Sowjetunion gewesen ist, zumindest jene, die wir noch kannten. Ein Niedergang in die Würdelosigkeit.

Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

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