Russlands Top-Cyber-Spürhund bremst US-Spione aus und hilft seinen Kumpanen im Kreml

Jewgeni Kaspersky: Sowjetischer Offizier wurde Software-Tycoon. Foto: Stephen Voss

Jewgeni Kaspersky: Sowjetischer Offizier wurde Software-Tycoon. Foto: Stephen Voss 

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Artikel von: Noah Shachtman
Quelle: wired.com 23. Juli 2012

Es ist Anfang Februar in Cancún, Mexiko. Eine Gruppe von ungefähr 60 Finanzanalysten, Reportern, Diplomaten und Spezialisten für Cybersicherheit schütteln den Tequila der vergangenen Nacht ab und marschieren hintereinander in einen Ballsaal des Ritz-Carlton Hotels. An der Stirnseite des Raums zeigt ein gigantischer Bildschirm einen Globus im Fadenkreuz. Cancún ist in der Mitte der Zielscheibe.

Ein rotgesichtiger, unrasierter Mann springt auf die Bühne. In seinem zerknitterten Polohemd, mit einer roten Sonnenbrille auf dem Kopf, sieht er eher wie ein Strandstreicher aus als wie ein Wirtschaftsmanager. In Wirklichkeit ist er einer der reichsten Männer Russlands – der CEO des unter Umständen wichtigsten Sicherheitsunternehmens der Welt. Er heißt Jewgeni Kaspersky und hat für nahezu alle im Publikum bezahlt, damit sie kommen. „Buenos días”, sagt er mit kehligem russischen Akzent und entschuldigt sich, dass er das Saufgelage letzte Nacht versäumt hat. Innerhalb der vergangenen 72 Stunden sei er von Mexiko nach Deutschland und wieder zurück geflogen, um an einer anderen Tagung teilzunehmen. „Kissinger, McCain, Präsidenten, Regierungsmitglieder“ seien alle da gewesen, sagt er. „Ich bin am Podium. Links von mir der Verteidigungsminister Italiens. Rechts der ehemalige Chef der CIA. Ich so: ‚Oha, Kollegen!‘“

Natürlich gibt er an, doch Kaspersky stellt sein Licht vielleicht unter den Scheffel. Der italienische Verteidigungsminister wird nicht darüber entscheiden, ob Kriminelle oder Regierungen unsere Daten bekommen. Kaspersky und sein Unternehmen, Kaspersky Lab, könnten das sehr wohl. Im Zeitraum 2009 und 2010 stieg der Einzelhandelsumsatz der Kaspersky Antivirus-Software laut Forbes um 177% und erreichte fast 4,5 Millionen im Jahr – nahezu so viel wie seine Konkurrenten Symantec und McAfee zusammen. Weltweit sind derzeit 50 Millionen Menschen Mitglieder des Kaspersky Sicherheits-Netzwerks und senden jedes Mal, wenn sie eine Anwendung herunterladen, Daten an die Firmenzentrale in Moskau. Microsoft, Cisco, und Juniper Networks binden den Kaspersky Code in ihre Produkte ein und bringen dem Unternehmen auf diese Weise 300 Millionen Nutzer. Wenn es darum geht, Computer vor Infektionen zu schützen, dann ist Kaspersky Lab auf bestem Weg, Branchenführer zu werden.

Doch das erfasst den Einfluss von Kaspersky noch nicht ganz. Im Jahr 2010 entdeckte ein Forscher, der nun für Kaspersky arbeitet, den US-Israeli Wurm Stuxnet, der an die 1000 iranischen Zentrifugen beschädigte und damit zur ersten offen zugegebenen Cyber-Waffe wurde. Im Mai dieses Jahres deckten Elite-Anti-Hacker ein zweites Computer-Schadprogramm auf, das sie Flame nannten. Es wurde in der Folge als weitere US-Israeli Operation entlarvt, die gegen den Iran gerichtet war. Mit anderen Worten, Kaspersky Lab ist nicht bloß eine Anti-Virus-Firma, sondern auch führend in der Enttarnung von Cyber-Spionage.

Kaspersky hat 300 Millionen Kunden. Die Truppe seiner Computerfreaks enttarnt US-Cyberwaffen. Und er hat enge Beziehungen zu den Nachfolgern des KGB in Moskau.

An der Spitze so einer Organisation zu dienen wäre eine beachtenswert mächtige Position für jeden Mann. Doch Kasperskys Aufstieg ist besonders bemerkenswert – und für einige richtiggehend besorgniserregend – angesichts seiner vom KGB gesponserten Ausbildung, seiner Laufbahn als sowjetischer Geheimdienstoffizier, seines nahen Verhältnisses zu Wladimir Putins Regime und seiner engen und aufrechten Beziehung zum Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation oder FSB. Natürlich wird nichts davon in Cancún je erwähnt.

Was erwähnt wird, ist Kasperskys Vision für die Zukunft der Internet-Sicherheit – die gemessen an westlichen Standards extrem erscheint. Sie beinhaltet streng überwachte elektronische Pässe für einige Online-Aktivitäten und Regulierung der sozialen Netzwerke durch Regierungen, um Protestbewegungen zu kontrollieren. „Hier gibt es zu viel Freiheit,“ sagt Kaspersky und verweist auf Seiten wie Facebook. „Freiheit ist gut. Aber die Schurken – sie können diese Freiheiten für ihre Zwecke missbrauchen, um die öffentliche Meinung zu manipulieren.“

Das sind nicht wirklich beruhigende Worte von einem Mann, der für die Sicherheit so vieler unserer PCs, Tablets und Smartphones verantwortlich ist. Das ist jedoch das Paradoxon des Jewgeni Kaspersky: Ein enger Verbündeter des autokratischen Putin-Regimes, der die Verantwortung für die Sicherheit von Millionen Daten von Amerikanern trägt; ein angeblich pensionierter Geheimdienstoffizier, der sich heute damit beschäftigt, die verdeckten Aktivitäten anderer Nationen zu enthüllen; eine vitale Präsenz im offenen und freien Internet, die nicht will, dass wir frei sind. Es ist ein rätselhaftes Profil, das mit dem wachsenden Einfluss Kasperskys im Vormarsch begriffen ist.

Artikel von: Noah Shachtman
Quelle: wired.com 23. Juli 2012

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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