Leonid Wolkow – Der Gegenangriff Kadyrows

leonidwolkow

 

24. April 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Krim, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Leonid Wolkow
Quelle: Leonid Wolkow Facebook

Ich hatte schon lange eine Theorie über die Ursachen des Mordes an Boris Nemzow. Ganz kurz: Putins System basiert im Wesentlichen auf einem Gleichgewicht zwischen den beiden Clans Kadyrows und dem FSB, die sich gegenseitig hassen. Jeder von beiden profitiert von bestimmten Finanzströmen und Business, die ihnen zur persönlichen Bereicherung frei gegeben wurden. Jeder von beiden – wie auch viele andere kleinere Clans – hat fest abgegrenzte Gebiete, die niemand betreten darf.

Die Annexion der Krim und die damit verbundene Finanzkrise störten die Grundlagen des bestehenden Systems erheblich. Das Geld ist weniger geworden, die finanzielle Unterstützung der Krim kostet eine Unmenge Geld. Ab einem gewissen Zeitpunkt könnte man Ramsan Kadyrow vielleicht deutlich zu verstehen geben, dass sein Stück vom Kuchen kleiner wird – dabei handelt es sich aber um Hunderte von Milliarden, die jedes Jahr völlig außer Kontrolle wie in ein schwarzes Loch als Tribut für den verlorenen tschetschenischen Krieg nach Tschetschenien für die anschließende Plünderungen gesendet werden. Kadyrow und seine Bande wurden allmählich von einigen Unternehmen und Projekten verdrängt, ihr Gebiet begann zu schrumpfen.

Was blieb Kadyrow? Während die Machtverhältnisse zwischen ihm und dem FSB noch fifty-fifty stehen, ist es sinnvoll, die Frage an Putin, dem eigentlichen Verteiler der Güter, verschärft zu stellen und ihn zu zwingen, den Status quo beizubehalten. Und das musste gerade jetzt geschehen, denn wenn das Kräfteverhältnis zwischen Kadyrow und dem FSB im Verhältnis von 10 zu 90 stehen wird, dann wird es schon zu spät sein: Aus einer schwachen Position heraus wird ein Angriff nicht möglich sein, oder das Ergebnis wird nicht zugunsten Kadyrows ausfallen. Noch ist Kadyrow stark genug, er kann nicht ausgeliefert werden – im Augenblick ist das Regime so organisiert, dass es ohne Kadyrow überhaupt nicht funktionieren kann. Also muss er gerade jetzt handeln.

Deswegen machte er diese Zweizugkombination, deren Opfer Boris Nemzow wurde. Ausgerechnet vor den Kreml-Mauern, vor den Videokameras, damit es sogar für die inkompetentesten und dümmsten FSB-Männer möglich wäre, in kürzester Zeit die Attentäter festzustellen und zu fangen. Damit es keine Mehrdeutigkeit und kein Platz mehr für andere Versionen gäbe. Für Kadyrow war wichtig, dass der Mord zu 100% klar und die gesamte Kette der Handlungen absolut eindeutig nachzuvollziehen war: kein gewöhnlicher Mörder, sondern der stellvertretende Kommandeur des Bataillons “Nord” Dadajew, der direkt Delimchanow und Kadyrow untersteht.

Eine Krise wollten sie auslösen, damit sich der FSB entrüstet und diesen Dadajew in Handschellen vor Putin schleppt, ihn auf die Matte wirft und freudig ruft: “Schau her, geliebter Vater, erlaube uns doch das, was wir schon lange tun wollen, seitdem wir hinter diesem Satan [Kadyrow] im Walde herliefen und unser Blut vergossen, gib uns endlich den Befehl.” Damit Putin Kadyrow in den Kreml-Palast zu sich bestellt und sagt: “Ramsan, verflucht nochmal, was tust du da, verflucht nochmal, das fehlte uns noch, verflucht nochmal.” Damit Kadyrow ihn mit unschuldigen Augen ansieht und antwortet: “Wladimir Wladimirowitsch, aber Sie haben doch selbst gesagt, dass die fünfte Kolonne bei uns ihr Haupt hebt, und Sie gaben mir zu verstehen, dass Sie mit mir fest rechnen, und haben mir dabei väterlich an die Schulter geklopft und hinzugefügt, dass Sie hoffen, ich würde nicht scheitern, – und so habe ich nun…“

Eine Krise wollten sie auslösen, um Putin vor die Tatsache zu stellen (was er hasst), vor die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen, was er jetzt nicht kann. (Oder soll er etwa den dritten Tschetschenien-Krieg beginnen? Unmöglich. Oder demonstrativ die Ermittlung anhalten, die Auftragsmörder laufen lassen und die Untersuchungsbehörde dazu zwingen, eine neue Spur aufzunehmen, die zum Mars führt? Unmöglich.) Kadyrow wollte Putin zu einer Aussage zwingen, die den Status quo verspricht, indem er Kadyrow und die FSB-Männer zu sich bestellt und sagt so etwas wie: “Also, Jungs, alles bleibt beim Alten, nichts wird sich ändern, keiner von euch tut etwas dem anderen an, alles bleibt, wie es war.” Die Grenzen der Clan-Gebiete werden wieder stabilisiert.

Warum schreibe ich dies jetzt? Es scheint mir, dass der heutige Skandal mit dem Angriff Kadyrows, bei dem er Sicherheitsleute der Föderation aus anderen Regionen Tschetscheniens beschießen ließ, in dieses Weltbild passt. Der Gegenangriff Kadyrows endet sehr logisch – damit stellt er die unverletzbaren Grenzen seiner Welt klar.

Artikel von: Leonid Wolkow
Quelle: Leonid Wolkow Facebook

Übersetzt von: Gegen Repressionen in Russland – Against Repression in Russia
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:, , ,