Warum Putins Ukraine-Propaganda in Deutschland noch besser wirkt als in Russland

Olga Duchnitsch, Journalistin bei der "Nowoje Wremja", früher Professorin für Politikwissenschaft und Psychologie an der Taurischen Universität auf der Krim, Ukraine (Bild: Facebook)

Olga Duchnitsch, Journalistin bei der "Nowoje Wremja", früher Professorin für Politikwissenschaft und Psychologie an der Taurischen Universität auf der Krim, Ukraine (Bild: Facebook) 

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Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 17. April 2015

Wladimir Putins Propagandamaschinerie war bei der Erklärung der Welt für viele Russen sehr erfolgreich, aber noch erfolgreicher war sie offensichtlich bei der Definition der Situation in der Ukraine bei den Bewohnern eines anderen Landes: Dieses Land ist Deutschland und insbesondere bei seinen Außenpolitik-Experten, sagt eine ukrainische Universitätsprofessorin, die jetzt als Journalistin tätig ist.

In einem Kommentar für “Nowoje Wremja” zieht Olga Duchnitsch, die zuvor Politikwissenschaft und Psychologie an der Taurischen Universität in Simferopol unterrichtete, diese Schlussfolgerung auf der Grundlage ihres Besuchs in Deutschland vergangene Woche und ihrer Gespräche an zwei führenden außenpolitischen Thinktanks.

Duchnitsch schreibt, sie fand fünf Punkte, in denen die Ansichten der deutschen Experten über die Ukraine sich deutlich von dem, was sie auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrung sieht, unterschieden. Und während sie darauf hinweist, dass die Ansichten der Experten nicht die Meinung aller Deutschen reflektieren können, sagt sie in ihrem Vortrag, diese Ansichten definierten die tatsächliche derzeitige Denkweise Berlins.

Zuerst, sagt sie, sei die Mehrheit der deutschen Experten überzeugt, dass “die Ukraine immer noch in einen nationalistischen Westen und einen pro-russischen Osten geteilt” sei und dass sie deswegen “föderalisiert” werden müsse und eine “Selbstbestimmung der Regionen” ermöglichen sollte – genau wie es die Ansicht von Wladimir Putin ist.

Und wie Putin sprechen die deutschen [Experten] vielleicht aus “taktischen” Gründen nicht viel darüber, “wer denn die Subjekte dieser Selbstbestimmung sein sollen”, und lassen damit die Möglichkeit für eine russische Einmischung offen.

Duchnitsch war ganz besonders erstaunt darüber, dass die deutschen Experten es versäumt haben, “sowohl die Prozesse der Konsolidierung der ukrainischen Gesellschaft durch den Maidan und den Krieg als auch die Hinweise aus der soziologischen Forschung, die diese Konsolidierung aufzeigen, und darüber hinaus das Nichtvorhandensein von ethnischen und sprachlichen Unterschieden als Grundlage für eine Aufteilung der Ukraine” überhaupt zu beachten und zu bewerten.

Zweitens habe während der zwei Sitzungstagen, so fährt sie fort, “nur ein deutscher Teilnehmer Europa als Konfliktbeteiligten in der Ukraine genannt” und “niemand die Besetzung der Krim als europäisches Problem bezeichnet.” Die meisten sahen Europa – wenn überhaupt – als Vermittler in dem Konflikt, “der über die Grenzen des europäischen Raums reicht”.

“Die Vorstellung, dass der aktuelle Konflikt die bisherigen und gewohnheitsmäßigen Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland endgültig und irreversibel zerstören könnte, scheint für sie keine offensichtliche Schlussfolgerung zu sein”, sagt Duchnitsch, wobei dies von allen in der Ukraine und vielen in Russland klar erkennbar der Fall ist.

Drittens weist sie auf, werde “die Entwicklung der Zivilgesellschaft in der Ukraine, die – auch von außen – für den deutschen Kollegen schwierig zu übersehen ist,” nicht vollständig positiv gesehen, weil die Ukraine nicht über Gewerkschaften verfüge, die nach ihrer Ansicht notwendiger Bestandteil einer solchen Gesellschaft seien –  wobei sie natürlich vergessen, dass in den postsowjetischen Staaten Gewerkschaften “Institutionen der sowjetischen Vergangenheit” sind.

Viertens – wie Moskau aber im Gegensatz zur Ukraine – behandeln die deutschen Experten die Frage der Krim “getrennt von der Ukraine” und “im Rahmen der russischen Besatzung”. Sie glauben nicht daran, dass die Krim der Ukraine zurückgegeben werden könnte oder in einigen Fällen anscheinend müsste, und befürchten, dass jede Anstrengung, dies zu erreichen, zu unannehmbarem Blutvergießen führen könnte, wieder etwas, was Moskau sagt.

Und fünftens sagt Duchnitsch, sehen die deutschen Experten “die Verletzung der Rechte der Krimtataren auf der Krim nicht als Verstoß gegen die Rechte der Bürger der Ukraine in russisch besetzten Gebieten, sondern als Problem einer ethnischen Minderheit.” Und das Thema “Ukrainer auf der Krim” berücksichtigen sie überhaupt nicht.

Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 17. April 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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