„Halsabschneider und Banditen”: Freiwilligeneinsatz bei Rebellen in der Ukraine wird zum Albtraum

Der russische freiwillige Kämpfer Bondo Dorowskich und seine Kampftruppe

Der russische freiwillige Kämpfer Bondo Dorowskich und seine Kampftruppe 

Empfehlung, Russland

Artikel von: Dmitrij Woltschek und Claire Bigg
Quelle: RFE/RL – 25. April 2015

Dimitrij Woltschek

Dmitrij Woltschek

Als er sich dem separatistischen Aufstand im Osten der Ukraine anschloss, glaubte der russische Geschäftsmann Bondo Dorowskich, er bekämpfe Horden von Faschisten, die die lokale Bevölkerung zum Opfer mache.

Die Realität vor Ort sah aber ganz anders aus.

Anstatt die Ostukraine zu verteidigen, sagt Dorowskich, landete er in der Stadt Altschewsk, in der die pro-russischen Rebellen, die die Umgebung kontrollierten, ihre Tage mit Plünderungen und Saufgelagen verbrachten.

“Am Morgen stand der Kommandant auf und rief die Aufständischen zum Appell, abends gab es nochmal einen Appell,” erzählte er RFE/RL. “Den Rest der Zeit durchstreiften die Militanten Altschewsk zum Plündern, Schrott stehlen, Metalltore entfernen und das Altmetall gegen Alkohol und Zigaretten einzutauschen. Einige von ihnen betranken sich und schossen aufeinander.”

Dorowskich kehrte vor kurzem von seinem sechsmonatigen Einsatz bei den Aufständischen zurück, er ist wütend und fühlt sich betrogen.

Wie viele andere Freiwillige entschied er sich, zu den Waffen zu greifen, nachdem er im russischen Fernsehen Berichte verfolgt hatte, die die ukrainischen Streitkräfte im Osten des Landes als Neo-Nazi-Schergen porträtiert hatten, die die russisch sprechenden Einheimischen abschlachten.

“Die Berichte des Fernsehsenders Rossija-24 mit den neuesten Nachrichten über die Ukraine waren ständig in meinem Kopf,” sagt er. “Die Medien haben mich beeinflusst.”

Dorowskich kontaktierte die Aufständischen über ihr Rekrutierungsbüro in Moskau, wo er eine Handynummer bekam, die er anrufen sollte, sobald er in der südrussischen Stadt Rostow nahe der Grenze zur Ukraine eintraf.

Er stieg aus seinem Job in Moskau aus, kaufte sich Munition, eine kugelsichere Weste und eine Fahrkarte nach Rostow.

Dort angekommen rief er die ihm in Moskau gegebene Nummer an und erhielt Anweisungen, wie er die Gruppe finden könne, die ihn mit in die Ukraine nehmen würde.

Er wunderte sich sehr, dass die Rekrutierer in Rostow sich nicht einmal die Mühe machten, ihn nach seinen militärischen Erfahrungen zu fragen, und bei niemandem auch nur die einfachsten Personenkontrollen anstellten.

“Es gab da Leute, die überhaupt keine Dokumente vorlegten,” sagt er.

Ein weiterer Vorfall bestätigte bald seine Bedenken gegen die Aufständischen.

“Das erste, was wir nach der Überquerung der Grenze erlebt haben, buchstäblich fünf Minuten später, war ein Streit zwischen zwei Aufständischen,” sagt er. “Mir war sofort klar, wo ich da gelandet war, dass dies nichts mit einer Armee zu tun hatte. Ich war von Anfang an enttäuscht.”

Dorowskich wurde dem Bataillon Prisrak (“Geist”) zugewiesen und zu einer Einheit nach Altschewsk geschickt, wo er sofort Handfeuerwaffen bekam.

Nach seinen Angaben setzte sich die Einheit aus ortsansässigen Militanten, russischen Freiwilligen, mehreren russischen Armeeoffizieren und einer Handvoll ausländischer Rekruten aus Spanien, Italien und Frankreich zusammen.

Aber Dorowskich hat nie eine Kampfauseinandersetzung in Altschewsk miterlebt. Er erhielt aber auch keinerlei Ausbildung.

Ihm zufolge hat die überwiegende Mehrheit der Aktivisten kein Interesse an Politik und sich nur wegen des Solds und der materiellen Vorteile den Aufständischen angeschlossen.

Er beschreibt sie als “Banditen” und sagt, dass einige der lokalen Militanten in seiner Einheit ehemalige Sträflinge waren, die Jagd auf abgesetzte Polizeibeamte machten, nachdem die Separatisten die Kontrolle übernommen hatten.

Die Rebellen seien auch routinemäßig gegen ihre eigenen Kameraden unter Waffen vorgegangen. “Es gab Raubüberfälle und Morde,” sagt er.

Dorowskich bestätigt auch Berichte, dass Russland die Aufständischen mit Waffen versorgt. Diejenigen Militanten, die aus Russland über die Grenze kamen, sagt er, seien besonders gut ausgerüstet.

“Wir hatten alles, wir waren voll ausgestattet. Wir hatten Granaten, Maschinengewehre, Granatwerfer und die Munition dafür, absolut alles. Wir hatten sogar zwei Autos zur Verfügung.”

Video von Bondo Dorowskich mit einem Teil der Waffen seiner Rebelleneinheit im Osten der Ukraine:

Er bestätigt auch, dass die im Osten der Ukraine entdeckten Panzer aus Russland kommen und er gesehen habe, wie aus der Region Rostow Panzer in die Ukraine gebracht wurden.

“Sie versammelten Freiwillige, die in Panzerdivisionen in der Armee gedient hatten,” sagt er. “Sie wurden in einem Trainingslager für Panzer in der Nähe von Rostow ausgebildet, dann wurden Einheiten gebildet, und man gab ihnen auch die Waffen. Diese Panzer wurden an die Grenze transportiert, die sie dann auf eigene Faust überquerten und direkt in die Kampfzonen fuhren.”

Nach einigen Wochen Leerlauf in Altschewsk verließ Dorowskich seine Einheit und begab sich in die Stadt Nikischino, an die vorderste Front.

Video von Bondo Dorowskich: Er und andere Rebellen kampieren in einem zerstörten Haus in Nikischino:

Was er dort erlebte, verstärkte seine Enttäuschung nur noch mehr.

Er sagt, die Kämpfer hätten keine klaren Anweisungen bekommen und die Funkgeräte der Panzer funktionierten nicht, was zu chaotischen Schlachten führte.

Die Aufständischen hätten auch schockierende Greueltaten gegen ukrainische Soldaten verübt. Er erinnert sich, über Funk die Schreie von ukrainischen Soldaten gehört zu haben, als die Rebellen ihre Panzer in Brand steckten, während die Männer noch in den Panzern waren.

“Ich hatte Mitleid mit denen auf der anderen Seite, die abgeschlachtet wurden,” sagt er. “Und sie wurden von Halsabschneidern getötet, denen es völlig egal ist, gegen wen sie kämpfen.”

Dorowskich sagt, er sei keine Ausnahme. Desillusionierte russische Freiwilligen, so behauptet er, strömen jetzt wieder nach Hause. Er selbst ist so aufgeregt, dass er erwägt, sich bei der Nationalgarde der Ukraine einschreiben zu lassen, um bei der Separatistenbekämpfung zu helfen.

Aber jetzt hat er eine Nachricht für alle, die sich dem Aufstand anschließen wollen: “Gehen Sie nicht dorthin!” fordert er sie nachdrücklich auf. “Uns wird im Fernsehen gesagt, das sei wie im Zweiten Weltkrieg, aber in Wirklichkeit ist es ein Akt der puren Aggression. Das ist kein Krieg, der es wert ist, das Kostbarste zu riskieren, was man hat.”

Artikel von: Dmitrij Woltschek und Claire Bigg
Quelle: RFE/RL – 25. April 2015

Bild: Privatfoto Bondo Dorowskich
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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