Propaganda gegen Informationspolitik – von Adam Reichardt

Fernsehaufnahmewagen auf dem Moskauer Roten Platz - Foto: Dmitry Sagalaev/shutterstock

Fernsehaufnahmewagen auf dem Moskauer Roten Platz - Foto: Dmitry Sagalaev/shutterstock 

27. April 2015 • Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Adam Reichardt
Quelle: neweasterneurope.eu 27. April 2015

Die Ukraine-Krise, die mit den Euromaidan-Protesten Ende November 2013 begann, bis Mitte Februar 2014 zu einer ausgewachsenen Revolution mit dem Sturz von Wiktor Janukowytsch eskalierte und und später zur Annexion der Krim durch Russland und dem Krieg im Donbas führte, hat eine Schlüsselkomponente der russischen Außenpolitik erkennbar werden lassen – ihre Propaganda. Schon vor der Flucht Janukowytschs aus Kyiw wurde die russische Propaganda verstärkt, und der Informationskrieg wurde zu einer der wichtigsten Fronten des Konflikts. Bald kamen in Berlin, Paris, London und New York Fragen auf über die Schuld für die Situation in der Ukraine, neue Varianten der Geschichtsschreibung tauchten auf, und die Angst wuchs, dass ultrarechte Nationalisten in Kyiw die Macht übernehmen könnten. Dies war ein deutliches Zeichen dafür, dass die russische Propaganda nicht nur effektiv war sondern auch ein aufgeschlossenes Publikum in vielen westlichen Ländern auf der ganzen Welt fand.

Das Ziel der russischen Propaganda ist einfach (wenn ich von russischer Propaganda rede, meine ich in diesem Fall nicht die russischen Medien im Land selber, mein Schwerpunkt in diesem Beitrag liegt auf der russischen Informationspolitik außerhalb des Landes). In der Tat ist es oft so, dass wir dieses Ziel nicht wirklich verstehen. In dieser Krise ist die russische Propaganda-Maschinerie nicht darauf ausgelegt, den Westen davon zu überzeugen, dass Russland richtig liegt und die Ukraine schrecklich ist (aber es hilft ihr, wenn die Menschen ihre Meinung über Russland ändern). Das Ziel der Propagandaaktionen ist es vielmehr, in der veröffentlichten Meinung, die sich in der Regel auf Fakten gründet, Verwirrung zu stiften und für Aufregung zu sorgen. Darüber hinaus muss Russland noch nicht einmal ein Netzwerk von Unterstützern im Westen erschaffen, statt dessen werden extremistische Gruppen ermutigt, die als Anti-Mainstream, Anti-Westen bekannt sind, vor allem aber Anti-Amerika. Dazu gehören Gruppen, wie die traditionellen Verbündeten Russlands in Europa auf der extremen Linken, aber auch neue Verbündete der extremen Rechtsaußen – wie Frankreichs Front National, Ungarns Jobbik oder sogar die UKIP in Großbritannien. Diese Gruppen, die für ihren frechen Populismus und anti-europäische Haltung bekannt sind, wurden zu Vehikeln für die russischen Nachrichten.

Deshalb wird die russische Message  – durch die Schaffung von ausreichend Zweifeln und der Unterfütterung extremistischer Ideen und Verschwörungen – nun nicht mehr nur von den traditionellen “nützlichen Idioten” (ein oft Lenin selbst zugeschriebener Begriff) sondern auch von Politikern mit einer tatsächlichen Unterstützung in der Bevölkerung und politischem Einfluss verbreitet.

Ein perfektes Beispiel dafür, wie Russland Lärm und Verwirrung erschafft, ist der multinationale, mehrsprachige Fernsehsender namens “RT” (früher Russia Today bekannt). Der Slogan von RT ist “mehr in Frage stellen”. Und das genau ist, was sie wollen, was Sie tun – westlichen Ideen, Überzeugungen und Werte in Frage zu stellen. Im Laufe der Jahre ist RT zu einer Plattform für eine alternative Sichtweise auf die Welt geworden. Der Hauptzweck der Journalisten, Kommentatoren und “Experten” auf RT ist es, über die gesellschaftlichen Probleme für das Massenpublikum durch eine extrem kritische Linse zu berichten – und dies in einer Aufmachung, die genau der von CNN oder BBC entspricht. Die schicken Studios, englisch [oder deutsch] sprechende Moderatoren und bissige Schlagzeilen vermitteln dem Zuschauer den Eindruck, dass dies eine ernst zu nehmende Nachrichtenagentur sei, genau wie alle anderen westlichen Medien.

Vor der Krise in der Ukraine bekam RT sogar Anerkennung für seinen alternativen Ansatz. Im Jahr 2010 wurde RT in der Kategorie Nachrichten und Zeitgeschehen für seine Berichterstattung über Occupy Wall Street für einen Emmy nominiert, in den Berichten  wurde praktischerweise gezeigt, dass das westliche liberale, kapitalistische Modell die Menschen enttäuscht. Und selbst im Jahr 2014 wurde RT Spanisch vom mexikanischen Presse-Club als beste Fernsehanstalt benannt, eine prestigeträchtige Auszeichnung.

Doch durch den Einsatz von westlichen und englischsprachigen Mitarbeitern hat RT ein Dilemma für die Journalisten und Reporter geschaffen. Es ist kein Geheimnis, dass RT Russland gehört, von ihm betrieben wird und die Interessen des Kreml wahrnimmt. Anscheinend gibt es jedoch Grenzen. Nach der Annexion der Krim und der Aggression in der Ostukraine kündigten bei dem Sender zwei Reporter, nämlich Liz Wahl (eine US-Amerikanerin) und Sara Firth (Britin) RT aus Protest gegen die Eskalation der Propaganda und die mangelhafte Berücksichtigung der Wahrheit.

Wahrheit als Hindernis

Doch im Gegensatz zu westlichen Medien muss sich RT sich nicht um die Wahrheit kümmern. Und das ist einer der wichtigsten Gründe, warum die russische Propaganda im Westen so erfolgreich ist. In unserer postmodernen Gesellschaft glauben wir, dass es viele Sichtweisen und viele Seiten einer Geschichte gibt. Für die Medien und den Journalismus bedeutet das, dass wir unter allen Perspektiven nach der Wahrheit suchen. Als Journalisten analysieren wir die verschiedenen Sichtwinkel, um die Wahrheit zu finden. Das Problem bei diesem Ansatz ist, dass man die Wahrheit nicht finden kann, wo es keine gibt.

Dadurch entsteht ein großes Dilemma für den Westen. Wir sind nicht so verdrahtet, dass wir eine Sichtweise ignorieren können. Im Informationskrieg gegen die Ukraine (und den Westen) bedeutet dies, dass es eine natürliche Reaktion ist, auf den Standpunkt Russlands zu hören und seine Ansicht berücksichtigen. Im der Medienumgebung des 21. Jahrhunderts, die sehr wettbewerbsfähig ist, hilft jede Sensation. Daher ist es aus zwei Gründen zu einem “worst-case scenario” für die westlichen Medienorganisationen gekommen:

1) Man kann eine Sichtweise (trotz der des geringen Wahrheitsgehalts) veröffentlichen, weil wir allen Blickwinkeln eine Plattform geben wollen; und

2) weil es umstritten ist, könnte es die Quote oder Auflage – und damit auch die Werbeeinnahmen – erhöhen. Die Tatsache, dass es der Unterstützung des Westens für die Ukraine ernsthaft beeinträchtigen könnte, ist in einer solchen Situation kein Kriterium für die Prüfung unter Redakteuren und Produktionsleitern.

Beispiele dafür in den westlichen Medien sind leicht zu finden. John Mearsheimers Artikel in Foreign Affairs mit dem Titel “Warum für die Ukraine-Krise der Westen schuld ist” ist eines der beliebtesten Beispiele. Der australische Journalist John Pilger war noch deutlicher (und lag äußerst falsch), als er im Guardian schrieb: “Nachdem Washington im Februar den Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung in Kyiw angezettelt hatte, scheiterte die geplante Einnahme der historischen, legitimen russischen Warmwasser-Marinebasis auf der Krim. Die Russen verteidigten sich, wie sie es seit fast einem Jahrhundert gegen jede Bedrohung und Invasion aus dem Westen getan haben.”

Es ist nicht allzu überraschend, das der fanatische Antiamerikaner Pilger solch einen Artikel schrieb. Überraschend ist aber, dass der Guardian, ein Mainstream-Presseorgan mit einer täglichen Auflage von 185.000 Exemplaren und Online-Zugriff von über acht Millionen Nutzern im Monat derartige blanke Lügen veröffentlicht, wo doch Pilger kein Problem darin sieht, die neuen Behörden in Kyiw als “von den USA und der EU entfesselt Neonazis” zu bezeichnen. Offenbar glaubt die Redaktion, keine Verantwortung für seine Darstellung übernehmen zu müssen, weil Pilgers Text in einer Rubrik “Kommentare” veröffentlicht wurde.

Dies unterstreicht die Tatsache, dass es für Russland gar kein Dilemma gibt. Die Wahrheit ist kein Hindernis. Wenn etwas nicht stimmt, unterstellen die russischen Propagandisten, es sei wahr. Zumindest stellen sie die Wahrheit in Frage, und das ist genug, um jedes sachliche Argument gegen Russland abzuqualifizieren.

Wenn wir die Lügen als Skichtweisen ansehen, die uns helfen können, die Wahrheit  zu verstehen, dann führt uns das zu einem anderen Hauptziel der russischen Propaganda: Die Erschaffung einer neue Wirklichkeit. Um seine Gegner im Informationskrieg zu untergraben, muss Russland nicht nur durch die Verbreitung von Lügen Verwirrung erzeugen sondern muss auch eine alternative Realität schaffen, an die andere glauben sollen. Die fälschlicherweise benutzte geographische Beschreibung für Teile der Ostukraine, die nun als ‘Neurussland’ bezeichnet werden, ist ein perfektes Beispiel. ‘Neurussland’ war ein wenig bekannter Begriff, der ab und zu in Geschichtsbüchern vorkam und für die Gebiete verwendet wurde, die das russische Reich nach den Kriegen mit dem Osmanischen Reich im 18. Jahrhundert hinzugewann. Praktischerweise wird der Begriff nun auf Regionen der Ukraine angewendet, die nach der Behauptung Russlands nie wirklich ein Teil der Ukraine waren (ähnlich wie bei der Krim – die wenigstens noch eine eigene Identität hat – im Gegensatz zur ‘Neurussland’).

Wie kann man die Propaganda bekämpfen?

Die Schwäche der Europäischen Union, ausreichend und angemessen auf die russische Propaganda zur reagieren, kann von Russland ebenfalls auf einfache Weise ausgenutzt werden. Während Russland Propaganda macht, hat die EU eine “Informationspolitik”. Im  aktuellen Informationskrieg legt das Konzept der EU den Schwerpunkt auf “Informationen”; während der russische Ansatz “Krieg” betont. Offensichtlich ist die Politik der EU kein ernst zu nehmender Gegner für die aalglatte, massiv finanzierte russische Propagandamaschinerie, die nicht von so etwas wie Wahrheit eingeschränkt ist. Daher ruft der Informationskrieg, der seit der Krise in der Ukraine entstanden ist, nach der Frage: Wie kann man die Propaganda bekämpfen?

Die verlockendste Reaktion ist, sich mit mehr Lügen auf die Stufe des Gegners im Kampf gegen die Lügen herabzulassen. Dies wäre in der Tat ein offensiver Ansatz im Informationskrieg. Doch liegt so etwas weit außerhalb unseres Wertesystem, wenn wir eine solch eine Offensive fahren. Wenn wir uns selbst auf ein solches Niveau begeben, verraten wir dabei in der Tat unsere eigenen Werte.

Stattdessen ist ein defensiver Ansatz wahrscheinlich die beste Methode, um der russischen Propaganda entgegen zu wirken. Im Westen sollten wir aufhören, die russischen Lügen als einen “Ansichtspunkt” anzusehen. Wir müssen mutiger werden und eine Lüge Lüge nennen, wenn eine solche deutlich verwendet wird. Wir müssen auch aufhören, solche Märchen wie “der Westen provoziert Putin” und “Russland verteidigt nur seinen Einflussbereich” zu wiederholen; da solche Sätze sofort die Ukraine als unabhängigen Staat diskreditieren, der in der Lage ist, seine ihre eigene Zukunft selbst zu bestimmen.

Sicherlich sind die russischen Lügen wirksame Waffen im Informationskrieg. Aber vielleicht gibt es eine andere Waffe, eine, die wir noch nicht wirklich zielgerichtet einsetzen können, und das ist die Wahrheit. Hoffen wir, dass es eine Chance gibt, sich mit dieser Waffe zu wehren, bevor es für Europa zu spät ist.

Adam L. Reichardt

Adam L. Reichardt

Adam Reichardt ist Chefredakteur von New Eastern Europe.

Dieser Artikel ist ursprünglich in polnischer Sprache in Res Publica Nowa, Ausgabe 219 erschienen, online hier.

Artikel von: Adam Reichardt
Quelle: neweasterneurope.eu 27. April 2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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